Predigt über Römer 9,14-24
gehalten im Gottesdienst am 27. Januar 2002
in der evangelischen Kirche in Opfingen


Liebe Gemeinde!

Würden sie auch gerne wissen, was uns die Zukunft bringt? Ge-sundheit oder Krankheit. Krieg oder Frieden. Arbeitslosigkeit oder berufliches Vorwärtskommen. Gewinn oder Verlust. Wären sie beruhigt, wenn sie zumindest einen flüchtigen Blick durch das Fenster der Zukunft werfen könnten? Würden sie womöglich alles ganz genau wissen wollen? Oder sind sie froh, dass die Ü-berraschungen des Lebens Tag für Tag in dosierter Form und in den meisten Fällen doch ganz erträglich auf uns zukommen? Würden wir anders leben, wenn wir wüssten, was uns erwartet.?

Offen gesagt: Ich glaube schon, dass es so ist. Vermutlich wür-den wir bewusster leben. Mehr auf uns Acht geben. Und mit un-seren Kräften und der uns zugemessenen Lebenszeit sorgsamer umgehen und mehr haushalten. Ein Sprichwort unserer Tage meint ja, wir lebten so, als hätten wir noch ein zweites Leben im Kofferraum.

Interessant ist, dass wir bei der Frage nach der Zukunft meistens im Diesseits, bei unserem Ergehen und dem Zustand der Welt bleiben. Es ist die Frage: Geht es mir auch in der Zukunft gut? Und was muss ich dafür tun, dass es mir auch im Zukunft gut geht? Diese Art des Fragens ist typisch für uns Menschen der Moderne.

Über Jahrhunderte, ja Jahrtausende haben die Menschen noch ganz anders gefragt. Die Frage nach der Zukunft war die Frage nach dem Jenseitigen. Die Frage nach dem, was kommt, wenn wir in dieser Welt nicht mehr unter den Lebenden sein werden. Fraglich war dabei nicht, ob wir überhaupt mit einer Welt hinter der unsrigen, hinter der jeden Tag erlebten oder erlittenen rech-nen dürfen. Hieran gab es nicht den geringsten Zweifel. Das drängendste Problem bestand für die Menschen darin, ob sie nach ihrem Tod der ewigen Glückseligkeit oder dem ewigen Verderben anheimfallen würden. Ob sie sich in Himmel oder Hölle, in der Welt Gottes oder der des Bösen wiederfinden.

Und das ganze irdische Leben war, was die Religion betraf, im Grunde ein Schaulaufen, um die Götter oder Gott gnädig zu stimmen. Opfer wurden gebracht. Gesetze und Vorschriften wurden eingehalten. Hier gibt es viele Gemeinsamkeiten zwi-schen den Religionen. Auch zwischen Judentum und Christen-tum. Die Zehn Gebote oder die Bergpredigt – auch das sind bei-des Texte, die sich damit befassen, wie wir vor Gott recht leben können.

Viele unter ihnen wissen sicher noch, dass diese Frage auch die zentrale Frage im Leben und im Denken Martin Luthers war. Luther hat sich in die bekannten Worte gefasst: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Und bevor er seine eigene Antwort in seiner befreienden reformatorischen Entdeckung gefunden hatte, war auch sein Leben vor allem von dem Bemühen bestimmt, es Gott mit seinem Leben so recht zu machen, damit Gott auch mit ihm gerecht umgehen und ihn vor der ewigen Verdammnis be-wahren würde.

Eine Variante dieses Bemühens, es recht zu machen, haben wir auch in den östlichen Religionen, etwa im Buddhismus vor uns. Dieser übt nach wie vor für viele westlich geprägte Menschen eine große Anziehungskraft aus. Die Frage nach der Zukunft be-antwortet er mit dem Modell der Wiedergeburt. Dieses besagt: Es ist mein jetziges Leben, das darüber bestimmt, wie es mir in dann meinem nächsten ergehen wird. Nur wenn ich gut und ge-recht lebe, komme ich jedes Mal ein Stück weiter oder höher. Und ganz am Ende winkt mir das Ziel der ewigen Erlösung im Nirwana.

Auf den ersten Blick scheint es, als hätten wir heute die Frage, was wir tun können, damit es uns in der Zukunft dieses diesseiti-gen Lebens gut geht, abgekoppelt von der Frage nach unserem Ergehen nach dem Tod. Womöglich deshalb, weil wir keine oder zu wenig konkrete Erwartungen und Hoffnungen mit dem Jen-seits verknüpfen.

Der Predigttext für diesen Sonntag könnte uns hier weiterhelfen. (Der Sonntag heißt Septuagesimae, das heißt auf deutsch 70. Gemeint sind die Tage bis Ostern. In Wahrheit sind es aber nur noch 63 Tage). Der Predigttext steht im Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom. Um ihn zu verstehen, muss ich noch einige Worte vorausschicken. Der Text steht in einem größeren Zu-sammenhang. Paulus beschäftigt sich mit der Tatsache, dass ausgerechnet sein eigenes jüdisches Volk Jesus von Nazareth nicht so einschätzt und hochschätzt wie er selber. Er führt bibli-sche Beispiele an, denen zu entnehmen ist, dass die Erkenntnis im Blick auf den rechten Gottesglauben ihren Ursprung in einer göttlichen längst vorausgetroffenen Entscheidung habe.

Diese Überlegung führt Paulus zu der viel grundsätzlicheren Frage, ob Gott denn überhaupt gerecht ist. Seinen Überlegungen liegt folgende Überzeugung zugrunde. Ob Gott einen Menschen liebt oder nicht liebt, ob er ihn akzeptiert oder nicht, das ist Got-tes freie Entscheidung. Bei sich hat Gott aber längst entschieden, welches Urteil er über jeden Menschen fällt.

Und die Menschen haben reagiert wie nichts anders zu erwarten. Wenn ohnedies alles schon festliegt, sagten sie, dann brauchen wir uns auch nicht mehr um ein gutes Leben zu bemühen. Und wenn wir schlecht leben und nur an uns denken, dann trifft uns auch dann keine Schuld. Schließlich bewegen wir uns in den Bahnen, die Gott uns vorgegeben hat. Auf diese Position antwor-tet Paulus mit jenen Versen, die heute der Predigttext sind. Ich lese aus Römer 9 die Verse 14 bis 24:

Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! Denn er spricht zu Mose: »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, son-dern an Gottes Erbarmen. Denn die Schrift sagt zum Pharao: »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.« So erbarmt er sich nun, wessen er will, und [a] verstockt, wen er will.

Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen? Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu sei-nem Meister: Warum machst du mich so? Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen? Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die zum Verder-ben bestimmt waren, damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit. Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.


Bei diesem Text kann man es schön abspüren: Die Frage nach der Zukunft ist immer ganz eng verknüpft mit der Frage nach Gott. Mit der Frage, ob Gott es Gott überhaupt gibt und ob er wirklich gerecht sei. Dabei kann uns diese Stelle aus dem Rö-merbrief in finstere Abgründe führen, wenn wir nicht vorsichtig sind. Bestimmt Gott wirklich schon im voraus, was mit uns wird? Und ist sein Ziel nicht nur das, uns auf den rechten Weg zu bringen, sondern zumindest einen Teil der Menschheit – und womöglich den größeren - von vornherein dem Scheitern und Verderben preiszugeben?

Erwählt Gott also nicht nur, um es in der Sprache des Textes zu sagen, sondern verstockt verwirft er auch – und das nach freiem Gutdünken? Schlimm genug, dass es vielen Menschen heute so zumute ist. Dass viel zu viele das Gefühl haben, von Gott und der Welt verlassen zu sein. Dass sie sich alleingelassen fühlen mit Einsamkeit und Misserfolg, mit Krankheit und Tod. Und dann sollen wir noch glauben, dies sei gottgewollt.

Es ist ein starkes, vielleicht zu starkes Beispiel, das Paulus zur Erläuterung heranzieht. Wie ein Töpfer, so schreibt er, versucht sich Gott am Experiment Mensch. Und heraus kommen eine An-zahl edler Gefäße. Andere fallen dagegen schon ganz schön ab. Und was er dann schon gar nicht mehr schreibt, was aber jeder weiß: Die meisten Fehlversuche werden zerstört und in die Ton-kiste zurückgeworfen.

Gott mit diesem Töpfer in Verbindung zu bringen macht mir große Mühe. Das Schöpfungsprojekt Mensch als Ergebnis göttli-chen Bemühens zwischen Versuch und Irrtum. Mal gelingt es dann. Und das andere Mal eben nicht. Welchen Sinn hätte dann noch unser Versuch, etwas zum Guten dieser Welt beizutragen, wenn ohnedies schon klar ist, was am Ende aus mir wird.

Dies Fragen, die zur Zeit des Paulus diskutiert wurden, haben sich noch lange nicht erledigt. Und ich bin sicher, mit einem despotisch-tyrannischen Gott, der die Menschen behandelt wie der Töpfer einen Klumpen Ton, hatte auch Paulus nichts im Sinn. Im ging es um etwas anderes. Ihm, Paulus, ging es um den Erweis der Souveränität Gottes.

Gott ist in seiner Entscheidung frei. Aber nicht ungerecht. Gott ist voll Zorn über die Ungerechtigkeit, aber von schier unendli-cher Geduld, um den Weg zur Umkehr offen zu halten. Gottes Weg mit uns Menschen und seiner Schöpfung ist nicht ohne kla-res Ziel – aber das Verderben ist kein uns von Gott vorgezeich-neter Weg. Gott hat uns Menschen die Freiheit zugemutet. Dies schließt allerdings die Freiheit ein, auch das zu tun, was uns nicht zuträglich ist und dem Willen Gottes nicht entspricht.

Paulus kennt diese Doppeldeutigkeit menschlichen Lebens und menschlicher Entscheidungen am eigenen Leibe. Denn wenige Kapitel vorher schreibt er: „Das Gute, das ich will, tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ So oder so ähnlich könnten wir es doch auch ausdrücken. Wir haben wirk-lich oft etwas wirklich oder vermeintlich Gutes im Sinn. Und finden uns dann nicht selten in der Situation, dass am Ende – und in der Auseinandersetzung mit anderen – etwas daraus wird, was wir so gar nicht gewollt haben.

Paulus sagt nun nicht: allein der gute Wille zählt schon. Dieser Ausweg wäre ihm zu billig. Aber er versucht im selben Römer-brief, dem der Predigttext entstammt, mit immer neuen Worten auf etwas anderes hinzuweisen. Paulus will die Menschen davon befreien, sich permanent an eigenen oder fremden Messlatten messen zu lassen. Für ihn gilt: Ihr seid Gott dann recht, wenn ihr wisst und glaubt, dass ihr ihm recht seid. Mehr braucht’s nicht. Wir müssen uns gar nicht permanent selbst beweisen. Wir müs-sen nicht nachweisen, dass wir zu den edlen Tongefäßen gehö-ren. Wir sind nicht schön und recht, weil wir den Forderungen anderer an uns genügen. Schön und gerecht sind wir, weil wir Gott längst recht sind. Dies ist in knappster Form in Worte ge-fasst der Glaube an die Rechtfertigung des Gottlosen durch den Gottesglauben

Diese Einsicht des Paulus hat Martin Luther die Angst vor der Zukunft genommen. Und sie kann sie auch uns heute nehmen. Gott sammelt keine Daten über uns, an denen er uns misst. Gott hat uns Menschen gemessen an dem, der Mensch wurde wie wir. Und der zugleich die Zeichen der Gottesebenbildlichkeit zum Leuchten brachte. Für Paulus ist dieser Jesus von Nazareth der Schlüssel, in Gott Liebe und Menschenfreundlichkeit zu entde-cken. Und nicht finstere Drohung und unerfüllbare Forderungen. Darum kann er auch so hart formulieren, wenn es schreibt: Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Unsere Alternative ist eine andere: Wir können die Gegenwart Gottes schon in der Gegenwart feiern.

