Predigt über Johannes 3,31-36
gehalten am 25. Dezember 2000 (Christfest)
in der Ludwigskirche in Freiburg


Weihnachten 2000 - und wieder fast konkurrenzlos: Weihnachten, liebe Gemeinde. Kein anderes Fest im Kirchenjahr - kein anderes Fest in unserem Kulturkreis hat seine Stellung so konkurrenzlos behaupten können wie eben Weihnachten. Die Individualisierung und die Privatisierung des Religiösen - das zahlenmäßig nicht mehr zu überschauende Angebot auf dem Markt der Religion und der Sinnstiftung - auch sie haben die unangefochtene Stellung von Weihnachten bislang nicht wirklich gefährden können.

Kein Fest erfreut sich so großer Beliebtheit. Und das weit in den Kreis derjenigen hinein, die ansonsten mit dem Sinn von Weihnachten nur noch wenig anfangen können. Weihnachten bringt Menschen wieder in Kontakt, wo lange nur Schweigen die vorherrschende Kommunikationsform war. Familien treffen sich - wie konfliktbeladen auch immer - in nur noch an Weihnachten so erreichten generationenübergreifenden Konstellationen an einem Tisch. Und in den Krisen- und Kriegsgebieten schweigen - zumindest manchmal sogar die Waffen.

Den Menschen in Israel und Palästina - in Bethlehem nicht zuletzt - und den Menschen überall da in der Welt, wo die Medien uns die Gewalt verschweigen, wär‚s allemal zu wünschen. Ein paar freundliche Worte und Gedanken in einer ansonsten vergifteten Athmosphäre. Weihnachten macht‚s - manchmal zumindest - möglich.

Ohne Konkurrenz - allerdings in einem ganz anderen Sinn - ist auch das vorweihnachtliche und manchmal schon nachsommerliche Treiben in den Geschäften. Konkurrenzlos der Kampf um die Marktanteile. König Kunde - so kann man manchmal den Eindruck haben - stiehlt den Heiligen drei Königen die Schau. Und die Ruheslosigkeit der von Adventsfeiern und Jahresabschlüssen gestressten Menschen braucht den Vergleich mit der an den Nerven zehrenden Herbergssuche vor 2000 Jahren keineswegs zu scheuen.

Weihnachten - das Fest ohne Konkurrenz! Dies gilt vor allem anderen schon für die Weihnachtsgeschichte selber. Alle Unterschiede - so scheint es - werden mit einem Mal aufgehoben. Armselige Hirten finden genauso ihren Platz im Stall wie weitgereiste königliche Herrschaften mit reichlich Geschenken im Gepäck. Maria, die junge Frau aus einfachen Verhältnissen, erhält himmlische Aufmerksamkeit in Gestalt eines sie besuchenden Engels. Josef, der Zimmermann, besinnt sich plötzlich wieder seines berühmten Urahn, des Königs David. Ochs und Esel machen ungeahnte Karriere. Und das besondere Kind, um das sich alles dreht - es kommt in einem Stall zur Welt.

Was ist das für eine Geschichte, die Weihnachtsgeschichte?! In ihrer Anrührigkeit, ihrer Schlichtheit und zugleich ihrer Größe und Ausstrahlung in beinahe jeder Hinsicht auch biblisch ohne Konkurrenz!

Weihnachten vielleicht schon - aber der, dessen Geburt wir heute feiern, er war nicht ohne Konkurrenz. Und das schon von Anfang an. Ich meine nicht die auch damals schon vorhandenen alternativen religiösen Angebot auf einem bunten Markt. Nein, Jesus hatte einen Konkurrenten, den nicht einmal die Bibel verschweigt. Dessen Worte heute sogar der vorgeschlagene Predigttext sind. Der große Konkurrent Jesu - das war Johannes der Täufer.

Vorläufer Jesu sei er gewesen, sagen wir. Die Stimme des Predigers in der Wüste. Der große Zeigefinger - so wie auf dem Isenheimer Altar von Matthias Gründewald, der von sich weg hin zu einem anderen weist: Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. Die Hierarchie zwischen beiden ist - so scheint es - geklärt. Die Arbeitsteilung geregelt. Nur: zwischen den biblischen Zeilen liest man auch noch anderes.

