Einführung von Dr. Gabriele Meyer
am Sonntag, den 9. Mai 2001 (Trinittais)
in der evangelischen Kirche in Mengen



Liebe Frau Meyer,
liebe Gemeinde,

Beruf: Pfarrerin. So steht es nun gewissermaßen auch ganz amtlich in all den Akten, wo Informationen über sie festgehalten werden. Nicht nur in der Personalakte des Evangelischen Oberkirchenrates. Nein, auch beim Einwohnermeldeamt, bei der Krankenkasse, der Bank und wo sonst Informationen über Sie gesammelt werden.

Solange ist das bei uns in Baden noch gar nicht möglich. Erst seit 1962 kann man in unserer Kirche auch offiziell den Titel Pfarrerin tragen. Vier Jahre vorher wurden in Baden zum ersten Mal Theologinnen nicht nur eingesegnet, sondern auch ordiniert.

Beruf: Pfarrerin. Längst hat dieses Thema in unserer Kirche jegliche Brisanz, jeglichen Hauch von Besonderheit verloren. Und die Liste von Gemeinden, die dankbar sind für den Dienst ihrer Pfarrerin wird immer länger. Seit dem 1. April steht nun auch der Name der Evangelischen Kirchengemeinde Mengen mit Hartheim und Feldkirch auf dieser Liste. Beruf: Pfarrerin. Dies wird - da bin ich sicher - auch für diese Gemeinde sehr schnell zum unhinterfragten Normalfall werden. Die ersten Etappen auf diesem Weg sind längst zurückgelegt.

Beruf: Pfarrerin. Diese Feststellung hat auch noch eine zweite Linie, die sie persönlich betrifft. Mit der Einführung in ihre erste Pfarrstelle ist eine lange Stecke der Ausbildung erst einmal zum Abschluss gekommen: Studium der Theologie. Promotion. Lehrvikariat und Pfarrvikariat. Zu guter letzt auch Übernahme eines Pfarramtes.

Die ersten Wochen hier in Mengen waren für sie noch ein Leben auf der Baustelle. Leben zwischen Lärm und Schutt. Leben zwischen Handwerkern und Ratsuchenden. Leben auch ohne Fax und Telefon. Improvisationskunst war da von ihnen verlangt. Und die Fähigkeit, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden.

Aber auch wenn die Bautätigkeit allmählich ans Ende kommt. Irgendwie wird es im Pfarrberuf immer so bleiben. Pfarrer sein oder Pfarrerin - das ist immer ein Leben im Unfertigen und im Halbfertigen. Ein Leben auf der Suche. Ein Leben mitten drin und zwischen drin. Dieses Leben - diese Existenz mitten drin ist geradezu das besondere Kennzeichen des Pfarrberufs.

Wozu braucht es Pfarrer oder Pfarrerinnen? Wozu braucht es Menschen, die von anderen Aufgaben freigestellt und gar dafür bezahlt werden, damit sie predigen, taufen, Brautpaare trauen, beerdigen und konfirmieren; Menschen, deren Aufgabe - im guten Fall deren Lust es ist, schöne Gottesdienste zu gestalten und gemeinsam mit dem Kirchengemeinderat Gemeinde zu leiten. Wozu braucht es Menschen, die all dies tun und darum keinen anderen "ordentlichen" Beruf erlernt haben?

Meine Antwort auf diese Frage wird sie zunächst verwundern. Ich bin nämlich zunächst der Meinung, dass es eigentlich gar nicht unbedingt Pfarrerinnen und Pfarrer braucht, damit Kirche Kirche bleiben kann. Sie alle wissen aus eigener Erfahrung sehr wohl, dass vieles, von dem, was Pfarrer tun, andere Menschen auch tun können. Und auch in der hiesigen Gemeinde - in Mengen und in Hartheim - haben sie einen Reichtum gerade auch an Ehrenamtlichen, die Gemeinde mitgestalten; im Gottesdienst und in den vielfältigen anderen Aufgaben. Bei der Visitation und bei der Verabschiedung von Pfarrer Hanselmann habe ich davon einen großartigen Eindruck gewinnen können.

Wichtig ist aber zunächst nicht, dass es Pfarrerinnen und Pfarrer gibt, sondern etwas anderes. Dass Gottes Gute Nachricht weitergesagt wird, das ist wichtig. Und unverzichtbar. Dass Gemeinde Menschen nicht im Stich lässt; dass Gemeinde sie besucht, tröstet, ermahnt. Das braucht es allemal. Wie eine Gemeinde oder eine Kirche die Wahrung dieser Aufgaben sicherstellt: ob sie die Älteste und viele Ehrenamtliche in diese Aufgaben beruft. Oder ob sie Frauen oder Männer ganz von anderen Aufgaben freistellt, damit sie einer Gemeinde als Pfarrer dienen können, das ist eine ganz andere Angelegenheit.

Ja, ich glaube, ihre heutige Einführung ist geradezu ein Zeichen dafür, dass es uns in unserer Landeskirche eigentlich noch ganz gut geht. Zu einem anderen Schluss kann ich eigentlich gar nicht kommen, wenn ich die nach wie vor große Zahl von hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Pfarrerinnen und Pfarrern sehe, aber auch die Gemeindediakone, Kantoren, Sozialarbeiter und Erzieherinnen vor Augen habe.

Ein Blick in die weltweite Ökumene zeigt uns ganz andere Modelle. Kirchen, die leben und aktiv sind - mit weniger Geld und mit weniger Hauptamtlichen. Und wir alle wissen, dass wir gerade auf diesem Gebiet zur Zeit sehr viel dazu lernen müssen. Wichtig ist, dass wir eines dabei nie vergessen: Das, was Kirche ausmacht, das ist nicht die Zahl der Hauptamtlichen. Das, was Kirche ausmacht, ist die Wahrnehmung der ureigensten Aufgabe, die der Kirche aufgetragen ist - ihr aufgetragen von dem, den sie als ihren Herrn bekennt.

Man kann diese Aufgabe mit verschiedenen Worten und unter verschiedener Hinsicht formulieren. Ich will es heute tun mit einem kleinen Satz, einer Aufforderung aus dem 1. Petrusbrief. Dort heißt es (1. Petrus 3,15):

"Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist."

Nicht nur ihnen als Pfarrerin gilt dieser Satz, liebe Frau Meyer. Die Aufgabe, Rechenschaft abzulegen von der Hoffnung, die in uns ist - sie ist allen Christenmenschen ins Stammbuch geschrieben-. Dass sie, liebe Gemeinde, das aber auch können - und es womöglich mit wachsender Kompetenz, mit wachsender Begeisterung können, dabei kann und soll und wird ihnen ihre Pfarrerin helfen.

Als theologische Fachfrau, denn das vor allem hat sie gelernt. Als Lehrerin - nicht nur in der Schule und im Konfirmandenunterricht, sondern zunehmend auch für Erwachsene, die auch nicht mehr so viele Vorkenntnisse mitbringen. Als Moderatorin zwischen unterschiedlichen Positionen: theologisch und gemeindepraktisch. Gerade da wird sie bei ihnen ja auch nicht arbeitslos bleiben. Ihre Pfarrerin wird ihnen aber auch - und sicher nicht zuletzt - helfen, wenn es gilt zu trösten, mitzutrauern, mitzuschweigen; wenn es gilt, die Verborgenheit Gottes mit auszuhalten.

All dies kann ihre neue Pfarrerin, aber sie kann nicht alles gleich gut. Nicht alles zur gleichen Zeit. Und sie kann auch nicht alles allein. Und sie kann überhaupt nicht immer und ohne Unterbrechung den Menschen ein Mensch sein. Wer austeilt - und seien es Gottes gute Lebensworte - wer austeilt, muss sich auch selber ernähren. Und dafür braucht auch ihre Pfarrerin Zeit, die sie sich selber einteilt. Zeit, die ihr für sich selber bleibt. Damit sie umso freudiger wieder für andere da sein kann. So wie es dieser Satz aus dem 1. Petrusbrief so zutreffend in Worte fasst:

"Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist."

Sogar und gerade vor denen, die eine solche Hoffnung nicht haben oder denen sie abhanden gekommen ist. Vor denen, die sich immer weniger zurechtfinden in dieser immer unübersichtlicher werdenden Welt. Vor denen, die auf ein orientierendes Wort warten, wenn sie nicht wissen, wie sie sich recht entscheiden im Dschungel von PID und aktiver Sterbehilfe. Zwischen den Möglichkeiten der Gentechnik und den Folgen verheerender Krankheiten.

Ich wünsche ihnen, liebe Frau Meyer, dass ihnen die Gabe geschenkt ist, Rechenschaft abzulegen von der Hoffnung, die sie selber trägt. Dass es ihnen gelingt, das Glaubensthema, unser ureigenes kirchliches Thema, immer wieder neu in den Mittelpunkt zu rücken - mit allen seinen Konsequenzen bis hinein in die parteiergreifende Stellungnahme zugunsten derer, deren Hoffnungen mit Füßen getreten werden. Und das werden - Gott sei‚s geklagt - jeden Tag mehr.

Wo wir uns der Mühe unterziehen, Rechenschaft abzulegen von Grund unserer Hoffnung, da wird der, der selber dieser Grund ist, da wird Gott, der Freund des Lebens, gewiss auf ihrer und unser aller Seite stehen. Amen.

Traugott Schächtele

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