Ansprache anlässlich der Einführung
von Karen Hinrichs und Dietrich Becker-Hinrichs
als Pfarrehepaar in der Gemeinde March-Hochdorf
am Sonntag, den 8. Oktober 2000 (16.S.n.Tr.)



Liebe Gemeinde,

seit zwei Monaten ist das Pfarrhaus nun schon wieder bewohnt. Seit dem 1. September, also seit gut fünf Wochen amtieren ihre neuen Pfarrersleut‚ nun schon wieder. Ehe sie sich nun schon wieder beginnen, sich aneinander zu gewöhnen, ist es höchste Zeit, dass wir ganz offiziell die Einführung in die Pfarrstelle miteinander feiern. Ein erster Schritt ist mit der Vorstellung in Hochdorf schon erfolgt. Heute nun also der Einführung zweiter Teil.

Mehr als ein Dutzend Einführungen Einführungen habe ich in den knapp zweieinhalb Jahren dekanatlicher Tätigkeit schon vornehmen können. Und dennoch ist das heute auch für michg wieder eine Premiere. Denn ich habe bislang noch kein Pfarrehepaar eingeführt. Dass das noch einmal etwa ganz anderes ist, merkt man scho daran, dass für diesen Tag und diesen Anlass gleich zwei Urkunden auszufertigen waren. Den Text dieser beiden Urkunden möchte ich jetzt erst einmal verlesen:

Verlesung der Urkunden

Ganz wenige, dürren Worte sind das,. Worte, die über euch als Person keine, schon gar keine persönliche Aussage machen. Deshalb ist jetzt erste einmal Gelegenheit, dass ihr beide euch noch einmal ganz persönlich vorstellt.

Liebe Karen, lieber Dietrich,

fast nichts gibt es, was ich heute morgen lieber unternähme, als euch beide hier einzuführen in eure neue Pfarrstelle einzuführen. Und ich glaube, wir brauchen auch gar nicht den Eindruck zu erwecken, als dass wir uns hier zum ersten mal begegnet wären. Wir kennen uns seit Studientagen bzw. den Monaten der Praktischen Ausbildung im Heidelberger Petersstift. Und ich möchte auch gar nicht verhehlen, dass wir uns nicht nur kennen, sondern uns gegenseitig auch sehr wohl zu schätzen wissen.

Ich für meinen Teil bin außerordentlich glücklich, dass ihr nun hierher gewechselt habt. Ihr bereichert die Gruppe der hauptamtlich Mitarbeitenden hier im Kirchenbezirk. Und ihr seid eine sehr gute Wahl auch für diese Gemeinde. Natürlich ist die Zeit, die ihr jetzt hier lebt und arbeitet, noch viel zu kurz, um schon einiges in Bewegung gebracht haben zu können. Noch lebt ihr hier vor allem von dem Vertrauen, das euch die Menschen hier entgegenbringen. Von den Hoffnungen, die mit eurer Stellenübernahme verbundenen sind. Von den geweckten Träumen, manches noch einmal ganz beginnen und ganz anders machen zu können.

Aber ohne dieses Kapital - das wisst ihr - könnt ihr es ohnehin nicht wagen, Pfarrerin und Pfarrer zu sein. Allein mit dem, was wir uns erarbeiten, allein mit dem, was uns gelingt, können wir es ohnedies nicht schaffen. Das Entscheidende im Leben widerfährt uns immer als Geschenk. Es fällt uns zu. Es wird möglich, wenn schon nicht gegen, dann zumindest doch ohne unser Zutun. Diese Einsicht ist die wesentliche Entlastung in einem Beruf, der einem immer wieder die eigenen Grenzen aufzeigt. Die unserer Möglichkeiten. Die unserer Belastbarkeit. Die unserer Fähigkeit, tatsächlich etwas verändern zu können.

