Vortrag anlässlich der Mitgliederversammlung
der Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit
am 24. Februar 1999 im Gerhard-Ritter-Haus in Freiburg:
"Geschichte öffentlich erinnern -
oder von der Sehnsucht, endlic




Vorbemerkung - warum mein Thema überhaupt ein Thema ist

Seit dem 11. Oktober 1998 zeigt die neue deutsche Republik auch öffentlich ihr verändertesGesicht. An diesem Tag erhielt Martin Walser den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.Seine Rede in der Frankfurter Paulskirche hat unbestritten das Verdienst, offenzulegen undklar zu benennen, was verdeckt und hinter vorgehaltener Hand auch lange zuvor schon sogedacht und mit leiseren Tönen auch ausgesprochen wurde. Dieser 11. Oktober hat diesePosition gleichsam auch in der intellektuellen Öffentlichkeit der Republik hoffähiggemacht. Es war die Promotion des Standpunktes von Martin Walser - und in womöglichnoch verschärfter Form von vielen anderen geteilt - in den Adelsstand der legitimenund gesellschaftsfähigen Vertretbarkeit, ohne dabei den eigenen Gesichtsverlust zuriskieren.

Die Debatte zu diesem Vortrag und seiner Wirkungsgeschichte hat einen breiten Platzin den Medien eingenommen. Verletzungen traten zutage, -ismen verschafften sich Raum -nur jegliches womöglich berechtigte Anliegen war im Grunde zum Untergang verurteilt,allen Konfliktentschärfungsinszenarien zum Trotz. Ulrich Herberts scharfsinnige Analyse -am 15. Dezember des Vorjahres in der Badischen Zeitung zu lesen unter der Überschrift."Walser benutzt die Codes der Rechtsextremen" - hat eine der wesentlichen Ursachen fürdas zwangsläufige Scheitern von Walsers Strategie klar benannt. Die Debatte ist längstleiser geworden. Aber zurück können wir nicht mehr hinter diesen denk- unddiskussionswürdigen, aber nicht unbedingt wiederholungswürdigen 11. Oktober 1998.

Mit diesen wenigen Gedanken zur Rede des letztjährigen Friedenspreisträgers soll esbereits sein Bewenden haben. Martin Walser hat seine Öffentlichkeit gefunden. Und hierist nicht das Forum, letztgültige Urteile zu sprechen. Wen der Glaube an den Alleinigentreibt, dem ist jegliches letztgültige Urteilen ohnedies kein Anliegen. Soweit sollteunsere Verschiedenheiten verbindende Ökumene auf alle Fälle reichen.

Ein einziger Satz aus der Rede von Martin Walser hat mir seitdem keine Ruhe mehr gelassen.Um die Botschaft dieses Satzes, losgelöst auch aus dem Kontext der Rede, soll es inmeinen nachfolgenden Überlegungen gehen. Ich meine den von vielen sicher gut erinnertenSatz: "Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetztein ganz normales Volk, eine ganz normale Gesellschaft?"

Es ist die Sehnsucht nach der Normalität, die mich seit Monaten am Nachdenken hält;manchmal nur "stand by" und dann gleich wieder heftig aufflackernd, wenn Bruchstückeirgendeiner Schlußstrichdebatte an meine Ohr dringen; wenn ganze zwölf von über 200Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt hatten, ihre Bereitschaft signalisieren, einenEntschädigungsfond auszustatten oder wenn - wie vor wenigen Wochen in Guben - einAfrikaner zu Tode gehetzt wird.

Nach Möglichkeiten den Verständigung über meine Überlegungen zu der von mir sogenannten"neuen deutschen Normalität" zu suchen; daran ist mir mit diesem Beitrag gelegen; aufwohlwollende Zeitgenossenschaft, wenn möglich auch auf einen zumindest mehrheitsfähigenWeg des Einverständnisses hoffend.

Die Themenwahl signalisiert dabei zunächst einen Widerspruch. Das vordergründigeVerständnis dieser so sehr gewünschten Normalität kommt im Grunde ohne öffentlicheErinnerung der Geschichte aus. Zumindest mit deutlich weniger als bisher. Normalitäthieße dann ein Absenken des Levels der öffentlichen Erinnerung eines Teiles unsererGeschichte, die man uns scheinbar im Übermaß, auf alle Fälle in der Summe zur Genügevorgehalten hat. So verstanden möchte ich das zu harmlose "oder" in meinerThemenformulierung jetzt gleich präzisieren und durch ein protestierendes "wider"ersetzen. Dann lautete mein Thema also: "Geschichte öffentlich erinnern - wider die Sehnsucht, endlich normal zu sein".


1 Die Aufgabe, vor der wir stehen

Walser hat bestenfalls den äußeren Anlaß geliefert. In seinem öffentlich ausgetragenenDisput mit Bubis, von Dohnanyi und anderen erhoben auf der einen wie auf der anderenSeite - neutral gesprochen - Zeitzeugen ihre Stimme. Selbst da, wo - wie bei Walser -gleichsam der Grad der Erinnerungsdichte - und sei es mit unsäglichen Formulierungenin Frage gestellt wird - die persönliche Betroffenheit, Verstrickung, das persönlicheErleben aller an der Debatte Beteiligten bildet dabei gleichsam den Grund, aus dem dieeinzelnen Diskussionsbeiträge abzuleiten sind.

Meine Fragestellung ist weniger in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft gerichtet.Sie lautet: Wie wird die Erinnerung auf Dauer gestellt, wenn sie sich nicht mehr speisenkann aus dem Nährgrund persönlichen Erlebens? Oder anders konkreter formuliert: Wiewollen wir in der Bundesrepublik Deutschland die Erinnerung an die Shoa aufrechterhalten für die, die noch einmal jünger sind als ich: Schülerinnen und Schüler,Studierende und Auszubildende, Verantwortungsträger und Meinungsmacher; für die gar,die noch gar nicht geboren sind und die es vor der sogenannten "Gnade der späten Geburt"hilfreich zu bewahren gilt? Meine Absicht ist also die, da Wege zu finden, um dieErinnerung auf Dauer zu stellen, wo eine eigene persönliche Erinnerung nicht mehr vorliegt.

Um gleich einem möglichen Mißverständnis vorzubeugen. Natürlich ist Erinnerung nichtausschließlich an persönliches Erleben gebunden; am wenigsten bei den Söhnen undTöchtern auf der Seite der Opfer, Menschen jüdischen Glaubens zum größten Teil, aberauch aller anderen Gruppen, die dem nationalsozialistischen Ideal nicht entsprochen haben.Wachzuhalten gilt es aber nicht nur die persönliche, sondern auch die grundsätzlichePerspektive. Wachzuhalten und zu integrieren in das Selbstverständnis des StaatesBundesrepublik Deutschland; wachzuhalten für die historische und theologische Aufarbeitungin den Kirchen; wachzuhalten für die Bestimmung der Bildungsinhalte unserer Schulen;wachzuhalten für die Ausarbeitung eines ethischen Minimalrahmens des ökonomischenHandelns unserer Großkonzerne; wachzuhalten doch hoffentlich auch für die Rückgewinnungoder Wahrung eines gesellschaftlichen Grundkonses über Menschenrechte und die Definitiondes Menschlichen überhaupt.

Ich breche hier ab. Die Reihe möglicher Beweggründe für die Auf-Dauer-Stellung derErinnerung ließe sich problemlos weiter fortsetzen. Meine These an dieser Stelle kannnur lauten: Die Wahrung der Erinnerung an die Shoa ist eine öffentliche Aufgabe unddamit eine Aufgabe des Gemeinwesens bzw. sie muß gegebenenfalls eine solche werden.Die Rahmenbedingungen dafür hat der Staat zu schaffen. Die Umsetzung hat in einemgesamtgesellschaftlichen Konzept zu geschehen, das religiöse und öfentliche Institutionen,Parteien und Gewerkschaften, Unternehmerverbände und Lobbyisten gleichermaßen in diePflicht nimmt.

Grundsätzlich ist die Aufgabe gesamtgesellschaftlicher Erinnerungswahrung nicht neu.Jedes Staatswesen definiert sich gewissermaßen über erinnerungswürdige Urdaten der älterenund der neueren Geschichte. Die Feier der eigenen Gloria, militärischer Siege undsogenannter Helden zu pflegen hat Tradition. Gedenksteine für die eigenen Opfer gibtes zu hauf. Das ist gewissermaßen die alte Normalität.

Neu an der Aufgabe, vor der wir stehen, ist etwas anderes. Es gilt, Wege der Erinnerungzu schaffen für die Opfer eigenen Handelns. Es gilt, für die eigene Verstrickung, dieeigene Schuld, für die Ungeheuerlichkeit des eigenen Handelns öffentlich Orte desGedenkens zu schaffen - Orte jetzt zunächst einmal nicht im geographischen Sinnverstanden. Die hier zu Tage tretenden Abwehrmechanismen gegen ein vermeintlichesZuviel der Erinnerung, die Warnungen vor "Drohroutinen" und "Moralkeulen" bis hinzum öffentlich zur Schau getragenen Nein gegen weitere Erinnerung, das ist die vonmir oben so genannte "neue deutsche Normalität", die zunehmend und zusehends lautereingefordert wird.

Die einzige Normalität, die ich mir vorstellen kann, das ist die, die sich derVerantwortung für das Ganze stellt. Normal - zunächst einmal im umgangssprachlichenSinne - ist, wer sich in seinem Verhalten in einer durchaus weit zu definierendenBandbreite eines gemeinschaftsförderlichen, zumindest aber gemeinschaftserträglichenVerhaltens bewegt. Einhalten kann man einen solchen Verhaltenskodex nur, wenn esgelingt, die Summe der Puzzle-Teile, die die eigene Persönlichkeit konstituieren,zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzusetzen und zu integrieren. Wir wissen aus derseelenkundlichen Arbeit nur zu gut, mit welch verheerender Macht sich Verdrängungen,Verschiebungen und Blockaden melden und die sogenannte Normalität stören, ja zerstörenkönnen.

Den Wunsch, auch wir Deutschen müßten endlich wieder ein normales Volk werden, kannich nur dann unterstützen, wenn es um die Herstellung und Wahrung einer Normalitätgeht, die eben dies zu erreichen sucht, nämlich eine Identität herzustellen, diegerade und mit Priorität die Erinnerung an die Opfer des eigenen Handelns wahrt undsicherstellt. Insofern verstehe ich unter Normalität nicht anderes als einenalltäglichen und vertrauten Umgang auch mit den dunklen Anteile der Geschichte.

Ohne eine Diskussion über Vergleichbares und Unvergleichbares in der Geschichtebeabsichtigen zu wollen, an dieser Stelle doch eine kleine Nebenbemerkung: Im Sinnder von mir gerade definierten Normalität wäre die Erinnerung an die Opfer vonHiroshima und Nagasaki nicht nur eine Aufgabe Japans, sondern auch der VereinigtenStaaten; die Erinnerung an Tschernobyl etwa auch eine Aufgabe der Staaten der früherenSowjetunion und nicht nur bestimmter Gruppierungen in Mitteleuropa. Wie weit wir vonso verstandener Normalität noch entfernt sind, liegt, denke ich, offen vor Augen.


2 Warum wir gar nichts anders können

Doch zurück zu unserer deutschen Normalität. Der Gegeneinwand mit der stärksten kritischenKraft kommt aus der Debatte um den Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung imBlick auf den nationalsozialistischen Staat und sein menschenverachtendes Agieren,Töten und Morden. Wer, wie die zweite, dritte und vierte Nach-Generation, den Vorwurfpersönlicher Schuld im Blick auf Auschwitz mit Recht von sich weist, braucht im Grunde- so lautet die Position - doch auch nicht die integrierende Erinnerung, um seinepersönliche Normalität zu erhalten oder neu zu gewinnen. Anders gesagt: Wer keine eigeneErinnerung hat, unterliegt auch nicht der Gefahr von Verdrängungen.

Meines Erachtens gibt es Gründe genug, die für eine gesamtgesellschaftliche Pflicht derWahrung der Erinnerung an die Schoa sprechen, gerade auch im Blick auf die Generationen,bei denen die Aufnahmebereitschaft für eine sekundär vermittelte Erinnerung erst gewecktwerden muß. Denjenigen, die - auf welche Weise auch immer - eine primäre Erinnerungs-Beziehung haben, mag die Begründung einer Erinnerungspflicht womöglichg banal vorkommen.Im Blick auf die neuere Diskussion insgesamt halte ich es aber für wichtig, auchargumentativ für entsprechende Debatten vorbereitet zu sein. Vier Gründe will ichnachfolgend nennen:

1. Die Bundesrepublik Deutschland, schon gar die neue, vereinigte Republik ist dieRechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches. Insofern steht sie neben allen Formenmaterieller Entschädigung auch in einer Verantwortungskontinuität im Blick aufimmaterielle Bearbeitungsnotwendigkeiten. Dies gilt für Forschungsprojekte undBildungsinhalte ebenso wie für die Garantierung der wahrenden und mahnenden Erinnerungder Opfer.

2. Auschwitz und der Weg dorthin sind ein Faktum der deutschen Geschichte, das nichtmit wie auch immer gearteten positiven nationalen Leistungen verrechnet werden kann,weil es sich jeglicher Vergleichbarkeit entzieht. So heben auch Flucht und Vertreibungdie in deutschem Namen begangenen nationalsozialistischen Untaten keineswegs, auch nichtin Teilen, auf.

Jede Bestimmung deutscher Identität - auch jenseits aller Formen staatlichenOrganisationsformen - steht vor der Aufgabe, sich diesem Anteil deutscher Wirklichkeitzu stellen. Die historische Distanz hebt diese Verpflichtung ebensowenig auf wie derVerweis in den letzten Jahrzehnten erworbenen Status als "demokratischer Musterknabe".Vielmehr muß verfassungsmäßig sichergestellt werden, daß die In-die-Pflichtnahme durchdie Auf-Dauer-Stellung der Erinnerung auch durch demokratische Mehrheitsentscheidungennicht erledigt werden darf.

3. Wenn, worauf Kritiker einer derartigen Sichtweise gerne abheben, die Greueltaten desDritten Reiches nicht nur eine deutsche, sondern eine allgemein menschliche Möglichkeitsind, dann sind auch allgemein menschliche Erinnerungsprozesse nötig, um zukünftigenParallelen oder zumindest ähnlichen Entwicklungen schon im Ansatz von vornhereinentgegenzutreten. Als nationale Gemeinschaft - und sei es auch in einem Europa derNationen und Regionen - haben Deutsche und ihre damaligen Kollaborateure in derVerpflichtung eines stellvertrenden Dienstes und dies deshalb, weil unter deutschenVorzeichen die Shoa nicht nur eine abstruse Möglichkeit, sondern eine menschenvernichtendeWirklichkeit war.

4. Die Nichteinklagbarkeit persönlicher Schuld und das Nichtvorliegen persönlicherVerstrickung hebt die Zugehörigkeit zu einer Verantwortungsgemeinschaft keineswegsauf, und sie können schon gar nicht eine Ausfallstür sein, um sich einer Verantwortungzu entledigen, in der man als Nachkomme der Tätergeneration ohne eigene Wahlmöglichkeitsteht. Dabei ist die Frage der Zugehörigkeit zu dieser Form von Verantwortungsgemeinschaftunabhängig von persönlichen Einschätzungen und Befindlichkeiten. Sie ist Bestandteil desunsere deutsche Idenität konstituierenden pools an Vorfindlichkeiten, derer wir uns nichtentledigen können.

Der gerade von jungen Menschen immer wieder formulierte Satz "Damit habe ich doch nichtszu tun!" ist in gewisser Weise auch ein Schutz- oder Verdrängungsmechanismus, der aufeinem Halbwissen oder auf der diffusen Angst beruht, mit der Erinnerung zugleich auchin die Verantwortungspflicht genommen zu werden. Er beschreibt aber mitnichten einetatsächliche Wahlmöglichkeit. Die Zugehörigkeit zur Verantwortungsgemeinschaft darfnicht einer Minderheit Freiwilliger aufgebürdet werden. Gerade darum ist hier inbesonderer Weise eine staatliche Prioritätensetzung gefordert.
Soweit diese vier Argumente. Die Sicherstellung dieser öffentlichen Erinnerung andie Geschichte ist also eine gesamtgesellschaftliche politische Aufgabe. Um beiihrer Installierung Erfolg zu haben, sind Formen des politischen Lobbyings nötig.Meine hier vorgetragene Position ist nicht die der Mehrheit der Bevölkerung, undsie verliert tagtäglich mehr an ihrer Zustimmungsquote. Plausibiltäten einer Minderheitwerden, auch wenn es sich um eine einer allgemeinen Abstimmung entzogene Grundpositiondes Gemeinwesens handelt, von alleine nicht mehrheitsfähig. Der Zeitpunkt angestrengtenpolitischen Handelns kann daher nicht früh genug gewählt werden, damit es am Ende nichtgestern schon zu spät war.


3 Wege einer zukunftsfähigen Erinnerung

Wer etwas erreichen will, hat um so mehr Erfolg, je klarer er seine Ziele benennen kann.Ich will darum auflisten, welche Formen öffentlicher Erinnerung wir kennen, um sie aufihre Anwendbarkeit für das hier beschriebene Vorhaben zu befragen. Aus meiner Sichtsind im wesentlichen fünf Möglichkeiten, die zur Verfügung stehen:

1. Fast alle Staatswesen haben Gedenktage. Meist sind es Tage der Befreiung oderder Staatsgründung. In unserem deutschen Fall war es lange der 17. Juni, der Opferbeklagt und eine Vision, nämlich die der Einheit, aufrechterhalten hat. Seit 1990 istes nun der 9. November, der Tag, an dem die eben genannte Vision, die ihre politischeKraft fast schon eingebüßt hatte, am Ende doch noch historische Wirklichkeit wurde.

Seit 1996 hat Bundespräsident Roman Herzog nun den 27. Januar, den Tag der Befreiung desKonzentrationslagers Auschwitz zum nationalen Gedenktag erklärt. Diese Entscheidungist begrüßenswert, aber sie reicht bei weitem nicht aus. Staatsaakte und Ansprachenvon Politikern werden bestenfalls als Ein-Minuten-Clip in den Nachrichtensendungenwahrgenommen. Eine lokale Anbindung ist eher die Ausnahme. Ohnedies ist dieser Tagnach wie vor ein normaler Arbeitstag. Seine Existenz ist nur einer Minderheit derBürgerinnen und Bürger unseres Gemeinwesens überhaupt bekannt.

Ich würde gerne folgenden Vorschlag machen bzw. ein konkretes Ziel anregen. Im Zugeder Finanzierung der Pflegeversicherung ist der evangelische Buß- und Bettag alsarbeitsfreier Feiertag - mit Ausahme des Bundeslandes Sachsen - ersatzlos gestrichenworden. Ich rege an, die bisher nicht erhaltene Gegenleistung für diesen Wegfallgleichsam als Kapital in ein anderes Projekt einzubringen. Ich meine, es stünde demGemeinwesen Bundesrepublik Deutschland gut zu Gesicht, den 27. Januar als Gedenktagder Schoa als arbeitsfreien Tag zu etablieren und staatlich zu schützen. Gedenktagesind wie Feiertage dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen. Es kann nicht nur damitsein Bewenden haben, den Vorrat solcher Tage aufgrund finanzieller Gegebenheiten immermehr zu verkleinern. Es ist höchste Zeit, den Schoa-Gedenktag als neuen arbeitsfreien,zumiondest aber als deutlich stärker akzentuierten Tag in den Kalender einzuführen.

2. Staaten und Städte definieren sich durch Denkmäler und Gedächtnisstätten.Die Diskussion um das Holocaust-Mahnmal in Berlin hat in diesem Zusammenhang bei allerWidersprüchlichkeit einen guten Sinn. Sie zwingt uns, auch vermittelt durch die Mediendarüber nachzudenken, wie Geschichte öffentlich erinnert werden kann. Mahnmal unddokumentarischen Anspruch gegeneinander auszuspielen, führt nicht weiter. Das eineist so nötig wie da das andere. Und wenn es denn in absehbarer Zeit in Form desProjektes von Peter Eisenmann ein Holocaust-Mahnmal gibt, dürfen wir dies nichtklein reden. Hier wird wirklich einmal an die Opfer staatlichen Handlelns und nichtnur an die - im Grunde ja meist teuer erkauften - Siege erinnert.

Auf der anderen Seite dürfen das Eisenmann- Projekt mit seiner Naumannschen Ergänzungnicht dazu führen, bestehende Gedenkstätten finanziell schlechter zu stellen. Wenn eseinen Punkt gibt, der nicht dem Haushaltsdiktat unterliegen darf, dann doch eben dieser!

3. Noch wichtiger als die beiden erstgenannten Punkte ist für mich der dritte: Auf denverschiedensten Ebenen muß ein kontinuierlicher Lern-, Informations- undAufbarbeitungsprozeß erfolgen mit dem Ziel, über die nationalsozialistischeDiktatur und deren Vernichtungspolitik zu informieren und zugleich das Bewußtseinfür menschen- und schöpfungsverachtende Tendezenen in der Gegenwart zu sensibilisieren.

Von höchster Bedeutung sind dabei die Inhalte des schulischen Unterrichtes. Hier werdendie Grundlagen dafür gelegt, ob Jugendliche sich in die schon erwähnteVerantwortungsgemeinschaft eingebunden sehen oder nicht. Neben konventionellenLern-Medien wie Büchern und Dokumentarfilmen müssen die lokalen Anknüpfungspunkteals pädagogische Chance erkannt und gezielt gefördert werden. Hierbei sind überdiesauch genug Möglichkeiten, diesen Prozeß mit entsprechender Forschungsarbeiten zuflankieren und zu unterstützen.

4. In unserem Zusammenhang erscheint mir auch ein Hinweis auf die Predigtpraxis derchristlichen Kirchen wichtig. Das Konzept des "Predigens im Angesicht Israels" istmehr als nur ein theologisches. Es hat in seiner Ausgestaltung auch die Aufgabe desstetigen öffentlichen Gedenkens mit zu berücksichtigen. Jegliche Theologie nach Auschwitzmuß sich nicht nur nach ihrer Richtigkeit, sondern auch nach ihrem Nährwert im Sinne desWachhaltens der Erinnerung von Christen begangenen und legitimierten Unrechts befragenlassen. Neben dem gottesdienstlichen Medium Predigt können die Kirchen sich zudem imBereich der Angebote der Erwachsenenbildung an diesem Prozeß der Aufarbeitung und desWachhaltens beteiligen.

Ich wage an dieser Stelle zu träumen, es käme zur Installierung eines bundesdeutschenMahn-Rates, der es sich zur Aufgabe macht, über das Projekt "Geschichte öffentlicherinnern" zu wachen, auf gegenläufige Tendenzen aufmerksam zu machen und gelungenesErinnern im Sinne des oben Vorgetragenen publik zu machen und zu würdigen.

5. Nicht vergessen möchte ich im Zusammenhang möglicher Wege des Erinnerns auch dengroßen Sektor der Wirtschaft. Öffentliches Erinnern kann und darf nicht allein eineAufgabe des politischen, kulturellen und religiösen Institutionen unserer Gesellschaftbleiben. Den Prozeß des Wachhaltens der Erinnerung gilt es dabei von Unternehmensseitenicht nur materiell zu unterstützen. Auch Projekte wie das des geplantenEntschädigungsfonds reichen bei weitem nicht aus.

Ich frage: Welches große Industrieunternehmen hat jemals den Versuch gewagt,den möglichen Imagegewinn durch ein selbstfinanziertes, schonungsloses Offenlegender eigenen Verstrickungen in die NS-Zeit auszuloten. Es bräuchte dazu das mutigeVorbild und die Entwicklung eines gesellschaftlichen Konsenses hinsichtlich derHöherbewertung von Ehrlichkeit gegenüber einer bewußt aufgebauten "winner-Mentalität".Es bräuchte dazu jene Normalität, zu der wir noch eine lange Wegstrecke zurückzulegenhaben; jene Normalität, die nicht auf Ausblendung, sondern auf der Integrierung auchdes nur zu gerne Verdrängten beruht.


Schluß

"Geschichte öffentlich erinnern!" - so lautet also das Programm, das ich zu profilierenversucht habe. Ich hoffe, ja ich weiß, daß viele meine Sehnsucht teilen, wir mögengerade dabei endlich den Weg in eine recht verstandene Normalität finden.

Traugott Schächtele

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