Predigt
anlässlich der Trauung von
Ulrich Schadt und Monika Schadt geb. Fisel
am Samstag, den 22. September 2001
in der Lutherkirche in Karlsruhe



Liebe Monika, lieber Ulrich,

es war nicht nur für mich eine der Top-Nachrichten des Jahres 2000: die Ankündigung der Hochzeit von euch beiden. Kein norwegischer Königssohn und keine monegassische Königstochter wären in eingeweihten Kreisen mit ihren Heiratsambitionen auf eine nur annähernd vergleichbare Resonanz gestoßen. Und nur ganz kurz behielt das ungläubige Staunen die Oberhand, ehe es überging in das Gefühl freudiger Überraschung, die schon wenig später abgelöst wurde von echter und auch dankbarer Mitfreude. Diese Mitfreude - da bin ich sicher - hat angehalten bis auf diesen Tag - bei allen, die heute mit euch feiern. Und vielen anderen sicherlich auch.

Wie alle, die diesen Weg der Ehe zu zweit - bei euch zusammen mit Oliver gleich zu dritt - gehen, wie alle ahnt ihr mehr als ihr wisst, dass es etwas Großes ist, worauf ihr euch einlasst. Groß in der Verantwortung füreinander, in die ihr gestellt seid. Groß auch in der Schönheit, Lebenswege gemeinsam zu gehen. Groß aber auch in der Ahnung der Möglichkeiten, zu denen die Liebe Menschen zu befreien vermag.

Vertrauen werdet ihr nötig haben für euren schon längst gemeinsamen Weg. Vertrauen in euch und eure Bereitschaft, immer neu und immer mehr aufeinander zu zugehen. Vertrauen in diejenigen, die euch schon bisher in Zuneigung und Freundschaft verbunden gewesen sind und ohne die jedem Leben die bunten Tupfer des Gespräches und hilfreich tragende Stabilisatoren kontinuierlicher Beziehungen fehlen.

Für große Aufgaben braucht man große Möglichkeiten der Rückbindung und Vergewisserung. Dem Spruch, den ihr euch als Trauspruch ausgewählt habt, kann man eure Sehnsucht nach dem Elementaren auch sehr wohl abspüren. Einen der bekanntesten Bibelverse überhaupt. Grundnahrungsmittel gelingenden Lebens. Unübersehbar Symbol eurer Rückbindung ans Vertraute und ans Bewährte. Ich will uns allen diesen fünften Vers aus dem 37. Psalm gleich noch einmal in Erinnerung rufe:

Befiehlt dem Herrn eure Wege
und hofft auf ihn.
Er wird‚s wohl machen.

Man muss neu auf diese Worte hören lernen. Das Vorwissen beiseite legen. Nicht an all die Situationen denken, wo wir ihm schon begegnet sind. Gesungen - wie nachher auch. Gesprochen bei vielfältigen kirchlichen Gelegenheiten. Und doch sind diese Worte nicht verbraucht. Bringen sie von neuem Wegweisendes hervor. Können sie uns Orientierung geben.

Ich will mit euch - und mit ihnen allen - etwas vom Schatz dieser Worte zu heben suchen. Denn seine Zusage reicht weit über das von euch Erwünschte und Erbetene hinaus.

Es ist zunächst das Bild des Weges, das mich auch heute wieder aufhorchen lässt. Standpunkte sind sonst so sehr gefragt. Feste Prinzipien. Unumstößliche Werte. Ein Leben mit klaren Konturen. Der Psalmdichter ist bescheidener.

Das Leben als Weg. Das Bild vom Lebenswege - es ist auch uns vertraut. Es birgt ein Wissen. Das Wissen darum, dass jedes Menschenleben sich zusammensetzt aus einzelnen Wegstrecken. Dass es ein Auf- und Ab gibt. Mühsame Abschnitte und dann wieder andere, auf denen wir wie befreit in die Zukunft hineingleiten. Strecken, die ich gerne ungeschehen und rückgängig machen würde. Und andere, auf denen es mit leid tut, dass sie ans Ende kommen.

Das Leben als Weg. Da schwingt auch die Erwartung des neuen mit. Der Aufbruch. Das sich einlassen auf Erfahrungen des noch nie Dagewesenen. Das weckt den Pioniergeist in uns.Das Leben als Weg. Das ist Dynamik. Die Bereitschaft zu trial an error. Zur Kurskorrektur. Zu Um- und Irrwegen, ehe das Ziel dann doch erreicht wird.

Das Leben als Weg: Da schwingen alle eure bisherigen Erfahrungen mit. Die schönen und die überaus schmerzlichen. Schwere Wege sind vor allem dir, Monika, nicht erspart geblieben. Wege, die wohl mehr von dir verlangt haben, als du für dich je erträglich gehalten hast. Der Weg ins Leben, der für den dir lieben Menschen plötzlich nicht mehr offen stand. Und dann die große Aufgabe, deinen Weg weiter zu gehen zusammen mit Oliver, der so froh ist, dich und jetzt auch Ulrich zu haben. Einen Weg zu gehen, auf dem dann doch auch andere da waren, die mitgegangen sind und die mitgehen.

Und dann wird plötzlich eine frühere Etappe wieder wichtig. Begegnet dir, Ulrich, mit Monika ein Mensch, den du längst gekannt hast; mit dem du sogar gemeinsam konfirmiert worden bist. Damals -. im Mai 1977 durch den von uns gemeinsam geschätzten Pfarrer Werner Schmitthenner. Und im Dickicht des Lebens habt ihr beide den Mut, eure Lebenswege in eine neue Richtung zu lenken. Aufeinander zu. Sie zu verweben und zu verbinden und zu dritt weiterzugehen.

Und auch wenn es eure je eigenen Wege bleiben. Sie führen in dieselbe Richtung. Sie kommen immer wieder zur Deckung. Werden euer gemeinsamer Weg.

Und eben das feiern wir heute hier in dieser Lutherkirche alle miteinander. Es ist das Fest der Begegnung und des gemeinsamen Weges, das heute begangen und gefeiert wird. Menschen sind hier, deren Lebenswege die euren gekreuzt und die euch immer wieder ein Stück begleitet haben. Menschen, deren Gegenwart euch gut tut, auf die ihr euch immer wieder freut, weil ihre Gegenwart die eure licht macht und leicht. Deren Gespräche euch beflügeln.

Es ist aber zuallererst euer Fest. Und wir sind froh, dass wir mitfeiern dürfen. Und ich bin zudem dankbar, dass ihr mir das Vertrauen geschenkt habt, diesen Trau-, diesen Zutrau-Gottesdienst mit euch zu feiern. Wo es einem Pfarrer doch an trauwilligen und traufähigen Kolleginnen und Kollegen nicht mangelt.

Befiehl dem Herrn deine Wege! Das ist die erste Aufforderung eures Trauspruches dem Psalmbuch der hebräischen Bibel. Und fast wäre ich geneigt zu fragen: Wem denn sonst? Wenn da nicht die Erfahrung der dunklen Seite Gottes, der Gottesfinsternis wäre, die den Sprung ins Gottvertrauen eben zu viel mehr macht als zu einer banalen Lebensweisheit. Religion ist eben mehr als civil religion. Gottvertrauen mehr als ein gegen etwas anglauben. Ist eben immer auch das Wagnis des dennoch. Gott, dem Unaussprechlichen und von uns nicht zu Vereinnahmenden, sein Vertrauen zu schenken, das ist der Mut zur Perspektive und zum Blick über den Horizont hinaus. Es ist die Voraussetzung, um überhaupt im Gewirr unserer Lebenswege die Orientierung nicht gänzlich zu verlieren.

Mit dem Mutmach-Bekenntnis zur Hoffnung wird dieses Gottvertrauen verbunden. Hoffnung ist die Rede vom Glauben in säkularer Sprache - auch schon den Wortspielen der hebräischen und der griechischen Bibel. Auf Gott seine Hoffnungen setzen heißt dann nicht anderes als diesen Gott in die Niederungen des alltäglichen Lebens ziehen. Den Glauben nicht als Zutat, sondern als Grundmuster des eigenen Lebens begreifen.

Ohne wenn und aber, ohne die Erwartung, dass wir erst ein Leben ohne Umwege und Irrwege als Vorleistung in die Waagschale zu werfen, schließt euer Trauspruch, euer Ehemotto mit der lapidaren Feststellung: Gott wird‚s wohl machen. Nicht: Gott wird‚s wohl schon irgendwie machen. Nein! Gut, wohl wird er es machen. Weil Gott gar nicht anders kann, hat Martin Luther in seiner Übersetzung dieses "wohl" einfach als Interpretament hinzugefügt. Schließlich heißt das hebräische "asah" zunächst einfach nur "machen". Wohl wird‚s, wenn es Gott ist, der macht. Und nicht diejenigen, die sich als Macher gerne einen großen Namen machen.

Eine gute Wahl ist‚s, die ihr getroffen habt. Die Wahl zunächst, die ihr im Blick aufeinander und füreinander getroffen habt. Die Wahl, eure Wege zusammenzubinden zu einer Familie. Noch mehr aber, sie Gott anzuvertrauen. Eine gute Wahl ist darum eben auch dieser Vers:

Befiehlt dem Herrn eure Wege
und hofft auf ihn.
Er wird‚s wohl machen.

Mehr als genug ist‚s, worauf ihr heute hofft und was wir gemeinsam feiern. Euer Ja füreinander in Offenheit für andere. Vor Gottes Angesicht. Und doch mitten in der Welt. Amen.

Traugott Schächtele

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