Predigt zum Thema "Allgemeines Priestertum"
am Sonntag, den 7. Oktober 2001
in der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde in Freiburg



Liebe Gemeinde!

Heute in genau fünf Wochen, am 11. November 2001, werden in unserer Landeskirche die neuen Ältestenkreise gewählt. Auch hier in der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde. Die Grundordnung unserer Landeskirche weist den Ältestenkreisen eine große Aufgabe zu. Die Ältestenkreise sind kein Beratungsorgan des Pfarrers oder der Mitglieder des Gruppenamtes. Die Ältestenkreise leiten die Gemeinde. Sie haben Verantwortung für alle gemeindlichen Belange. Sie haben Verantwortung für die rechte Verkündigung und angemessene Formen der Gemeindearbeit. Sie haben das Recht der Pfarrwahl.

Die evangelische Kirche führt diese hohe Wertschätzung des Ältestenamtes zurück auf das sogenannte allgemeine Priestertum aller Gläubigen. Darum müsste ich sie am Beginn dieser Predigt eigentlich ansprechen mit den Worten:

Liebe Priesterinnen und Priester!

Ganz gewiss: Die ist eine ungewöhnliche Anrede. Gewohnt sind sie anderes. "Liebe Gemeinde" heißt es in den allermeisten Fällen - so wie heute auch. Oder gerne auch einmal "liebe Schwestern und Brüder" oder "liebe Mitchristen und Mitchristinnen". Die Art und Weise, wie sie am Beginn einer Predigt angeredet werden, ist mehr als nur eine gute Übung. Ein vertrauter Brauch. In der Anrede liegt schon gleich etwas verborgen vom theologischen Programm des Predigers oder der Predigerin.

Wenn ich sie anrede als "liebe Priesterinnen und Priester" oder noch besser als "Mitpriesterinnen und Mitpriester", dann klingt das zunächst ungewohnt und wenig vertraut. Aber die Reformatoren habe ich auf meiner Seite. Viel ist in unserer evangelischen Kirche vom allgemeinen Priestertum die Rede. Manchmal auch vom Priestertum der Getauften. Und wir ahnen, hier liegen noch alte Sprengsätze verborgen aus der Zeit der großen Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert.

Dieses sogenannte allgemeine Priestertum muss etwas zu tun haben mit den Priestern, die es in der Kirche schon vor der Reformation gab und bis heute gibt. Lassen sie mich heute in dieser Predigt mit ihnen über dieses allgemeine Priestertum nachdenken. Und vielleicht verstehen lernen, was damit wirklich gemeint ist und was nicht. Und vielleicht kann ich auf diese Weise auch einiges beitragen zum besseren Verständnis bzw. zur besseren Unterscheidung der Aufgaben von Pfarrerinnen und Pfarrern im Unterschied zur anderen Ämtern der Kirche. Und hoffentlich auch zur Unterscheidung von Haupt- und Ehrenamt.

Zu Beginn müssen wir die Frage klären: Was ist denn eigentlich überhaupt ein Priester? Wir alle wissen, dass die Pfarrer der römisch-katholischen Kirche Priester genannt werden. Dazu werden sie geweiht durch den Bischof. Aber Priester gibt es schon länger als die Kirche. Priester gibt es, solange es überhaupt Religion gibt. Priester sind nötig, wo Menschen die Distanz zu Gott für unüberbrückbar erleben. Wo sie sich vor der Macht der nur sehr schwer einzuschätzenden Gottheit fürchten. Wo sie darauf angewiesen sind, sich die Gottheit immer wieder von neuem gnädig zu stimmen. In den allermeisten Fällen, in dem sie ihr Opfer bringen.

Priester sind Vermittler. Sie treten in die Lücke zwischen oben und unten. Zwischen Gott und den Menschen. Priester sind Grenzgänger. Sie wissen, Opfer in rechter Weise darzubringen. Die Gottheit leiht ihnen ihr Ohr, so dass sie die Bitten und die Anliegen der Menschen weitergeben können. "Dein Wort in Gottes Ohr", sagen wir manchmal auch und meinen: Käme es nur so, wie wir es uns sehnlichst wünschen.

