Predigt
Gehalten in der Markusgemeinde
anlässlich des Gottesdienstes mit Pfarrwahl
Am Donnerstag, den 4. Oktober 2001



Gerade gut drei Wochen sind vergangen, liebe Gemeinde, seit jenem schwarzen 11. September, jenem Tag, an dem die beiden Türme des Word Trade Center in New York in sich zusammenstürzten und Tausende von Menschen unter sich begruben. Es waren nicht nur diesen beiden Türme, die da zusammenstürzten. Es war das steinerne Sinnbild unserer Art die Welt zu verstehen. Es war das aus Stein und Glas realisierte Denkmal wirtschaftlicher Macht. Es war der unübersehbar in den Himmel gereckte Finger, der die Botschaft der eigenen Überlegenheit und Unverwundbarkeit kenntlich zu machen hatte. Symbol nicht nur des american way of life, sondern der von vielen mehr oder minder akzeptierten Welt- und Wertordnung. Die Türme des World Trade Center, die Skyline von Manhattan - das schien das Nonplusultra des Machbaren. Der unüberwindliche Wall, hinter dem wir unsere Kreativität und unsere Sehnsucht nach Leben zu gestalten suchten.

Geblieben sind Schutt und Asche. Geblieben sind Tausende unschuldiger Opfer. Geblieben ist das Rätseln über die Quellen derart destruktiver Energien. Über die Verachtung des eigenen Lebens und der Inkaufnahme der Zerstörung des Lebens so vieler anderer. Unbeteiligter. Unschuldiger. Geblieben ist auch die Versuchung, jetzt erneut den Kampf der Religionen und der Kulturen auszurufen. Unübersehbar bleibt eine Lücke in unserer Fähigkeit auszuhalten und zu verstehen. Und keiner ist in Sicht, der sie füllen könnte.

Geblieben ist inmitten großer Ratlosigkeit und dem einfach- Nicht-einordnen-können: die Erkenntnis der eigenen Verwundbarkeit. Der offenen Flanke. Des Wertevorrates, der nicht satt macht. Geblieben ist - wie in der Skyline von Manhattan - eine Lücke, mit der wir vorläufig zu leben lernen müssen. Das Leben hat sich längst wieder normalisiert. Andere Meldungen gewinnen in den Medien wieder mehr Raum. Aber die Lücke bleibt. Und keiner ist in Sicht, der sie füllen könnte.

Geblieben ist die Frage nach dem Sinn. Nach einer ausgleichenden Gerechtigkeit. Danach, wem dieser Anschlag denn überhaupt einen Nutzen - und sei es einer, der noch so absurd wäre - bringen könnte. Die Verstehenslücke, die bleibt. Und keiner ist in Sicht, der sie füllen könnte.

Geblieben ist - und nicht zuletzt - die Frage: Wo war Gott an diesem 11. September. Die Frage, wie konnte Gott es aushalten in himmlischer Höhe, wo auf Erde sich die Hölle breit zu machen schien. Geblieben ist die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Und schmerzvoll müssen wir uns eingestehen: die Gotteslücke bleibt. Und keiner ist in Sicht, der sie füllen könnte.

Wirklich keiner?! Ist dieser 11. September 2001 denn das Ende des Verstehens menschlicher Geschichte, der absurden Tiefe auch menschlicher Bosheit? Genügt es, wenn wir uns einreihen in die lange Schlange derer, die sich ihr Nichtwissen eingestehen. Und - so frage ich weiter. Wenn wir denn schon nicht weiter wissen - ist das Eingeständnis des Nicht wissen im Horizont des Gottesglaubens nicht noch einmal etwas anderes als die oberflächlichen Kommentare, von denen die Medien so voll waren.

Mir kam in diesen Tagen immer wieder jener Vers aus dem 1. Petrusbrief in den Sinn, der für mich und für mein Verständnis auch meines Pfarrerseins von so erheblicher Bedeutung ist. Dieser Vers, dieser eine Satz lautet:

Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.

An kein Kirchenportal hat‚s dieser Satz geschafft. Wohl kaum ein Konfirmationsgedenkblatt, das diese Aufforderung ziert.

Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.

Zu wenig erbaulich klingt das manchen. Zuviel an Erwartung. Zuviel Rationalität. Genau darum ist dieser Vers einer, der mir wichtig ist. Und einer, den ich heute in den Mittelpunkt stelle, wo für sie hier in dieser Gemeinde ein neuer Pfarrer gewählt werden soll.

Was erwarten man denn von einem Pfarrer? Wofür soll er ein Fachmann - warum soll dieser Pfarrberuf unverzichtbar sein? Menschen, die uns ermahnen, das Leben leichter zu nehmen und nett zueinander zu sein - an solchen Menschen hat es keinen Mangel. Und auch nicht an der Notwendigkeit, dies immer wieder einmal zu sagen. Aber das reicht nicht. Es reicht schon gar nicht, um jene Lücke zu füllen, von der ich eben gesprochen habe.

Was uns fehlt, das eine mal schmerzlich vermisst, das andere Mal nicht einmal registriert - was uns fehlt, das ist ein ausreichendes Maß an Orientierung, wenn wir die Welt wieder einmal nicht mehr verstehen. Was uns fehlt und was wir brauchen, das ist schlicht oft einfach, die Entdeckung der Sinnhaftigkeit. Etwas, das uns trägt, wenn die Welt unter uns ins Wanken gerät. Etwas, das uns das Leben feiern lässt - sogar gegen die Wirklichkeit des Augenblicks. Etwas, worin wir uns gründen können jenseits des Nachweises unserer Unverzichtbarkeit durch das, was wir an Leistung hervorbringen.

Es gibt mehr als nur einen Anbieter auf diesem Markt der Sinnstifter. Und es sind nicht nur die Religionen, die hier mitbieten, sondern mancher, ja viel zu viele, die statt tragenden Glaubensgrund zu bieten, schlicht die Gutgläubigkeit der Menschen ausnutzen, um daraus Gewinn zu ziehen.

Als Kirche sind wir längst Anbieter unter vielen. Wie aber können wir unterscheidbar bleiben und plausibel mit unseren Antworten angesichts so offen zu Tage tretenden Ratlosigkeit? Wie können wir überhaupt noch Gehör finden mit dem, was wir hilfreich zu sagen hätten in all der Inflation der Worte, die tagtäglich auf uns herabrieseln und herabprasseln?

Noch einmal will ich jenen einfachen Satz aus dem 1. Petrusbrief in Erinnerung rufen.

Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.
Aufgefordert sind wir, von dem zu reden, was der Nährgrund unserer Hoffnung ist. In diesen Worten steckt mehr als religiöse Unbescheidenheit. Mit diesen Worten brauchten wir uns nicht verstecken auf dem bunten Markt der religiösen Sinn-Produzenten. Doch tatsächlich bleibt auch bei mir ein nicht unbeträchtlicher Rest an Unbehagen bei dem Versuch, mithalten zu wollen in dieser Kultur der religiösen Selbstdarstellung. Und erneut kommt mir Paulus in den Sinn und die ihm von Gott gesetzte Begrenzung, wenn er schreibt: "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."

Gott - wie wir ihn verstehen - wie wir ihn glauben hat sich zurückgebunden. Zurückgebunden an die geschundene und bis an ihre Grenzen bedrohte und terrorisierte Schöpfung. Zurückgebunden an den Menschen mit seiner Endlichkeit. Und der Endlichkeit seiner Fähigkeit, auf diese Erde miteinander zu leben in Frieden und Unversehrtheit.

Doch an nichts mehr hat Gott sich zurückgebunden als an das Medium des Wortes. Des Wortes - uns zugesprochen aus dem Mund der Schwester und des Bruders. Nicht einfach zum Wohlfühlen müssen sie sein, sondern glaubwürdig. Nicht großartig, sondern wahrhaftig. Worte, die dem Anspruch gerecht werden, dass wir im Gespräch mit denen, die irrend in den Lücken herumsuchen, zur rechten Zeit das rechte Wort finden.

Um dieses Amt des Wortes willen ist der Beruf des Pfarrers - und in unserer Kirche - gottseidank! - längst auch der Pfarrerin - entstanden. Und andere kirchliche Berufe und Ämter inzwischen längst dazu. Diese Weitergabe dieser Hoffnungsworte Gottes - gebunden in Worten, die wie Menschen weitersagen - das können sie zurecht von jedem Pfarrer und jeder Pfarrerin erwarten. Aber doch nicht ausschließlich. Denn von der Aufgabe, Rechenschaft abzulegen über die Hoffnung, die in uns ist, von dieser Aufgabe ist keiner suspendiert und ausgenommen.

Gott setzt auf uns Menschen. Auf Hauptamtliche und auf Ehrenamtliche. Auf Erwachsene und auf Kinder. Auf Pfarrerinnen und Pfarrer, auf Gemeindediakoninnen und Gemeindediakone, auf Kirchenmusikerinnen und auf Hausmeister. Auf Älteste und Kirchengemeinderäte. Auf Professionelle und auf alle Menschen guten Willens. Gott setzt auf den Menschen.

Er hat unübersehbar gesetzt auf uns Menschen, in dem er wurde wie wir: Einen gibt es, den nennen wir das WORT Gottes - weil Gott sich in ihm unüberbietbar ausgesprochen hat. An seine Worte, seine Leidens-, aber auch seine Lebensgeschichte - an die große Lücke seines Lebens, in die Gott getreten ist, an die dürfen wir uns erinnern lassen in diesen Tagen, die soviel an Erklärungsversuchen und so wenig an klärenden Antworten hervorbringen.

Orte der Lebensworte Gottes sollen unsere Kirchen sein gerade in diesen tagen, wo wir erst ahnen können, wie viele weitere Opfer zu denen hinzukommen sollen, die wir schon beklagen, weil wir unserer eigenen verletzten Stärke mehr zutrauen als dem, den wir doch in jedem Gottesdienst als Quelle des Lebens feiern.

Es gibt Orte der Zerstörung. Aber es gibt eben auch jene Lebensort, zu denen Menschen kommen können, wenn sie fragen: "Gott, wo warst du in jenen Morgenstunden. Wo hast Du Dich überhaupt niedergelassen in dieser Welt? Wo, Gott, kann ich Worte finden, die mich aufrichten, wenn ich mich wieder einmal nicht mehr zurechtfinde in dieser deiner Welt?"

Keine andere Tradition als die jüdisch-christliche kennt so viele lebensdienliche und aufrichtende Lebensworte. Dies ist ein Pfund, das wir nutzen - mit dem wir wuchern sollen auf dem Markt der Religionen, wo Menschen auf der Suche sind nach Worten, die ihnen gut tun.

Darum lasst uns dieses Lebensworte hören und weitersagen. Lasst uns dankbar sein für Menschen, die sich für diesen Pfarrberuf in Beschlag nehmen lassen. Und die andere mit diesen Worten infizieren und zum Leben verlocken.

Auch dann werden wir keine vorschnellen Antworten finden. Aber auch nicht die Hoffnung loslassen, von der wir leben. Dann werden wir nicht nachlassen in dem Bemühen, die Urheber dieser schrecklichen Ereignisse vom 11. September auf die Spur kommen. Aber anstatt vor allem Vergeltung einzufordern, werden wir auch mühsam lernen, die Strukturen offen zu legen und zu verstehen, die den Nährboden bilden für die Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Da werden wir die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes aushalten lernen, aber auch im abwesenden Gott seine Gegenwart erahnen. Da werden wir immer und immer wieder auf Lücken stoßen in den Fassaden unseres Lebens. Aber wir ahnen, dass sich in den Lücken selber die Antworten finden lassen. Selbst dann, wenn sie für uns schmerzlich sein mögen.

Mit weniger brauchen wir uns nicht zufrieden geben als mit dem Angebot Gottes, selber in die Lücken unseres Lebens zu treten. Das lasst uns feiern. Und dankbar sein, dass es Menschen gibt, die uns diese Lebensworte Gottes zusprechen.

Und wie können wir anders reden von dieser Hoffnung, die in uns ist, als mitten in den Lücken des Lebens Feste der Hoffnung zu feiern. Heute Abend in diesem Gottesdienst. Und immer wieder neu. Amen.

Traugott Schächtele

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