Stellungnahme / Leserzuschrift im Blick auf den Beitrag "Wir wollen selbstständig bleiben" (6. Februar 2001)


Kein Zweifel - Veränderungen tun weh! Das war niemals anders. Und es ist jetzt so im Blick auf die in der Kirchengemeinde Freiburg eingeleiteten Prozesse der Umstrukturierung. Niemand wird denen, die meinen, es gehe ihnen nach den Veränderungen schlechter, bestreiten, dies zu äußern. Auch in der Öffentlichkeit. Ob diese subjektive Ein-schätzung am Ende wirklich zutrifft, das steht auf einem anderen Blatt. Doch selbst wenn einige der Folgen des Veränderungsprozesses zunächst als Härten empfunden werden. Eines sollte dabei aber tunlichst vermieden werden, nämlich der Versuch, mit falschen Behauptungen die eigene Position zu stützen und andere auf diese Weise ins Zwielicht zu setzen.

Gerade dies ist aus den Äußerungen herauszuspüren, die in den Beiträgen zur Reaktion der Basis auf die Entscheidung des evangelischen Kirchengemeinderates herauszuhören und zu -lesen. An wenigen Punkten möchte ich dies belegen und damit zur Klärung möglicher Missverständnisse betragen.

  1. Dass die Entscheidungen nicht protestantisch-demokratisch gefallen und dass sie über‚s Knie gebrochen worden seien, entspricht nicht den Tatsachen. Die ersten Beratungen der verantwortlichen Gremien und Ausschüsse der Kirchengemeinde fanden im Herbst 1999, das heißt vor eineinhalb Jahren statt. Die Einsicht in die Notwendigkeit, (nicht nur) aus finanziellen Gründen zu strukturellen Veränderungen zu kommen ist noch erheblich älter. Die Willensbekundung des Kirchen-gemeinderates vom 2. Februar 2000 stand am Ende eines langen Be-ratungsprozessen und aufgrund von Vorlagen mehrerer eigens dazu eingesetzter Arbeitsgruppen, in den auch die Ältestenkreise und Ge-meindeversammlungen einbezogen worden waren. Das Ergebnis wur-de vom Kirchengemeinderat (der von der Basis gewählt wurde und diese repräsentiert) mit absoluter Mehrheit gefällt. Der Termin der Ent-scheidung ergab sich nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass am 11. November neue Ältestenkreise zu wählen sind. Leicht oder gar leicht-fertig wurde allerdings sicherlich nichts und von niemandem entschie-den.

    Auch wenn man mit der getroffenen Entscheidung nicht einverstanden sein mag: dass derartige Prozesse auf diese Weise vorbereitet und von Gremien, in denen die Pfarrerinnen und Pfarrer nicht die Mehrheit haben, beraten und beschlossen werden, halte ich für ein hervorra-gende Beispiel protestantisch-demokratischer Kultur. Es gibt Institutio-nen - auch im Bereich der Kirchen - , in denen die Leistungsstrukturen völlig anders geartet sind. Wahr ist allerdings auch: Selbst in hohem Maße demokratisch legitimierte Strukturen kommen am Ende nicht selten zu Ergebnissen, die mit einem Mehrheitsbeschluss gefällt wer-den. Die Kirchengeschichte hat gezeigt, dass dabei der Heilige Geist nicht von vornherein auf der Strecke geblieben ist.


  2. Weder die Luthergemeinde noch irgendeine andere Gemeinde wird aufgelöst. Tatsächlich wurden Veränderungen der Grenzziehung be-schlossen. In den neu entstehenden Gemeinden bleibt - sofern nicht schon zu einem früheren Zeitpunkt und unabhängig von den gegen-wärtigen Entscheidungen eine andere Entscheidung getroffen werden musste - auf absehbare Zeit die Zahl der Pfarrstellen gleich. Der Zu-sammenschluss ist einer der Pfarrämter. Über Monate ist in der Öffentlichkeit - und teilweise wider besseres Wissen - durch einzelne Aktionen der Eindruck erweckt worden, einzelne Kirchen stünden vor dem Abriss, obwohl es dazu keine gültige Beschlusslage gab. Jetzt wird die Parole gewechselt: Anstelle des Erhaltes der Kirche soll die Selbständigkeit der Pfarrei erhalten bleiben. Wahr ist: diese Selbstän-digkeit gibt e jetzt schon nicht. Die evangelischen Freiburger Pfarreien sind unter dem Dach der Kirchengemeinde in Verwaltungs-, bau und Personal- und Außenvertretungsfragen längst zusammengeschlossen. Verändert wird - in geringer Zahl - die Zuordnung einzelner Straßen zu bestimmten kirchlichen Gebäuden; größtenteils bleibt diese Zuordnung und auch der Stand der jetzigen Predigtstellen erhalten; lediglich im Blick auf den Sitz des Pfarramtes - nicht aber im Blick auf den zustän-digen Pfarrer - ergeben sich Änderungen. Übrigens: Solche Änderun-gen gibt es in jeder Pfarrei nach einigen Jahren immer schon - und gewissermaßen als Normalfall - durch den Wechsel der Pfarrstelleninhaber.


  3. Vielleicht wurde in der Diskussion zu lange und zu früh über Gebäude geredet, zu denen im übrigen nicht nur Kirchengebäude zählen. Das hat die Diskussion überlagert und enggeführt. Der Grund dazu lag allerdings nicht in der Absicht, es mit dem Glauben, dass das Neue immer schon das Bessere ist, zu versuchen. Vielmehr hat die ange-spannte Finanzlage die Kirchengemeinde zum Handeln gezwungen. Dies gilt es immer in Erinnerung zu behalten. Nachdem aus der Kritik an der einseitigen Konzentration auf Gebäuden Konsequenzen dahingehend gezogen wurden, dass eine Strukturdebatte vorgeschaltet wurde, wird nun diese getadelt. Wahr ist: In dieser für die Kirchenge-meinde schwierigen Situation konnte es jede getroffene Entscheidun-gen nicht allen recht machen. Nur: weiterzuwursteln wie bisher wäre keine verantwortbare Alternative mehr.


  4. Im Blick auf die jetzt getroffene Entscheidung muss klar sein: Mit Einsparungen bei den Pfarrämtern sind die Probleme noch nicht aus der Welt geschafft. Bestenfalls wurde Zeit gewonnen. Der Veränderungsprozess ist sicherlich erst am Anfang. So ist im Blick auf den über normale Haushaltsmittel kaum noch finanzierenden Gebäudebe-stand in hohem Maße Phantasie gefordert. Mit der Gründung eines Fördervereins hat die Matthias-Claudius-Gemeinde bereits einen ver-heißungsvollen Weg beschritten. Denkbar wäre etwa auch gemeinsame Nutzung von Kirchenräumen mit anderen Kirchen aus dem Bereich der ACK oder eine Umwidmung von Gebäudefunktionen hin zu andere Aufgaben im Rahmen der kirchlichen Arbeit. Der Verkauf in einem Einzelfall wäre die ultima ratio, nachdem alle anderen Wege fehlgegangen wären. Ein frühzeitiges und auch innovatives Engagement vieler könnte einer solchen Entscheidung hoffnungsvoll entgegenwirken.

    Zudem gilt es andere wichtige Aufgaben wie etwa die, die Präsenz in der Innenstadt im Rahmen der derzeit entwickelten Stadtkirchenarbeit deutlich - und sicher nicht kosten- und personalneutral - zu verstärken. Schön wäre es, wenn die Pfarreien gerade dieses Projekt als ei-nes in ihrem ureigensten Interesse begreifen und verwirklichen könnten.

Bei all diesen Überlegungen geht es nirgends um Bekenntnisfragen, sondern darum, im Rahmen von Ermessens- und Plausbilitätsfragen Kirche in ihrer sichtbaren Gestalt unter veränderten Bedingungen weiter zu gestalten. Auch dabei sind wir "Kirche auf dem Weg", schon gar nicht Kirche ohne Zukunft. Die eigene Situation immer zugleich als Herausforderung zum Handeln zu begreifen und zugleich als Aufgabe der Bewährung unseres Gottvertrauens - darauf käme es im Moment am meisten an.


Traugott Schächtele

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