Ansprache anlässlich der Verabschiedung
von Pfarrer Traugott Heuser
am Sonntag, den 1. Oktober 2000
in der evangelischen Kirche in Wolfenweiler


Lieber Herr Heuser,

ganz schlichte Worte sind das. Und doch umschreiben sie einen Sachverhalt, den die meisten hier erst allmählich in seiner Tragweite realisieren und wahrnehmen können. Denn eigentlich ist es immer noch undenkbar. Seit Ende August sind sie ganz offiziell Pfarrer i.R. - Pfarrer im Ruhestand. Auch wenn alle hier nun schon einen guten Monat Zeit hatten, um dies zu lernen - so ganz ist es uns noch nicht gelungen. Und in dieser Kürze eigentlich auch unmöglich. Seit dem 1. November 1967 waren sie Pfarrer der hiesigen Gemeinde. In einem Monat wären also 33 Jahre voll gewesen.

Ihr Dienstbeginn in Wolfenweiler gehört für mich zu den Kindheitserinnerungen, war ich doch damals gerade zehn Jahre alt. Und sie war für mich umso eindrücklicher, als mit ihnen ein Mensch auftauchte, der meinen Vornamen mit mir geteilt hat.

33 Jahre sind bald ein halbes Menschenleben. Und für sie persönlich, von den Vikarseinsätzen in Sinsheim und Mannheim abgesehen, das ganze Berufsleben. Trennungsschmerz kommt also sicher bei beiden an dieser Trennung Beteiligten auf: bei ihrer Gemeinde, die hier gewissermaßen zurückbleibt, und - so hoffen wir doch - auch bei ihnen. 33 Jahre Gemeindepfarrer, das sind 33 Jahre gemeinsamer Weg mit den Menschen, die hier leben und gelebt haben.

Und vor allem anderen, was an dieser Stelle zu sagen wäre, sollen Worte des Dankes stehen. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus tiefem Herzen. Mit ihrer Tätigkeit hier haben sie eine ganze Generation geprägt. Mit schön gestalteten Gottesdiensten. Im Religions- und Konfirmandenunterricht, den ja auch ich selber bei ihnen besucht habe. Den Menschen zu Herzen gesprochen haben sie durch ermutigende Worte bei vielen Trauungen. Durch Zuspruch und Trost bei unzähligen Beerdigungen. Durch die Arbeit mit jungen und mit älteren und alten Menschen. Durch Gespräche. Durch Gemeindearbeit auf vielerlei Weise. Durch gute Nachbarschaft.

Manches, was sie hier getan haben, wird erst jetzt wieder aus der Erinnerung auftauchen, wo sie frei geworden sind vom alltäglichen Geschäft des Gemeindepfarrers. Und vielen wird ebenfalls in der Erinnerung aufleuchten, wo sie ihnen wegweisend, ratend, prägend, ermutigend oder tröstend begegnet sind. Und ich darf mich selber in diese Reihe durchaus eingebunden fühlen. Mein eigener Weg ins Theologiestudium, ins Pfarramt und auch ins Freiburger Dekanat ist ohne die prägenden und schönen Erfahrungen der hiesigen Jugendarbeit kaum zu denken. Darum fühle ich ihnen auch ganz persönlich in Dankbarkeit verbunden. Und auf je andere Weise wird es vielen ganz ähnlich gegangen sein.

Von der hiesigen Gemeinde zu reden ohne zugleich auch an sie zu denken, das wird noch Zeit brauchen.

Vermutlich sind in den letzten Monaten immer wieder selber Gedankensplitter des Rückblicks in ihnen aufgestiegen. Der nicht leichte Start nach einem auf seine Weise doch auch wieder prägenden Vorgänger in der Person von Pfarrer Bernlehr. Die immer stärkere Einwurzelung in die hiesigen dörfliche Welt, die sich zugleich in ihrer Randlage zur benachbarten Großstadt Freiburg immer wieder wandeln musste. Ihr langjähriger Schwerpunkt in der Jugendarbeit, sowohl der in der Gemeinde wie auch im Kirchenbezirk. Der mit anderen zusammen so gelungene Aufbau der Arbeit mit den älteren Menschen. Die Partnerschaft zur damals noch so genannten Patengemeinde in der ehemaligen DDR. Manches werden wir nachher sicherlich zu hören bekommen. Und all dies immer wieder verbunden mit tiefem, ernstgemeinten Dank.

All diese Jahre haben auch bei ihnen Spuren hinterlassen. Auch in ganz persönlicher Hinsicht. Ihr beiden Kinder sind hier aufgewachsen. Ihre erste Frau haben sie hier hergeben müssen.

Es waren auch für sie entscheidende Jahre ihres Lebens. Ohne Gelingen und Misslingen, ohne viele Neuanfänge, auch ganz persönliche, ohne Narben und Blessuren, ohne Freude und Trauer zugleich waren sie nicht zu haben. Und so war der, der sich nach so langer Zeit noch einmal zu einem Neuanfang im hohen Norden hat verlocken lassen, noch einmal ein ganz anderer als der, der vor 33 Jahren hier seinen Dienst als Pfarrer begonnen hat.

Wolfenweiler und Schallstadt, Pfaffenweiler uns Ebringen - all dies sind Orte, die sich fest eingegraben haben in ihrer Berufsgeschichte als Pfarrer. Und die zugleich Raum gelassen haben für einen neuen Ort und eine ganz andere Welt viele hundert Kilometer nördlich von hier, wo nicht Batzenberg und Schwarzwald, sondern Deiche, Meer und bald schon Herbststürme ihre Welt bestimmen.

Kaum ein anderes biblisches Wort erscheint mir für diesen heutigen Anlass so angemessen und passend wie jene Verse aus dem 31. Psalm:
    Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte.
    Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Die Erfahrung des weiten Raumes - das ist eine schöne Umschreibung dessen, was Gottes Gute Nachricht uns ermöglicht. Das Interesse, ja die Sehnsucht nach dem weiten Raum hat sie vor vier Jahrzehnten ins Theologiestudium verlockt. Die Erfahrung des weiten Raumes in der hiesigen Gemeinde hat sie hier bleiben und Wurzeln schlagen lassen. Und auf noch einmal ganz andere Weise wird es der weite Raum der nördlichen Küstengefilde gewesen sein, der sie und ihre Frau so ganz weit in die Flachregionen dieser Republik gelockt hat.

So bleibt neben dem Dank an sie und an ihre Frau der Wunsch, dass sie diese Erfahrung des weiten Raumes auch in der selbstgewählten neuen Heimat immer wieder neu machen können. Für die neugewonnenen zeitlichen Frei-Räume sind diese beiden Gaben gedacht.

- Büchübergabe, einmal theologisch, einmal schöngeistig - wer von ihnen welches Buch zuerst liest, das überlasse ich ihnen. -

Welche Weg sie beide auch immer gehen in der neuen Lebensphase, die jetzt vor ihnen liegt: Sie bleiben auch in Zukunft an den gewiesen, der Sie auch bisher schon geleitet und begleitet hat.

Die Zeit, die jetzt vor Ihnen liegt, wollen wir im Gebet unter Gottes Schutz stellen:

Gebet
Gott, du bleibst bei uns, wohin unsere Wege uns auch führen. Wir bitten dich aber auch ganz besonders für Herrn Heuser und seine Frau. Mehr als dreißig Jahre hat Herr Heuser als Pfarrer in dieser Gemeinde gearbeitet und fast sein ganzes berufliches Leben hier mit eingebracht. Vieles hat er wachsen sehen können. Manches wird erst aufgehen, wenn er und seine Frau längst nicht mehr hier sind. Bleibe den beiden nah Gott auf allen Wegen, die du sie weiter führst. Stärke aber auch alle, die auch künftig an diesem Ort und in dieser Gemeinde leben und arbeiten, um deine gute Nachricht weiterzusagen. Amen.

Segenswort
Gott, der Schöpfer und der Bewahrer allen Lebens hat euch bisher geleitet. Er halte auch in Zukunft seine Hand über euch und begleite euch - in guten und in schweren Tagen.

So segne und behüte euch Gott, der gnädige und der barmherzige, Vater, Sohn und heiliger Geist. Amen.
Traugott Schächtele

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