Andacht zu Beginn der Amtlichen Pfarrkonferenz
am Donnerstag, den 16. November 2000
im Melanchthonsaal in Freiburg



L: Im Namen des Vaters und des Sohnes ...
A: Amen.
L: Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
A: der Himmel und Erde gemacht hat.

Psalm 1 (Bearb. Uwe Seidel) im Wechsel

EG 268,1-3

Liebe Schwestern und Brüder,

Ich gestehe es freimütig: "Ich bin gerne Protestant!" Ich könnte mich im Blick auf meine religiös-kirchliche Zuordnung durchaus auch anders bezeichnen. Und nicht selten tue ich es auch. Und je nachdem, mit wem ich es gerade zu tun habe mit anderen Worten.

Zunächst: Natürlich bin ich Christ oder sachlicher ein Angehöriger oder ein Mitglied der christlichen Religion. Diese Beschreibung treffe ich am ehesten gegenüber Menschen, die einer anderen religiösen Gemeinschaft angehören. Oder die sich selbst als Agnostiker oder als Atheisten bezeichnen. Der Satz. "Ich bin Christ" stellt mich in einen Traditionszusammenhang. Macht meinem Gegenüber klar, dass ich zur Großgruppe der Menschen gehöre, deren monotheistischer Glaube sich im Hinblick auf die Bedeutung des Jesus von Nazareth von anderen monotheistischen Religionen oder gar von anderen Religionen überhaupt unterscheidet.

Ein Bekenntis kann, aber muss dieser Satz nicht sein. Schließlich gibt es sogenannte "nichtpraktizierende" Christinnen oder Christen, die kaum Verbindung zu ihrer Kirche haben, ohne dass dies den völligen Bruch mit ihrem religiösen Wurzelgrund bedeutet.

Ich bin gläubig, sagen manche dann noch erläuternd hinzu. Dieser Satz hat dann sehr wohl schon bekennenden Charakter. Und stellt zugleich auch in eine religiöse Gruppe mit eigenen theologischen Prioritäten. Sie unterteilt die Gruppe der Christen in eine Minderheit von gläubigen und eine Mehrheit von ungläubigen Christenmenschen. Und vor dem Urteil, ungläubig zu sein, ist man dann nicht einmal als Gemeindediakon oder als Pfarrerin gefeit.

Man kann sich aber auch konfessionell gebunden charakterisieren. Dann gilt: "Ich bin evangelisch!" Es ist gut, evangelisch zu sein. Formal heißt das zunächst: jedermann und jedefrau weiß dann, dass derjenige, der oder die dies sagt, weder römisch-katholisch noch orthodox ist. Erst durch nähere Beobachtung oder durch konfessionskundliche Kenntnisse, weniger durch profunde Selbstcharakteristik lässt sich dann weiterhin festestellen, ob ich evangelisch-lutherisch, evangelisch-reformiert oder gar landesklirchlich-uniert bin. Ich könnte aber genauso gut einer der evangelisch-freikirchlichen Gemeinden angehören. Die Zuordnung würde das jedoch keineswegs leichter machen.

Bleibt ein drittes, wenn ich sage: "Ich bin Protestant!" Und wie gesagt: ich bin es gerne. Wo man den Mut hat, sich so zu etikettieren, sind die Reaktionen widersprüchlich. Den einen ist dieser Begriff längst nichtssagend fremd. Wer erinnert sich denn wirklich noch daran, dass die feierliche Protestation der evangelischen Reichsstände auf dem Reichstag zu Speyer im Jahre 1529 so etwas wie die Geburtsstunde des öffentlich wirksamen Protestantismus darstellt? Ganze 6 Fürsten und 14 oberdeutsche Städte hatten am 19. April 1529 den Mut, sich gegen die herrschende kaiserliche Regierungslinie zu stellen und Ferdinand, dem Bruder des Kaisers, eine eigene theologische und politische Positionsbestimmung in Gestalt einer Protestation übergeben zu lassen.

Klar wird, dass die evangelische Bewegung gerade in ihrer Gründungsphase nichts Leisetreterisches an sich hatte, wie unterschiedlich die jeweiligen Naturelle und die Bereitschaft oder die Fähigkeit zum Kompromiss auch immer waren.

Ohne den energischen, auch im Bereich des Politischen öffentlich geäußerten Protest wäre die evangelischen Dissidenten heute womöglich nur eine Fußnote in geschichtlichen Standardwerken wert. Doch dieser Protest war keine Ausnahme. Ja er hatte geradezu System, im Bereich der oberdeutschen Reformation zürcher Prägung aber noch mehr als im Luthertum.

Da gab es das beliebte Mittel der Predigtstörung. Bibelkundige Bauern und Handwerksgesellen widersprachen ihren nichtevangelischen Predigern immer wieder lautstark im Gottesdienst. Da gab es die Feier des Heiligen Abendmahls in unerlaubter Weise unter beiderlei Gestalt. Da gab es Mönche, die heirateten oder gar die päpstliche Bannbulle öffentlich verbrannten. Die Geschichte der Reformation ist ab einem bestimmten Punkt, von dem aus das Rad zur Einheit so leicht nicht wieder zurückzudrehen war, gerade zu eine Verkettung des öffentlich inszenierten Protestes.

Wieso sollten oder gar wollten wir keine Protestantinnen oder Protestanten mehr sein. Dabei haben die Evangelischen diese Tradition bis in die jüngere Vergangenheit hinein sehr wohl fortgesetzt. Frauen, die ins Pfarramt berufen werden; Menschen, die nach einer gescheiterten Ehe erneut in einer Kirche getraut werden; Synoden, denen wir zutrauen, im Vertrauen auf den heiligen Geist Kirche zu leiten - dies alles sind doch Zeichen des Protestes gegen Strömungen und Traditionen, die dies anders sehen und die Kirche anders gestalten. Ja noch mehr, wahrscheinlich können wir uns der Wahrheit anders als im Streit unserer Protestationen gar nicht wirklich annähern.

Darum habe ich keine Mühe, mich als Protestant zu outen oder gar protesantisches Profil anzumahnen. Evangelisch sind im nichtkonfessionellen Bedeutungszusammenhang auch Menschen mit römisch-katholischem Bekennntis; genauso wie wir Evangelischen uns mit gutem Recht auch katholisch nennen können.

Wo wir uns aber auf die protestantischen Wurzeln besinnen, legen wir offen, dass wir allemal Suchende sind und bleiben werden. Dass uns bestimmte Wege nicht mehr gangbar scheinen. Dass wir es gelegentlich sogar riskieren - um es mit Peter Handke zu sagen - , vertraute Gewohnheiten gegen neue Irrtümer einzutauschen. Und all dies nur, um die Wahrheit auch da zu suchen, wo wir sie bisher nicht einmal vermutet haben. In diesem Sinn ist der Rekurs auf das Protestantische am Ende hoffentlich auch nicht mehr allein konfessionell zu vereinnahmen.

Wenn wir uns heute nun auch im Rahmen dieser Pfarrkonferenz mit der "Erklärung Dominus Iesus" befassen, dann geschieht das sehr wohl in Anlehnung an die protestantische Tradition unserer evangelischen Kirche. Und ich weiß mich dabei mit manch römischem Protestanten sehr wohl verbunden.

Zu "Dominus Iesus" ist seit der Veröffentlichung dieser Erklärung viel Streitbares und Erregtes, aber auch viel Erläuterndes und Einordnendes gesagt worden. Kein Zweifel - "Dominus Iesus" war für viele eine Pro-Vokation - im ursprünglichen Sinne des Wortes. Pro-vovare heißt. Hervorrufen. Und der Text der vatikanischen Kongregation für Glaubenslehre hat einiges an Wirbel hervorgerufen - nicht zuletzt auch an Einsicht auf unserer evangelischen Seite dahingehend, dass wir uns zu eigenen ekklesiologischen Klärung verlocken lassen.

Die ersten Reaktionen auf die Provokation trugen sehr wohl Züge des Protestes; waren bisweilen protestantisch im guten und im weniger guten Sinn des Wortes - je nachdem.

Der laute Protest ist leiser geworden. Was wir uns für heute Vormittag vornehmen, ist eine andere Spielart des Protestes; ist gleichsam konstruktiver, aufbauender und weiterführende Protest. Und gerade auch in dieser Hinsicht bin ich heute morgen gerne Protestant. Und wir wären ein gutes Stück weitergekommen auf dem Weg zu einer protestantischen Identität. Der liebe Gott, so hoffe ich, ja fast möchte ich sagen, dessen bin ich sicher - der liebe Gott, könnte darum gerade auch heute morgen an uns seine Freude haben. Amen.

Lasst und miteinander beten:

Gebet
Gott, es ist keine leichte Aufgabe, Protestantin und Protestant zu sein. Aufzustehen, wo man uns klein machen und klein halten will. Aufzubrechen, wo vorgefertigte Meinungen und zu kleiner Mut, der Phantasie Grenzen setzen. Unseren Mund aufzumachen, wo andere darauf hoffen, dass wir lieber wegsehen und schweigen. Aufzuspringen und dich ins Spiel zu bringen, wo wir mit kleinkarierten Rechnungen für die die Zukunft nur schwarz sehen.

Nein Gott, du hast uns die Gabe geschenkt zu protestieren - am allerlautesten und allerstärksten gegen den Irrglauben, möglich sei nur das, was wir mit eigenen Kräften schaffen und machen könnten. Möglich sei das Leben nur bis an die Grenze des Todes.

Hilf uns unseren eigenen Protest aushalten und beglücke uns mit der Gabe des langen Atems, in der dein lebendig machender Geist Gestalt gewinnt unter uns. Amen.

EG 268,4+5


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn