Ansprache im Gottesdienstes mit Pfarrwahl
am Dienstag, den 25. Januar 2000
in der Auferstehungskirche in Fr-Littenweiler



Ansprache mit eingebundener Wahlhandlung
EG 611,1-4: Freut euch, wir sind Gottes Volk

Liebe Gemeinde!

Die Arche Noah und der Stall von Bethlehem haben in unserer Vorstellung etwas gemeinsam.Beide stellen wir uns allzu oft heimelig und gemütlich vor. Als Orte einer heilen, jaheiligen Wirklichkeit mitten in einer oft unheilen Welt. Beide sind in der Traditionunseres Glaubens zugleich Orte der Bewahrung. Sie bieten Schutz gegen die vielfachenBedrohungen, denen Mensch und Tier ansonsten ausgesetzt sind.

Als solche Orte sind Arche und Stall nicht selten zu einem Bild der Kirche geworden.Ein bergendes Heim mitten in den todbringenden Fluten. Ein schützendes Dach gegen Kälteund vor allzu neugierigen Blicken von außen. So soll Kirche auch sein. So wünschen wiruns nicht selten unsere Gemeinden. Freundlich und behaglich, womöglich sogar mit einerKuschelecke. Mit einigen engagierten Ältesten und Ehrenamtlichen, die alles am Laufenhalten und für das allgemeine Wohlbefinden sorgen. Und einem Pfarrer, der die Richtungangibt. Einem mutigen Beschützer und Hirten, auf den wir uns sorglos verlassen.

Wahrscheinlich ist es nur unsere Sehnsucht, die wieder einmal die Wirklichkeit ausblendet.Was schon in der Arche und im Stall von Bethlehem so nicht war, wird auch in der Kircheso nicht sein. Wenn wir uns ernstlich einmal vor Augen halten, was wir in den biblischenBerichten lesen, muss es in der Arche doch wohl kaum auszuhalten gewesen sein. SiebenMenschlein und eine Vielzahl von Tieren, die jeden Zoo in den Schatten stellen, überlange Zeit auf engstem Raum. Was da an Lärm und Gestank, an Auseinandersetzung undstrapazierten Nerven zu ertragen war - ich weiß nicht, ob ich mich in die Arche sehnensoll. Und was den Stall von Bethlehem angeht, hatte er vielleicht nicht einmal einrichtiges Dach. Ob der Futtertrog ein Kunstwerk der Holzbaukunst war wie auf zahlreichenBildern so dargestellt, oder ob die Hirten und allerlei zwielichtige Gesellen dieGesellschaft waren, die wir uns wünschen. Ich weiß es nicht.

Jesus hat diese Sehnsüchte der Menschen auch sehr gut gekannt. Die Zufriedenheit derer,die sich sicher wähnten, dazuzugehören. Diejenigen, die glaubten, die Dauerkarte für denPlatz in der ersten Reihe schon in der Tasche zu haben. Gegen diese Überheblichkeitrichten sich die Worte des Wochenspruchs für diese Woche (Lukas 13,29):

"Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tischesitzen werden im Reich Gottes."

Wundern werden wir uns, wen wir an dem Tisch, an den Gott uns lädt, schon alles sitzensehen: Und die berühmte Frage einer vornehmen Dame der Basler Gesellschaft an Karl Barthkommt mir in den Sinn: "Herr Professor, werden wir denn im Himmel all unsere Liebenwiedersehen?" Worauf Karl Barth geantwortet hat: "Selbstverständlich, meineGnädigste, und die anderen auch."

Wo Kirche ist, ist Platz für alle. Nicht nur für Mitglieder. Auch nicht nur für dieoberen Zehntausend. Oder für unsere Gesinnungsgenossen. Kirche heißt, Gott Raum gebenund damit denen, die bei aller Andersartigkeit mindestens so sehr Gottes Ebenbild sindwie wir. In der Auferstehungsgemeinde haben sie sich mit diesem Thema immer wiederbeschäftigt. Mit den Fragen des Friedens und der nach sozialer Gerechtigkeit. Sie habenin vielerlei Hinsicht auch ökumenisch immer wieder über den Tellerrand und den eigenenGartenzaun hinausgeschaut. Diese Offenheit ist wichtig, wenn wir Kirche sein wollen.Und auf diesem Weg soll sie auch der neue Pfarrer oder das neue Pfarrehepaar begleiten.



Kirche die Raum gibt auch denen von den Hecken und Zäunen, denen aus allenHimmelsrichtungen, schrägen und bunten Vögeln ebenso wie denjenigen, die schon langedazugehören.

Eine Pfarrwahl gibt immer auch die Möglichkeit des bilanzierenden Rückblicks und desprogrammatischen Ausblicks. Nicht umsonst haben wir vorhin gesungen. Vertraut den neuenWegen. Und neue Wege Pfarrerin oder Pfarrer zu sein, sind dringend nötig. Und ich binsicher, sie, die Ältesten, die heute hier das Wahlrecht ausüben, sie sehen das genau so.Nicht eine Kopie des alten Pfarrers steht heute zur Wahl, sondern die Alternativezwischen einem Pfarrehepaar, das sich die Stelle teilt, und einem Pfarrer - beideunverwechselbar und in der Lage, zusamenzuführen, was da von Osten und von Westen,von Norden und von Süden alles auf sie zukommt.

Wie das Wahlverfahren konkret vor sich geht und was dabei alles zu beachten ist, dazuwird jetzt Frau Lallathin, Pfarrerin in der March und in Hochdorf etwas sagen:

- Erläuterung der Wahlhandlung -

Sie werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tischesitzen werden im Reich Gottes.

Und den einzelnen Himmelsrichtungen werden wir jetzt ein wenig nachgehen.

Der Osten
Die Richtung, aus der wir das Besondere erwarten. Christen haben ihre Kirchen nachJerusalem ausgerichtet. Geostet. Moslems, die hier unter uns leben, beten in RichtungMekka und damit ebenfalls in Richtung Osten. Der Osten, das ist der Orient, der Ort amHimmel, an dem jeden Morgen auf‚s neue die Sonne aufgeht. Der Osten ist zugleich immergeheimnisvoll. Als Ort, an dem zauberhafte Märchen spielen mit Sesam öffne dich undSimsalabim. Aus dem Osten kommen auch die unermesslich reichen Magier, derer wir alsdreier Könige jedes Jahr am 6. Januar gedenken. Zugleich ist der Osten aber auch derOrt, aus dem wir immer wieder Bedrohliches erwarten. Aus dem uns schrecklicheKriegsnachrichten erreichen bis auf den heutigen Tag. Tschetschenien und der Balkanstehen stellvertretend für andere Krisenherde. Der Ostblock und die früher vielfachbeschworene östliche Gefahr.

Im Osten liegt - Gott sei‚s gedankt - auch der Garten Eden, der Ort des Paradieses:"Und Gott der Herr pflanzte einen Garten gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein."(Gen 2,8) Der Osten, das ist die Richtung, aus der wir die Sonne und das Leben empfangen.Halten wir unsere Türen und Herzen nach Osten offen!

EG 611,1: Freut euch, wir sind Gottes Volk

Der Westen
Das ist der Horizont, hinter dem unsere Zukunft liegt. Hier versinkt am Abend die Sonne,die mehr gesehen hat, als wir verkraften können. Im Westen, da liegt die Freiheit und derErfolg. Der Wilde Westen. Der Goldene Westen. Die rauhe Wetterseite. Der Westen - sonennen wir uns oft selber. Angeblich das Reich des Guten und doch selber auf tönernenFüßen stehend. Der Westen, das ist Überlegenheit und Überheblichkeit zugleich. NachWesten richtete man in Nordamerika seinen Blick. Dorthin machten sich viele auf denweg mit dem großen Treck der Hoffnung. Im Westen - dort liegen nicht selten großeHoffnungen begraben.

Der Westen, das ist das große Meer, die lange Zeit nicht überschreitbare Grenze. Wievielehaben mit ihrem Leben bezahlt und zugleich mitgeholfen, diese Grenze immer weiter nachWesten zu schieben.

Der Westen, das ist das Land jenseits. Da ist der Ort verborgen, der uns Hoffnung machtund den Horizont zum Leuchten bringt, über den Tag und über unser Leben hinaus. Haltenwir unsere Türen und Herzen nach Westen offen!

EG 611,2: Mitten in der großen Welt

Der Norden
Ein ungastlicher Ort. Die Richtung, aus der uns nie wärmende Sonnenstrahlen erreichen.Die Richtung, in der die Kälte zunimmt, wenn wir uns von hier aus auf den Weg machen.Von daher kommt das Islandtief und der Schneestrum. Der Norden, weltweit steht er auchfür Reichtum und für die große Verweigerung, mit dem armen Süden zu teilen.

Dass das Unheil aus dem Norden kommt - mehr als einmal können wir das in der Bibelnachlesen. Schwarzer Rauch und der alles unter sich begrabende, übersiedende Kessel -Jesaja und Jeremia können ihren Blick nur mit Argwohn in den Norden richten.

Und doch: Uns zieht es in den Norden, zu Nordkap und Nordlicht. Zur Schönheit vonFjorden und Wäldern und in die unendlichen Eiswüsten mit dem Reiz ihrer bizarrenFormen.

Der Norden gehört dazu. Er kühlt, wenn uns die Sonne nicht schont. Er lässt unsererNeugier Raum, wenn wir uns aufmachen wollen in unbekannte Gefilde.

Manchmal müssen wir eben einfach zu Schmelzen bringen, was uns auf den ersten Blickfrösteln lässt. Schotten wir uns nicht ab gegen den Norden, von woher schon die Menschenim alten Israel jene furchterregenden Wettererscheinungen erwarteten, in denen sie eineOffenbarung Gottes vermuteten. Halten wir unsere Türen und Herzen nach Norden offen!

EG 611,3: Eines bindet, eines eint

Der Süden
Wärme und Sonne. Armut und wüstes Land. Im Süden kann man sich versengen. Kann Lebenzugrunde gehen, weil es keinen Schutz gibt gegen die Unbarmherzigheit der Mittagshitze."Wenn der Südwind weht, so sagt ihr: Es wird heiß!" Auch Jesus kennt nach derÜberlieferung des Lukas-Evangeliums in Kapitel 12 diese Wetterregel.
Für uns ist der Süden der Ort unserer Urlaubssehnsucht. Süditalien und Südsee.Südliche Strände und unvergessene Nächte. Der Süden ist die Richtung, in die es unszieht, wenn wir die Gegenwart nicht mehr aushalten.

Schon Hesekiel muss im Auftrag Gottes gegen den Süden weissagen: "Rufe nach Süden undsprich zum Wald im Südland: So spricht der Herr: Ich will dir ein Feuer anzünden, dassman seine Flamme nicht löschen kann. Am Süden können wir uns verbrennen. Als reicherNorden. Als solche, die keinen ausreichenden Schutz haben gegen die Mächte, die sichvon dort aus auf den Weg machen.

Und doch fließen auch aus dem Süden Wasser des Lebens. "Herr, bringe unsere Gefangenenzurück, wie du die Bäche wiederbringst im Südland", heißt es im 126. Psalm. Und dannweiter: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten."

Halten wir unsere Türen und unsere Herzen auch nach Süden hin offen.

EG 611,4: Freut euch, wir sind Gottes Volk

Aus aller Herren Länder lädt Gott ein. Nahe und ferne. Männer und Frauen. Junge undAlte. Christen und alle Menschen guten Willens. Gott wählt nicht. Gott hält uns dasLeben offen.

Wie der Regenbogen nach der großen Flut. Wie der Stern, der den Sterndeutern den Weggewiesen hat. Wie das Licht, in das Gott seine Kirche rückt. Damit wir als Kirche amEnde doch auch zu einem Ort der Bewahrung werden. Es ist Gott, der bewahrt. Nicht wir.Wir Menschen sind Teil von Gottes guter Schöpfung und damit Gottes erste Wahl. Egal auswelcher Richtung wir kommen.

Dass wir heute recht gewählt haben. Darauf dürfen wir vertrauen, weil Gottes unter unslebendig ist in der Kraft seines alles verwandelnden Geistes. Amen.


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn