Einführung von Isabel Overmans und Jens Terjung
in die Aufgabe als Klinikseelsorger/in
im Universitätsklinikum in Freiburg
am Donnerstag, den 22. November 2001-11-21
in der Emmaus-Kapelle


Liebe Einführungsfestgemeinde,
Liebe Freundinnen und Freude der Klinikseeslorge!

In diesem Gottesdienst feiern wir die Einführung einer Mitarbeiterin und eines Mitarbeiters in ihre Aufgaben als Seelsorgerin bzw. als Seelsorger hier im Universitätsklinikum.

Sie, lieber Herr Terjung arbeiten als Gemeindediakon bereits seit fast einem Dreivierteljahr mit einem halben Deputat in der Klinikseelsorge. Zu diesem Zeitpunkt haben sie, Liebe Frau Hänni-Grina Ihr Deputat wieder auf 50% reduziert.

Sie, liebe Frau Overmans haben ihren Dienst im Klinikpfarramt 1 offiziell am 16. September als Nachfolgerin von ihnen, lieber Herr Weißer aufgenommen. Zu ihrer Einführung hat der evang. Oberkirchenrat eine Urkunde ausgestellt, die ich ihnen jetzt vorlesen möchte. Wenn es eine solche Urkunde für Herrn Terjung nicht gibt, ist derart nur der unterschiedliche Charakter des Beschäftigungsverhältnisses dokumentiert, aber keinerlei Geringschätzung ihres jeweils rechtlich unterschiedlichen geordneten Dienstes verbunden. Dies anzumerken ist mir sehr wichtig.

Sie beide die sie heute in ihre neuen oder schon nicht mehr ganz neuen Aufgaben eingeführt werden, sind mir ja keineswegs unbekannt. Sie sind keine bezirklichen "Neuerwerbungen", wenn ich das so salopp sagen darf. Herrn Terjung führe ich bereits zum zweiten Mal ein - auch das eine Premiere für mich. Frau Overmans habe ich vor einem guten Vierteljahr aus ihrer alten Aufgabe als Pfarrerin der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde verabschiedet.

Sind das nun neue Wege im vertrautem Gelände? Oder vertraute Wege auf neuem Terrain? Wahrscheinlich doch von beidem etwas. Es ist gut, wenn man sich im Schutz eines vertrauten Hinterlandes bewegen kann. Und doch ist die Welt hier im Klinikum doch noch einmal eine gänzlich andere und neue. Auf je unterschiedliche Weise ist die Arbeit hier ihren beruflichen Zielen durchaus entgegengekommen. Für sie, Herr Terjung, war‚s nicht zuletzt auch das Eingangsportal in ein erstmalig hundertprozentiges Dienstverhältnis. Sie haben ja einen weiteren 50prozentigen Dienstauftrag in der Johannesgemeinde bzw. konkret in Vauban. Für sie, Frau Overmans, ist im Grunde mit der Übernahme dieser Pfarrstelle ein schon lange gehegter beruflicher Traum in Erfüllung gegangen.
Die Welt des Universitätsklinikums, in der sie beide jetzt ihren Beruf ausüben, macht sie zur Grenzgängerin und zum Grenzgänger der ganz besonderen Art. Es ist ein Arbeiten an ganz zentralen Schnittstellen unseres Lebens überhaupt. Und für mich als gelegentlichem Gast in dieser Mega-Institution ist die Dimension dieser Welt und der Anspruch der Anforderungen kaum angemessen wahrzunehmen geschweige denn zu beschreiben.

Grenzgängerin und Grenzgänger sind sie - nicht nur der zwischen den Repräsentanten der Lebenswelten Gesundheit und Krankheit. Sie bewegen sich auch in einer Welt der Grenzen zwischen medizinischer Kunst und tragfähigem Gottvertrauen. Zwischen ethischer Reflexion und pragmatischer Entscheidung. Zwischen Wirklichkeit und Wunder. Zwischen beruflicher Kompetenz und zugelassener Nähe. Nicht zuletzt und immer wieder stehen sie immer wieder neu auch an der Grenze zwischen Leben und Tod.

Ihre je eigene und immer wieder neu zu reflektierende Professionalität und ihr je eigener Glaube müssen sich ergänzen zu einer lebensförderlichen Mixtur, bei der - je länger sie sich auf die Arbeit hier einlassen - das eine und das andere am Ende kaum noch voneinander zu trennen sind.

Sie haben es zu tun mit Menschen ganz verschiedener Erwartungshaltungen. Patientinnen und Patienten, die in ihnen Menschen sehen, die über ein Orientierungswissen verfügen. Die Zuspruch im weiten Sinn des Wortes erwarten. Die in ihnen Agentinnen und Agenten der Welt des Religiösen sehen. Die mit ihrem Glauben rechnen. In der Erwartung der Weitergabe guter Worte genauso wie in der eigenen Auseinadersetzung mit dem Anspruch des Glaubens und der Theologie. Nicht selten sogar in Bestreitung und Ablehnung als einer besonders intensiven Form der Theologie.

Erwartungen an sie gibt es aber auch in anderen Spielarten. Gesprächspartnerin und Gesprächspartner sollen sie sein für diejenigen, die hier arbeiten - ob im Bereich der Medizin im engeren Sinne oder im Bereich der Pflege. Und darüber hinaus auch in dem der Leitung und Verwaltung dieses Großunternehmens Universitäts-Klinikum.

Begleiterin und Begleiter sollen sie sein, wenn in schwieriger Situation guter Rat gefordert ist. Wenn es gilt, Nichtwissen und Ratlosigkeit miteinander zu teilen. Oder wenn es gilt, auf die Quellen des Lebens und der Weisheit hinzuweisen, aus denen sie selber ihre Kraft beziehen.

Eine wahrhaft nicht geringe Aufgabe ist das, mit der sie hier betraut sind. Eine Aufgabe, die sie zu gestalten und eine Herausforderung, die sie immer wieder neu anzunehmen haben. Eine Aufgabe zugleich, die ihren Ort hat zwischen dem Pol der Professio, der beruflichen Kompetenz, und dem der Confessio, des je eigenen Bekenntnisses. Zwischen theologischem Kunstfehler - ja, den gibt es auch - und dem Eingeständnis der Erfahrung von Schuld und zugleich der befreienden Einsicht in die Möglichkeit von Vergebung.

Wie könnten sie diese Aufgabe überhaupt annehmen und wahrnehmen, wenn da nicht ein andere wäre, der ihnen zuspricht, was sie sich selbst so nicht sagen können. Zu-Spruch im Sinn des Wortes, Zuspruch, der sich speist aus der Weltzugewandtheit und der Lebendigkeit Gottes - sich solchem Zuspruch auszusetzen, das ist nicht zuletzt der tiefer Grund ihrer heutigen gottesdienstlichen Einführung.

Die biblische Tradition ist voll von Bildern, die ihnen helfen können und helfen werden, ihr Amt auszuhalten und der ihnen übertragenen Aufgabe immer wieder neu gerecht zu werden. Aufgetragen ist ihnen, mit den Müden zu reden zur rechten Zeit. Aufgetragen ist ihnen weiterzusagen, dass Gott das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Doch nicht auslöschen wird. Aufgetragen ist ihnen offen zulegen, wo sich ihr eigener Lebensmut und ihr eigenes Gottvertrauen speisen - und dies als Menschen, die den Schweigenden zu selber Schweigenden, den Zweiflern zu selber Zweifelnden, den Hoffenden zu selber Hoffenden werden und den Lebenshungrigen zur Lebensspenderin und zum Lebensspender werden.

Liebe Frau Overmans, lieber Herr Terjung, sich zusammen mit anderen auf die Suche nach dem Grund machen, der tragen kann - wider den Augensein - sich einzulassen auf das Wagnis, ihren eigenen Lebens-Grund jeden Tag von neuem auf die Probe zu stellen: Schwierigeres und Schöneres kann einem eigentlich gar nicht aufgetragen sein. Und in diesen Dienst sollen sie heute in Gottes Namen gesendet werden. Amen.
Traugott Schächtele

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