Herbstssynode im Kirchenbezirk Freiburg
Am 11. November 2000 in der Zachäuspfarrei Freiburg
- Information über den Stand der Überlegungen zur Veränderung
des Zuschnittes des Kirchenbezirks Freiburg -



Liebe Mitsynodale,
sehr geehrte Damen und Herren!

Der Tagesordnungspunkt dieses Nachmittags ist weitaus weniger brisant als es in den vergangenen Monaten gelegentlich den Anschein hatte. Ich halte es auch für sehr wichtig, dass wir diesen Punkt auf seinen sachlichen Gehalt hin ausloten. Vorschnelle Ängste sind genauso wenig angebracht wie vorschnelle Unterstellungen. Bei diesem Thema geht es weder darum, dass jemand abgeschoben oder über den Tisch gezogen wird, noch sind gänzlich neue Ideen im Raum.

In der vergangenen Woche haben wir alle durch die Information der Medien miterleben können, mit welchen Schwierigkeiten sich die Geburt des geplanten Gewerkschaftsriesen "Verdi" vollzieht. In unserem fall ist die Richtung der Veränderung gegenläufig, nicht hin vom großen zum Mega-großen. Uns liegt eher an der Stärkung der kleineren Einheit, so dass man nicht von Verdi sondern von Rossini sprechen müsste, wobei es immer noch um größere Einheiten als die der Rosine geht.

Im übrigen haben wir heute ja den Tag des Heiligen Martin. An diesem Tag laufen ja bekanntlich die Kinder mit Laternen durch unsere Straßen. Vielleicht gelingt es mir heute auch, in manchen Düster- und Dunkelheiten wieder etwas vom Licht der Kalrheit und Wahrheit anzuzünden.

Um folgendes soll es also im nachfolgenden gehen: Zunächst möchte ich ihnen an dieser Stelle einfach genauer mitteilen, wodurch die gegenwärtigen Überlegungen überhaupt ausgelöst wurden. Worum es eigentlich geht. Was der Stand der bisherigen Überlegungen ist und in welchem inhaltlichen und zeitlichen Rahmen wir uns die weiteren Überlegungs- und Handlugsschritte vorstellen können.

Ausgangspunkt aller Überlegungen ist. Das Freiburger Dekanat ist im Grunde das größte unserer Landeskirche, zumindest, wenn man verschiedene Faktoren miteinander kombiniert. Mit seinen knapp 90.000 Evangelischen liegen wir zahlenmäßig etwa gleichauf mit Mannheim und Karlsruhe. Diese beiden Dekanate sind allerdings fast lupenreine Großstadtdekanate. Das heißt, das Dekanatsgebiet umfasst im wesentlichen jeweils nur das Stadtgebiet mit einer prägenden Großstadtgemeinde und einigen wenigen kleineren Kirchengemeinden.

Von den räumlichen Dimensionen her mag das Dekanat Überlingen-Stockach am Bodensee sich ähnlich weit erstrecken, aber mit einer doch wesentlich niedrigeren Zahl an dazugehörigen Evangelischen. Verbindet man die beiden Faktoren "Zahl der Evangelischen" und "räumliche Ausdehnung", dann wird schnell klar, dass wir hier tatsächlich den größten Kirchenbezirk haben.

Nun ist Größe in den meisten Fällen ja ein Grund, um sich zu freuen und stolz zu sein. Aber eben nicht in allen Fällen. Schon gar nicht in diesem, wo wir uns diese Größe je weder erarbeitet haben noch daraus besondere Vorteil ziehen können.

Natürlich ist dieser Sachverhalt bekannt. Und in den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde mindestens schon zweifach darauf reagiert. So ist Mitte der 80er Jahre - genauer gesagt 1986 das Dekansamt hauptamtlich geworden. Dies war ein lange nicht unumstrittener Schritt, der am Ende allerdings der Einsicht Rechnung trug, dass sich mit diesem Dekanat eine zusätzliche Gemeindepfarrstelle nicht mehr sinnvoll kombinieren lässt.

Zugleich entwickelte sich die verstärkte Regionalisierung mit jeweiligen Regionalsprecherinnen bzw. Regionalspechern oder auch Regionalvorsitzenden. Diese sind bis heute für die Einladung, Durchführung und Gestaltung der Pfarrkonvente verantwortlich. Zugleich sitzen diese Specher oder Vorsitzenden zwar ohne Stimmrecht, aber mit gleichen Möglichkeiten der Mitwirkung im Bezirkskirchenrat.

Die starke Regionalisierung hat einiges an Erleichterung und auch an einer gestärkten regionalen Identität ermöglicht. Zugleich ist damit aber das Problem gegeben, das die Ausbildung einer gesamtbezirklichen Identität bis heute ein schwieriges Unterfangen geblieben ist.

Wenn wir uns seit einiger Zeit nun erneut mit Möglichkeiten der Veränderung des Zuschnitts unseres Kirchenbezirks befassen, dann geschieht dies also aus folgenden Gründen:

Zum einen liegt das sicherlich daran, dass das Grundproblem trotz flankierender entlastender Maßnahmen nicht wirklich gelöst werden konnte. Der Bezirk ist ein sehr großer - oder müsste man nicht sagen - im Grunde ein zu großer Bezirk.

Nun hat es vor ungefähr zwei Jahren aus der Landessyode heraus eine Initiative zur Veränderung des Zuschnitts der Dekanate in unserer Landeskirche insgesamt gegeben. Dort allerdings mit dem erklärten Ziel, die Zahl der Dekanate in unserer Landeskirche deutlich zu senken, indem man größere Einheiten schafft. Insofern läuft unser Bestreben hier dem synodalen Anliegen im Grunde entgegen, allerdings nicht ohne Grund. Wir sind eben schon groß. Das frühere Dekanat Boxberg etwa, das inzwischen mit dem Dekanat Adelsheim fusionierte, bestand aus nur 10 Pfarreien mit insgesamt 6000 Gemeindegliedern. Das bringen bei uns zwei mittlere Gemeinden zusammen.

In den auf Anregung der Synode dann vom Oberkirchenrat vorgelegten möglichen Modellen hat man sich teilweise an den Landkreisen orientiert, teilweise auch an den Gebietend der Rechnunsämter. Angeregt, nicht angeordnet, wurde dabei auch die Möglichkeiten von Großstadtdekanaten mit dem Ziel, Bezirkssynode und Kirchengemeinderat in eins fallen zu lassen um sich derart eine Ebene der Leitung zu sparen. In Heidelberg und Mannheim ist man mittlerweile mit diesen Überlegungen schon so weit, dass dieses Ziel zumindest in den Probelauf gehen kann.

In Freiburg-Stadt hat man sich mit dieser Frage bzw. dieser Möglichkeit auch ausgiebig befasst. Da unser Bezirk allerdings aus drei Regionen besteht, ist hier die Lage ungleich komplizierter.

Hinzu kommt ein weiterer komplizierender Faktor. Nach den in der Synode diskutierten Vorgaben über die Mindestgröße eines Dekanats, das aus mindestens 20 Pfarreien bestehen sollte, ist der Kirchenbezirk Müllheim zu klein. Insofern muss bei allen Überlegungen bei uns auch bedacht werden, welche Möglichkeiten der Kooperation und Verbindung zu Müllheim aus der Blickrichtung unseres Bezirkes her zu bedenken sind.

Um der Kompelixität des Themas gerecht zu werden, hat sich der Bezirkskirchenrat schon zweimal zu Klausurtagungen zu diesem Thema nach Beuggen zurückgezogen. Nebenbei bemerkt: Als Kirchenbezirk sind wir ja Trägerbezirk dieser Tagungsstätte und ich möchte sie ausdrücklich ermutigen und ermuntern, für ihre Klausurtage - sofern noch nicht geschehen - auch nach Beuggen zu fahren.

Zudem wurden in den einzelnen Regionen Abende zu diesem Thema durchgeführt, deren Ergebnisse zumindest in zwei der drei Fälle allerdings wenig Einheitliches an Ansichten hervorbrachten. Auf die jeweiligen Pro- und Kontra-Argumente und auf die unterschiedlichen Stimmungslagen werden wir nachher sicherlich noch kommen.

In den Beratungen des Bezirkskirchenrates hat sich ein deutliches Votum für eine Veränderung des Bisherigen ergeben, allerdings keine einheitlichke Position im Blick auf die unterschiedlichen Modelle einer Veränderung.

In dem, was wir im Bezirkskirchenrat bisher erarbeitet haben, haben wir uns von folgenden Überlegungen leiten lassen, die ich jetzt noch einmal zusammenfassend darlegen möchte. Ich möchte das so tun, dass ich das, was mit einer Änderung erreicht werden soll, als Ziel beschreibe:

Ziel 1 ist die Entlastung von Dekan, Bezirkssynode und Bezirkskirchenrat.

Die Größe dieses Kirchenbezirks bleibt nicht ohne Folgen: für den Dekan, das wissen sie ja nicht erst von mir. Für vieles, was für einen Dekan wichtig wäre, bleibt wenig Raum.
Unsere Synode ist größer als die Landessynode. Das führt zum einen immer wieder auch zum Synodal-Frust. Zum anderen sogar zur klammheimlichen Verabschiedung. Umso mehr möchte ich ihnen heute danken, die sie sich wieder einmal Zeit für diese Synode genommen haben.

Der Bezirkskirchenrat ist mit seinen Aufgaben ebenfalls jenseits der Grenze des Möglichen. Allein der Hinweis auf die Visitationen, die nach der neuen Visitationsordnung noch aufwendiger sind und denen künftig auch noch eine Zwischenvisitation folgen soll, mag dafür ein Beleg sein.

Ziel 2 ist die vorhin schon angedeutet mögliche Vereinfachung in den Strukturen der Kirchengemeinde Freiburg, wo Kirchengemeinderat und Bezirkssynode dann in ein Gremium zusammenfallen könnten. Das Anliegen einer Entlastung ehrenamtlicher sollten wir dabei nicht gering achten.

Ziel 3 besteht in der sinnvollen Verbindung unserer Überlegungen mit denen im Kirchenbezirk Müllheim. Ein entsprechendes Gespräch mit Vertretern des Müllheimer Kirchebezirks wird es noch im November geben.

Neben diesen genannten Zielen ist gewissermaßen als geistliches Ziel auch die Schaffung und Wahrung einer gesamtbezirklichen Identität zu nennen, die es in einem Bezirk dieser Größe sehr schwer hat. Solche Identitäten gibt es eigentlich nur in den Regionen.

Zu berücksichtigen bleibt bei allen Überlegungen auch der Wunsch vieler in den beiden Landregionen, die gewachsene Bindungen und Verbindungen zur Stadt und den in ihr befindlichen Einrichtungen doch zu wahren. So gleicht jedes reformbemühen gewissermaßen der Quadratur des Kreises. Nur: die Schwierigkeit der Aufgabe allein hebt deren Notwendigkeit nicht auf. Im Gegenteil.

Eine kleine Bemerkung am Rande. Von Einspareffekten haben sie bei diesen Zielen bisher nichts gehört. Nicht deshalb, weil wir dabei nichts sparen wollen. Aber dieses Mal geht es vorrangig wirklich um anderes. Und das Thema Entlastung ist wahrhaftig keines, das sich nur auf Haushalte beziehen sollte.

Ich habe jetzt einen langen Anlauf genommen, der aber für das Verständnis dessen, was jetzt kommt, dringend nötig ist. Noch nicht geredet habe ich bisher von dem, was wir im Bezirksirchenrat an Modellen erarbeitet haben. Dies soll jetzt geschehen.

Modell 1
Als erstes möchte ich ihnen das im Grunde weitestgehende Modell vorstellen. Dies würde beinhalten, aus dem bisherigen Dekanat Freiburg und dem bisherigen Dekanat Müllheim ein neues Großdekanat zu bilden. Dass damit nichts gewonnen und vieles noch schwieriger wäre, liegt auf der Hand. Aber der Vollständigkeit halber möchte ich ihnen auch diese Möglichkeit vorstellen.

Denkbar und lebbar wäre ein solches Dekanat nur, wenn der Dekann oder irgendwann dann auch einmal eine Dekanin große Unterstützung erhielte. Unsere Grundordnung kennt dafür die Möglichkeit der Schaffung von Prodekansstellen. Allerdings hat es solche bislang in Baden noch nirgends gegeben. Und dort, wo man solche Erfahrung hat, etwa in Bayern oder in Hessen, gibt es Prodekane nur in Großstädten wie etwa München oder Wiesbaden. Das ist aber eine von der unseren sehr verschiedene Situation.

Modell 2
Das zweite Modell geht davon aus, dass unser Kirchenbezirk in seinem Südteil einige Gemeinden nach Müllheim abgibt, so dass Müllheim genug Gemeinden hätte, um zu überleben und es auf unserer Seite zugleich eine gewisse Entlastung gäbe. Auch bei diesem Modell könnten zusätzlich Prodekane in den Regionen eingesetzt werden. Auf der anderen Seite würde auf diesen Weise die bisherige und gut funktionierende Region Kaiserstuhl-Tuniberg gewissermaßen zerschnitten. Ob dies eine wirklich sinnvolle Lösung ist, bleibt abzuwaren.

Modell 3
Weitaus höhere Priorität haben aus meiner Sicht die beiden anderen Modelle. Da wäre zunächst das Modell "2+2". Darunter verstehen wir die Bildung zweier neuer Dekanate. Zum einen ein Dekanat, das besteht aus der Stadt Freiburg und der Region Dreisamtal-Hochschwarzwald. Daneben entstünde das Weindekanat Kaiserstuhl-Tunberg in Verbindung mit Müllheim. Ein möglicher Schwachpunkt dieses Modells ist der, dass sich der mögliche Zusammenfall von Bezirkssynode und Bezirkskirchenrat in Freiburg bei diesem Modell nicht realisieren ließe.

Modell 4
Diese Möglichkeit bietet das Modell "1+3". Das bedeutet, die drei Regionen Kaiserstuhl-Tuniberg, Dreisamtal-Hochschwarzwald und Müllheim bilden ein Dekanat in der Größe des Landkreises bzw. des Gebietes, die der des Diakonieverbandes im Landkeis entspricht. Diesem Landkreisdekanat stände auf der anderen Seite ein reines Stadtdekanat gegenüber.

Reizvoll und sinnvoll wäre in diesem Fall die Vorstellung, der Landdekan und der Stadtdekan hätten ihre Diensträume in einem Haus in Freiburg. Dort könnte auch verwaltungsmäßig eine sinnvolle Zusammenarbeit praktiziert werden. Dass eine solche Lösung nicht den Müllheimer Vorstellungen entspräche, liegt auf der Hand. Aber die meisten der angestrebten Ziele ließen sich auf diese Weise erreichen. Aber auch hier eben nicht alle.

Aber so ist das eben. Man kann immer nur die beste von in keinem Fall hundertprozentigen Lösungen haben. Und jedes unserer Modelle hat seine Pferdefüße. Das im Moment existierende jedoch auch. Und es gilt abzuwägen, bei welchem Modell sich am Ende die größte Summe von Verbesserungen für möglichst viele ergibt.

Heute ist nichts anderes angedacht, als dass wir ihnen diese Modelle vorstellen. Es wird nicht abgestimmt und nichts entschieden. So haben sie dann in den jeweiligen Regionen und in den jeweiligen Ältestenkreisen und Kirchengemeinderäten die Möglichgkeit zur Beratung und zur Rückäußerung.

Im übrigen: Im Unterschied zur Frage der Pfarrstellendeputate hat der Bezirkskirchenrat bei der Frage der Gestaltung des Kirchenbezirks keine Entscheidungsbefugnis. Die liegt zuallererst bei ihnen und damit bei der Bezirkssynode. Dies sage ich deshalb so ausdrücklich, weil ich damit den Verdacht finsterer Machenschaften im Bezirkskirchenrat gleich mit einem Schlag beseitigen kann. Wir werden uns also in der Bezirkssynode im neuen Jahr erneut mit diesem Thema befassen und dann auch zu einer Entscheidung kommen müssen.

Sollten wir dahin kommen, dann müssten unsere entsprechenden Beschlüsse ohnedies noch von der Landessynode bestätigt werden. Sie sehen, es sind genug Filter eingebaut, die am Ende zum hoffentlich zu einem guten Ergebnis führen. Ohne irgendwelchen Beratungen vorauszugreifen: Das Weiterwursteln in der jetzt praktizierten Form gehört aus meiner ganz persönlichen Sicht nicht zu den Modellen, die ich für zukunftsträchtig halte. Auch nicht für mich selber. Und ohne den Mut und die Freude am Wagnis ist die Zukunft niemals zu haben. Insofern gleichen auch diese Beratungen dem Gang über‚s Wasser wie einst bei Petrus.

Und ob wir am Ende über‚s Waser gehen oder einsinken wird auch hier davon abhängen, ob wir unsere Blicke auf den richten, ohne den sowieso nichts wirklich gehen kann am Leben. Zu diesem Blick auf den Herrn der Kirche möchte ich sie ohnedies immer wieder auf‚s Neue verlocken. Nicht nur bei diesem Thema!

Riskieren wir also jetzt im gemeinsamen Gespräch, dass wir nasse Füße bekommen. Hauptsache, wir kommen gut ans Ufer.

Ich danke ihnen.

Traugott Schächtele

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