Wir müssen den Wert unseres Lebens nicht erst der Zukunft ab-ringen. Uns aufmöbeln. Die Fassade polieren. Den Nachweis unserer Wichtigkeit erbringen. Nicht Erfolg und Anerkennung, nicht Unentbehrlichkeit und Gesundheit, nicht rechtes Verhalten und gute Werke machen unseren Wert vor Gott aus. Es ist um-gekehrt. Weil wir unendlich wertvoll sind, sind wir beauftragt, uns mit unseren Gaben einzubringen und mitzuhelfen, diese Welt zu erhalten und zu gestalten.

Es ist also doch eine ganze Menge, wenn es um die Frage geht, was wir von der Zukunft wissen können oder wissen sollen. Es ist das Wissen, dass wir von Gott Gehaltene und Begabte sind. Wenn wir mehr wüssten, wäre unsere Freiheit und unsere Unbe-fangenheit dem Leben gegenüber eingeschränkt. Und der Hori-zont, unter dem wir leben, viel zu nahe und zu bedrängend an uns herangeschoben.

Was wir aber wissen, ja unbedingt wissen müssen, ist dies: dass uns Gott immer wieder auf weiten Raum stellt, um diese Gaben einzubringen. Nachher werden die Mitglieder des alten Kirchen-gemeinderates verabschiedet und die Mitglieder des neuen Kir-chengemeinderäte in ihr Amt eingeführt. Kirchengemeinderäte übernehmen Verantwortung in schwieriger Zeit. Immer wieder sind weitreichende Entscheidungen über die Zukunft der Ge-meinde zu treffen. Mit der Renovierung des Gemeindehauses ist nicht nur ein vielversprechender Abschluss gelungen. Jetzt geht es eigentlich erst wieder richtig los.

Kirche hat es ohnedies nicht leicht in diesen Tagen, wo so viele andere die Menschen für sich zu gewinnen suchen. Und ihnen eine Zukunft vor Augen malen, die verlockend ist, für die aber niemand eine Garantie übernehmen kann. Erfolg und Wachstum heißen die Zauberworte der Gegenwart. Für die Schwachen und die an den Rändern bleibt da kein Raum.

Gut, dass es Menschen gibt, die offen sind für Gottes guten Geist. Die sich rufen lassen, ihre Kräfte in den Dienst der Nach-folge in ihrer Gemeinde zu stellen. Für die alten Kirchengemein-deräte hat dies gegolten. Und es gilt ebenso die neuen. Für ihren Pfarrer und alle, die in ihrer Gemeinde mitarbeiten. Es gilt im letzten für uns alle. Schließlich bekennen wir uns nicht ohne Grund zum allgemeinen Priestertum aller Getauften.

Gott ruft uns alle in seinen Dienst. Mit den Gaben, die wir ihm verdanken. Mit unserem Loben und mit unserem Schweigen. Mit kleinen Zeichen der Nächstenliebe, die so unendlich viel bewir-ken. Und die diese Welt verändern können. Und die uns alle zu schönen und ehrenwerten Gefäßen seiner lebendigmachenden Kraft machen. Die seinem Recht zum Durchbruch verhelfen. Durch das Tun des Rechten und des Gerechten. Und durch das Gebet. Tief verankert in unserem Inneren. Und deutlich sichtbar mitten in der Welt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, beflügle uns und schenke uns Mut, der Zukunft und unserer Begabung zu vertrauen. Und er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, seinem Sohn und unserem Bruder. Amen.


Traugott Schächtele

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