Jesus wird seliggepriesen im Magnificat der Maria. Johannes im Benedictus, dem Segensgedicht seines Vaters Zacharias. Das erzwungene Schweigen, das Gott dem Zacharias zuvor auferlegt hat - es ist genauso ein Indiz für den besonderen Erfolg dieses neugeborenen Kindes wie dessen späterer Erfolg als Prediger, als Mahner und Täufer in der Wüste.

Dieser Johannes hat Mut. Als Prediger fordert er die Soldaten zum Gewaltverzicht auf. Die im ganzen Land bekannten Frauengeschichten des Herodes Antipas, des Sohnes des uns aus der Weihnachtsgeschichte bekannten Herodes, geiselt er öffentlich. Johannes redet in einer Eindeutigkeit, die Eindruck macht - bis heute. Klare Worte spricht dieser Johannes, wie wir sie uns in dieser Welt und zumal an Weihnachten oft so sehnsüchtig wünschen und meist zugleich so schmerzlich entbehren.

Genau in der Tonlage redet Johannes, wie sie andere, wie etwa Judas Iskarioth, vergeblich von Jesus erwartet haben: die Tonlage der unerbittlichen und schonungslosen Offenlegung dessen, was ist. Johannes ist gewissermaßen ein Reich-Gottes-Fundamentalist. Er hat keine Angst, für seine Überzeugungen auch ins Gefängnis zu gehen.

Jesu Rede vom Reich Gottes ist aus ganz anderem, weicherem Holz geschnitzt. Jesus ist, wenn ich das so sagen darf, der menschenkundige, sanfte Reich-Gottes-Protagonist. Um die große Politik kümmert er sich nicht. Er spricht lieber vom Kommen der Herrschaft Gottes mitten in dieser Welt, verborgen unter den Zeichen und Gesten der Nächstenliebe. Aber selber legt dieser Jesus - wie es scheint - nicht Hand mit an. So wird sogar Johannes an Jesus irre und lässt aus dem Gefängnis nachfragen, ob denn Jesus nun der sein, für den andere ihn halten.

Überhaupt die Jünger! Jesus - so vermutet man mit guten Argumenten - war anfänglich selber ein Jünger des Johannes. Aber er löst sich aus seiner Anhängerschar heraus. Wird selbständig. Bekommt allmählich immer mehr Zulauf. Mehr auch als Johannes. Die Johannes-Jünger spüren, wie ihnen die Fell davonschwimmen. Sie laufen zur Gallionsfigur ihrer Bewegung und beklagen sich: Du, Johannes, dieser Jesus, der doch bis vor kurzem zu uns gehörte: jetzt tauft er selber, und er hat schon mehr Anhänger als du.

Für die Evangelisten ist dieser Streit schon damals entschieden. Johannes ist auf dem absteigenden Ast. Der neue Stern am Himmel, der Hoffnungsträger Gottes, das ist Jesus. Stand nicht schon seine Geburt unter einem besonderen Stern? Und nicht ohne Grund bringt der Evangelist Johannes das Verhältnis zwischen Jesus und dem Täufer Johannes auf die berühmte, schon einmal zitierte Formel: "Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen."

Für die Evangelisten-Sicht ist damit das Konkurrenz-Verhältnis zwischen beiden vorbei. Johannes hat seine Zukunft schon hinter sich. Jesus hat sie noch vor sich. Und im Rückblick wissen wir, dass die Jesus-Leute auf‚s richtige Pferd gesetzt hatten. Den Johannis-Tag am 24. Juni feiern wir nur noch sehr verhalten; jener Tag, ab dem die Dauer der Tage abnimmt und die der Nächte dagegenwächst.

Der 25. Dezember, auf den die Kirche in Übernahme eines römischen Festtermins das heutige Christusfest gelegt hat - es strahlt alle Jahr wieder konkurrenzlos heraus aus all den übrigen Feierangeboten, die man uns Menschen macht. Die Konkurrenz zwischen Jesus und Johannes - sie ist keine unendliche Geschichte. Und Johannes selber erklärt seinen Jüngern, warum das Gleichgewicht zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Gottesboten so ganz aus der Balance geraten ist: Nicht ich bin‚s, auf den es am Ende ankommt, sondern er. "Er muss wachsen. Ich aber muss abnehmen."

Genau an dieser Stelle in der Selbstcharakteristik des Johannes setzt der Predigttext zum heutigen Christfest ein, auf den sie nun so lange haben warten müssen. Hören sie auf Worte aus dem 3. Kapitel des Johannes-Evangeliums. Dort heißt es in den Versen 31 - 36:


31 Der von oben her kommt, ist über allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über allen
32 und bezeugt, was er gesehen und gehört hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an.
33 Wer es aber annimmt, der besiegelt, daß Gott wahrhaftig ist.
34 Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Maß.
35 Der Vater hat den Sohn lieb undhat ihm alles in seine Hand gegeben.
36 Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.


Durchaus ungewöhnliche Worte für einen Gottesdienst zum Fest der Weihnacht, liebe Gemeinde. Keine zu Herzen gehende Geburtsgeschichte Jesu. Nichts, was unserer weihnachtlichen Gestimmtheit entgegenkäme. Ungewöhnlich auch in der Sprache. Jesus wird beschrieben als der, "der von oben kommt". Jesus, der Sohn, der vom Himmel und vom Vater her in die Welt kommt. Und niemand nimmt von ihm Notiz.

Fremd war die Sprache und die Theologie des Evangelisten Johannes schon den Menschen früherer Jahrhunderte. Und ganz offen wurde die Vermutung geäußert, das Johannes-Evangelium sei überhaupt nur deshalb in den Kanon des Neues Testamentes aufgenommen worden, weil man Johannes, den Jünger Jesu, für dessen Autor gehalten hatte.

Wie eine Frendsprache muss man die Denkweise dieses Johannes verstehen lernen. Wie ein Restaurator sorgfältig die verschiedenen Schichten von dessen Jesus-Gemälde abtragen, um dann am Ende doch noch die Weihnachtsgeschichte zu entdecken in seinen Worten.

"Der von oben kommt, ist über allen." Von oben kommen und im Stall geboren werden, das ist kein Gegensatz. Derart wird dieselbe Geschichte aus jeweils anderen Blickwinkeln in Worte gefasst. Alles Gute kommt von oben auch im Weihnachts-Evangelium des Lukas: die Engel etwa, die den Hirten nächtens bei ihren Schafen erscheinen. Das Licht jener Himmelerscheinung, die den Magiern aus dem Osten den Weg zur Krippe gewiesen hat. Und eben auch der, der Mensch wird wie wir, und in dem doch die ganze Fülle dessen, den wir nicht fassen können, gegenwärtig ist: Geehrt bei Gott in der Höhe: Friedenschaffend bei den Menschen, an denen Gott seine Freude hat.

Die vertraute Weihnachtsgeschichte des Lukas übersetzt und veranschaulicht die steile, geheimnisvoll anmutende Theologie des Johannes. Bringt die in alltäglichen Erfahrungen und verständlichen Bildern zur Sprache. "Der vom Himmel kommt, dessen Botschaft niemand an." So schreibt Johannes. Lukas erzählt einfach die Geschichte von der Herbergssuche und der Geburt im Stall, weil sie "sonst keinen Raum hatten in der Herberge."

"Gott gibt seinen Geist ohne Maß", ohne Einschränkung - so formuliert Johannes. Und Lukas lässt einfache Hirten zu Boten Gottes werden: "Und als sie das Kindlein gesehen hatten" - so lesen wir‚s in den vertrauten Worten der Weihnachtsgeschichte - "breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kindlein gesagt war."

"Wer an den Sohn glaubt, der hat das Leben. Wer ihm nicht glaubt, über dem bleibt der Zorn Gottes." Spätestens mit dieser Aussage jedoch setzt sich der Evangelist Johannes von seinen Kollegen Lukas und Matthäus ab. Von Gottes Zorn ist in deren Weihnachtsgeschichten nichts zu lesen. Während sie im Stall verweilen, zieht Johannes die Linien weiter.

Mit einer romantisierenden Geburtsgeschichte ist es nicht getan. Dass Gott das Leben liebt, das kann man ablesen auf dem Gesicht des neugeborenen Kindes. Dass wir selber aber auch leben sollen als solche, die das Leben lieben - ja dass dieses Kind einmal den Maßstab dafür hergeben würde, was menschlich leben und das Leben lieben in radikaler Zuspitzung erst wwirklich heißt, das konnte man nicht ahnen in der ersten, der ursprünglichen Christnacht. Diese Erkenntnis erschließt sich erst vom Ende dessen her, der in der ersten Christnacht seinen Ausgang nahm.

Von diesem Ende her aber können wir schon über den Anfang wissen: Im kargen Stall von Bethlehem berühren sich Himmel und Erde. Kleines wird groß. Unscheinbares trägt den Keim des Unfassbaren in sich.

  1. Ein Kind, geboren in einer Absteige - und bei dem großen Herrn im Palast macht sich schon die große Furcht breit.

  2. Bethlehem, eine Ortschaft von Rom aus allenfalls im Hinterhof des Reiches gelegen - Doch kein Jahrhundert später sehen sich die Nachfolger des Augustus veranlasst, eine gewaltige Verfolgungsmaschinerie in Gang zu setzen.

  3. Der Stall, ein Unterschlupf, gefunden im rechten Augenblick - und zugleich ist damit die Botschaft verbunden, dass Gott uns Menschen nicht im Regen stehen lässt.

  4. Ein unbekannter Stern - und zugleich die Erinnerung daran, dass wir alle unter der Bewahrungs-Zusage des Regenbogens leben.

  5. Ein winziges Bündel Leben nur - und zugleich der Anfang de Botschaft, dass das Leben unsere tödlichen Grenzen zu sprengen vermag.

  6. Die Geburt eines Menschen als Hinweis darauf, dass wir - im Bild gesprochen - alle von neuem geboren werden müssen, um die beglückende Erfahrung des Reiches Gottes zu machen.


Nicht umsonst geht das Nacht-Gespräch Jesu mit dem Pharisäer Nikodemus, aus dem diese letzte Erkenntnis stammt, Zusammenhang des Predigttextes unmittelbar voraus.

Im Bild einer Erzgebirgsidylle wird in der Weihnachtsgeschichte des Lukas der Kälte und dem Bösen der Kampf angesagt. Johannes zieht die Konturen härter und klarer. Und auch wenn man‚s im Stall noch nicht wissen konnte: Was damals geschah in Bethlehem, gehört zur Alltäglichkeit jeden Lebens in jeder Generation - und ist doch ohne Konkurrenz.

Die Kraft der Liebe gegen den Augenschein -die Anmut des geringen, in dem sich wahre Größe offenbart - sie entzieht sich jedem Hang zur Vermarktung und zur Berechenbarkeit. Sie hat am Ende den längeren Atem, weil sie von oben ernährt wird und von innen.

Johannes der Täufer wollte mit der Auferbietung aller seiner Kräfte und dem Appell an die unsrigen diese Welt verbessern. Das Kind in der Krippe lehrt uns die Welt aus den Möglichkeiten des Gottvertrauens und der schöpferischen Liebe zu verwandeln Nicht ohne uns. Aber aus einer Kraft heraus, die nicht in uns selber ihre Wurzeln hat. Gleichsam geschenkt.

Wer sich verschenkt, entzieht sich jeder Vergleichbarkeit und jeder Konkurrenz. Genau das ist es, was wir an Weihnachten feiern.

Und der Friede des Kindes in der Krippe, dessen Geburt wir heute wieder feiern, bewahre unsere Herzen und Sinne und lasse uns alle zu Friedensstiftern werden. Amen.
Traugott Schächtele

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