Ihr müsst es als Pfarrerin und als Pfarrer gar nicht richten. Und schon gar nicht allein. Vertrauen muss nicht gänzlich neu erarbeitet werden. Es ist schon da. Die Überzeugung, mit euch gut bedient zu sein, ist nicht abhängig von der Dicke eures Terminkalenders. Sondern davon, ob es euch gelingt, die Menschen, für die ihr Verantwortung habt, ins Herz zu treffen. Und nicht selten ahnt ihr nicht einmal, dass eure Worte auf guten Boden gefallen sind. Dass ihr Orientierung gegeben habt, wo euch nicht einmal selber völlig klar war, wohin die Reise des Lebens eigentlich gehen soll. Das ist das Bemerkenswerte. Das besondere am Pfarrberuf. An eurer Profession.

Dabei hat es die Struktur eurer neuen Gemeinde ja durchaus in sich. Zwei Gemeindeteile mit je eigenen Gebäuden. Eigenen Ältesten. Eigenem Selbstbewusstsein. Eigenen Erwartungen. Da ist es gar nicht schlecht, dass ihr zu zweit seid. Und eingebettet in ein Team von Mitarbeitenden. Mit Frau Rau, der gemeindediakonin. Mit Herrn Reimann, Herrn Stemmer, Frau Thiel und wie sie alle heißen. Mit engagierten Ehrenamtlichen, die schon daran gewohnt sind, dass sie gefördert und gefordert, aber hoffentlich nicht überfordert werden.

Dies alles weiß ich bei euch in guten Händen. In guten Händen weiß ich bei euch aber auch die deutliche und profilierte Umsetzung der Guten Nachricht von der Menschenfreundlichkeit Gottes, für deren Verbreitung in March und Hochdorf ihr jetzt in die Verantwortung genommen seid. Die Themen des Prozesses für Gerechtigkeit, für Frieden und für die Bewahrung der Schöpfung sind euch wichtig. Und vielen anderen, die mit euch hier Gemeinde sind, auch.

Und auch wenn das Schweigen manchmal die ehrlichere Antwort ist, wo Worte nur verletzend oder nichtssagend sein können - manchmal gibt es eben auch Situationen, in denen das klare, das eindeutige und das parteiergreifende Wort von euch - von uns allen gefordert ist: Wenn die rechte Gewalt überhand nimmt und andere nur zu- oder gar wegsehen. Wenn Synagogen zum Angriffspunkt täglich neuer Anschläge werden. Wenn Menschen Angst haben und sich in unserer Mitte nicht mehr sicher fühlen. Dann ist das klare aufdeckende Wort nötig. Und ich weiß, dass ihr dazu den Mut habt. Auch deshalb brauchen wir euch beide - hier in March und Hochdorf. Und auch im Kirchenbezirk und in der Landeskirche.

Klare Worte sind in den letzten Wochen auch in der evangelisch-katholischen Ökumene gefallen. Auf beiden Seiten. Aber nicht immer gerade in völliger Übereinstimmung. Ihr seid Garanten dafür, dass die Ökumene hier vor Ort keinen Schaden nimmt. Und sich auch nicht mehr eindämmen lässt. Wer hier Dämme errichtet, wird schon bald Zeuge dafür sein, dass sie der Wucht der gemeinsamen ökumenischen Visionen nicht standhalten werden. Ein gute Stück an diesem gemeinsamen Bau der Kirche Gottes wird auch hier gebaut. Dies soll und es wird - da bin ich sicher - auch für euch ein zentrales Anliegen bleiben. Wir sollten uns mit unseren konfessionellen Eigenheiten nicht so wichtig nehmen. Gefordert ist eher der Mut und etwas ökumenische Frechheit!

Die neutestamentliche Lesung für diesen 16. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest beginnt mit dem wunderschönen Bekenntnis, dass sie alle kennen:

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Dies könnte tatsächlich so etwas wie das Motto der vor euch liegenden Zeit in dieser Gemeinde March-Hochdorf sein. Zuspruch und Anspruch in einem. Eine Wegzehrung aus dem Leben ermöglichenden Schatz der Bibel. Ihr habt keinen Grund zur Furcht. Aber genügend Anlass, der verwandelnden Kraft Gottes viel, ja alles zuzutrauen - in Liebe und in der nötigen Besonnenheit. Amen.

Traugott Schächtele

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