Ansprache anlässlich der Einführung
von Pfarrer Rudolf Atsma
in der Auferstehungsgemeinde Freiburg
am Samstag, den 30. September 2000 (Vorabend Erntedank)


Lieber Herr Atsma,

der erste Monat ihrer Zeit als neuer Pfarrer der Auferstehungsgemeinde liegt nun schon wieder hinter ihnen. Gut vier Wochen, die wahrscheinlich wie im Flug an ihnen vorübergerauscht sind. Eine neue Wohn- und Lebenssituation. Neue Gesichter. Neue Erfahrungen. Nicht immer leicht zu durchschauende Strukturen. In der Kirche. In der lokalen Politik. Im Beziehungsgeflecht der Mitarbeitenden.

Vier Wochen, in denen sie keine andere Wahl hatten, als sich einzulassen auf Neues. Ich weiß nicht, wie ihnen diese erste Zeit bekommen ist. Ich fremdle gerne etwas, wenn allzuviel Neues auf einmal auf mich einströmt. Aber ich bin merkwürdig unzufrieden, wenn gar kein neuer Schimmer am Horizont auftauchen will. Irgendwie muss es ihnen ähnlich ergangen sein, sonst hätten sie sich den Wechsel aus dem sicher etwas beschaulicheren Wilhelmsfeld in das unruhig vor sich hin pulsierende Freiburg nicht zugemutet.

Neues motiviert. Fordert heraus. Setzt neue Energien und Kreativität frei. Es ist gewissermaßen wie ein Sprung in kühles Wasser. Am Anfang kann einem die Frische noch etwas zusetzen. Aber wenn man sich daran gewöhnt hat, kann man sie so richtig genießen.

Ich wünsche ihnen, dass es ihnen heute so ähnlich ergeht. Gesprungen sind sie mit ihrer Bewerbung. Angekommen dann beim Begrüßungsgottesdienst am 10. September. Und jetzt kommt ihnen manches schon wieder so halb vertraut vor. Die ersten 100 Tage sind in mancher Hinsicht fast die spannendsten. Nicht nur eine Schonfrist, die andere uns gewähren. Vielmehr liegt in ihnen die große Chance des Anfangs verborgen, die ansteckt. Mut macht. Perspektiven setzt.

Wenn man neu anfängt, bekommt man darum nicht selten das Hemd des Hoffnungsträgers übergezogen. Hoffnungen, ausgesprochene und unausgesprochene, sind auch an ihre Person gebunden. Und diese Hoffnungen beinhalten gleich zweierlei: die Sehnsucht nach Kontinuität. Und die Erwartung des noch einmal ganz anderen. Zum einen wie zum anderen möchte ich etwas sagen.

Zunächst zur Kontinuität: Auch wenn niemals alle die gleichen Sehnsüchte teilen. Es gibt die Erwartung, dass sie die Auferstehungsgemeinde auf dem Weg begleiten, den sie über viele Jahre mit ihrem Vorgänger schon gegangen ist: als Gemeinde, mit einem klaren Profil. Als Gemeinde, die sich dem Thema Gerechtigkeit verbunden weiß. Als Gemeinde zugleich, die ihr Christsein im ökumenischen Miteinander und nicht in der ängstlichen Abgrenzung gestalten möchte. Hier vor Ort. Und zugleich in weltweiter Geschwisterlichkeit.

Und nach dem, was ich von ihnen weiß und was ich von ihnen auch in der Zeitung gelesen habe, habe ich die frohe Zuversicht, dass wir mit ihnen rechnen können. Gerade auch dann, wenn es gilt, als Gemeinde Menschen,- die auf welche Weise auch immer - bedroht sind, schützende und bergende Räume anzubieten. Lieber Herr Atsma, wir brauchen sie hier in Freiburg. In unserer eigenen Arbeit und in der Verbundenheit der Schwesterkirchen. Mit der Diskussion, wer da Mutter ist oder Tochter oder bestenfalls Stiefschwester ist, mögen andere ihre Zeit vertreiben. Hier im Freiburger Osten - im Einzugsbereich von "Kirchnost" - gehen die ökumenischen Uhren längst anders. Und schon gar nicht zurück. Und das ist gut so.

Genauso wie das Thema Kontinuität ist mir aber auch das andere wichtig. Mit ihnen beginnt auch eine neue Wegstrecke dieser Gemeinde. Sie sind ein Original, ein Mensch, dessen Besonderheit ausstrahlt. Andere Menschen anspricht. Neue Themen in den Blick rückt. Andere Töne zum Klingen bringt. Mit einem Blick auf das Tierreich könnte man fast sagen: Sie beide, sie, lieber Herr Atsma und diese Auferstehungsgemeinde, sie häuten sich gewissermaßen. Und wie zur äußerlich sichtbaren Symbolik war ja in den letzten Monaten auch ihre Kirche zunächst eingepackt. Und dann auch wieder ausgepackt.

Kontinuität und Neuanfang - beides wird mit ihrer heutigen Einführung gewisssermaßen öffentlich gemacht. Gemeinsam begangen. Und gottesdienstlich gefeiert. Dass der Tag ihrer Einführung nun ausgerechnet der Vorabend des Erntedankfestes ist, das trifft sich gut. Erntedank, das ist dankbarer Rückblick auf das was war. Zugleich aber auch kritische Würdigung. Und neuer Aufbruch.

Im klassischen Erntedankpsalm, dem Psalm 104, heißt es im Blick auf Gott:
    Du lässest Gras wachsen für das Vieh
    Und Saat zu Nutz den Menschen,
    dass du Brot aus der Erde hervorbringst,
    dass der Wein erfreue des Menschen Herz
    und sein Antlitz schön werde vom Öl.

Brot, Wein und Öl - alles drei habe ich ihnen hierher mitgebracht. Und dies alles wünsche ich ihnen, lieber Atsma zusammen mit ihrer Frau. Möge ihre Arbeit hier herzhaft und schmackhaft sein wie gutes Brot. Mögen andere ihre Freude an ihnen haben wie an einem edlen Wein. Und möge sich über das, was sie gemeinsam tun, die Schönheit des Gelingens legen. Gott wird mit seinem Segen ein übriges dazu tun. Amen.

Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn