Predigt über Philipper 2,1-4
gehalten am Sonntag, den 6. August 2000 (7.S.n.Tr)
in der Matthias-Claudius-Kapelle in FR-Günterstal



Gruß (nach Phil 2,1)
Die Ermutigung Christi, der Zuspruch der Liebe und die Gemeinschaft im heiligen Geist sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Einen Berggipfel erklimmen - und dann unterhalb der höchsten Erhebung einfach stehen bleiben und auf den Genuss der Aussicht verzichten. Mit dem Gleitschirm unter optimalen Wetterbedingungen den Abhang herunterlaufen - und dann doch nicht in den Himmel hineinspringen; auf einen langersehnten Brief warten - und ihn dann, wenn er endlich eintrifft, einfach ungeöffnet liegen lassen - warum sollten wir so etwa tun?

Der heutige Predigttext, liebe Gemeinde, mutet uns eben dies zu. Da finden wir im 2. Kapitel des Philipperbriefes den bekannten, wunderbaren Christushymnus. Keine eigene Schöpfung des Paulus, sondern aus der gottesdienstlichen Liturgie übernommen und bearbeitet. Einer der schönsten, ausdrucksstärksten poetischen Texte des Neuen Testamentes. Wesentliche Sätze will ich ihnen in Erinnerung rufen:

Orgel spielt dazu als tragenden Untergrund zart und zugleich klar die Melodie von EG 268: Strahlen brechen viele aus einem Licht

Christus,
obgleich in göttlicher Gestalt,
hielt seine Gottheit nicht fest wie ein Räuber seine Beute,
sondern hat auf alle Kennzeichen der Macht verzichtet
und wurde einem der Unteren gleich,
ein Mensch,
nicht herausragend aus der Masse der übrigen Menschen.
Er machte sich klein
und übte sich im Hören auf Gottes Willen
und wich selbst dem Tod nicht aus.
Darum hat Gott ihn auch groß gemacht
Und ihm Namen und Rang eines Großen verliehen.
Und alle sollen sich dazu bekennen:
Ja, Christus ist der Herr!


Einer der Höhepunkte der biblischen Texte ist das, kunstvoll durchkomponiert, voll theologischer Dichte und sprachlicher Schönheit. Ein Text, der viel eher noch als gesprochen gesungen oder gar getanzt werden müsste. Ein Text, dessen Anmut auch wir uns nicht entziehen können.

Und gerade da, wo dieses Christus Lied einsetzt, hört der Predigttext für heute auf. Der Predigttext - Anlauf für einen theologischen und literarischen Höhenflug - oder womöglich sogar noch für viel mehr? Schade, wenn er so unvermittelt abbricht!

Paulus berichtet zunächst von seiner Situation als Gefangener. Auch wenn es so im Text nicht drin steht: Gute Argumente lassen uns vermuten, dass Paulus, als er den Philipperbrief schrieb, sich im Gefängnis von Ephesus befunden hat. Schnelle und intensive Kontakte nach Philippi sind auf diese Weise am leichtesten zu erklären. Paulus erlebt die Ambivalenz seines Glaubens am eigenen Leibe. Hinter Kerkermauern - und doch frei. Mundtot gemacht und doch der Bote Guter Nachricht für viele. Vom Tod bedroht. Und doch beglückt von der Aussicht unzerstörbaren Lebens. "Ich habe Lust aus der Welt zu scheiden, um Christus nahe zu sein", schreibt er nach Philippi. "Aber euch zuliebe sehe ich ein, dass ich hier noch gebraucht werde."
Und dann wendet er sich mit jenen Worten an seine Adressaten, die heute als Predigttext vorgeschlagen sind:

    - Verlesung des Predigttextes
Ob Paulus all das wirklich gewollt und ernst gemeint hat, was er hier nach Philippi schreibt, liebe Gemeinde? "Habt alle dieselbe Gesinung, dieselbe Liebe und Eintracht. Verfolgt dasselbe Ziel. Denkt nicht an euren je eigenen Vorteil, sondern an den der anderen." All das geht doch nicht.

Wie kommt Paulus dazu, Menschen zu ermutigen, gemeinschaftlich dasselbe Ziel zu verfolgen? Die Unterschiedlichkeit der Ziele und die Widersprüche der Interessen liegen doch in der Natur unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Was wirklich gefordert ist von uns, das ist die Fähigkeit zur Toleranz und die Bereitschaft zum Kompromiss.

Die Bereitschaft, andere in ihrem Anders-Sein ertragen zu können, ohne ihnen ihren Freiraum zu rauben, dazu müsste man uns Christen doch ermutigen. Im Dialog einen gemeinsamen Weg zu finden, aufeinander zuzugehen, in Achtung der eigenen Position und unserer persönlichen Integritität uns einlassen können auf die Einsichten anderer und daraus gemeinsame Orientierungsmarken zu gewinnen, das ist heute doch die anerkennenswerte Leistung.

Wie kann Paulus ernsthaft damit rechnen, seine Worte würden auf fruchtbaren Boden fallen?! Könnten ein Programm werden zur Regulierung unseres Zusammenlebens?! Seine Mitmenschen kennt dieser Paulus doch genauso gut wie wir die unseren. Oder gar uns selbst. Etwas muss es doch geben, was ihn dazu bringt, sich zu versteigen in derartige Kategorien der Einheitlichkeit und der Einheit. Beim Schreiben muss er schon an dieser Stelle beinahe abgehoben haben, ehe er im Christus-Hymus endgültig den festen Boden unter den Füßen verliert.

Die Aufforderung zur Einheit - für Paulus ist sie tatsächlich keine Überforderung. Kein überhöhter, unerreichbarer ethischer Kodex. Kein Katalog von Verhaltensweisen für die sonntägliche Predigt. Paulus beschreibt den Raum, innerhalb dessen derartige Kriterien lebbar und umsetzbar sein müssen. Und dieser Raum ist die Gemeinde.

Was meint Paulus mit Gemeinde? Was ist überhaupt Gemeinde. Organisationstheoretisch ist die Gemeinde der Zusammenschluss derjenigen, die zu einer Predigtstelle gehören. Im Rahmen der Grundordnung der badischen Landeskirche ist damit eine Pfarrei gemeint wie etwa die Matthias-Claudius-Pfarrei. Eine solche Pfarrei wird bei uns konstituiert durch eine klare geographische Zuordnung. Durch einen gewählten Ältestenkreis. Durch zuständige Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter und durch eigene Räumlichkeiten.

Eine theologisch schlüssige Bestimmung ist das nicht. Die meisten dieser Kriterien sind Ergebnis einer historischen Entwicklung und vertraglicher Vereinbarungen. Unsere Art Kirche zu sein im Rahmen der Badischen Landesskirche ist eine Möglichkeit. Sogar eine mit vielen Chancen. Aber es gibt keine Festlegung, dass dies immer so bleiben muss.

Dies ist auch für sie sehr wohl spürbar in der gegenwärtigen Diskussion in der Kirchengemeinde Freiburg. Eine bestimmte und vertraute Art Kirche und Gemeinde zu sein steht auf dem Prüfstand. Ist der Veränderung unterworfen. Und dies geht nicht ab ohne vielfältige Diskussionen. Nicht ohne Verletzungen, ja auch nicht ohne erlebte Ungerechtigkeit. Auf alle Fälle mit der Notwendigkeit der Trauerarbeit. Und der Aufforderung, Phantasie und Kräfte freizusetzen, um neue Weg zu entdecken.

Auf der anderen Seite: Genau dies eben Beschriebene ist immer auch der Anfang von Veränderungsprozessen. Vielleicht hängt unser Gemeindesein wirklich noch an etwas ganz anderem. Paulus macht im Predigttext einen Vorschlag: Er definiert Kirche und Gemeinde als den Ort wo es dreierlei gibt: Erstens: das ermutigende Wort im Auftrag Christi; zweitens den tröstenden Zuspruch, der in der Liebe wurzelt. Und drittens die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Im Kanzelgruß zu Beginn habe ich all drei Umschreibungen schon einmal genannt.

Wo all dies gewährleistet ist, da ist für Paulus Gemeinde. Nicht eine organisatorische Untereinheit der Großkirche ist Gemeinde. Nein, Gemeinde ist das Gravitationszentrum der Verbreitung der Guten Nachricht von der Menschenfreundlichkeit Gottes. Ort der Gegenwart des heilenden, ja heiligen Geistes, Ort der Wirksamkeit jener verändernden Kraft, die wir mit dem Wort Liebe immer nur unzureichend zu umschreiben versuchen. Vor allem aber auch Ort des Zuspruchs aufbauender Lebensworte.

Wo diese Rahmenbedingungen gegeben sind, da soll gelten, worauf Paulus so überaus Wert legt. Dort wird Leben möglich unter noch einmal ganz neuen Bedingungen. Ganz so unsinnig ist dabei all das nicht, was Paulus den Christen von Philippi ins Stammbuch schreibt.

Habt alle dieselbe Gesinnung! Das hört sich nur vordergündig nach Einheitsmeinung an. Es kann bedeuten - und Paulus hat da so gemeint: Handelt aus derselben Motivation heraus. Lasst alle eure Aktivitäten wurzeln in der Menschenfreundlichkeit und der Weltzugewandtheit Gottes. Messt alles, was ihr tut, am Gebot der Nächstenliebe. Die diakonischen Angebote der Kirche; jeder Besuch, jedes Gespräch, jede Geste der Zuneigung - sie alle bilden eine Abschattung, eine Umsetzung dieses Maßstabes.

Verfolgt alle dasselbe Ziel! - das mag schwer sein. Aber Profil zu zeigen als Kirche; unterscheidbar zu sein; manchmal auch streitbar. Das ist schon wichtig. Zumindest, wenn es um die globalen Ziele geht. Drei solcher globalen Ziele halten viele kirchliche Gruppen schon lange in Bewegung: Nämlich Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Wenn wir uns tatsächlich verständigen können auf diese Ziele, dann können wir uns den fruchtbaren Streit um den rechten Weg schon leisten.

Denkt nicht nur an euren eigenen Vorteil, sondern auch an den der anderen! Ein Missverständnis dieser Aufforderung kann der Altruismus sein. Eine Selbstaufgabe aus falsch verstandener Opferbereitschaft. Der Versuch, den eigenen Wert zu messen an der Fähigkeit, sich selbst aufzugeben. Paulus hat das vermutlich nicht so gemeint. Er ist wieder auf der Ebene der Grundlegungen unseres Handelns.

Der eigene Vorteil als Beweggrund unserer Aktivitäten - das ist durchaus modern. Gut ist, was mir nützt. Wenn es mir gut geht, haben andere auch etwas davon. Unser ganzes Wirtschaftssystem funktioniert nach dieser Gesetzmäßigkeit. Die Schwester und den Bruder zum Maß aller Dinge zu machen; Gemeinwohl und Eigennutz - so der Titel einer Denkschrift der EKD - in einen gelingende Balance zu bringen, das ist sicher die anspruchsvollere und zugleich die zeitgemäßere Aufgabe.

Als Bild für die Beziehung aller Dinge haben wir heute oft das Netz. Ein Netz kann nur tragen, wenn die Knoten und die Verbindungen halten. Noch hilfreicher ist womöglich das Bild des Mobiles. Meine berechtigten Bedürfnisse und die Anforderungen anderer müssen in einem sinnvollen Verhältnis der Ausgewogenheit stehen. Und dies alles in einem Beziehungsgeflecht, in dem auch noch viele andere Bedingungen und Wirkkräfte beteiligt sind.

Ja, es stimmt. Dieses Programm, das Paulus der Gemeinde in Philippi auferlegt ist anspruchsvoll. Aber dies ist es deshalb, weil es tatsächlich eine Alternative zu den geltenden Gesetzmäßigkeiten darstellt. Wer sich aus eigenen Kräften daran macht, dies alles umzusetzen, der wird so manche Bauchlandung nicht vermeiden können.

Darum ist es verhängnisvoll, diese Worte des Predigtetxtes zu zitieren ohne den nachfolgenden Christus-Hymnus. Paulus hat die Seinen nicht anlaufen lassen, um für sie dann vor dem Sprung die Notbremse zu ziehen. Der Gemeinde in Philippi, seiner Mustergemeinde, die er mehr schätzt als alle anderen, hätte er das schon gar nicht zugemutet.

Der, der für uns der Garant ist, dass all dies geht, das ist eben der Christus, der Platzhalter der Gegenwart Gottes in der Welt. Das ist der, der sich quer gelegt hat, wo alles so unumstößlich schien. Fischer geben ihren Beruf auf. Der Zöllner Zachäus wird dazu gebracht, ungerecht erworbenes Geld und Gut zurückzugeben. Kranke werden gesund. Hungernde endlich satt. Verhärteten geht das Herz auf. Und Frauen werden zu den ersten Boten der umwerfenden Erfahrung: Nicht einmal der Tod kann diesen Christus mehr zurückhalten. Wo dies erinnert und gefeiert wird, da ist Kirche. Da ist Gemeinde.

Mit Paulus verlockt werden zum Singen; auf dem Angesicht unserer Mitmenschen die Güte Gottes entgegenleuchten sehen und mit Christus ins Leben springen - nicht soll es geben, was uns daran hindert.
Und der Friede und die Freundlichkeit unsere Gottes, die all unserem Denken und unserem vernünftigen Planen überlegen sind, halte eure Phantasie lebendig. Weil Gott den Gemeinden Zukunft und Hoffnung verheißt. Amen

Traugott Schächtele

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