Ansprache zur Einführung von Raimund Fiehn
als Pfarrer der maria-magdalena-gemeinde in FR-Rieselfeld
am Samstag, den 4. Dezember 1999




Lieber Raimund,

so ganz wirst Du und werdet ihr als Familie noch gar nicht realisiert haben, dassihr jetzt im Rieselfeld wohnt. Gerade acht Tage ist es her, seit ihr hierhergezogenseid. Seit dem 1. Dezember bist Du, Raimund, der neue Pfarrer in der neu errichteten19. Freiburger Pfarrgemeinde, der maria-magdalena-gemeinde. Und in rekordverdächtigerEile wirst du heute - an deinem gerade vierten Dienst-Tag hier - schon eingeführt.Den ersten Gottesdienst hast Du gewissermaßen als Gastprediger schon am vergangenenSonntag hier gehalten. Und ab morgen ist dann rein rechtlich gesehen schon busynessas usual.

Nur: busyness as usual gibt es im Rieselfeld eigentlich gar nicht. Denn hier ist fastalles etwa anders als anderswo. Einige Punkte will ich nennen: Die maria-magdalena-gemeinde ist die allerjüngste der Freiburger gemeinden. Und du bist der erste reguläreund auch gewählte Pfarrer auf der evangelischen Pfarrstelle. Ich sage dies, ohneabzuwerten, was insbesondere Frau Ovemans hier als Pfarrerin - und zuvor schon HerrBreisacher geleistet haben. Zugleich aber auch in Anerkennung der Aufbauarbeit, mitder sie, lieber Herr Terjung, nun schon im zweiten Projektjahr die Gemeindearbeithier mitverantworten und umsetzen.

Aber noch weiteres ist hier anders: der Stadtteil und damit der äußere Rahmen, innerhalbdessen du Gemeindearbeit mitgestalten willst - dieser Stadtteil ist noch lange nichtfertig. Es wird noch Jahre dauern, bis die Bauarbeiten hier im Rieselfeld zumindesthalbwegs zu ihrem Abschluss gekommen sind. Zudem gibt es hier kein klassischesPfarrhaus mit 11 Zimmern in parkähnlicher freistehender Einzellage. So manchenKollegen / manche Kollegin vermute ich jetzt einmal, wird gerade dies von einerBewerbung abgeschreckt haben. Aber die wissen nun auch nicht, was sie sich entgehenlassen.

Noch gibt es auch keine Kirche. Aber nach dem erfolgreichen Abschluss des Wettbewerbsfür einen Entwurf ist gerade dieses Projekt eines, das es in den nächsten Jahren zubegleiten und zu realisieren gilt.

Noch mehr ist hier anders als anderswo: Der ökumenische Kirchenladen etwa in derRieselfeldallee und überhaupt: die Ökumene. Hier ist im Rieselfeld in der Tat schonjetzt Vorbildiches und Nachahmenswertes geleistet worden. Zwar längst nicht immer imvölligen Gleichschritt - das muss auch gar nicht sein -, aber in Richtung auf dasselbeZiel - nämlich die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes zu kommunizieren undunter die Leute zu bringen. Herr Pfarrer Irslinger hat dabei schon Erfahrungen mit einemganzen Stab evangelischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen können; manchmalvielleicht mehr als ihm lieb war. Aber jetzt bekommen wir mir dir, lieber Raimund jaauch die erhoffte Verstärkung in der herbeigesehnten Kontinuität.

Man kann es nicht anders sagen - und manchmal nehmen wir es so auch gar nicht mehr wahr:Im Rieslefeld hat in den vergangenen Jahren ein Wunder das andere "gejagt". Nicht nur,dass der Stadtteil überhaupt gebaut wurde; dass die Kirchen zumindest unter einem Dachzusammengefunden haben; dass die beiden Pfarreien fast denselben Namen tragen; dass dieLandessynode eevangelischerseits den Baustopp für Kirchen aufgehoben hat; ja dass diemaria-magdalena-gemeinde überhaupt noch errichtet wurde, wo wir in der Kirchengemeindeinzwischen doch längst über die Reduktion der Zahl der Pfarrgemeinden nachdenken.

Auch dass du, Raimund, dich beworben hast und jetzt hier als Pfarrer arbeitest, auchdas ist in Zeiten des Stellenabbaus ein Wunder. Und ich weiß nicht, welches Wunderdas größte ist.

So bleibt mir heute vor allem die Freude, dass ihr jetzt da seid - mir ganz persönlich,der ich dich seit den gemeinsamen Tagen im Predigerseminar schätzen gelernt habe. Aberich weiß, dass alle, die heute hier sind, diese Freude mit mir teilen.
Eure Entscheidung, aus dem sicheren Konstanzer Petrus-Gemeinde-Hafen auszulaufen undeuch auf den Weg in Richtung Rieselfeld zu machen, hat durchaus den Charakter einesWagnisses. Und wie immer liegen Risiken und Chancen sehr eng beieinander.

Die Pfarrstelle bietet genug an Unwegsamkeiten, an Unfertigkeiten und an nochKlärungsbedürftigem. Aber genauso - fast möchte ich sagen - zu einem weitaus größeren Anteil liegt hier ein Freiraum der Entfaltung und Gestaltung, den man vielerorts vergeblich sucht.

Für deine und eure Entscheidung hierherzukommen, ist mir als Bild jenes kleine Gleichnisaus dem Matthäus-Evangelium eingefallen, das in einem einzigen Vers lautet:

Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand undverbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufteden Acker.
So ganz weit weg ist das Bild vom Acker hier im Rieselfeld auch noch nicht. Nicht nur,weil die nächsten Äcker noch ganz nah sind. Vielfach gleichen die Baustellen selbernoch Äckern, auf denen man nur mit gutem Schuhwerk und der entsprechenden Ausrüstungso einigermaßen zurechtkommt ohne im Schlamm zu versinken.

Zwei Dinge möchte ich Dir, lieber Raimund, darum für die Arbeit hier im Rieselfeldübergeben. Zwei Dinge, die du brauchen kannst, um den Schatz in diesem Acker auchzu heben.

Zum einen habe ich hier ein Paar Gummistiefel. Sie sind nicht nur bei der Schatzsuche,sondern gelegentlich auch bei Hausbesuchen sicher sehr sinnvoll.

Zum anderen bekommst du auch einen Spaten. Wie willst du den Schatz im Acker desRieselfelds sonst überhaupt heben?! Wie willst du besser gewappnet sein für manchweiteren ersten Spatenstich, der noch aussteht? Wie willst du sonst Wege ausbessernund tiefen Grund mit Kies auffüllen wenn es anders nicht mehr weitergeht?

A po pro Kies. Wahrscheinlich kennst Du das Spiel "die Jagd nach dem Riesenkiesel"schon. Aber womöglich habt ihr es noch nicht. Für eure Kinder ist es zum Spielen,für dich aber, um dich mit dem Plan im neuen Stadtteil zurechtzufinden.

Mit Stiefel, Spaten und Plan kann jetzt eigentlich nichts mehr schief gehen. Der alteAcker ist verkauft und der neue hier erworben. Ich wünsche dir und euch, dass ihr vieleSchätze hier entdecken könnt und anderen entdecken helft. Und dass ihr am Ende auchnicht nur den Riesenkiesel findet, sondern den Schatz, den Gott euch hier entdeckenlassen will. Euch und alle, die zusammen mit euch hier leben und arbeiten.

Der Mann, der im Gleichnis den Schatz im Acker entdeckt hat, macht sich - wie es im Textwörtlich heißt - mit Freude an sein Werk. Dass diese Freude dir und euch alsFamilie erhalten bleibt, das sei heute mein Wunsch für euch. Und ich bin sicher, Gotthat so manchen Schatz im Acker des Rieselfeldes verborgen. Für dich und für uns alle.Amen.


Traugott Schächtele

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