Predigt über die Jahreslosung 2002-01-14
gehalten am Dienstag, den 15. Januar 2002
in der Pauluskirche in Freiburg
anlässlich des Neujahrsempfangs des Diakonischen Werkes und des Diakonievereins Freiburg-Stadt



    Siehe, Gott ist mein Heil,
    ich bin sicher
    und fürchte mich nicht
    Luther-Übersetzung

    Ja, Gott ist meine Rettung;
    ihm will ich vertrauen
    und niemals verzagen.
    Einheitsübersetzung


Freude sei mit euch und Freundlichkeit und die Gewissheit der Nähe Gottes auch wieder in diesem neuen Jahr. Amen.

Sind sie eigentlich noch zu retten? Keine freundliche Frage am Beginn einer Predigt, liebe Diakonie-Gemeinde. Obwohl ich mir sicher bin: Wir alle haben schon so gefragt. Lauthals, wenn wir uns so richtig über jemand geärgert haben und nicht mehr an uns halten können. Leise, wenn wir uns nicht so richtig trauen. Und dann eben irgendwie hintenherum. Irgendwie muss der Ärger ja raus: „Nein, der oder die ist doch wirklich nicht mehr zu retten.“

Gemeint ist damit: Der spinnt – oder eben: die spinnt. In dieser Hinsicht sind Frauen und Männern nun ja wirklich gleich. Irgendwann spinnen wir alle mal. Hin und wieder zumindest sind wir von allen guten Geistern verlassen.

Sind sie denn nun eigentlich noch zu retten? Ohne Grund frage ich nicht. Denn wie jedes Jahr möchte ich in diesem Gottesdienst mit ihnen über die Jahreslosung nachdenken. Sie stand auch dieses Mal wieder auf den Weihnachtskarten des Diakonie Freiburg zu lesen. Und meine etwas freche und kecke Frage steht natürlich im Zusammenhang mit dieser Jahreslosung.

Ehe ich ihnen nun die dieses Satz ins Gedächtnis zurückrufe, der uns für ein Jahr begleiten soll, möchte ich sie aber alle erst einmal ganz herzlich begrüßen. Und ihnen von Herzen ein gutes und glückliches neues Jahr wünschen. Und ein gesegnetes dazu. Der Segen meint die ganze Fülle dessen, was uns gut tut. Und ein Jahr der Fülle wünsche ich Ihnen – mit Hoffnungen, von denen sie leben können. Mit Menschen, die ihnen gut tun. Ein Jahr mit stabiler Gesundheit und einem erträglichen Bündel an Sorgen. In der Familie und den persönlichen Beziehungen. Aber auch da wo sie arbeiten. Da auch, wo sie sich ehrenamtlich einbringen. Ein Jahr wünsche ich ihnen von Herzen, in dem sie jene bewahrende Kraft, die wir Gott nennen, immer wieder an ihrer Seite wissen.

Jetzt aber zurück zur Jahreslosung. Ich will lieber von einem Jahresbegleiter aus Worten sprechen. Worte, an die wir uns immer dann erinnern, wenn wir das Ziel aus den Augen verlieren. Wenn uns der Sinn all dessen, was wir tun – der Sinn manchmal auch unseres Daseins brüchig wird. Gut, wenn dann jemand mit uns unser Schweigen aushält. Unsere Ungeduld und unseren Unmut erträgt. Gut auch, wenn wir uns dann an Worte erinnern, die uns gut tun und die uns nähren. Worte, von denen wir leben können.

Dieses biblische Jahresbegleitmotto für 2002 lautet also:

    Ja, Gott ist meine Rettung;
    ihm will ich vertrauen
    und niemals verzagen.

Um ehrlich zu sein: Mein erste Reaktion auf dieses Jahresmotto war nicht gerade von überschäumende Zustimmung geprägt. Enttäuschung stellte sich ein. Ein Motto – so denke ich – muss knackig und packend sein. Es muss wie ein zentraler Satz in unsere Situation, in unsere momentane Befindlichkeit, in unsere Stimmung passen. Es darf nicht geprägt sein von kirchlicher Insidersprache. Und man muss es sich gut merken können.

Und ich hatte gerade immer wieder Mühe, diese zwei kleinen Sätze als ein solches Jahresmotto in meinen Kopf zu bekommen und sie als Jahresbegleiter in Worten zu akzeptieren.

Natürlich – diese Sätze wurden schon vor mehreren Jahren ausgesucht. Schließlich muss die Verbreitung in vielen Karten und Bildern langfristig vorbereitet sein. Auslegungen und Deutungen müssen geschrieben, gedruckt und vertrieben werden. Aber kann man denn so lange im voraus wissen, welche Worte heute angebracht sind? Eigentlich nicht. Und doch haben die Sätze frührer Jahre immer wieder fast ideal in die Situation gepasst.

Beim ersten Hören und beim ersten Lesen hatte es das Jahresmotto in diesem Jahr also bei mir schwer. Da ist es gut, sich dem Inhalt zuzuwenden. Schließlich ist man vor Überraschungen – gerade auch vor positiven - nie sicher. Schauen wir also einmal genauer hin. Fragen wir genauer nach.

Gott ist meine Rettung! ist der erste Satz. Und er ist mutig. Redet nicht um den Kern herum. Bringt Gott ganz direkt ins Spiel. Ein Satz, der wirkt wie ein Bekenntnis. Es ist gut, von Gott zu reden, wo von so vielem anderen die Rede ist. Wo man einem erfolgreichen und zweifellos bewundernswerten Skispringer Hanni-luja entgegen ruft – so als sei er zumindest der Vorläufer des Messias. Es ist gut, von Gott zu reden, wo die Medien einem tagelang mit der Nominierungsdramatik für einen Kanzlerkandidaten überschütten – so, als gehe es hier um eine Entscheidung von historischer Dimension. Es ist gut, von Gott zu reden, wo man immer mehr den Eindruck gewinnt, die zentralen Lebensthemen hießen Freizeit und Wellness. Und unser Wohlbefinden sei abhängig vom Verlauf der Entwicklung der Aktienkurse. Wo uns Fragen um Krieg und Frieden kaum mehr so richtig aus der Fassung bringen können.

Nichts davon ist mir von vornherein verdächtig. Ich habe keine grundsätzlichen Einwände vorzubringen. Will nicht herummäkeln an dem, was anderen Menschen wichtig ist. Und auch ich freue mich über sportliche Erfolge genauso wie über wohltuende Entspannung für Leib und Seele. Aber kann ich davon leben? Richtet diese Art der Lebensgestaltung mich auf Dauer auf, hält sie mich, wenn ich an die eingestürzten Türme von New York und ihre anhaltenden Folgen denke. Krieg, Vertreibung, Flucht, militärische Einsätze weltweit. Armut. Hunger. Verletzung der elementarsten Menschenrechte.

Wenn Freundschaften zerbrechen und Partnerschaften, wenn’s mich anders trifft, wie auch immer - wie bleibe ich dann in der Spur? Wer bei der Diakonie arbeitet, wird tagtäglich mit solchen Fragen konfrontiert. Oder gar in Frage gestellt. Die letzten Monate haben solchen Suchbewegungen nach einem letzten Sinn wieder neu Raum gegeben. Und das ist nicht das Schlechteste. Und es ist allemal gut und an der Zeit, Gott ins Spiel zu bringen.

Gott ist meine Rettung
Im hebräischen steht an dieser Stelle das Wort Jeschua. Jeschua – dieses Wort ist eng verwandt ist mit dem Namen Jesus. Auf deutsch heißt Jeschua: Hilfe. Unversehrtheit. Gewiss auch Rettung und Sicherheit. Und der Satz gewinnt an Perspektive, wenn ich sage: Gott ist meine letzte Sicherheit. Mein tragender Grund. Die Motivation hinter der Motivation. Gott ist das, was mich unbedingt angeht – so hat das einer der großen theologischen Denker des letzten Jahrhunderts einmal in Worte gefasst.

