Reisen als Weg zur Identität
Predigt im Rahmen der Predigtreihe "Reisen - Unterwegs sein"
gehalten am Sonntag, den 23. Juli 2000
in der Ludwigskirche in Freiburg




Liebe Gemeinde!

"Die Reise als Weg zur Identität" - das soll am heutigen Sonntag das Thema der Predigt und zugleich der Abschluss dieser Reihe sein. Als textliche Grundlage hat mir der Vorbereitungskreis das Thema Exodus und die Reise Jesu durch Palästina vorgegeben.

Reisen als Weg zur Identität. Zunächst einmal: Eine Reise sprengt den vertrauten Horizont auf. Wer reist, lässt Vertrautes hinter sich. Setzt seine Identität der Krise aus. Geht das Wagnis ein, seine Identität auf‚s Spiel zu setzen.

Wer reist, suchte einst das Abenteuer. Wollte seinen Horizont erweitern. Die großen Reisenden früherer Jahrhunderte - von Marco Polo über Petrarca bis Goethe; von reisenden Quacksalbern, allerlei fahrendem Volk bis zu den wandernden Handwerksgesellen, von den weltmeererfahrenen Seefahrern bis zu den waghalsigen Entdeckern unerforschter Landstriche - sie alle waren - wenn auch auf unterschiedliche Weise - auf der Suche nach dem Neuen, dem Unbekannten.

Wer viel herumkam, zu Fuß, zu Pferd oder dann auch in der Kutsche, der oder die galt als er-fahr-en im wahrsten Sinne des Wortes. Erfahrung - ohne die Legitimation des tatsächlich volzogenen Ortswechsels - war Anmaßung und Augenwischerei zugleich.

Unsere Reisen heute sind meist nur noch Abschattungen der großen Entdeckungsreisen früherer Jahrhunderte. Sie führen nicht mehr in die terra incognita, in die weißen Flecken unserer Landkarte. Eher machen sie das Längstbekannte zum Allgemeingut. Im Prinzip steht jedem und jeder jedes beliebige Ziel offen. Ob Nordcap oder Matterhorn; ob die chinesische Mauer oder die Insel Jolo - wir finden immer einen Anbieter, der uns dorthin bringt.

Reisen stillen längst nicht mehr das Fernweh. Sie bieten Abwechslung und Unterhaltung. Sie ermöglichen den Tapetenwechsel ohne uns allzuviel Neues zuzumuten. Sie sind event und Statussymbol.

Erstaunlicherweise limitiert der Geldbeutel die Reiselust nach wie vor nur begrenzt. Zwei Wochen Karibik für 1198 DM; mit der Transsibirischen Eisenbahn bis an die chinesische Grenze für gut 1000 DM; ein Wochenende in New York für knapp 800 DM. Wer reisen will, kann es weit bringen. Und sich eine gute Ausgangsposition erobern im Gesellschaftsspiel der privaten Reise-Leistungsschau des neuen Mittelstandes.

Sag mir, wohin du reist, und ich sage dir, wer du bist. Also doch: Die Reise als Weg zur Identität. Zumindest zur Indentitätsbestimmung durch Dritte.

Reisen bildet. Reisen macht erfahren. Kein Zweifel. Aber die Weitgereisten haben längst gefährliche Konkurrenz bekommen. Virtuell kann man mit Hilfe des Internet überall gleichzeitig sein. Informationen sind im Angebot, die man kaum noch verarbeiten kann. Bilder - live von den verschiedensten Orten und Plätzen - stehen unbegrenzt zur Verfügung. Wer reist, weiß viel. Wer surft, weiß womöglich mehr. Die virtuelle Reise füllt die Lücken, die wir im wirklichen Reiseleben nicht ausfüllen können. Erfahrung ist vom Ortswechsel nicht mehr abhängig. Virtuell erworbene Identitäten machen bringen Weltenbummler ganz neuer Art hervor.

Die Welt in einem Tag - selbst das vollmundige Werbemotto der EXPO 2000 in Hannover erscheint da schon wieder als Nachhall eines bereits wieder überbotenen Angebotes. Scheinbar haben wir die Welt unbegrenzt im Angebot. Und das für 24 Stunden am Tag.

Reisen als Weg zur Identität. Ja, aber die Identitäten unserer Tage sind bunt und vielfältig zusammengesetzt. Additionen von Teilidentitäten. Nicht die große herausprofilierten Persönlichkeit mit einem klar erkennbaren Profil.

Sollen wir darüber klagen und lamentieren? Höchste Zeit, sich den vorgeschlagenen biblischen Textgrundlagen zuzuwenden.

Lesung: Exodus 3

Und der Herr sprach zu Mose: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihr Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie herausführe aus diesem Land in ein Land, darin Milch und Honig fließt. SO geh nun hin, ich wuill dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten aus Ägypten führst. Und so sollst du zu den Israeliten sagen: Der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs hat mich zu euch gesandt. Und sie werden auf dich hören.

Zugegeben, es ist schon mutig, den Bericht von der Flucht aus den Händen des Pharao als Reise zu deuten. Gut, dass am Ende ein Land winken soll, in dem Milch und Honig fließen, das klingt schon ein wenig nach Reiseprospekt. Und die Wirklichkeit war am Ende wesentlich ernüchternde als die Leitvision am Beginn.

Reisen unterbrechen gewöhnlich unseren Alltag. Sie sind ein Ausstieg auf Zeit. Ihr Gewinn wird am Ende eingebracht in die Normalität des alltäglichen Lebens, ganz gleich ob als bleibende Erinnerung, als neue Kräfte freisetzende Erholung, als neu gewonnene Einsicht in andere Lebenswelten und Kulturen - oder eben auch als angehäufter Mehrwert neuer Erfahrung. Aber eben begrenzt und auf Zeit.

Die vierzig Jahre Reisezeit durch die Wüste sind mehr als nur ein Ausstieg. Sie markieren die zentrale Lebensphase in der Geschichte der Israeliten. Aus der kargen Strenge der neugewonnenen Wüsten-Freiheit wächst die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Nicht der Gott des Mose, sondern ein goldenes Stierbild werden mit einem Mal zum Garanten des Überlebens. Anstelle des glorreichen Einzugs in das Land voll von Milch und Honig treten mühsame Eroberungskriege. Die Landgabe Gottes ist in Wirklichkeit eine mühsame Landnahme durch die Israeliten, die diejenigen, die vorher schon da waren, vieler Lebensmöglichkeiten beraubt.

Und trotzdem: Es sind vierzig entscheidendes Jahre: Wasser aus dem Felsen, Manna, das vom Himmel regnet, Wolkensäule und Feuer, die den Weg weisen - und dann die Gabe des Zehnwortes als Garant gelingenden Zusammenlebens - alles, was entscheidend ist für die Geschichte der Israeliten, die Grundlagen ihrer Religion und damit ihrer Zukunft wurzelt in der Zeit der Wüste.

Die drei großen Feste des Judentums sind Wüstenfeste: Passah, das Fest der Erinnerung an die beginnenden Befreiung; Sukkot, das Laubhüttenfest, das die Erinnerung an die Unbehaustheit der Wüsetnreisenden festhält. Und Schawuoth, das Wochenfest, das an die Gabe der göttlichen Lebensworte erinnert.

Die Wüstenzeit ist für Israel gerade keine Zeit ohne Gott. Es ist eine Zeit intensivster und unüberbietbarer Gotteserfahrung. Der Gott der Befreiung residiert nicht. Er geht mit. Den Gott der Wüste zieht es nicht zum Tempel. Ihm genügt ein Zelt, um unter den Menschen seinen Ort zu finden.

Doch ein Gott nur für den Urlaub ist dieser Reisegott nicht. Die Unbehaustheit gehört zu seinem Wesen von allem Anfang. Abraham, Isaak und Jakob waren Sippenoberhäupter von Nomadenvölkern. Ihr Gott hat seinen Ort stets da, wo diejenigen sind, die ihn verehren. Der Gott des Mose ist der Gott der biblischen Erzväter und natürlich auch der Ermütter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und zugleich der Sarahs, Rahels und Rebeccas. Ein Gott, der da ist, wo die Menschen sind.

Der ersten Anlauf, ihn festzusetzen in einem heiligen Haus, wird dann von David unternommen. Doch den Reisegott kann dem Heiligtum noch einmal entgehen. Sein Sohn Salomo ist damit aber wesentlich erfolgreicher. Der Reisegott wird endgültig zum Tempelgott. Sein Wohnrecht bei der Sippe verwandelt sich zum Verehrungskult. Mit den Menschen wird auch Gott sesshaft, nicht selten sogar dingfest gemacht.

Die Reise hat die Identität gestiftet. Gelebt wird sie in der Normalität der Niedergelassenen. Unter dieser Einsicht erscheint dann auch die Lebensweise Jesu in einem anderen Licht. Seine Reis durch Palästina dient nicht einfach nur dem Ortswechsel; dem Programm der Verbreitung seiner Botschaft von der Menschenfreundlichkeit und der Weltzugewandtheit Gottes.

Seine Art zu leben ist Programm. Ist Zeichen dessen, was er sagen sagt und was er tut. Auch Jesus ist ein Reisender - ein Reisender in Sachen Verbreitung des Reiches Gottes. Einmal wird folgendes berichtet:

Es trat ein Schriftgelehrter zu Jesus und sprach zu ihm: Meister ich will dir folgen und mit dir reisen, wohin du gehst. Jeszs sagt zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber der Menschensohn hat keinen Ort, um sein Haupt hinzulegen.

Jesus und die Jesus-Bewegung ist eine Bewegung unterwegs. Der Ruf in die Nachfolge ist ein Ruf in die Unstetigkeit. Frauen und Männer hat es gegeben, die haben Jesu Lebensweise mit ihm geteilt. Sind Nachfolgende geworden im Sinne von Mitwandernden und Mitreisenden. Andere säumen in Sympathie den Weg. Aber sie verbleiben in der Sesshaftigkeit. Gehen das Wagnis des Mitgehens nicht ein.

Reiseindetitäten, persönlich und auch religiös, sind gezeichnet von Offenheit und Neugier, von Wagemut und der Sehnsucht nach dem ganz anderen. Jedes Leben, wie unterschiedlich die einzelnen Geschichten auch sein mögen - jedes Leben ist immer zugleich auch Lebensreise. Chance der Herausbildung einer gelingenden Identität.

Aus der Exodusgeschichte der hebräischen Bibel können wir neu den Respekt vor der Bedeutung der Wüstenphasen gewinnen. Ja vielmehr noch die Erkenntnis, dass sich die gerade die entscheidenden Prägungen der Identität der Wüste verdanken. Jesus steht in der Tradition seiner jüdischen Mitglaubenden. Aber er will sie dafür gewinnen, Glauben wieder als Wagnis zu gestalten. Das Sedermahl des Passahfestes, die Feier also der Befreiung ist der Ort, an dem sein Mahl der Gemeinschaft sich festmacht. Das Abendmahl, aber auch unsere Gottesdienste - sie müssen uns Wegzehrung geben. Sie sollen nicht dazu verleiten, unbeweglich und ängstlich den Lauf der Welt zu verfolgen, anstatt ihn mutig und lustvoll mitzugestalten.

Manchmal sind es Traditionen, die uns auch in der Kirche lästig werden können und die uns Angst machen. Die Auseinandersetzung etwa um das Theaterstück Corpus Christi hat aus meiner Sicht viel mehr an Ängsten offengelegt als an lebendiger Glaubenssubstanz. Es kann weh tun, das Heilige verletzt zu sehen. Aber es kann einem blind machen, wenn die Kraft des Eifers den Wert der Sache um ein Vielfaches übertrifft. Wenn man zum Wegschauen rät, ohne hingeschaut oder hingehört zu haben.

Manchmal sind es auch Gebäude, die eine Kirche immobil machen und ihre Kräfte für anderes binden. In unserer Kirchengemeinde in Freiburg stehen wir da gerade am Anfang eines sehr schmerzlichen Lernprozesses.

Meistens sind wir es einfach selber in unserer Vorliebe, uns auf dem Erreichten auszuruhen. Die ganze Welt an einem Tag, das ist als Programm schon viel zu viel. Virtuelle erworbene Erfahrung vermehrt das Wissen und fasziniert. Als tragfähige Orientierung aber für die Reise unseres Lebens reicht sie mitnichten aus.

Unsere wahre Identität gewinnen wir, wenn wir nicht damit zufrieden sind, sie zu gewinnen aus der Summe dessen, was wir sind, was wir wissen und was wir können. Das Wesentliche im Leben widerfährt uns als Geschenk. Als Befreiung gegen alle Mächte des Bösen und des Todes. Als Geste der Zuwendung und der Zärtlichkeit. Als Hauch aus der so ganz anderen Welt Gottes, der uns verwandelt und die Welt in ein anderes Licht rückt.

Goethe hat einmal gefragt: "Was ist Reisen? Ist fröhlich leben!" Also reist, lebt fröhlich und liebt. Dann seid ihr, wer ihr sein sollt. Amen.


Traugott Schächtele

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