Predigt
Gehalten in Hugstetten
anlässlich des Gottesdienestes mit Pfarrwahl
Am Samstag, den 15. April 2000




Einhundert Tage, liebe Gemeinde, lässt man in der Regel jemandem Zeit, wenn er oder sie ein neues Amt antritt. Erst nach dieser Frist wagt man ein erstes Urteil. Zieht das erste Resümee - wohl wissend, dass es immer noch viel zu früh ist für eine weitergehende oder gar endgültige Bewertung.

Wissen Sie, wessen erste 100 Tage schlichtweg untergegangen sind? 116 Tage sind es heute her, seit dieses neue Jahrtausend - auf jeden Fall dieses so sehnsüchtig erwartete Jahr 2000 begonnen hat. Mit welch großem Aufwand haben uns die Medien auf diesen scheinbar so ganz anderen besonderen Jahreswechsel eingestellt! Wie aufwendig, mit welch großer Intensität wurden wir auf dieses Ereignis vorbereitet! Die Computer-Software musste umgestellt werden, damit nicht alle Programme abstürzen. Formulare, auf denen die 19 noch aufgedruckt ist, wurden längst eingestampft. Großartige Sylvesterfeiern wurden vorbereitet - auch wenn manche mangels Nachfrage abgesagt werden mussten. Sekten kündigten wieder einmal vergebens den Weltuntergang an.

Auch in der Kirche wurde schon seit einigen Jahren überall über die Kirche 2000 geredet. Die Menschen, so hieß es, wollten wissen, was auf sie zukommt. Sie wollten wissen, was dieses neue Jahrtausend bringt. Hoffnungen keimten auf, es könne alles viel besser werden. Aber auch Ängste, was an Schlimmen und Bösem noch auf uns wartet.

Vieles, was wir mit diesem zweiten Jahrtausend und dem 20. Jahrhundert verbunden haben, wird schon bald endgültig der Vergangenheit angehören. Andere Wünsche und Träume haben wir mitgenommen in dieses neue Zeitalter hinein. Selbst das alte Thema Unsterblichkeit hat in diesen Tagen plötzlich wieder Kultur, seit es einem Forscherteam gelungen ist, das menschliche Erbgut zum allergrößten Teil zu entziffern.

Auf eine Lösung von Konflikten ohne Krieg hoffen wir immer noch - auch in diesen Tagen. Doch der Blick auf den Balkan, nach Tschetschenien oder in die Krisenregionen Afrikas reicht aus, um uns zu zeigen, daß wir dem Mittelalter häufig doch noch viel näher sind als der Zukunft.

Auch das Ende der Religionen wurde schon vielfach angekündigt. Und damit auch das Ende des Christentums. Dietrich Bonhoeffer hat schon in seinen Briefen aus dem Gestapo-Gefängnis in Berlin-Tegel vor mehr als 60 Jahren vom Anbruch eines religionslosen Zeitalters gesprochen. Viele haben - aus ganz anderen Gründen und mit ganz anderen Absichten - diese Vermutungen aufgegriffen und bestätigt.

Wenn wir heute eine Annahme im Blick auf das dritte Jahrtausend einwandfrei widerlegen können, dann eben dieses. Religion blüht und ist in. Heilung und Heil sind die Topangebote schlechthin. Zumal in unserer Region, die wie kaum eine andere in diesem Land offen ist für die verschiedensten Anbieter auf diesem Markt.

Man muß nur einmal mit offenen Augen etwa in Freiburg durch die Stadt gehen und die vielen Plakate lesen, die einladen zu Veranstaltungen aller Art. Man muß in den entsprechenden Seiten von Schnapp und Zypresse blättern, um erneut vielfach fündig zu werden. Man muß nur einmal die entsprechenden Regale in den Buchhandlungen schauen. Religion ist da nicht nur präsent. Sie ist auch teuer. Ein ganz neuer Markt ist auf diesem Feld entstanden.

Eine Untersuchung aus dem Sommer 1998 hat allein in Freiburg und Umgebung 469 verschiedene entsprechende Anbieter gezählt. Dazu kommen noch einmal mehr als einhundert Anbieter aus der christlichen Landschaft außerhalb der in der ACK zusammengeschlossenen Kirchen; die großen Konfessionen wie etwa unsere evangelische oder die katholisch Kirche also noch gar nicht mitgerechnet!

Das Ende der Religion ist weit und breit nicht in Sicht. Die Suche intensiver und bunter denn je. Keiner unsere Sinne wird davon ausgenommen: Schmecken und Sehen. Meditieren und Atmen. Hören und Schweigen. Reden und Singen. Feiern und Tanzen. Erlebnisse sind gefragt - gerade auch in der Kirche. Wenn man im Neuen Testament etwa die Berichte über die Gottesdienste in Korinth liest, ist da viel von dieser Lebendigkeit zu spüren. So viel sogar, daß Paulus bisweilen sehr energisch eingreift und gegensteuert.

