Einweihung
anlässlich der Eröffnung der Zentralen Fachberatungsstelle
für wohnsitzlose Menschen in der Schwarzwaldstr. 29
am 7. April 2000




Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zwischen der Begrüßung und Grußworten liegen heute also zwei besondere Beiträge. Zunächst der kabarettistische Beitrag von Martin Schley, dann sozusagen das geistliche Gegenstück - die Einweihung. Weltliches und Geistliches sind sozusagen bewusst aufeinander bezogen. Und das ist für den heutigen Anlass ja durchaus angemessen.

Schließlich treten bei diesem Projekt ja auch die Stadt Freiburg und die Diakonie - genau genommen der Diakonieverein - gemeinsam als Träger auf.

Auf dem Programm steht über meinem Beitrag der Titel "Einweihung". Und wahrscheinlich rechnen sie damit, dass sie sich, was den Charakter dieses Teiles angeht, etwas umstellen müssen. Dies stimmt aber nur zum Teil. Zum einen sind Einweihungen nicht per se humorlos. Zum anderen hat mein Vorredner mit seinem Beitrag die Einweihung schon eingeläutet.

Denn auch in der Arbeit, die künftig in diesen Räumen geschieht, wird beides zusammenkommen. Das treffende, bisweilen spitze, bisweilen aufdeckende Wort, das wir im Kabarett gehört haben, und jetzt meinerseits- der Blick mit dem dritten Auge.

Mit dem dritten Auge meine ich jenes Auge, das durch das Vordergründige hindurchsieht. Das Auge, das sich nicht zufrieden gibt mit der Ansicht einer Situation. Mit der Ansicht eines Menschen, sondern mit seiner Aussicht. Das dritte Auge sieht - in christlicher Terminologie - die Schwester und den Bruder, wo wir in der Gefahr stehen, nur einen Fall oder gar eine Akte wahrzunehmen.

Die Menschen, die hier künftig arbeiten, werden dieses dritte Auge sehr nötig haben. Andernorts wird es allerdings genauso nötig gebraucht.

In den Projekten der sozialen Vernetzung, in die heute diese Fachberatungsstelle eingeknüpft wird, wird ja oft von einem Verbund-System einzelner Bausteine gesprochen. Das ist eine richtige Wahrnehmung auf der Ebene der Organisationsstruktur. Bausteine haben ja etwas Schützendes, wenn wir sie im richtigen Sinn zusammensetzen. Dem Bild vom Stein kann aber etwas allzu Statisches anhaften. Auch darum tut es gut, ein drittes Auge zu haben und mit diesem dritten Auge wahrzunehmen. Mit diesem dritten Augen können wir um so leichter auch nach dem Leben zwischen den Steinen Ausschau halten.

Dass wir dies tun - dass Stadt und Diakonie - Kommune und Kirche hier gemeinsam handeln, ist ein gutes Signal. Mehr denn je, zumal in Zeiten des knapper werdenden Geldes bei öffentlichen Trägern, brauchen wir Ort der partnerschaftlicher Fürsorge und lebendiger Barmherzigkeit. Beiden Worten haftet heute etwas Antiquiertes an. Sie sind nicht mehr "in". Zugleich ist aber auch immer weniger in, wofür diese beiden Worte stehen. Doch ich bin sicher: Ws wir heute mehr denn je brauchen ist eine Kultur der gelebten Barmherzigkeit.

Nach den Gesetzen des wirtschaftlichen Erfolges wird sich eine derartige Kultur sicherlich niemals rechnen. Aber in einer Welt, die bestimmt wird von den Werten der ewigen Jugend, des machbaren und planbaren Erfolges und des Nachweises der ungebrochenen Leistungsfähigkeit - in einer solchen Weltsind Oasen der Nächstenliebe unverzichtbar.

Diese zentrale Fachberatungsstelle ist eine solche Oase der Nächstenliebe. Auf dem neu geschaffenen Briefbogen stehen über den beiden Signets von Stadt und Diakonie die Worte "Ein gemeinsamer Dienst". Das Wort Dienst ist heute ebenso aus der Mode gekommen wie die anderen von mir genannten. Viel lieber spricht man heute ja von Dienstleistung oder gar von Service.

Über Worte kann man streiten. Aber sie sind immer auch ein Spiegel und unseres Denkens. Und wenn Stadt und Diakonie ihr gemeinsames Engagement als Dienst beschreiben, so kann ich das nur dankbar registrieren. Der Dienst an der Gesellschaft, der Dienst an den Menschen dieser Gesellschaft, ist allemal ein gewinnbringendes Unternehmen, selbst wenn es sich finanziell nicht rechnet.

So wünsche ich der neuen Zentralen Fachberatung Menschen mir dem dritten Auge: menschen mit der Bereitschaft zum gemeinsamen sozialdiakonischen Dienst an denen, die - worum auch immer - auf der Schattenseite unserer Gesellschaft leben.

Lassen sie mich diese Fachberatungsstelle also einweihen mit einem kurzen Gebet:

Ein Freund der Menschen bist Du, Gott, und eine Freundin des Lebens. Voll Dankbarkeit stellen wir heute diese Fachberatungsstelle für Wohnungslose in den gemeinsamen Dienst gelebter Solidarität. Wir bitten Dich: Lass diese Räume zu einem Ort werden, der schützt und Orientierung bietet. Deine guten Worte und Gedanken, Gott, mögen hindurchscheinen durch alle Worte, die hier weitergesagt werden. Dein guter Geist halten unserem dritten Augen den menschenfreundlichen Blick offen. Dein Segen, Gott, komme über alle, die hier arbeiten und beraten und über alle, die hier nach einem hilfreichen und weiterführenden Wort suchen. Amen.

Traugott Schächtele

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