Mit Wüsten-Gesetzen gegen wüstes Gebahren
Predigt im Gottesdienst der ESG
Am Sonntag, den 14. Dezember 1999 (Gaudete)
In der Christus-Kirche in Freiburg



Das Rad der Zeit einmal zurückdrehen können - das wär‚s! Mit der Zeitmaschine zurückhinter jenen Punkt, an dem die Weichen für den Zug in die Gegenwart gestellt wurden.Einmal die Möglichkeit zu haben, alles noch einmal ganz anders zu machen - mancheEntscheidungen richtiger und dem Leben hoffentlich dienlicher zu treffen. Wer hättesich dieses nicht schon einmal gewünscht. Die vielen kleinen Brüche in unserenLebensgeschichten zurücknehmen und an den Anfang zurückkehren können. Mich reiztdiese Möglichkeit. Und je älter ich werde um so mehr.

Ich will nicht allzuweit zurück. Keine Kreuzzüge. Keine Hexenverbrennungen. KeineSlaverei. Mittelalter - nein danke! Aber nur ein wenig an den vielen Rädchen der Zeitdrehen. Einen Beitrag leisten, um von den Irrwegen der Gegenwart umsteigen zu könnenauf Wege, die in die Zukunft führen. Ich wäre jedenfalls dabei. Nein, ich glaube nicht,dass früher alles besser war. Aber die Gegenwart ist die Zukunft von gestern. Und dieChance, es beim zweiten Mal besser zu machen - ich für meinen Teil würde sie mir nichtentgehen lassen.

Immer wieder gab und gibt es Versuche, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Die Bibelerzählt solche Geschichten. Aber bei weitem nicht nur sie. Im Paradies - vor demsogenannten Sündenfall - sollen Gott und Mensch, Mensch und Natur noch in ungestörterHarmonie miteinander zusammengelebt haben. Nur: Es hat dieses Paradies zumindest soniemals gegeben!

"Zurück zur Natur!" - so hat die Devise von Jean Jacques Rousseau gelautet. Zurück injene Zeit ohne Privateigentum und angehäuften Besitz, ohne staatliche Ordnung, ohneden Druck, die Konkurrenten immer übertrumphen zu müssen. Aber auch dieses Ursprungs-Szenario ist ein Phantasiekonstrukt. Es diente eher den gesellschaftsphilisophischenRefelxionen von Rousseau als dass es eine historische Wirklichkeit früherer Tagebeschrieben hätte.

Es ist die missliche Lage der Gegenwart, die unsere Sehnsüchte nach dem heilen Ursprungspeist. Die uns dazu bringt, die heilen, ja heiligen Anfänge in die Zukunft zu projezieren.Diese Zeit der Reflexion zwischen gestern und morgen wird typoliegeschichtlich gerne alsWüsten-Zeit dargestellt. Wüstenzeit ist Zwischenzeit. Wüsten-Zeit ist die Zeit der Chance,es noch einmal ganz neu und ganz anders zu versuchen.

In die Wüste verlagern die Verfasser des Buches Levitikus darum nicht ohne Grund die Gabedes lebenspendendes Gesetzes. Auch jene Sammlung von Vorschriften, zu deren Kern dieVorgaben zum Sabbatjahr und zum Erlassjahr gehören. Wüsten-Gesetze werden gemacht,mit dem Ziel, wüstem Gebahren Einhalt zu gebieten. Dass Grund- und Boden akkumuliertwerden - im Angesicht der Schwester oder des Bruders, die der Schuldknechtschaft verfallenoder auch einfach nur dem Hunger - das kann nicht dem Programm entsprechen, mit der Gottdas Leben des einstigen Wüstenvolkes nach der Erfahrung der Katastrophe neu geordnet haben will.

Mindestens zweierlei müsste Gott dochgegen die herrschende Praxis der ungerechten Bodenverteilung haben: Zum einen istder Gesichtspunkt der Gleichheit verletzt. Nicht das modernere "jedem das seine", sonderndas ursprünglichere "jedem das gleiche!" So fasste man das göttliche Bodenprogramm auf.Das war das verloren geglaubte gerechtere Ideal aus glücklicheren Zeiten.

Zum anderen: Es geht zuletzt überhaupt nicht um den Boden an sich. Die Erde istdes Herrn. Dies ist für die Menschen kein theologisches Postulat, sondern gesellschaftlicheWirklichkeit. Sammeln und Anhäufen, kaufen und verkaufen kann man ohnedies nur den Ertrag;die Ernten. Zur Disposition steht das Nutzungsrecht, nicht das Eigentum am von Gottzugeteilten Land.

In grauer Vorzeit sei dies so gewesen. Das suggerieren die drei Gesetzesammlungen, diezum großen und zum kleinen Erlassjahr aufrufen. Die Wüstengesetze aus Levitikus 25stammen aus priesterlicher Feder und wurden im 6. Jahrhundert verfasst. Die Oberschichtim Exil. Viel Land in falschen, gar fremden Händen. Kein Wunder, dass man den fiktivenUrsprung herbeiwünscht. Gott verteilt das Land. Und er verteilt es neu. Und er gibtzugleich Anweisungen für einen versantwortlichen Umgang.

"Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen und die Früchte des Weinbergs einsammeln.Aber im siebten Jahr soll dein Land Sabbat feiern." Und was von selber wächst, gehörtdenen, die sonst nichts haben. Und nach sieben mal sieben Jahren soll dann der großeSabbat sein. Das Land fällt zurück an den, dem es einst gehörte. Die in SchuldknechtschaftGehaltenen erhalten ihre Freiheit zurück. Noch nicht bezahlte Schulden werden erlassen.Nichts bleibt in den roten Zahlen. Die Möglichkeit des neuen Anfangs ist da.

So haben‚s die Menschen damals gern gehabt. So hätten wir‚s auch gern. Die KampagneErlassjahr 2000 multipliziert diese Forderung. Der Schuldenerlass für die ärmsten Ländersteht auf den Tages-Ordnungen politischer Konferenzen und der Meetings der Nadelstreifen-Eliten internationaler Banken. Und bei weitem nicht nur, weil er biblisch geboten, sondernweil er wirtschaftlich vernünftig ist!

Was in der Vergangenheit möglich war, müsste sich doch herüberretten lassen in die Zukunft.Nur: Auch diese heile Vergangenheit hat es nie gegeben. In Israel nicht. Bei uns nicht.Sie ist ein Wunsch-Szenario. Eine programmatische Fiktion als Vision einer besseren Zukunft!Schon das große Jubeljahr aus Levitikus 25 legt das im Grunde schonungslos offen.

Was nützen heilgeschichtlich moitivierte Landnahmekonstrukte, wenn sie den Ausländerimmer eine Klasse tiefer einstufen? Wenn sie in den Köpfen zu Bildern der Größe einesLandes führen, die bis heute einen Frieden im Nahen Osten eher verhindern? Was hilft eseinem ausländischen Sklaven, wenn doch nur die einheimischen in den Genuss der Freilassungkommen? Was nützen einem Sklavenarbeiter 50 lange Jahre? Wer kommt überhaupt noch in denGenuss des Erlasses, wenn man mehr als eine Generation warten muss?

Schon der Dritte Jesaja sieht dies. Und er lebt nur wenige Jahrzehnte später. Ziehtschöpferische Konsequenzen daraus, dass die Jahre der Verbannung jetzt zu Ende sind.Er hat nicht nur Trost anzusagen. Sondern das ganze Neue und ganz Andere. Er weiß: Nichtauf die bessere Vergangenheit - auf die bessere Zukunft kommt es an. Und Jesaja stärktdarum auch die Hoffnung auf wahrhaft utopische, nie dagewesene, geschichtlich verorteteZeiten. Von verbundenen Herzen spricht er. Und von befreiten Gefangenen. Er träumt voneinem gnädigen Jahr des Herrn - ein Jahr, das kommt. Keines, was schon war!

Ein gutes halbes Jahrtausend später ist diese Vision immer noch lebendig. Da wird dieZukunft von der Gegenwart eingeholt. Der dritte Jesaja hat die Wüstengesetze des Levitikusals Zukunftsprogramm in Kraft gesetzt. Ein anderer sagt nun: "Heute ist dieses Worterfüllt vor euren Ohren!" Nicht nur heile Vergangenheit. Auch nicht nur Traum von derbesseren Zukunft. Nein: in Kraft gesetzte Gegenwart. Heute und hier ist der erste Tag einergerechteren Welt!

Als Jude sagt er das. Als Angehöriger des Volkes, zu dessen Wurzelgrund dieses Wissen umdie bessere Zukunft Gottes gehört. Dem auch wir das Wissen um wir die Unterscheidungzwischen den sechs Tagen der Arbeit und dem einen Tag des Erlasses, dem Tag der Sabbatruheverdanken. Jeschua, der Rabbi aus Nazareth: Er ist der Bote des göttlichen Erlasses.

Kranken erlässt er die Krankheit, den Mächtigen ihre Macht, den Armen ihre Armut und denReichen ihren Reichtum. Er macht die Süchtigen gleich welcher Art zu Trägerinnen undTrägern der großen Sehnsucht nach der Nähe Gottes. Nicht mehr sieben mal sieben Jahrewarten. Sondern siebzig mal sieben mal das erlassen, was sich trennend dazwischen schiebtund eingräbt zwischen Mensch und Mensch. Zwischen Mensch und Gott. "Erlass‚ uns alles,was dem Leben im Weg steht", so lautet die zentrale Bitte jener sieben Lebens-Bitten desVaterunsers. "Vergib uns unsere Schuld! - wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.Wie auch wir erlassen, womit wir andere bedrängen und bedrücken."

In die lange Geschichte des göttlichen Zumutung des Erlasses werden sie, lieber MatthiasGräfe, mit ihrer heutigen Taufe aufgenommen. Unter den schützenden Bogen gestellt, der vonder Arche Noah, über den Sinai, über Nazareth und Assisi bis in ihren heutigenTaufgottesdienst in dieser Freiburger Christuskirche reicht. Es ist Gottes Sabbat -Gottes großer Erlass, der uns fähig macht zum vielfach gebrochenen kleinen Erlass.

Das - und nichts sonst ist die Botschaft der Wüsten-Gesetze vom Sinai. Der hoffnungsvollenZukunfts-Kunde des Dritten Jesaja am Ende des Exils. Der Ansage des großen Erlasses, denJschua-Jesus uns Zeichen des Anbruchs der Welt Gottes mitten in unserer Welt ankündigt.Sieben mal sieben mal und noch viel öfter. Un-erlässlich im Erlassjahr 2000 und doch weitdarüber hinaus.

Es bräuchte dazu nicht mehr, o Gott, als die Gegenwart deines Geistes. Amen.

Traugott Schächtele

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