Priester, so wie die alten Religionen sie kennen, sind zwar aus der Menge der übrigen Menschen entnommen. Aber so ganz gehören sie nicht mehr dazu. Sie leben im ständigen Kontakt mit dem Heiligen. Dieser Zugang verleiht ihnen Macht. Und hebt sie aus der Menge der übrigen Menschen heraus.

Fast alle großen Religionen kennen Priester. Aus der Bibel kennen wir etwa den geheimnisvollen Priester Melchisedek. Aber auch die Priester, die am Tempel in Jerusalem dienen, allen voran der sogenannte Hohepriester. Nur er darf ins Allerheiligste. Und auch das nur einmal im Jahr. Ohne sein Opfer ist Versöhnung mit Gott nicht möglich. Priester und das Volk der Gläubigen - das sind zwei völlig getrennte Welt.

Mit der Verbreitung des sogenannten neuen Weges, dem Glauben der Anhänger Jesu von Nazareth, wurde dieses Weltbild schlicht aus den Angeln gehoben. Einen der zentralen Texte dazu findet sich im 1. Petrusbrief. Eine wichtige Verse aus diesem zweiten Kapitel haben wir vorhin schon gehört. Jetzt hören wir den ganzen Zusammenhang:

Lesung aus 1. Petrus 2
Ihr, die ihr geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist, kommt zu ihm als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus. Denn ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht; die ihr einst "nicht ein Volk" wart, nun aber "Gottes Volk" seid, und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid.

Völlig neue Worte, die wir da gehört haben. Priesterin und Priester, das sind jetzt nicht mehr herausgehobene einzelne. Priesterlich sind jetzt alle. Niemanden brauchen wir, der uns den Zugang zu Gott verschaffen müsste. Niemanden, der für und vor Gott zu treten hätte. Der Mensch ist gleichsam gottunmittelbar. Darf sich direkt an Gott wenden. Vor ihm klagen. Ihn um Hilfe bitten. Sein Scheitern vor ihn bringen. Aber auch den Erfolg. Die überschäumende Lebensfreude. Wie eine große Befreiung muss das für die Menschen gewesen sein. Wie ein erneuter Durchzug durch das Rote Meer. Wie die Rückkehr aus der Verbannung.

Nein, man gab ihn nicht auf den Gedanken vom Priestertum. Aber man traf eine weitgehende Entscheidung. Einziger Priester - so bekannte man - sei der gekreuzigte und auferstandene Christus. Sein Opfer habe Gott ein für allemal für die Menschen gewonnen. Durch ihn, den Christus - so glaubte man - sei der Zugang zu Gott für alle Zeiten offen. Der ganze Hebräerbrief ist der Versuch, das Leben und Sterben Jesu als priesterlichen Dienst zu deuten. So heißt es etwa in Hebräer 4:

Lesung aus Hebräer 4Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben. Denn jeder Hohepriester, der von den Menschen genommen wird, der wird eingesetzt für die Menschen zum Dienst vor Gott, damit er Gaben und Opfer darbringe für die Sünden. Doch niemand nimmt sich selbst die hohepriesterliche Würde, sondern er wird von Gott berufen wie auch Aaron. So hat auch Christus sich nicht selbst die Ehre beigelegt, Hoherpriester zu werden, sondern der, der zu ihm gesagt hat: "Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt." Wie er auch an anderer Stelle spricht: "Du bist ein Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks."

"Christen, kaum beachtet, manchmal gar verhasst, entmachtet" Es war eine Minderheit, die sich anstecken ließ von diesem neuen Glauben der unmittelbaren Gottesnähe. Eine kleine Gruppe in einer Welt voll von priesterlichen Religionen. Griechische, römische, ägyptische. Aber die neue christliche Bewegung gewann an Kraft. An Attraktivität. An Zulauf. Gemeindeleitung musste geregelt, die regelmäßigen Gottesdienste und sonntägliche Feier des Herrenmahls musste strukturiert und gelenkt werden. Mit den Behörden gab es zu verhandeln. Weil man verdächtigt wurde. Weil man erste Formen der Zusammenarbeit erprobte. Und ganz schnell war man der Sehnsucht nach priesterlichen Figuren erlegen. Das Gemeindeleben war bunt und voller Vitalität. Nicht selten chaotisch. "Unser Gott ist doch kein Gott der Unordnung", schreibt Paulus nach Korinth." Man wollte nicht negativ auffallen.

Und man macht sich auf die Suche nach neuen Strukturen. Und schneller als erwartet gibt es sie wieder: nämlich Priester! Und dann auch Bischöfe. Bereits im zweiten Jahrhundert setzt diese Entwicklung ein. Im vierten ist sie abgeschlossen. Dies hat Folgen. Wo es Priester gibt, da gibt es Laien. Da gibt es Menschen, denen wird der freie Zugang zu religiösen Handlungen und Zeichen verwehrt. Da entsteht neue Abhängigkeit. Neue Formen der Macht. Da entstehen Hierarchien. Und im 12. Jahrhundert heißt es in einem berühmten Text eines Kirchenlehrers aus Bologna: Priester und Laien, die sind unterschieden wie zwei verschiedene Völker.

Die Reformation wagt erneut einen Neuansatz. Und der hat mit der Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Glauben zu tun. Wenn es allein unser Glaube ist, der macht, das wir Gott recht sind, so dachte Martin Luther, dann bin ich auf priesterliche Heilsvermittlung nicht mehr angewiesen. Dann trifft das, was den Priester ausmacht, auf uns alle zu.

Immer und immer wieder greift er dieses Thema auf. So etwa in seiner berühmten Schrift an den christlichen Adel deutscher Nationen aus dem Jahr 1520. Dort heißt es:
Denn alle Christen sind wahrhaftig geistlichen Stands und es gibt unter ihnen keinen Unterschied als allein im Blick auf ihr je eigenes Amt. Wie schon Paulus im ersten Korintherbrief sagt, dass wir alle ein Leib sind, aber ein jegliches Gliedmaß seine eigene Aufgabe hat, damit es dem anderen hilfreich sei. Das alles kommt daher, dass wir ein Evangelium, eine Glauben und eine Taufe haben. Denn die Taufe, das Evangelium und der Glaube machen allein geistlich und ein Christenvolk. Darum kann alles, was aus der Taufe gekrochen ist, sich rühmen, es sei schon zum Priester, zum Bischof und zum Papst geweiht.

Polemisch mussten diese Worte klingen. Aber zugleich auch wahr. Und damit bedrohlich für diejenigen, die die Macht nicht aus den Händen geben wollten. Wir alle kennen den weiteren Verlauf der Reformation. Der Hinweis auf die priesterliche Würde aller Gläubigen allein durch die Taufe schaffte neue Probleme. Die Gläubigen machten ernst mit dem, was sie von Luther hörten. Schufen sich eigene Liturgien. Gründeten eigene Gemeinden. Verkündigten aus innerer Erleuchtung das Wort Gottes. Führten die Glaubenstaufe ein.

Luther schien die reformatorische Bewegung aus den Händen zu gleiten. Da steuert er heftig dagegen. Führt neue Unterscheidungen ein. Schafft jenes Amt, das wir bis heute kennen. Das evangelische Pfarramt. Ist das nun ein Widerspruch zu seiner Erkenntnis des Priestertums aller Getauften. Ja und Nein.

Ja, weil er den Geist dämpft. Das Amt sei um der Ordnung willen geschaffen, sagt er. Aber nur im Blick auf die Verkündigung in der Öffentlichkeit. Und auf die Feier des Zeichen der Taufe und des Abendmahls. Darum zugleich auch nein. Das Amt der Verkündigung soll das Priestertum aller nicht aushebeln. Nur lebbar machen. Wenn jeder macht, was er will, nimmt die Kirche Schaden. Diesen Eindruck will Luther vermeiden.

