Andacht
zur Eröffnung der regionalen
MitarbeiterInnenzusammenkunft
Am 26. Oktober 1999 in Neustadt




Psalm-1- Paraphrase: Glücklich die Kirche

EG 395,1: Vertraut den neuen Wegen


Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter!

Zur Zeit befinden wir und in einer Phase gewaltiger Veränderungen. Dies bleibt auch nicht ohne Auswirkungen auf die Kirche. Auch unsere heutiger Abend ist ein Teil dieses Prozesses. Veränderungen machen Angst. Wir spüren: Vertrautes, Liebgewordenes, auch Erprobtes und Bewährtes stehen auf dem Prüfstand.

Kein Wunder, dass zunächst meist die Skepsis vorherrscht. Wer weiß denn wirklich, ob das, was kommt, besser ist als das, was war?! Das, was wir an Veränderungen erleben, das sind zunächst einmal Verlusterfahrungen. Weniger Geld - weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - und: so folgern wir: weniger Kirche und weniger Gemeinde.

Man kann mit klugen Formulierungen darum herumreden; man kann, wie es die Politik tut, schöne Formeln erfinden, wie etwa der vom "Umbau statt Abbau". Man kann, wie es die Wirtschaft tut, von Konzentrations- und Verschlankungsprozessen sprechen. Man kann, wie es manche auch in der Kirche tun, das Ende der Volkskirche einläuten oder die zunehmende Verweltlichung beklagen. Man kann auch kluge Bücher zu diesem Thema schreiben. Davon gibt es inzwischen mehr als genug.

Zwei habe ich mitgebracht. "Kirche ohne Zukunft? Heißt das eine; mit dem Untertitel. Evangelische Kirche - Wege aus der Krise. "Strategien und Modelle für das Unternehmen Kirche" verspricht das andere. Und es holt sich die Rezepte aus dem Bereich der Wirtschaft. Der Titel: Vom Klingelbeutel zum Profitcenter. Dieses Buch kehrt den Weg im Grunde einfach um: Wenn wir wieder Wege zu mehr Geld finden, dann haben wir auch wieder mehr Möglichkeiten, Kirche zu sein.

An allen Einschätzungen, auch an allen Büchern, ist etwas Wahres dran. Aber all das alles ist noch lange nicht alles. Die Kirche hat eine zweitausendjährige Geschichte. Und keines unserer Modelle Kirche zu sein, ist wirklich neu.

Welche Wege ist die Kirche nicht schon gegangen, um sich auf die veränderten Grunddaten ihrer Umwelt einzustellen. Nur einige Beispiele: Als die Häuser zu klein waren für die wachsende Zahl der Menschen in den Hausgemeinden, baute man Kirchen. Wir haben große alte Kirchen, die schon aus der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends datieren. Als die Rolle der Kirche in den mittelalterlichen Städten mit den Anforderungen des Bildungsbürgertums nicht mehr Schritt hielt, wurden durch die großen Predigerorden neue Predigtstellen eingerichtet und große Predigerkirchen gebaut.

Als die Strukturen der neuentstehenden Kirche zuviel Chaos produzierten, wurde eine Struktur der Ämter entwickelt. Als es davon wieder viel zu viel gab, rief Martin Luther, das allgemeine Priestertum wieder in Erinnerung. Als das Luthertum in reiner Rechthaberei zuerstarren drohte und mit der neu entstehenden Aufklärung in Konflikt geriet, war die Geburtsstunde des Pietismus.

Als in den Industrie-Städten des 19. Jahrhunderts die soziale Not immer mehr zunahm und die verfaßte Kirche mit diesem Problem einfach überfordert war, war die Geburtsstunde der in Vereinen organisierten Diakonie.

Als man endlich erkannte, dass wir Christsein glaubwürdig nur miteinander und nicht gegeneinander leben können, entstand die Bewegung der Ökumene. Die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre am 31. Oktober in Augsburg ist Teil dieses Prozesses.

So weit die Reihe dieser Beispiele. Man könnte sie noch viel weiter ausdifferenzieren und fortsetzen.

Im Blick auf die Probleme unsere momentane Situation geht es auch um viel mehr als nur um ausgehendes Geld. Es geht darum, dass es mit einem Mal wieder eine große Reihe von Konkurrenten auf dem Markt der Erlösung gibt und wir zwar immer noch eine gute Position, aber nicht mehr ein Monopol haben. Es geht darum, dass viele Organisationen sich von Behörden zu Service-Anbietern entwickeln. Es geht darum, dass alte, meist geschichtlich begründete regionale Einheiten neuen Gegegebenheiten angepaßt werden müssen; konkret: die Richtung des ÖPNV ist wichtiger als die Grafschaftsgrenzen früherer Jahrhunderte.

Es geht darum, dass es eine unumkehrbare Entwicklung von Fürsorgestrukturen zu gemeinsam gestalteten und verantworteten Projekten gibt. Es geht nicht zuletzt auch darum, dass die Menschen gerne mitentscheiden, wofür ihr Geld verwendet wird und es nicht einfach als Steuer abgezogen haben wollen. Über die Spendefreudigkeit an sich ist damit noch lange nichts ausgesagt.

Unter diesen - und sicherlich noch manchen anderen - Veränderungen haben wir zur Zeit zu leiden. Nur: Veränderungen an sich sind nicht einfach nur zu beklagen. Es gibt keine Entwicklung ohne Veränderungen. Und es gab auch Kirche nie abseits dieser gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen.

Zwei wesentliche Folgerungen daraus. Zum einen: Es gibt im Moment keinen Grund, irgendeinen kirchlichen Niedergang zu beklagen. Aber es gilt, Phantasie zu entwickeln, wie wir darauf angemessen reagieren können. Zum anderen: Kirche unterliegt bei diesen Veränderungen immer auch noch anderen Gesetzen als denen der Organisationstheorie und denen des Finanzmanagements, auch wenn es hochmütig wäre, solche Gesetzmäßigkeiten einfach zu negieren.

Kirche muss, wenn sie über Veränderungen nachdenkt, dies zuallererst immer unter den eigenen theologischen, kirchlichen, biblischen Vorzeichen tun. Der Spruch zum Reformationfest, das wir am kommenden Sonntag feiern, lautet ja bekanntlich: "Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist: Jesus Christus." Das ist auch mehr als ein frommer Spruch. Wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass im griechischen Wort für Grund der Name Petrus steckt, dann wird uns klar, dass auch schon zu Zeiten des Petrus und Paulus um Konzeptionen gestritten wurde.

Also nicht einfach die Gesetze des Petrus oder die des Paulus, sondern die des Christus. Und die lauten bekanntlich: "Du sollst deinen Gott lieben von ganzem Herzen, mit ganzem Gemüte und mit all deinem Verstand." Und dann aber auch: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."

Hauptamtliche bis ans Ende der Zeit, gut renovierte Gemeindehäuser in großer Zahl, eine funktionierende Kirchenverwaltung in der nächsten Großstadt sind uns nirgends verheißen, auch wenn es gut ist, wenn es all das gibt.

Verheißen ist und seit Noahs Tagen: "Ich will hinfort die Erde nicht mehr zerstören." Und seit dem Morgen der Auferstehung dazu noch: "Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." Das sind die Eckpfeiler. Alles andere steht immer wieder zur Disposition, wenn wir fragen, wie wir unsere Kräfte nach Gottes Willen und als Gleichnis seiner Menschenfreundlichkeit am besten in den Dienst am Nächsten stellen.

Der Grund ist gelegt. Wir sollen und können darauf bauen.

Ich möchte schließen mit einem kurzen Gebet:

Gott, Du alles Verändernder,
Auf Deine Kraft vertrauen wir, wenn unser Leben gelingen soll.
Mit Deinem Geist rechnen wir, wenn wir uns auf die Suche machen nach Wegen, die wir bislang noch nie gegangen sind.
Deine Gegenwart feiern wir, wo immer wir uns begegnen.
Sei auch heute Abend unser Ratgeber und unser Wegweiser.
Lass uns sicheren Fußes in die Zukunft gehen.

Amen.

EG 395,2: Vertraut den neuen Wegen

EG 395,3 (eventuell als Abschluss des Abends)

Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn