Predigt im Gottesdienst am Gedenktag der Reformation
gehalten am 31. Oktober 1999
in der Lutherkirche Freiburg


Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Aber es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden.

Eilen wir unserer Zeit gut eineinhalb Jahrzehnte voraus, liebe Gemeinde. Im Jahre 2017 feiert die erste deutschsprachige Internet-Gemeinde ihr 10jähriges Bestehen. Begonnen hatte alles im Haus eines computerverrückten Theologen, der von seiner Kirche nicht eingestellt wurde, weil kein Geld mehr zur Verfügung stand.

Einer - computerverrückt wie viele andere damals auch - nutzte die Möglichkeiten des sich damals immer weiter verbreitenden Internets. Er suchte nach Menschen, die mit ihm zusammen eine Gemeinde gründen wollten. Mit einer Handvoll von Interessierten fing alles an. Mittlerweile zählt die Gemeinde mehrere Tausend Mitglieder. Tendenz steigend.

Das Motto, mit dem die Gemeinde für sich wirbt, lautet schlicht KIF. K-I-F: das bedeutet: Kommunikation, Information, Faszination.

Kommunikation meint viel mehr als nur die gemeinsamen Internetgottesdienste, die es nach Abgleichung der entsprechenden Voranmeldungen mehrmals in der Woche gibt. Die Mitglieder sind in kleinen Netzgruppen ganz eng miteinander verbunden. Obwohl viele sich gar nicht persönlich kennen, wissen sie oft viel mehr voneinander als in den traditionellen Gemeinden. Es gibt genau abgestimmte Seelsorgeketten, die dafür sorgen, dass jeder mindestens einmal am Tag mit Hilfe des Internets einem anderen Menschen ausführlich erzählen kann, wie es ihm oder ihr geht.

Man ist nicht nur übereinander informiert. Man tauscht auch sonst über alles Wesentliche Informationen miteinander aus. Fachleute, Wissenschaftler, Künstler die zur Gemeinde gehören, informieren jeweils über die neuesten Entwicklungen in ihrem Bereich. Es gibt aber auch Internet-Bibelabende und Gesprächsabende in großer Zahl. Je nach Bedarf und Nachfrage kommen immer neue Gruppen dazu.

Aber auch das F, die Faszination, kommt nicht zu kurz. Man macht virtuelle Reisen miteinander: ins Heilige Land, auf den Spuren des Apostels Paulus. in mittelalterliche Klöster auf der iberischen Halbinsel oder zu den Orgeln der großen französichen Kathedralen. Menschen können deshalb heute zu Themen mitreden, von denen sie früher keine Ahnung hatten.

Einmal im Monat werden sogenannte regionale Präsenz-Gottesdienste angeboten. Das sind Gottesdienste, die man gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Internetgemeinde in der jeweiligen Region feiert. Natürlich dann immer mit Abendmahl. Dazu werden jeweils Räume mit gehobenem Ambiente angemietet.

Kirchensteuer wird nicht mehr bezahlt. Stattdessen werden einfach Gebühren für den Zeitraum erhoben, in dem man online an die virtuelle Gemeinde angeschlossen ist. Von einem Drittel dieses Geldes werden die nebenamtlichen Internet-Pfarrer, die Raummieten und die technischen Geräte bezahlt. Das zweite Drittel fließt in soziale Projekt im Inland. Mit dem letzten Drittel werden Menschen in den ärmeren Ländern unterstützt.

Die großen Kirchen haben sich lange sehr schwer getan mit der Beurteilung der Internet-Kirchen. In selten ökumenischer Eintracht hatte man sogar beschlossen, dass Mitglieder einer Internetgemeinde nicht zugleich Mitglieder der Landeskirche sein können. Ein Beschluss, der allerdings ohne Folge blieb. Mehr als 90% der Mitglieder der Internet-Gemeinde gehörten schon vorher keiner anderen Kirche an. Ganz allmählich springt auch die baden-württembergische Regionalkiche in der EKD auf den Internet-Zug auf. Erste Inter-Net-Gesprächsgruppen sind inzwischen gegründet. Das Misstrauen gegenüber diesen so ganz anderen Form des Kircheseins, hält aber immer noch an.

- kleiner Zwischenruf der Orgel - EG 287

Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu. Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden!

Ist das, liebe Gemeinde, die Kirche der Zukunft? Ist das das Ergebnis dieser so ganz anderen Reformation, ja Revolution - gerade 500 Jahre nach der ersten? Eigentlich müßten wir die erste Reformation seit heute zu den Akten legen können. Höchste Zeit, könnte man sagen, damit wir die Energien freihaben für die nächsten Schritte in die Zukunft.

Heute wurde in Augsburg die sogenannte Gemeinsame Erklärung des Lutherischen Weltbundes mit dem Einheitssekretariat des Vatikans unterzeichnet. Thema dieser Erklärung ist die Rechtfertigung. Ergebnis: Man stimmt in wesentlichen Grundfragen überein. Ja, ein Konsens in Grundwahrheiten sei erreicht, heißt es wörtlich in der Erklärung und weiter (Art. 15):

"Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht aufgrund unserer Verdienste werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken."

Die Folgen der Reformation, die Aufteilung in Protestanten auf der einen und Katholiken auf der anderen Seite, bleiben auf absehbare Zeit bestehen. Die Ursache, der Streit um die Rechtfertigung ist im wesentlichen aus der Welt geschafft. Die Verurteilungen des 16. Jahrhunderts sind nicht mehr auf die erreichten Übereinstimmungen zu beziehen.

Welch ein ökumenischer Fortschritt! Welch ein Hoffnungsschimmer am nicht immer gerade hell erleuchteten Himmel der Ökumene. Doch stehen wir - dem einen Netz noch nicht richtig entronnen - nicht schon gleich wieder in der Gefahr, uns im nächsten zu verheddern?

Das erste Netz stand im Bild gesprochen für die theologischen Verstrickungen in einer zentralen Frage des Glaubens. Martin Luther hat die ihm sich damals bietenden Möglichkeiten, für seine theologischen Einsichten zu werben, gekonnt genutzt. Nicht nur die Bibel, nicht nur seine berühmten 95 Thesen erfreuten sich dank der noch jungen Kunst des Buchdrucks einer für die damalige Zeit rasanten Verbreitung. Unzählige theologische Schriften und Traktate erreichen Auflagenhöhen, die noch ein halbes Jahrhundert zuvor niemand vorausahnen konnte.

Jetzt schlug auch die Geburtsstunde des Flugblattes. Jeder der beiden miteinander im Streit liegenden Parteien verhöhnt und provoziert die andere mit Bild-Blättern in großer Auflagenhöhe, die in manchen Details an Horror-Videos der Gegenwart erinnern. Der andere war gehörnt, trug die Züge des Untiers, sogar des Teufels. Selber war man dagegen immer auf dem richtigen Weg.

Daneben war auch das gesprochene Wort plötzlich von einem noch einmal ganz anderen Gewicht. Die Kanzeln der Kirchen waren tatsächlich noch Kanzeln mitten in der Welt. Was hier gesagt wurde, wurde nicht nur gehört. Es entfaltete zugleich auch eine Wirkung nach außen, die man nur mit der der heutigen Massenmedien vergleichen kann.

Luthers Betonung der allen Menschen durch das Zeichen der Taufe zugesprochenen Würde hatte die Möglichkeit aller, selber in der Bibel zu lesen, zum Ziel. Die Reformation setzt dazu ein großangelegtes Bildungsprogramm in Gang, dessen Folgen nachwirken bis auf diesen Tag. In den kirchlichen Schulen. Im Religionsunterricht. In den kirchlichen Bildungsprogrammen etwa der Erwachsenenbildung. Aber eben auch in der Diskussion über die kirchliche Präsenz im neuen Medium des Internet.

- kleiner Zwischenruf der Orgel -EG 642

Fürchte dich nicht mit deinem Netz. Von nun an wirst du Menschen fangen.

Kirche im Net - Kirche im Netz. So lautet der doppeldeutige Titel unserer Erinnerung an die Ereignisse von Wittenberg im Jahre 1517, damals, als Martin Luther seine berühmten Thesen veröffentlichte. Heute hätte er sie in seine homepage gestellt. Und ein weltweiter Leserkreis wäre ihm auch dadurch sicher gewesen. Luther hätte genauso wie auch Melanchthon die Möglichkeiten der elektronischen Briefe - er hätte eMail und Fax genutzt, um seine umfangreiche Korrespondenzen zu führen. Seine großen theologischen Streitgespräche, die Disputationen, hätte man im Internet live verfolgen und sich vom heimischen PC sogar direkt einschalten können.

Warum also dieses Zögern heute? Warum das Fragezeichen hinter der kirchlichen Präsenz in diesem sich so rasant verbreitenden Medium des Internet? Viele sind inzwischen eingebunden in diese weltweite Vernetzung Netz der Meinungen und der Informationen. Mit dem Netz zu fischen, das hat doch schon Jesus seinen Freunden aufgetragen: "Von nun an sollst du Menschen fischen!" Niemand fischt heute tagtäglich mehr Menschen als dieses weltweite Netz des Internet.

Bin ich mir bei Martin Luther doch sehr sicher, dass er diese Möglichkeiten genutzt hätte; und traue ich auch dem Briefeschreiber Paulus von Tarsus die nötige Aufgeschlossenheit für diese neuen Wege der Kommunikation sehr wohl zu - auch wenn unser Neues Testament dann um einiges dicker wäre als es jetzt ist - bei Jesus könnte ich mir durchaus auch ein dickes Fragezeichen hinter dem Motto unseres bezirklichen Reformationsgedenkens vorstellen. Wer sich aufmacht in den Dschungel des Internet, der kann wirklich sehr schnell gefangen im Netz enden!

Jesus hatte eine klare Botschaft "Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen! Wo ihr euch einlaßt auf mich, bricht Gottes neue Welt an vor euren Augen." Die Reformation hatte auch eine Botschaft, die man in die Worte kleiden kann: "Du mußt nicht erst beweisen, dass du Gott recht bist. Du bist Gott recht. Und das erst läßt dich leben. Und läßt dich auch Hand anlegen bei der Gestaltung dieser Welt."

Die Gleichnisse Jesu und die Briefe des Paulus - sie dienen und dienten dazu, die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes unter die Menschen zu bringen. Luthers theologische Sätze, seine Predigten und seine Übersetzung der Bibel wollten nichts anderes, als eben diese Botschaft mit den neuen Möglichkeiten des Buchdrucks zu verbreiten.

Das Internet - so habe ich manchmal den Eindruck - will nicht nur Botschaften verbreiten und Kommunikation möglich machen unter ungleich besseren Bedingungen. Viel zu oft ist es selber schon die Botschaft. Im Internet begegnet der Mensch am Ende millionenfach niemand anderem als sich selbst.

- kleiner Zwischenruf der Orgel -EG 566

Da zeigte ihm der Teufel alle Reiche der Welt mit ihrer Herrlichkeit und ihren Möglichkeiten und sprach: "Dies alles will ich dir geben, wenn du dich in meinen Dienst stellst. Jesus aber antwortete: "Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und nur ich lieben. Und deinen Nächsten wie dich selbst."

Ich bin sicher: Es ist durchaus möglich, Kirche im elektronischen Netz zu sein. Dann nämlich, wenn wir als Kirche eine Botschaft haben. Wenn wir ernst damit machen mit dem, was KIF, das Motto der eingangs beschrieben Internetgemeinde eigentlich meint.

Kommunikation ja, aber nicht nur als Selbstzweck und Zeitvertreib, sondern eben auch: Kommunikation der Guten Nachricht, dass wir Menschen eine Zukunft haben; dass Gott sein Interesse an seiner Schöpfung nicht verloren hat.

Information ja, aber eben nicht nur eingeschränkt auf das, was sich rechnet und was man mit Zahlen messen kann. Informationen der Kirche im Netz - das ist mehr als das Ergebnis der Beratungen des Haushaltes. Zugleich muss immer auch die tröstliche Frage mitschwingen: Weißt du eigentlich, dass es gut ist, dass es dich gibt?!

Faszination an dem, was das Netz bietet, ja; aber eben kein sich Verlieren an diese Faszination - in Vernetzung mit all den anderen Faszinationsmöglichkeiten, die das Netz eben auch noch bereit hält für den, der danach sucht.

Aus der Perspektive von Jesus - aus der Perspketive Gotteswenn man das einfach so sagen darf - muß etwa Entscheidendes hinzukommen: die Wahrung nämlich der Würde der Person und der Schöpfung überhaupt. Man mag von ethischen Grundprizipien und Grundlinien reden; man mag es einfach Geschwisterlichkeit und Nächstenliebe nennen. In der Sprache des Matthäus-Evangeliums - so wie wir es vorhin gehört haben - könnten wir auch an den Anspruch Jesu erinnern: "Wer mich bekennt vor den Menschen, den will auch ich bekennen vor meinem himmlischen Vater."

Die Kirche im Netz - sie muss auch an diesem neuen Ort immer eine dem Menschen zugewandte, die menschenfischende und befreiende Kirche bleiben. Eine neue Reformation ist gar nicht nötig. Eher die Erkenntnis, dass wir die Ansprüche der alten einlösen und auf Dauer stellen müssen.

"Fürchtet euch nicht!" heißt es gleich zweimal im vorhin gehörten Text. Diese drei Worte müßten jedes Mal in hellen, bunten Farbe aufleuchten, wenn wir uns ins Netz aufmachen. Auch mit den Möglichkeiten der neuen Technik sollen wir werden, was wir schon sind: Weggefährten und Reiseführer durch die verschlungenen Pfade des Lebens. So werden wir, was Luthers uns zugemutet hat und was schon Jesus und zutraut: Priesterin und Priester des Lebens füreinander. Darum werft alle Netze von euch, die euer Leben einengen und unter Verschluss halten wollen. Oder eben: "Fürchtet euch nicht! Gott steht auf eurer Seite." Amen.



Traugott Schächtele

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