EIN TANZ KOSTET JOHANNES DEN TÄUFER DEN KOPF
PREDIGT IN DER REIHE „TANZ UND BIBEL“
ÜBER MARKUS 6, 13-27
AM SONNTAG, DEN 28. JULI 2018 (6. S.N.TR.)
IN DER HEILIGGEISTKIRCHE IN HEIDELBERG

EG 642,1+2: Manchmal kennen wir Gottes Willen

Liebe Gemeinde!

Tanz und Bibel! Ganz harmlos, auf samtenen Pfoten, kommt der Titel der diesjährigen Sommerpredigtreihe daher. Fast beschwingt. Sommerlich leicht. Tanz und Bibel. Wer will hier Argwohn hegen.

Tanz – das ist Bewegung im kosmischen Rhythmus. Das ist Emotion und Hingabe. Das ist Spiel mit Distanz und Nähe. Mit gewollter Außenwirkung und mit bewusstem Rückzug aus der Welt. Tanzen, das ist Figur und Tradition, das ist Lust und Erotik.

Der Tanz, um den es heute gehen soll, hat vieles davon. Und setzt am Ende doch eine Tragödie in Gang. Nein, das ist kein Tanz mit Entlastung und Happy end. Stattdessen Mord und Todschlag. Eher die grässlichen Bilder der Untaten des IS in mir aufrufend als das, was eine Predigt doch eigentlich sein soll: Zuspruch des Lebensrechts im Angesicht Gottes. Erbauend und heilsam. Kritisch und Orientierung gebend – gerade in herausfordernden Zeiten.

Das Evangelium eines abgeschlagenen Hauptes – es will sich mir schon über Wochen einfach nicht erschließen. So suche ich mir Rat. Spreche Menschen an, die sich, wie ich meine, auf Weltdeutung verstehen. Und die zugleich menschenkundig sind. Ich setzte sie dem Text aus und nehme wahr, was er mit ihnen macht.

Der Name, der sich allen gleichermaßen aufdrängt, der sich in den Vordergrund schiebt, das ist der des Herodes. Der Bösewicht aus der Weihnachtsgeschichte hat durchaus Prominenz. Der, der einem kleinen Kind nachstellt. Der, der die Magier aus dem Osten für seine Zwecke nutzen will. Der Kindermörder von Bethlehem, der alle Kinder unter zwei Jahren getötet haben soll.

Aber dieser Herodes ist schon lange tot, als der magische Tanz des heutigen Predigttextes seine Wirkung entfaltet. Hören wir, was von diesem anderen Herodes berichtet wird.

Dem König Herodes kam zu Ohren, was die Anhänger von Jesus taten: Sie predigten, man sollte Buße tun; sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und machten sie gesund. Und die Leute sprachen: Johannes der Täufer ist von den Toten auferweckt worden, und darum wirken solche Kräfte in ihm. Andere aber sprachen: Er ist Elia; wieder andere: ein Prophet wie einer der Propheten. Als es aber Herodes hörte, sprach er: Es ist Johannes, den ich enthauptet habe, der ist auferweckt worden.

Herodes und Jesus – das ist also erneut die Konkurrenz – wie schon nach der Geburt. Da ist Johannes auf grässliche, verbrecherische Weise aus dem Leben in den Tod gezogen. Und da zieht einer durchs Land – und wiederholt dessen Programm. Öffentlichkeitswirksam. Ist im Gerede. Ruft zur Buße auf wie Johannes. Ja mehr noch: Er macht Kranke gesund.

Und unser Herodes, der doch mehr auf Macht setzt als auf den Glauben, sieht keine andere Lösung als zu glauben: Johannes lebt. Er ist auferweckt worden. Osterglaube – lange bevor es dann wirklich Ostern wird.

Aber ich bin mit diesem Herodes noch nicht fertig. Und ich will am Ende schließlich den Sinn des Tanzes verstehen. Lege seine Geschichte einem Therapeuten vor, der viel Erfahrung hat mit familiären Strukturen uns Systemen. Er hört zu:

Herodes hatte ausgesandt und Johannes ergriffen und ins Gefängnis geworfen um der Herodias willen, der Frau seines Bruders Philippus; denn er hatte sie geheiratet. Johannes aber hatte zu Herodes gesagt: Es ist nicht erlaubt, dass du die Frau deines Bruders hast. Herodias aber stellte ihm nach und wollte ihn töten und konnte es nicht.

Denn Herodes fürchtete Johannes, weil er wusste, dass er ein gerechter und heili-ger Mann war, und hielt ihn in Gewahrsam; und wenn er ihn hörte, wurde er sehr unruhig; doch hörte er ihn gern.


Was für ein komplexes familiäres System. Und gleich über mehrere Generationen hin-weg. Der Therapeut ist begeistert. Wie aus dem Lehrbuch der Familiensytemik.

Dieser Herodes heißt ja eigentlich Herodes Antipas. Er ist der zweite Sohn der vierten Frau des großen Herodes aus der Weihnachtsgeschichte. Am Ende hat er zehnmal geheiratet. Dieser Herodes der Große ist aber schon im Jahre 4. v.Chr. gestorben. Üb-rigens: Dann muss dieser Jesus aus Nazareth mindestens 6. v. Chr. geboren sein. Aber das ist eine andere Geschichte.

Herodes Antipas heiratet nun die Herodias; die war eine Enkeltochter des großen Herodes. Und war vorher mindestens schon mit einem Stiefbruder ihres Mannes verheiratet, vielleicht sogar schon mit zweien seiner Brüder. Ihre Tochter aus einer früheren Ehe trägt in unserem Text keinen Namen. Spätere Generationen identifizieren sie mit Salome, einer der uns bekannten Töchter der Herodias.

Diese Salome war also eine Enkeltochter des großen Herodes über ihren Vater und eine Urenkeltochter desselben Herodes über ihre Mutter. Bei der herodianischen Familie geht nie um etwas anderes als um Macht und Intrige. Es geht immer darum, sich den Römern anzudienen. Und es geht zugleich darum, die Untertanen bei Laune zu halten. Und mögliche Rivalen aus dem Spiel zu nehmen.

Was wie dynastische Normalität wirkt – und was über die Jahrhunderte ein übliches Spiel der Herrschenden bleibt – hier gibt es Signale heftiger Kritik. Johannes der Täufer, dem diese Kritik in den Mund gelegt wird – er ist kein singulärer Kritiker. Er ist der erinnerte Sprecher der vielen. Lange vor allen demokratischen legitimierten Herrschaftssystemen begehren Menschen hier auf. Nein, es geht nicht einfach um Moral. Es geht um fehlende geklärte Macht-Strukturen. Es geht um die Weitervererbung der dunklen Anteile einer komplexen Familiengeschichte. Vom Vater auf den Sohn. Und von der Mutter auf die Tochter.

Kein Wunder, dass die letztere nicht einmal den Versuch macht, selber zu entscheiden, wie es weitergehen könnte. Sie delegiert ihre Verantwortung an ihre Mutter. Und damit an das System.

Hier gibt es so etwas wie das herodianische Syndrom. Es macht eine ganze Familie krank. Es isoliert sie. Und es vererbt sich weiter.

Herodes sieht seine Identität in Gefahr. Und er schwankt hin und her wie ein Rohr. Er ahnt, dass Johannes mit seiner Kritik den Fingern in die Wunde legt. Aber er hat keinen inneren Antrieb, wirklich etwas zu ändern.

Gespannt höre ich dem Familientherapeuten zu. Er legt eine wichtige Spur. Aber es gibt noch weitere.

EG 642,3: Manchmal spüren wir Gottes Liebe

Jetzt kommt die Tanzpädagogin zum Zug, ich, will hören, was sie sagt.

Die ist zunächst begeistert. Eine wunderbare Beispielgeschichte! sagt sie. Dancing at ist best. Tanzen, wie es besser nicht sein könnte. So tanzen können, dass die Leute den Verstand verlieren. Nicht nur die Tanzenden selber. Nein, auch die Zuschauen-den. Das ist die Krönung aller Tanzkunst! Ich lausche nochmal auf die Worte:

Und es kam ein gelegener Tag, als Herodes an seinem Geburtstag ein Festmahl gab für seine Großen und die Obersten und die Vornehmsten von Galiläa. Da trat herein seine Tochter, die von Herodias, und tanzte, und sie gefiel Herodes und denen, die mit zu Tisch lagen. Da sprach der König zu dem Mädchen: Bitte von mir, was du willst, ich will dir's geben. Und er schwor ihr feierlich: Was du von mir bit-test, will ich dir geben, bis zur Hälfte meines Königreichs.

Ist das nicht wunderbar? Wenn das Ende nicht so schrecklich wäre, dann wäre dies meine Lieblingsgeschichte. Da tanzt eine Frau – und die Männer schauen nicht nur zu. Einer ändert wirklich sein Leben. So wie Johannes das doch eigentlich will. Einer kehrt um von seinen Machtgelüsten. Er will seine Macht teilen. Will die Hälfte abgeben. Wie der Zöllner Zachäus, nachdem er Jesus begegnet.

Ich wage den Widerspruch: Herodes Antipas geht ja kein Risiko ein. Was er seiner Stieftochter vererben will, bleibt doch in der Familie. Die Besitzenden schieben ihr Vermögen hin und her. Herodianisches Familien-Monopoly.

Die Tanzpädagogin widerspricht. Der Text sagt eindeutig etwas anderes. Dieser Stiefvater ist hin und weg. Er ahnt etwas von der verändernden Kraft des Tanzens. Er spürt: Was wir haben, engt uns ein. Immobilien machen immobil. Er will sich entlasten. Will leichter werden. Mobiler. Um am Ende auch besser tanzen zu können.

Lass mich abgeben, sagt er. Du kannst gern davon haben. Nicht mehr als die Hälfte. Ganz loslassen – das gelingt ihm nicht. Aber immerhin: die Hälfte! Was ist das für ein Tanz. Bewegung, die die Welt neu ordnet. Salome – eigentlich ist sie die Schirmherrin aller Tanzenden. Ihr Bild müsste in jeder Tanzschule hängen.

Und das Bild des Kopfes des Täufers gleich noch nebendran, sage ich.

O, da gibt’s wunderbare und ästhetische Bilder! Große Kunst. Der Kopf des Täufers. Ein beliebtes Motiv. Jetzt zitiere ich den Kunstgeschichtler, den ich auch dieser Geschichte aussetze. Auch er hört sich diese Worte genau an:

Und die Tochter ging hinaus und fragte ihre Mutter: Was soll ich bitten? Die sprach: Das Haupt Johannes des Täufers. Da ging sie sogleich eilig hinein zum König, bat ihn und sprach: Ich will, dass du mir gibst, jetzt gleich auf einer Schale, das Haupt Johannes des Täufers. Und der König wurde sehr betrübt. Doch wegen der Eide und derer, die mit zu Tisch lagen, wollte er sie nicht abweisen. Und alsbald schickte der König den Henker hin und befahl, das Haupt des Johannes herzubringen. Der ging hin und enthauptete ihn im Gefängnis und trug sein Haupt herbei auf einer Schale und gab's dem Mädchen, und das Mädchen gab's seiner Mutter.

Einer der ganz Großen der Malerei hat sich dieses Motivs angenommen. Und nicht nur einmal. Ich spreche jetzt von Caravaggio. Mindestens drei Bilder von ihm zu diesem Thema kennen wir. Aufzufinden auf Malta, in London und in Madrid. Das Haupt dargestellt, als sei es noch voller Leben. In einem Fall hat Caravaggio das Bild im dargestellten Blut signiert. Das einzige Bild von Caravaggio, das er überhaupt signiert hat. „Ich, Caravaggio, tat es!“ - 1608. Manche meinen, er gestehe damit selbstbewusst einen Mord ein, den er selber begangen hat. Und dessetwegen er sich auf der Flucht befindet.

Übrigens: Auf dem Bild hält Herodias entsetzt die Hand vor ihren Mund. Als Betrachter kann ich das nicht anders deuten: Es ist das Eingeständnis der eigenen Untat. Herodias erkennt, welchen Frevel sie begangen hat. Der Maler Caravaggio - er ist nicht nur der Meister der Darstellung von Licht und Schatten auf der Leinwand. Er überträgt diese Einsichten auch auf die Menschen. Er ist auch ein großer Menschenkenner und Theologe.

Es gibt unzählige Darstellungen dieser grässlichen Szene. In unzähligen Kirchen. Übrigens haben sich auch Literatur und Musik dieses Themas angenommen. Richard Strauß hat das Buch Salome von Oscar Wild zum Thema seiner gleichnamigen Oper gemacht. Irgendwie ist das ein Ur-Thema der Menschen – sich den Gegner im entscheidenden Moment öffentlichkeitswirksam vom Hals und aus der Welt zu schaffen. Und so zugleich das Ende der eigenen Macht einzuleiten. Die Fähigkeit der Menschen, Unrecht schweigend zu erdulden – sie hat eine Grenze. Damals. Und heute zum Glück auch noch.

Ein großes Thema der Kunstgeschichte – so fasst der Fachmann seine Einsichten zu-sammen. Das Drama des unrechtmäßigen gewaltsamen Todes des Gerechten.

EG 642,4: Manchmal wirken wir Gottes Frieden

Jetzt wird’s aber so richtig theologisch, denke ich. Da ist es doch längst, sagt der Kunsthistoriker. Das Drama des Johannes – es ist die Vorabbildung des Leidens Chris-ti. Manchmal bis in die Mimik und Gestik der Gesichter hinein.

So war immer mit den beiden, sage ich: Johannes und Jesus – dass der eine der Vorläufer des anderen ist, das ist die theologische Deutung der Evangelisten. Tatsächlich waren sie auch Rivalen. Zwei Protagonisten der Umkehr zu Gott mit ähnlicher Sozialstruktur ihrer Bewegung. Mit einem Leben zwischen der Rolle Schulhaupt einer Jüngerschaft und zugleich immer wieder den Rückzug in die Wüste praktizierend. Mit ähnlicher Botschaft: Kehrt um, das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.

Aufs Ganze gesehen hat sich die Jesus-Bewegung durchgesetzt. Und die Evangelisten haben eine klare Zuordnung der Rangfolge vorgenommen. Der eine bereitet den Weg des anderen. Dennoch: Johannes, der Täufer – um ihm Gerechtigkeit angedeihen zu lassen: Er ist einer der ganz Großen in der Geschichte derjenigen, die die Menschheit mit dem Gottesthema infiziert, sie mit diesem in Beziehung gesetzt haben. Er ist einer, der den Mut hatte, auch auf die Konsequenzen hinzuweisen.

Der römische Vasall Herodes Antipas lässt ihn am Ende umbringen. Wie der römische Verwaltungsbeamte Pilatus den anderen.

Und was ist mit Salome? frage ich. Was ist mii ihrem vergifteten Tanz? Eine Antwort könnte sein: Misstraut alles Macht der Suggestion – wie süß sie auch daherkommt. Was den Verstand ausblendet, ist am Ende höchst gefährlich! Beim Tanz der Salome war das so. Bei den Aufmärschen der Nazis. Auch bei den populistischen Fake-News-Protagonisten jenseits des Atlantik und jetzt auch jenseits des Kanals.

Nichts hat das Recht, mich dazu zu bringen, die Hälfte dranzugeben wie Herodes Antipas. Nichts darf mich dazu bringen, meine Verantwortung dranzugeben wie Salome, die sich von ihrer Mutter fremdsteuern lässt.

Es ist der Gottesglaube, der mich davor bewahrt. Es ist dieses grenzenlose Vertrauen in ein Gegenüber, das mein Leben zur Erfüllung und zum Gelingen bringen will – und nicht die eigenen Machtgelüste.

So bleibt vom Tanz der Salome am Ende die Einsicht in die Uneindeutigkeit des menschlichen Lebens. Schönheit, Ästhetik und Lust, die am Ende Unrecht und Gewalt gebären. Es braucht den Punkt von außen, um zu überleben. Es braucht das Gegen-über, das mich gegen allzu schöne Sirenenklänge immunisiert. Es braucht dieses absolute Gehaltensein jenseits aller Strategien der Absicherung.

Es braucht Gott. Und wenn Gott mich über Mauern springen lässt, wird er mich am En-de auch tanzen lassen. Amen.

Traugott Schächtele

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