Ansprache im Familien-Gottesdienst mit Krippenspiel
am 24. Dezember 2001 (Heiligabend)
um 16 Uhr in der Matthias-Claudius-Kapelle in Freiburg-Günterstal


„Weihnachten – denn unsere Sterne sind noch lange nicht im Sinken!“

Liebe Heiligabendgemeinde!
Im Spiel der Kinder haben wir’s wieder einmal gehört und gesehen: Dem Stern haben wir das Weihnachtsfest zu verdanken. Den Hirten – vor aller aber den Weisen aus dem Osten hat er den Weg zum Stall gewiesen.

Nein, wie waren keine Könige wie wir so leichthin immer behaupten. Nach dem Bericht des Matthäus waren sie Magier; geheimnisumwitterte Himmelskundige, Astronomen und Astrologen in einem. Dass diese Himmelsgelehrten ihrer Zeit am Ende in der Enge eines Stalls am Ziel sind – dem Stern hatten sie’s zu verdanken.

An Weihnachten rührt uns der Himmel an. Es ist nicht irgend ein Kind, dessen Geburt wir feiern. Es ist das Kind, das die Menschen von neuem in die Nähe Gottes bringt. Es war ein Engel, der der Mutter die Geburt ihres Kindes ankündigt. Es waren Engel, die die Hirten aus dem Trott durchwachter Nächte herausreißen. Ihnen – nicht zuletzt aber dem Stern haben wir die Erkenntnis zu verdanken: Dieses Kind ist etwas besonderes. Es ist das Kind, dessen Leben von allem Anfang unter einem besonderen Stern steht.

Namhafte Astrologen unserer Tage sehen im Stern von Bethlehem das seltene und von der Erde aus gut sichtbare Zusammentreffen von Jupiter und Saturn im Jahre 7 vor der Zeitenwende. Diese Beobachtung und anderes spricht dafür, dass Jesus sogar noch sieben Jahre früher geboren wurde als wir gemeinhin annehmen. Auch diese Vermutung – wir haben sie vor allem dem Stern zu verdanken.

Josef und Maria, die Hirten und die Engel, Herodes und die Wiesen – sie alle sind schon oft Gegenstand des weihnachtlichen Nachdenkens gewesen. Warum nicht einmal der Stern über dem Stall?

Von ihm ist nur in der Weihnachtsgeschichte des Matthäus die Rede. Die babylonischen Himmelsgelehrten entdecken ihn schon zu Hause im Zweistromland, viele hundert Kilometer von Bethlehem entfernt. Ihr Leben steht fortan unter einem guten Stern. Am Ende finden sie den, den sie gesucht haben. Über dem Stall von Bethlehem hält der Stern inne. Bleibt die Zeit stehen. So könnte es immer sein: Wenn die Sterne uns nicht mehr davonlaufen; wenn wir ihnen zum Greifen nahe kommen, dann sind wir am Ziel. Dann ist Weihnachten!

Nicht alle verstehen diese Botschaften zu lesen. Herodes der Große hat keine Augen für die Botschaften des Himmels. Mit Gewalt will er sich einen scheinbaren Konkurrenten im Anspruch auf den Königsthron vom Leib halten. Er lässt Kinder sterben, um seine Macht zu sichern. Herodes bleibt blind für Botschaften, die nicht in sein Lebenskonzept passen. Lieber will er die Welt seinen Plänen anpassen als sich selber ändern zu müssen.

Immer wieder haben Menschen dran glauben müssen, weil ein anderer der guten Nachricht Gottes nicht glauben konnte. Weil Menschen die Zeichen der Zeit nicht zu verdeuten vermochten. Herodes hatte viele Nachfolger durch die Geschichte hindurch. Bis heute. Und nach dem 11. September und seinen bis heute spürbaren Folgen verstehen wir diese Behauptung noch besser als zuvor. Gott will weder Gewalt noch Krieg. Nicht nur an Weihnachten muss Raum bleiben, dies auch öffentlich immer wieder zu sagen.

Wir Menschen vertrauen heute am liebsten den Möglichkeiten der eigenen Stärke und des eigenen Erfolgs. Nicht wenige vertrauen immer wieder auch den Sternen, um zu entdecken, welche Möglichkeiten ihnen in die Wiege gelegt sind. Horoskope haben ihre Leserschaft immer sicher. Weil wir Menschen hören wollen, dass alles schon wieder irgendwie gut wird. Dass heil wird, was zerbrochen ist. Dass der hauchdünne Faden doch noch einmal hält. Dass irgendwie schon noch Wirklichkeit wird, was wir uns erträumen. Dass wir noch einmal weitermachen können miteinander.

Der Stern von Bethlehem hält unser Lebensglück nicht im Angebot wie ein himmlischer Gemischtwarenladen für unerfüllte Wünsche. Er verspricht nicht einfach Leben Kette aneinandergereihter highlights. Es müssen auch nicht Jupiter und Saturn sein. Denn am Ende geht es darum, dass Weihnachten uns zum Leuchten bringt. Denn die Aufgabe des Sterns von Bethlehem ist längst uns allen ans Herz gelegt. Der Stern von Freiburg, der Stern von Günterstal zu sein, das ist uns als Aufgabe aufgetragen. Ob und wie wir sie übernehmen, darin liegt das Geheimnis unseres Lebens verborgen. So zu leuchten, dass andere Orientierung gewinnen können, das ist der tiefere Sinn unseres Daseins. Dies will uns Weihnachten jedes Jahr von neuem in Erinnerung rufen.

Leuchten – im Sinn des Sterns von Bethlehem – heißt Orientierung bieten und die Richtung angeben. Heißt deutlich die beim Namen zu nennen, die dem von den Engeln zugesagten Frieden auf Erden im Wege stehen, weil sie Gewalt säen. Oder weil sie den Weg zum Frieden nicht anders zu gehen wissen als weiterzudrehen an der Spirale der Gewalt. Und kaum ein Ort hat den Frieden in diesem Jahr wieder nötiger als eben Bethlehem selber, von wo die Botschaft des Friedens auf Erden einstmals ihren Ausgang nahm.

Leuchten im Sinn des Sterns von Bethlehem heißt aber auch: energisch und glaubwürdig widerstehen, wo man das “Ehre sei Gott in der Höhe“ missachtet oder gar nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Weil wir Gott ins Abseits der Beliebigkeit abdrängen. Weil Gottes gute Schöpfung kaputtgemacht wird. Weil wir nicht mehr leiden an der zerbrochenen Einheit der Kirchen. Weil wir blind geworden sind für die Botschaften des Himmels.
Wo der Stern von Bethlehem zu leuchten beginnt, ist Wendezeit angesagt. Da ist wirklich nichts mehr wie vorher. Da beginnt ein neues Zeitalter mitten im alten. Da fängt das Leben von neuem an zu blühen. Da stehen mit einem Mal die an den Rändern im Rampenlicht seiner Strahlen. Da wird der Stall im Hinterhof einer entfernten Provinz des römischen Reiches zum Nabel der Welt. Da bringe ich mein eigenes Licht – wie klein oder wie groß es immer sein mag – ein in jenes große Licht, mit dem Gott seine Welt erleuchtet – bis heute. Damit wir die Orte seiner Gegenwart mitten unter uns entdecken.

Unsere Sterne sind noch lange nicht im Sinken. Genau das feiern wir an Weihnachten. Auch wieder im Jahre 2001. Amen.
Traugott Schächtele

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