In den Kirchen sind wir heute gerade auf diesem Feld von Neuem Lernende. Zu groß ist häufig noch unsere Zurückhaltung - um nicht zu sagen: unsere Angst. Dabei haben wir doch gar keinen Grund, uns zu verstecken. Vor allem dann, wenn wir uns auf den Schatz unserer Tradition besinnen. Nicht ohne Grund sei in diesem Zusammenhang an den Predigttext aus Philipper 1 vom 2. April erinnert, als das heute zur Wahl stehde Pfarrehepaar Becker-Hinrichs sich vorstellte: "Hauptsache Christus wird verkündigt!" - das war der Tenor der Botschaft des Paulus. Dahinter sollten wir nicht ängstlich und engstirnig zurückfallen.

Der Predigttext für den morgigen Sonntag Palmarum, den Palmsonntag, fügt dem noch einen weiteren Aspekt hinzu. Ohne die morgige Predigt vorwegzunehmen, will ich einfach den allerersten Anfang des morgigen Predigttextes vorlesen:

Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu reden zu rechter Zeit.
Mit den Müden reden zur rechten Zeit! In diesen Worten steckt mehr drin als religiöse Bescheidenheit. Mit diesen Worten brauchten wir uns nicht verstecken auf dem bunten Markt der religiösen Sinn-Produzenten. Denn tatsächlich bleibt auch bei mir ein nicht unbeträchtlicher Rest an Unbehagen bei dem Versuch, mithalten zu wollen in dieser religiösen Power-Kultur. Und erneut kommt mir Paulus in den Sinn und die ihm von Gott gesetzte Begrenzung, wenn er scheibt: "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."

Gott - wie wir ihn verstehen - wie wir ihn glauben hat sich zurückgebunden. Zurückgebunden an die Schöpfung. Nicht an ihre permanente Überschreitung. Ihr außer Kraft setzen. Zurückgebunden an den Menschen mit seiner Endlichkeit. Nicht an seine permanente Selbstüberhöhung. Seine unendliche Gier, alles steuern und beherrschen zu wollen.
Gott hat sich zurückgebunden an das Medium des Wortes. Des Wortes - uns zugesprochen aus dem Mund der Schwester und des Bruders. Nicht einfach sympathisch müssen sie sein, sondern glaubwürdig. Nicht großartig, sondern wahrhaftig. Worte, die dem Anspruch gerecht werden, dass wir im Gespräch mit den Müden und den müde Gewordenen zur rechten Zeit das rechte Wort finden.

Unsere Möglichkeit zu glauben ist auf solche Worte angewiesen. Gerade für diesen Zusammenhang können wir aus dem geprägten Schatz unserer Tradition schöpfen.

Im 5. Artikel des Augsburger Bekenntnisses heißt es etwa: "Um diesen Glauben zu erlangen hat Gott das Predigtamt eingesetzt, das Evangelium und die Sakramente gegeben, durch die er als Mittel den Heiligen Geist wirkt wo und wann er will."

Um dieses Amt des Wortes willen ist der Beruf des Pfarrers - und in unserer Kirche gottseidank längst auch der Pfarrerin - entstanden und andere kirchliche Berufe und Ämter inzwischen längst dazu. Diese Weitergabe der Kraft Gottes - gebunden in Worten, die das Wort weitersagen, Müde stärken und ihre Lust am Leben neu entfachen - sie ist der Grund dafür, daß wir auch hier in diesem Gottesdienst wieder eine Pfarrwahl durchführen.

Gott setzt auf uns Menschen. Auf Hauptamtliche und auf Ehrenamtliche. Auf Erwachsene und auf Kinder. Auf Pfarrerinnen und Pfarrer, auf Gemeindediakoninnen und Gemeindediakone, auf Kirchenmusikerinnen und auf Hausmeister. Auf Älteste und Kirchengemeidneratsvorsitzende. Auf Professionelle und auf Menschen guten Willens. Gott setzt auf den Menschen.

Er hat unübersehbar gesetzt auf den Menschen, in dem er wurde wie wir: Jesus aus Nazareth. Ihn nennen wir das WORT Gottes - weil Gott sich in ihm unüberbietbar ausgesprochen hat. An seine Worte, seine Leidens-, aber auch seine Lebensgeschichte lassen wir uns gerade in diesen Tagen der Passionszeit, dann aber auch am Ostersonntagmorgen wieder neu erinnern.

Orte der Lebensworte Gottes sollen unsere Kirchen sein. Orte, zu denen Menschen kommen können, wenn sie fragen: "Gott, wo hast Du Dich niedergelassen in dieser Welt? Wo, Gott, kann ich Worte finden, die mich aufrichten, wenn ich mich wieder einmal ganz klein fühle?"

Keine andere Gruppierung hat auf‚s ganze gesehen soviele und so große Räume - im wahrsten Sinne des Wortes - wie die Kirche. Keine andere Tradition als die jüdisch-christliche kennt so viele gute aufrichtende Lebensworte. Dies ist ein Pfund, das wir nutzen - mit dem wir wuchern sollen auf dem Markt der Religionen, wo Menschen auf der Suche sind nach Worten, die ihnen gut tun.

Darum laßt uns dieses Lebensworte hören und weitersagen. Laßt uns dankbar sein für Menschen, die sich für diesen Beruf in Beschlag nehmen lassen. Und die andere mit diesen Worten infizieren und zum Leben verlocken. Laßt uns immer wieder neu das Fest der Nähe Gottes feiern!
Am 116. Tat dieses Jahres 2000. Und an jedem neuen Morgen. Amen.

Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn