Predigt über Epheser 1,15-20
gehalten am 30. Januar 2000 (4. S.n. Epiphanias)
anlässlich des Gottesdienstes zur Einweihung des umgebauten und
erweiterten Gemeindehauses in FR-Opfingen


Freude sei mit euch und Freundlichkeit
und das Vertrauen, dass Gottes Wort hindurchschimmert
durch Worte, die wir Menschen sagen. Amen.


Liebe Gemeinnde!
Es ist unübersehbar und unüberhörabar: Die evangelische Kirchengemeinde in Opfingenfeiert heute. Und in die Reihe derer, die sich mitfreuen und die mitfeiern an diesemTag, will auch ich mich gerne einreihen. Der Grund für diesen festlichen Tag ist - wirwissen es alle - der Umbau und die Erweiterung des Gemeindesaales. Wie schön derneugestaltete Saal geworden ist, das werden wir nachher sehen.

Der Gemeindesaal hat zentrale Bedeutung in der Arbeit einer Gemeinde. Neben der Kircheund dem Pfarrhaus ist der Gemeindesaal oder das Gemeindehaus die dritte unverzichtbareStütze einer christlichen Gemeinde. Und jeder einfache Tisch braucht eben mindestens dreiBeine, um einen guten Stand zu haben.

Das Pfarrhaus ist gewissermaßen der Kopf. Von dort wird gesteuert, beraten,entschieden und verwaltet. Die Kirche - zumal ein so schöne Kirche wie diese - siesteht gleichermaßen für unsere Sinne und für unsere Fähigkeit, Luft zu holen. Schmeckenund sehen. Einatmen und Ausatmen. Hier wird gesungen und gebetet. Gefeiert und gehört,welche großen Lebensmöglichkeiten Gott für uns Menschen bereithält. Wozu er uns befähigtund ermutigt. Der Gemeindesaal das ist das Herz. Hier fühlt man den Puls derGemeinde. Hier reffen sich Gruppen und Kreise. Hier kann man Gäste empfangen undmiteinander essen. Der Gemeindesaal ist die Schnittstelle zwischen Kirche im engerentheologischen Sinn - verstanden als Gemeinschaft der Glaubenden und Kirche verstandenals Heimat derer, die in irgend einer Form oder einer Gruppe eine gemeindliche Wohnstattgefunden haben. Die Schnittstelle auch zwischen Kirchengemeinde und weltlicher Kommune.Feiern wir in der Kirche die Nähe Gottes, so feiern wir im Gemeindesaal die Nähe derMenschen. Und das eine ist ohne das andere nicht zu denken.

Der Saal kommt nachher zu seinem Recht. Doch am Anfang dieses Festtages steht aus gutenGrund ein Gottesdienst. 6Wer baut oder gebaut hat, weiß, dass da oft nicht nur dieelektrischen Leitungen blank liegen, sondern auch die Nerven. Wer baut, weiß, dass manvor Überraschungen nie gefeit ist. Dass es meist noch einmal ganz anders kommt als mandenkt. Wer Erfahrung hat mit dem Bauen weiß vor allem aber, dass es am Ende immer engwird. Zwischen Hoffen und Bangen fragt man sich, ob wohl alles überhaupt einigermaßentermingerecht fertig wird. Und nicht selten neigt sich die Waage zunächst eher auf dieSeite des Zweifels, ehe sich am Ende meist alles doch im Wohlgefallen eines gelungenenFestes auflöst. Heute hoffentlich auch.

Da ist es um so wichtiger, dass man das Ende dieses langen und nervenaufreibenden Wegesüberhaupt feiert. Als krönenden und erlösenden Abschluss für diejenigen, die viel Zeitund Energie in dieses Projekt investiert haben. Und als Einladung für die anderen, diewomöglich lange gezweifelt haben, ob das alles überhaupt wird. Der Tag der Einweihung istimmer auch ein Tag der offenen Tür. Jedermann und Jedefrau soll selber sehen, was abdiesem Tag der Gemeinde und der Öffentlichkeit als einladender Ort zur Verfügung steht.

In der Zeit der Vorüberlegung und der Planungen sind viele Briefe geschrieben worden. AnHandwerker und Architekten genauso wie an das Kirchenbauamt in Karlsruhe. Um Baukostenging es ebenso wie um Rechtsfragen. Um konkrete Fragen der architektonischen Gestaltungwie auch um baufachliche Beratung.

Aus keinem dieser Briefe soll heute vorgelesen werden. Dafür aber aus einem ganz anderenBrief. Ein Brief ist heute nämlich auch die Grundlage dieser Predigt. Ein Brief, der mitFragen im Zusammenhang eines Gemeindesaalbaus zunächst überhaupt nichts zu tun hat.

Ich lese aus dem Brief eines Schülers des Apostels Paulus an die Gemeinde in Ephesus.Ephesus - gelegen im gebiet der heutigen Türkei - war eine Stadt voll berühmter Bauwerke,unter denen vor allem der prächtige Tempel der Göttin Diana herausgeragt hat. Baufragenund Einweihungsfeiern waren also auch den Ephesern keineswegs fremd.

Dem Paulus-Schüler, der etwa ein halbes Jahrhundert nach Paulus etwa um die Wende vomersten zum zweiten Jahrhundert gelebt hat, ging es allerdings um etwas ganz anderes,Grundsätzlicheres. Die neu entstandene christliche Gemeinde musste stabilisiert werden.Religiöse Konkurrenz gab es zuhauf. Es galt, die eigenen Leute bei der Stange halten.Dazu musste man das eigene Profil schärfen. Und man musste nach Wegen Ausschau halten,auf denen man einen wahrhaft bunten Haufen zusammenhalten konnte. Hafenarbeiter undStadtbeamte, Ausländer und Einheimische, Menschen aller Schichten, Hautfarben undReligionen. So sehr viel anders als bei uns ist es also auch in Ephesus nicht gewesen.

Fremd klingt für unsere Ohren dennoch der Brief, aus dem ich ihnen jetzt einen kleinenAbschnitt vorlese; konkret aus dem 1. Kapitel des Epheserbriefes die Verse 15 - 20:

- Textverlesung -

Solche Briefe werden heute nicht mehr geschrieben. Kein Oberkirchenrat, kein Dekan, keinGemeindepfarrer und keine Kirchengemeinderatsvorsitzende schreibt so. Trotzdem lade ichsie ein, sich einmal einzulassen auf die Worte - geschrieben vor fast 2000 Jahren anMenschen, deren Sorgen zunächst nicht die unseren sind.

Ausgangspunkt ist: In Ephesus läuft es gemeindlich gut. Sehr gut. Wenn es heute irgendwogut läuft, gibt es mindestens zwei verschiedene mögliche Reaktionen. Die erste isteinfach Neid. Und Neid führt dazu, das was der andere erreicht hat, kleinzureden.Madig zu machen. Schwächen offenzulegen. Eine Fehlplanung ist das. Unnötig wie ein Kropf.Aus dem Fenster hinausgeworfenes Geld. Die zweite Reaktion ist die, dass man versucht,den anderen zu übertrumpfen. Was die können, das können wir schon lange. Bauendie, bauen wir auch. Gründen die eine neue Gruppe, ziehen wir nach.

E gibt aber noch eine dritte Möglichkeit. Und das ist die, der Schreiber desEpheserbriefes wählt. Er freut sich einfach mit. Und er lässt dies die Epheser auchwissen. In diesem Sinn sind auch die Grußworte zu verstehen, von denen wir nachhersicherlich einige hören werden. Mitfreude an dem, was anderen gelungen ist. Aber derEpheserbrief bleibt auch da nicht stehen. Zur Mitfreude gesellt sich der Dank.Der Dank nicht nur an die, die sich engagiert und die geschuftet haben. Der Dank vor allenan Gott. Gott dafür danken, was einem anderen gelungen ist. Eine heute weitgehendverlorengegangenen Tugend ist das. Aber allemal wert, sie sich in Erinnerung rufen zulassen.

Gott danken, dass einem anderen gelungen ist, was mir womöglich versagt blieb. Gottdanken, dass einer die Wahrheit offengelegt hat, die zu benennen ich mich immergescheut und geschämt habe. Gott danken, dass einer wieder gesund wurde, der mirwomöglich mehr als einmal das Leben schwer gemacht hat. Gott danken, gerade auch da,wo es nicht darum geht, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Nicht der Dank ist also das besondere dieses Briefes, sondern der Dank für etwas, dasnicht mir, sondern einem anderen Menschen, einer anderen Sache zugute kommt. "Nachdemich gehört habe von dem Glauben bei euch an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allenGlaubenden" heißt es da, "höre ich nicht auf Gott zu danken."

Was wäre wohl die Reaktion, wenn der Bezirkskirchenrat solche Worte nach dem Abschlusseiner Visitation nach Opfingen schreiben würde. Oder der Leiter des Kirchenbauamtes,nachdem er einen Besuch auf der Baustelle gemacht hat. Die Konfirmandinnen undKonfirmanden würden sagen: "Die haben ordentlich dahergeschwallt." "Zu dick aufgetragen"würden andere dazu sagen. Oder es einfach für theologisches Geschwätz halten. Nur gut,dass wir‚s dem Schreiber der Epheserbriefes mindestens abnehmen!

Schöner wie dieser Briefeschreiber in der Nachfolge des Apostels Paulus kann man imübrigen kaum in Worte fassen, worauf es ihm ankommt: "Gott gebe euch erleuchteteAugen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid undwie reich die Herrlichkeit seiner Gaben für diejenigen ist, die an ihn glauben."

Leben mit erleuchteten Augen - darauf kommt es an. Leben mit Augen, die noch staunenkönnen. Mit Augen, die auch danach schauen, was sich hinter den Dingen verbirgt. Diesich nicht abfinden mit Bilanzen und scheinbar erfolgversprechenden Konzepten. Lebenmit erleuchteten Augen. Mit Augen, die hinter die Dinge sehen. Mit Augen, die dem anderendas glänzende Gewand der Liebe umhängen und ihn dadurch schön machen. Leben mit Augen,die die Welt und die Menschen auf ihr so sehen, wie Gott sie gemeint hat.

Augen des Herzens nennt der Epheserbrief solche Augen. Und die Erzählung vom kleinenPrinzen kann einem in den Sinn kommen, wo es heißt: "Man sieht nur mit dem Herzen gut."

Wer mit den erleuchteten Augen des Herzens sieht, für den wird das Leben selber zum Fest.Das Leben feiern, das heißt, nicht nur von der manchmal doch ganz schön bedrückendenAnsicht der unserer Welt leben, sondern von der uns verheißenen Aussicht. Von der"Berufung zur Hoffnung" spricht der Epheserbrief und von der "Herrlichkeit der unsgeschenkten Gaben". Leben, das ist doch auch sprudelndes Glück und trunkene Begeisterung.Leben - das ist allen Widrigkeiten zum Trotz - immer auch Leben in der Vorwegnahme desnoch Ausstehenden. Leben in der Vorwegnahme seiner möglichen Fülle - sogar im Angesichtdes Todes.

Dass dies möglich ist, das verdanken wir Gott in seiner unvoreingenommenen Zuwendung zuuns. Das verdanken wir Gott in der Kraft seines vorwegnehmenden Geistes. Im Sinne desWortes: Gott nimmt zuvor schon weg, was eigentlich noch gegenwärtig ist. Gott ermöglichtLeben in Fülle, wo eigentlich noch Schmalhans der Küchenmeister unseres Lebens ist. Gottist heiliger, heilender Geist, weil er zuvor schon heilt, was vor aller Welt Augen nochzerrissen ist.

In Christus wird all das auch für uns zur Möglichkeit, was zuvor nur für Gott Wirklichkeitist. Feiern wir also - nicht nur den Abschluss der Bauarbeiten am neu gestaltetenGemeindesaal. Feiern wir die pralle Lebensfülle Gottes! Feiern wir, dass wir Menschendurch Christus unseren Ort gefunden, ja dass wir Heimat im Leben gefunden haben. Heimat,die sich abschattet auch in den Räumen der evangelischen Kirchengemeinde hier in Opfingen.

Gott ist doch das Leben selber. - ursprünglich und voller Zuwendung und Liebe. Leben -getragen von Gottes Geist. Leben an Orten, wo wir Heimat finden können - wer will hierkeine erleuchteten Augen bekommen? Schauen wir die Welt mit den von Gott erleuchtetenAugen unseres Herzens an! Und nichts wird mehr bleiben wie es war.

Und der Friede Gottes, der all unser Denken und Fühlen übersteigt, so dass uns manchmalHören und Sehen vergehen kann- er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Traugott Schächtele

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