Meditationen im Gottesdienst
im Zusammenhang mit dem Singspiel "Die Tochter des Jairus"
Aufgeführt im Gottesdienst in der Ludwigskirche Freiburg
am 11. November 2001



Meditation 1
Die Zeichen der Zeit deuten können - sie als Zeichen des Lebens verstehen lernen, darauf käme es an, liebe Gemeinde. Den Entwicklungen ,die sich abspielen vor unseren Augen, einen Sinn angewinnen. Zu interpretieren versuchen, was ist, um eine Ahnung zu bekommen von dem, was kommt. Einzelne Teile im Puzzle des Lebens wahrnehmen und in mühsamer Kleinarbeit das Bild des größere Ganzen entstehen lassen.

Das Leben, so sagen wir manchmal, sei mehr als die Summe seiner Fragmente. Es sei bruchstückhafte Vorwegnahme dessen, worauf wir erst noch zugingen. Eine Vorahnung der Fülle unter den Bedingungen des Mangels. Eine Vorwegnahme der uns verheißenen Zukunft unter den Gegebenheiten der Gegenwart. Der Versuch, die Unendlichkeit Gottes in der Endlichkeit der Schöpfung mutmachend abzuschatten.

In der Sprache der Evangelien wird diese so ganz andere Welt, nach der wir uns sehnen, als Reich Gottes oder als Herrschaft Gottes umschrieben. Das Evangelium dieses Sonntags nimmt die Frage nach den Zeichen dieser Gegenwart Gottes auf. Ist es gegenwärtig oder zukünftig? Wenn zukünftig, wann wird es dann endlich Gegenwart? Wenn gegenwärtig, woran ist es dann zu erkennen? Wenn erkannt, wo ist dann der Ort der göttlichen Wirksamkeit unter uns?

Hören wir aus Lukas 17 die Verse 20 bis 24:
    Lesung
Wie so oft lässt die Antwort Jesu ein breites Spektrum von Verstehensmöglichkeiten. Bietet sie einen deutungsoffenen Interpretationsspielraum. "Nicht hier und nicht da", sei das Reich Gottes, hören wir. Nicht lokalisierbar. Nicht festlegbar auf einen Zeitpunkt. Auch nicht auf einen Ort. Und dann eben doch eine Antwort: "Das Reich Gottes ist mitten unter euch!" Mitten im Leben. Mitten in unseren begrenzten Möglichkeiten. Mitten in den Vorläufigkeiten unseres Lebens. Mitten in der improvisierten und initiierten Dramen, die sich tagtäglich abspielen vor unseren Augen.

Und als sei diese Antwort nicht genug, wird auch gleich noch ein erläuternder und zugleich warnender Hinweis mitgeliefert. "Wenn ihr hört, das Reich Gottes sei hier oder es sei dort, dann geht nicht dahin." Dann lauft diesen Marktschreiern nicht nach. Denn über das Reich Gottes lässt sich nicht nach eignem Gutdünken verfügen. Es lässt sich nicht eigenen Interessen unterordnen. Macht seine Gegenwart nicht von Vorbedingungen abhängig. Das Reich Gottes ist nicht in Handlungskonzepten zu fassen. Es verweigert sich den Gesetzen des Marktes. Hat nichts im Sinn mit Kommerz noch mit den Gesetzen des puren Machterhaltes. Das Reich Gottes - es ist das Fest des Lebens, das dem Tod Paroli bietet und ihn endgültig in seine Grenzen verweist.

Das Reich Gottes ist gegenwärtig in dem, der dem Leben Bahn bricht und das Leben in der Fülle seiner Möglichkeiten an seine Person bindet. In dem, der von sich sagt er sei die Tür zum Leben, ja er sei das Leben selber. "Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und ist jetzt schon vom Tod ins Leben hindurchgedrungen." Jesus von Nazareth hat diesen Zusammenhang so formuliert. So lesen wir es zumindest im Johannes-Evangelium.

Jesus von Nazareth, Mensch in der Perspektive des Reiches Gottes, Ebenbild Gottes unter den Vorzeichen wahrhaftigen Menschseins - er hat der Ansage der Wirklichkeit Gottes Zeichen der Realisierung folgen lassen. Zeichen des unmittelbaren Kontaktes und der Gemeinschaft mit denen, die herausgefallen waren aus dem Netz der allgemeinen Wertschätzung. Zeichen der Rede in verständlichen Gleichnissen, die in Bilder übersetzen, was in Worten allzu abstrakt bleibt. Zeichen seines wundersamen, seines gesund- und lebendigmachenden Handelns zugunsten der Menschen. Zugunsten des Lebens.

In einem Singspiel der Kinder werden wir Zeuginnen und Zeugen, wie die Worte des Lebens dem Leben dann auch wirklich Raum geben. Ina Schabbon hat die biblische Vorlage zu einem eigenen Text umgearbeitet. Christof Bogon hat dazu die Musik geschrieben.

Doch ehe die Kinder singen, sind wir erst einmal alle zum gemeinsamen Singen eingeladen.


Meditation 2

Die biblische Vorlage des Singspiels, das wir eben eindrücklich wahrgenommen haben - es endet ganz anders, als wir das eben gottesdienstlich praktiziert haben. Es folgt nicht - wie eben bei uns - das öffentliche, gemeinsam gesprochene Bekenntnis des Glaubens. Vielmehr schließt der biblische Bericht in Markus 5 mit den Worten: "Und Jesus gebot ihnen streng, dass es niemand wissen sollte."

Schlechtes Marketing, was Jesus hier praktiziert. Kein "Tue Gutes und rede darüber!" Keine Erfolgsbilanz. Kein Versuch, Kapital zu schlagen aus dem kurzfristigen Erfolg, ehe der seinen Marktwert allmählich wieder verliert. Das heute zur Aufführung gelangte Singspiel - ist es dann im Grunde nicht tatsächlich ein Verstoß gegen die ausdrückliche Anordnung dessen, der in der Kraft Gottes // die Entdeckung der Zeichen des Lebens // zu seinem Lebensprogramm gemacht hat?
Nicht nur an dieser Stelle finden wir diesen energischen Hinweis Jesu, von dem, was sich vor den Augen der Menschen abgespielt hat, nichts öffentlich zu machen. Und wir finden ihn vor allem beim Evangelisten Markus. Die Ausleger haben diesem besonderen Zug schon längst einen Namen gegeben. Sie sprechen vom "Messias-Geheimnis" bei Markus. Von der Verhüllung des wahren Wesens Jesu vor den Osterereignissen. Erst nach dem Ostermorgen sollte offenbar werden, in welcher Kraft und in wessen Auftrag Jesus in dieser Welt zugunsten der Menschen gehandelt hat.

Ich bin mit dieser Deutung noch nie so ganz zufrieden gewesen. Sie mag das Wirken Jesu vielleicht theologisch schlüssig interpretieren. Doch ob sich Jesus in seinem Wirken wirklich einem systematischen Schematismus oder Dogmatismus unterworfen hat - ich will es eigentlich nicht glauben.

Darum verstehe ich dieses Wunder Jesu - wie seine anderen Wunder auch - einfach als Beglaubigungen seiner Ansage der Herrschaft Gottes. Und das abschließende Schweigegebot - es dient dem Schutz vor Vereinnahmung und Instrumentalisierung. Es schützt Jesus davor, als Wunderheiler oder - wie nach dem Wunder der Speisung der 5000 drohte- als Brotkönig ausgerufen werden. Das Schweigegebot - es immunisiert gegen eine Fehldeutung des Wirkens Jesu. Denn nicht das Wunder ist die Botschaft, sondern der, dem sich das Wunder verdankt.

An der Auferweckung der zwölfjährigen Tochter des Jairus lässt sich dies schön ablesen. Entkräftet wird nicht der Tod, sondern sein vorschnelles, sein allzu frühes und ungerechtes Handeln. Das Mädchen hat sein Leben wiedergewonnen. Und die Eltern ihre Tochter. Aber nur auf Zeit. Und nicht für immer. Irgendwann wird dann auch der Vorrat der neu hinzugewonnenen Tage wieder verbraucht gewesen sein.

Das Wunder - so erstaunlich es uns anrühren und zum Staunen bringen mag - es ist eben nichts anderes als ein inszeniertes und dramatisiertes Gleichnis. Das Gleichnis vom Geheimnis wahren Lebens. Wer nur das Wunder wahrnehmen und kommunizieren will, bleibt auf halbem Wege stehen. Steht in Gefahr, einem Missverständnis zum Opfer zu fallen. Das wahre Wunder ist, die Fülle der Möglichkeiten Gottes wahrnehmbar gemacht zu sehen in einem Menschen. In dem Menschen, der wie kein anderer die Wirklichkeit Gottes widergespiegelt hat. Aber am Ende nicht einmal auf diesen begrenzt. So verstehe ich das Schweigegebot.

Das Wunder der Entgrenzung des Lebens stellt uns diese Geschichte vor Augen. Nicht in Magie und übernatürlichen Fähigkeiten - nicht in Wunderheilung und religiösem Kult verbirgt sich der Weg zur Mitte des Lebens. Sondern im Menschen, der den Menschen zum Leben verhilft. Und sei‚s gegen die scheinbare Macht des Todes. Und im Glauben an Gott, der ohne den Menschen nicht sein will. Und ihm deshalb immer wieder neu das Leben schmackhaft macht. Und sei‚s im Wunder der Überwindung des Todes.

Das lasst uns feiern. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Im Reich der Herrschaft Gottes. Mitten unter uns. Mitten im Leben. Amen.

Traugott Schächtele

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