Aber der Satz geht noch weiter. Wird erläutert: ihm will ich vertrauen und niemals verzagen. Luthers Sprache ist wieder einmal präziser. Er hat die Worte gebraucht: Ich bin sicher und fürchte mich nicht. Dieser Satz taugt allerdings schon für ein Jahresprogramm.

Wer kann sich heute schon sicher fühlen? Die aktuellen Stichworte führen uns eher Krisen vor Augen. Zerbrochener Frieden. Verlorene Arbeit. Mühsam abgerungenes Leben. Ungewisse und unsichere Zukunft. Doch verlässliche Sicherheit lässt sich nicht mit Waffengewalt herstellen. Eher mit einem Vorschuss an Vertrauen. Sicherheit verzichtet darauf, unseren Mitmenschen die eigenen Gedanken und Phantasien unterzuschieben. Sicherheit gewinnen wir letztlich nur aus unserem Inneren. Nicht von außen. Sicherheit gewinnen wir aus dem ersten Satz, aus der Erkenntnis, wo wir unseren tragenden Grund gewinnen.

Diese Sicherheit aus Gott hat Folgen. Und ich halte mich doch lieber an Luther. Die offizielle Jahreslosung sagt: Ich will niemals verzagen. Das ist mir zu vollmundig. Keine und keinen gibt es, denen nicht immer wieder auch der Mut abhanden kommt. Verzagen und versagen, verfehlen und verunsichert werden – dies sind urmenschliche Erfahrungen. Sie gehören zum Leben dazu. Die Frage ist, wie wir solche Erfahrungen in unser Leben integrieren.

Luther sagt. Ich fürchte mich nicht. Gemeint ist: Ich mache trotzdem weiter. Ich lasse mich nicht mundtot machen und klein kriegen. Ich versuche es weiter mit dem aufrechten Gang. Oder eben: ich fürchte mich nicht. Nicht einmal, wenn ich Angst habe. Fürchtet euch nicht! Das haben die Engel den Hirten auf Feldern zugerufen. Soviel muss die Erinnerung an Weihnachten doch noch hergeben. Fürchtet euch nicht – das sagt Jesus, als er an Ostern seinen Freundinnen und Freunden erscheint. Fürchtet euch nicht: Daran muss sich messen lassen, was wir als Kirche den Menschen zu sagen haben.

Fürchtet euch nicht! Das ist geradezu der Kernsatz unseres Gottesglaubens. Keine Macht auf Erden, niemand hat mehr das Recht, uns zu gängeln. Mit unserer Angst Geschäfte zu machen. Fürchtet euch nicht! Nicht vor den politisch Handelnden und nicht vor dem, was auf uns zukommen könnte. Fürchtet euch nicht! Habt den Mut, nein zu sagen. Aber auch ja. Erhebt mutig Einspruch, wo alle allzu gerne mitlaufen oder sich wegducken. Leiht denen eure Stimme, die selber keine mehr haben.

Fürchtet euch nicht! Dies öffnet unserem Leben einen weiten Raum. Weil wir im Leben verwurzelt sind. Weil wir uns gründen und verankern können außerhalb unserer Möglichkeiten. Tiefer und fester als auf dem Grund dessen, was wir aufgebaut haben und zu leisten vermögen. Weil wir zutiefst und über allen Abgründen des Lebens Gehaltene sind. Weil das Wagnis des Lebens unsere Sicherheit ist. Weil wir damit rechnen, dass Gott sein Interessen an uns und an dieser Welt nicht verloren hat.

Darum will ich selber ein weiteres Jahr von dieser Überzeugung leben und ihnen dazu Mut machen:

In Gott gewinne ich Sicherheit und finde tragenden Grund.

Auf Gott will ich mich verlassen.

Ich habe keinen Grund, mich zu fürchten.

Ich kann aufrecht durch’s Leben gehen.

Damit mein Leben schön wird.

weil ich noch zu retten bin.


Dies nicht nur in den 350 verbleibenden Tagen dieses Jahres 2002. Sondern jeden Tag meines Lebens auf’s Neue.

Amen.
Traugott Schächtele

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