Er bindet das Amt an die Gemeinde. Sie kontrolliert die Rechtmäßigkeit der Predigt. Sie bekommt die Bibel in ihrer Muttersprache an die Hand. Ein Zwiespalt bleibt. Ein bis heute nicht völlig geklärtes Verhältnis von Amt allgemeinem Priestertum. Darum müssen wir immer wieder daran festhalten. Die Ordination verleiht in der evangelischen Kirche keinen besonderen, vor allem keinen höheren Weihestand. Die Ordination ist ein öffentlicher Berufungsakt. Dem Grundsatz nach ist keinem Getauften verwehrt, wozu andere ausdrücklich beauftragt werden.

Dies ist ein wertvolles Erbe. Und wir sollten es nicht vorschnell über Bord werfen. Auch nicht aus ökumenischer Rücksicht. In der Bedeutung des Amtes liegen die letzten großen Brocken im Gespräch der Konfessionen. Weil ein evangelischer Pfarrer nicht rechtmäßig geweiht sei, könne er die Feier des Abendmahls nicht leiten. Das ist die offizielle römisch-katholische Position. Und vor allem deshalb sei das evangelische Abendmahl keine gültige Feier der Gegenwart Jesu Christi. Gut, dass sie hier in Weingarten ökumenisch so weit vorpreschen. Ökumene braucht eben Mut.

Aber auch innerprotestantisch sind längst noch nicht alle Fragen geklärt. Für die Reformatoren ist Christus ebenso in der Predigt gegenwärtig wie in den Elementen der Eucharistie. Von daher ist die Frage nach regelmäßigen Gottesdiensten mit Abendmahl ein Angebot, das den Menschen entgegenkommt. Weil wir im Abendmahl schmecken und sehen können, wie gut Gott es mit uns meint. Gott bindet sich an die Zeichen von Brot und Wein. Aber nicht nur. Er reicht die Gegenwart der zwei oder drei. Es reicht der Zuspruch der Menschenfreundlichkeit Gottes mit dem schlichten Medium des Wortes. Wahrheit und Schönheit sind eben nicht immer identisch. Gottes Kraft ist auch in schwachen Zeichen mächtig.

Wir leben heute fast 500 Jahre nach der Reformation. Längst haben wir eine Fülle neuer Ämter geschaffen. Wie etwa hier in Weingarten das Gruppenamt. Oder den Berufsbild der Religionspädagogen bzw. der Gemeindediakone und Gemeindediakoninnen, die hier nebenan ausgebildet werden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Gemeindeglieder sind bei der Feier des Abendmahls verantwortlich mitbeteiligt. Neben den Bischöfen leiten bei uns Synoden mit einer Mehrheit nichtordinierter Gemeindeglieder die Kirche. Ehrenamtliche predigen als Prädikanten und Prädikantinnen. Und auch die Öffentlichkeit ist nicht mehr ausschließlich eine Frage der Beauftragung. Die vielen neuen Medien erlauben es jeder und jedem, eine große Zahl von Menschen zu erreichen. Hauptamtlich arbeiten die einen. Ehrenamtlich die anderen. Dies ist eine Frage der Bezahlung und des Anstellungsverhältnisses. Wichtig ist, dass dies gut geschieht. Und dass es dem ganzen der Gemeinde dient. Und das heißt vor allem den Menschen.

Priesterinnen und Priester seid ihr! Alle. Wo immer ihr euren Glauben lebt. Wo immer ihr eure Gaben einbringt. Es ist eure Taufe, die euch dazu das Recht gibt. Und die euch in die Pflicht nimmt. Priesterin seid ihr und Priester. Dann also frisch ans Werk. Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus, dem wir Schwester und Bruder sind. Amen.

Traugott Schächtele

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