Gottesdienst am 14. Januar 2001 in Breisach
mit Einführung von Peter Hanselmann
als Pfarrer der Martin-Bucer-Gemeinde


Lieber Peter,

es ist gerade acht Wochen her, seitdem ich Dich in Deiner alten Gemeinde verabschiedet habe - und nun führe ich Dich heute schon wieder als Pfarrer der Martin-Bucer-Gemeinde ein. Ganz alltäglich ist eine solche Konstellation nicht. Und auch für mich als Dekan eine Besonderheit. Auf der anderen Seite: Ich bin schon sehr froh, dass Du dem Kirchenbezirk erhalten bleibst. Und die Gemeinde hier in Breisach, Oberrimsingen, Niederrimsingen und Gündlingen ist sicher ebenso froh, dass sie Dich hat. Eigentlich müsste man sogar sagen wieder hat. Manchmal führen einem die Wege eben wieder an die Wurzeln zurück. Und das ist ja nicht immer das Schlechteste. Denn so ganz anders ist es mir ja schließlich auch nicht ergangen.

Ein Pfarrstellenwechsel - und führt er auch nur wenige Kilometer weiter - markiert eine Zäsur. Zunächst einmal gar nicht nur im dienstlichen oder beruflichen Sinn. Man muss packen und umziehen. Man sortiert und sondiert. Man wirft manches weg und entdeckt anderes wieder neu. Das Umfeld, auch das private, verändert sich und wird neu geordnet. Dies gilt nicht nur für dich und deine Frau, sondern auch für Eure Kinder. Mag das Neue noch so vertraut scheinen - ein Aufbruch ist es allemal.

Ein neues Kapitel in eurer Lebensgeschichte hat sicher auch ein neues Thema. Dies wird sich in den nächsten Monaten und gewiss auch Jahren allmählich herauskristallisieren. Deine Zeit als Pfarrer der Martin-Bucergemeinde fällt in eine Phase großer Veränderungen. Veränderungen auch in der Kirche. Einlassen müssen wir uns auf neu, unerhörte, noch nie gedachte Gedanken. Neue Wege abseits der vertrauten müssen gewagt und gegangen werden. Da kann man manchmal schon ins Rotieren kommen wie dieser Pfarrer, den ich heute mitgebracht habe. Ansonsten sitzt er bei mir im Arbeitszimmer.

Dennoch: Einiges an Grundaten bleibt bestehen. Mehr als anderswo muss der Breisacher Pfarrer ein Brückenbauer sein und das gleich in mehrfacher Hinsicht.

Es liegt nahe, beim Thema Brückenbauen zuerst an den Rhein zu denken. Natürlich gilt es Brücken zu bauen oder weiter an den vorhanden Brücken zu denen zu arbeiten, die auf der anderen Seite des Rheins wohnen und mit denen wir hiesigen über alle Gräben und Flüsse hinweg eng verbunden sind - sogar mit einem gemeinsamen Gesangbuch. Du warst als zuständiger Pfarrer für Hartheim schon Rheinanlieger. Diese Aufgabe wird sich nun verstärken und mich hoffentlich wie dein Vorgänger bei den jährlichen Treffen der Rheinanlieger-Dekanate vertreten.

Brücken weiter zu gestalten sind hier in Breisach auch zur katholischen Kirche und zur Gemeinde im Münster, aber auch zu den anderen katholischen Pfarreien auf Gemeindegrund. Diese ökumenischen Brücken sind nicht nur kirchenverbindend, sondern auch kirchentragend. Wenn wir sie einreißen oder nicht auf ihnen gehen, gäben wir die Vision auf, die Rede von der Einheit der Kirche könnte mehr sein als nur ein Thema schöner Sonntagsreden.

Brücken sind zu bauen - und das ist eine deiner Hauptaufgaben als Pfarrer - zwischen den Menschen. Denen in der Gemeinde und denen, die anderswo verwurzelt sind. Zwischen den Glaubenden und den Zweifelnden. Zwischen denen, die immer schon gewusst haben, wie alles zu gehen hat, und denen, die auf der Suche sind. Brücken auch zwischen den Jungen und den Alten. Den Schon länger Ansässigen und den Neudazukommenden. Denen, die alles so lassen wollen, wie es ist, und denen, denen es viel zu langsam vorwärts geht.

