Grusswort anlässlich der Eröffnung der Wanderausstellung
"MENSCHEN IN BETHEL - EINE KLASSE FÜR SICH?
Am 14. November 2000 im Foyer des KG II der Universität



Sehr geehrter Damen und Herren,

die Gelegenheit, anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Menschen in Bethel - eine Klasse für sich" einen kleinen Beitrag der Würdigung und des Grußes vorauszustellen, will ich gerne annehmen. Und ich will den Veranstaltern gerne auch den Wunsch nach gutem Gelingen seitens des Evangelischen Kirchenbezirkes überbringen, den ich zu leiten habe. Ebenso - und in Absprache mit unserem Geschäftsführer Ulrich Arnold - aber auch die Grüße des Diakonischen Werkes und des Diakonievereins hier in Freiburg, für die ebenfalls mit in der Vorstandsverantwortung stehe.

Sie haben hinter ihr Ausstellungsmotto ja ein Fragezeichen gesetzt, und bringen damit zum Ausdruck, dass die Menschen in Bethel gerade keine Klasse für sich sein wollen. Sonst wäre ja auch diese Ausstellung gar nicht nötig.

Auf der anderen Seite ist unbestritten, dass die Einrichtungen in Bethel und die Menschen, die dort leben und arbeiten, natürlich eine Klasse für sich sind. Bethel ist teilweise geradezu ein Synonym für die Diakonie und ihre Einrichtung in unserem Land, mit einer öffentlichen Reputation und einem Bekanntheitsgrad wie in kaum einem anderen Fall.

Diese Einschätzung reicht weit in die Tage meiner Kindheit zurück, wo mir Bethel in verschiedenster Weise immer wieder begegnet ist. Das Briefmarkensammeln für Bethel gehörte für mich wie für viele andere schon seit Kindergottesdiensttagen zu den bis heute nicht mehr revidierten Gewohnheiten. Vielleicht lässt sich dafür mit dieser Ausstellung sogar die Universität gewinnen, wenn sie nicht ohnedies schon in den nach vielen Tausenden zählenden Kreis der Briefmarkensammler für Bethel gehört.

Bethel, das war die Quelle, der die alljährlich zugesandten Kalender entstammten. Ebenso der Zielort der alljährlichen Kleidersammlung. Und wie viele andere habe ich mir auch meine ganz eigenen Vorstellungen von der mit großer Geheimniskraft umgebenen Brockensammlung gemacht. Erst ein Besuch vor vielen Jahren hat mitgeholfen, dem diakonischen Mythos Bethel Fleisch und Blut zu verleihen und eigene Erfahrung und Anschauung damit zu verbinden.

Ihre heute hier eröffnete Ausstellung kann dazu auf andere Wiese ebenfalls einen Beitrag leisten. Sie ist der bemerkenswerte Versuch, einer Grenzüberschreitung in drei Punkten. Und eben dafür ist der Name Bethel ein Programm.
  1. Da ist zunächst der Bezug auf die biblische-Bethel-Ethymologie aus Genessis 28. Dort wird ja bekanntlich berichtet, wie Jakob auf der Flucht vor seinem Zwillingsbruder Esau sein Haupt auf einen Stein legt und im Trau die Erscheinung einer Leiter hat, die bis zum Himmel reicht. "Hier ist nichts anderes als die Pforte des Himmels und Gottes Haus", sagt sich Jakob darum am nächsten Morgen. Und damit wird klar, dass es sich beim Namen Bethel nicht um einen Ausdruck irgend eines uns Südländern unbekannten westfälischen Dialektes handelt. Bethel heißt Haus Gottes. Bethel, das ist in der biblischen Tradition der Himmel zur Erde hin öffnet.

  2. Die zweite Grenzüberschreitung hat sich diese Ausstellung sicherlich in dem Sinn vorgenommen, dass sie Bethel über seine geographische Verortung hinaus bekanntmachen und öffnen will. Insofern ist die Ausstellung in einem guten und legitimen Sinn Öffentlichkeitsarbeit. Wer gute Arbeit macht, und zugleich auf Unterstützung angewiesen ist, kann gar nicht darauf verzichten, andere über die Qualität, aber auch die Quantität seines Tuns in Kenntnis zu setzen. Insofern können die Einrichtungen in Bethel auf diese Art der Grenzüberschreitung in Form dieser Ausstellung gar nicht verzichten.

  3. Die dritte Weise der Grenzüberschreitung ist zugleich die wichtigste. Sie dient dem Bemühen, Grenzen in unserem Denken zu überschreiten, falsche und vorschnelle Rollenzuweisungen und Zustandsbeschreibungen überwinden zu helfen. Indem hinterfragt wird, was wir so gerne als krank bzw. gesund, als normal oder nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechend - manchmal auch als die da draußen und die da drinnen - klassifizieren, wird klar, dass die Menschen in Bethel zwar klasse sind, aber eben keine Klasse für sich.


Diesem Anliegen sind wir auch in unserer vielfältigen diakonischen Arbeit hier in Freiburg verpflichtet. Und wir verbinden mit dieser Ausstellung die Hoffnung, dass die hoffentlich zahlreichen Besucherinnen und Besucher erkennen, dass das, was hier im Blick auf Bethel dokumentiert wird, in gleicher Weise auch für die Menschen in den zahlreichen diakonischen Einrichtungen dieser Stadt gilt. Diakonie ist und bleibt eine wesentliche und ganz zentrale Lebensäußerung der Kirche - in Bethel und Freiburg und anderswo. In dieser Überzeugung begrüßen wir auch kirchlicherseits die Veranstalter dieser Ausstellung ebenso wie diejenigen, die sich hier von ihr ansprechen lassen. Es ist gut, dass diese Ausstellung nun auch den Weg hierher nach Freiburg gefunden hat. Schließlich sind auch wir hier in Freiburg eine ganz besondere Klasse für sich. Noch einmal den Gästen und den Besucherinnen und Besuchern : herzlich Willkommen und gutes Gelingen.

Ich danke ihnen.

Traugott Schächtele

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