Brücken sind aber auch zu bauen zwischen den verschiedenen Lebens- und Glaubenskonzepten, die heute miteinander in Konkurrenz liegen. Zwischen verschiedenen Werte- und Sinnsystemen. Auch zwischen den verschiedenen religiösen Angeboten. Was gilt denn noch in einer Zeit, in der scheinbar alles gleich-gültig ist? Wozu sollen wir Menschen begeistern? Vor welchen Entwicklungen sollen wir sie dagegen womöglich warnen? Warum lohnt es sich, sich im Rahmen einer Kirchengemeinde zu engagieren?

Eine schwierige Aufgabe sind diese Brücken, wenn sie denn tragfähig sein sollen. Und nicht selten wirst du sie als erster betreten und auf ihre Tragfähigkeit testen müssen. Damit du am Ende manchmal nicht mit bloßen Füßen über‚s Wasser gehen musst, möchte ich dir als Zuspruch für diesen Tag deiner Einführung und deine Jahre als Pfarrer in Breisach die Jahreslosung für dieses Jahr 2001 in Erinnerung rufen.

"In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis."

Auf Weisheit und Erkenntnis sind wir heute nicht weniger angewiesen als die Menschen damals. Und auf Weisheit womöglich noch mehr als auf Erkenntnis. Erkenntnis, - griechisch gnosis - das ist das Wissen darum, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das ist Einsicht in die Zusammenhänge unserer Welt im großen wie im kleinen. Erkenntnis, das sind genauso die Ergebnisse unserer wissenschaftlichen Bemühungen wie die private Deutung unserer Lebenszusammenhänge. Da ist es allemal gut, einen Interpreten und Kommentator zu haben. Aber auch einen Menschen, der übersetzen und einordnen kann.

Mit der Weisheit - griechisch der sofia - ist es noch einmal etwas anderes. Weisheit kann man nicht einfach erwerben. Sie fällt einem zu, und mit dem Lauf der Jahre hoffentlich immer mehr. Weisheit kann bedeuten, sich auch einmal scheinbar unvernünftig gegen für das Wesentliche zu entscheiden. Und gegen das, was sich nur rechnet. Weisheit lernt man nicht im Studium, auch nicht dem der Theologie. Und dennoch muss jeder Pfarrer auch ein Stück ein Weiser sein - ohne sich aufzudrängen, aber auch ohne überhört zu werden.

Die Jahreslosung aus dem Kolosserbrief spricht nun davon, dass die Schätze der Weisheit und der Erkenntnis in Christus verborgen liegen. Wenn dabei von einem Schatz die Rede ist, Weisheit und Erkenntnis zugleich auch bewertet. Kostbar sind sie. Gleichsam das Höchste, das worauf es ankäme. Diesen Schatz in Christus zu vermuten, ist mehr als eine schöne theologische Formel. Auf diese Weise werden beide - Weisheit und Wissen - gleichsam in den Horizont Gottes gestellt.

Weisheit und Erkenntnis - am Ende verdanken wir beides dem Wissen, dass uns das Entscheidende im Leben als Geschenk zufällt. Dass wir es nicht machen müssen. Dass wir auch aus uns nichts machen - dass wir nicht ins Rotieren kommen müssen, weil Gott ins Christus schon rotiert ist, damit wir zur Ruhe kommen.

"Unruhig ist unser Herz", hat schon Augustinus geschrieben - "unruhig, bis es Ruhe findet, o Gott, in dir". Insofern sollst du als Pfarrer zwar keine Werbung für den Kirchenschlaf machen. Aber doch für jenen heilsamen Wechsel - jene Brücke - zwischen Weisheit und Erkenntnis. Zwischen Arbeit und Ruhe. Zwischen Kampf und Kontemplation, wie Roger Schutz das genannt hat. Zwischen Werktag und Sabbat. Zwischen Beten und dem Tun des Gerechten.

Diese Aufgabe als Lebensaufgabe zu haben, ist bei aller Beanspruchung schon etwas Besonderes. Ja gewissermaßen ein Privileg. Lebbar muss sie bleiben. Und nicht einem allein aufgebürdet. Doch den Schatz, von dem die Jahreslosung spricht, kann man ohnedies nur gemeinsam heben. Und auch hier in Breisach gibt es genug Brückenbauer und Schatzsucher. Schön, dass du dich mit ihnen auf den Weg machen willst. Und ich bin sicher: Gott wird dich und diejenigen, die dich begleiten, immer wieder neu fündig werden - und dann auch zur Ruhe kommen lassen. Amen.

Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn