Ansprache
anlässlich der Einführung
von Dr. Ulrich Bayer
als Pfarrer der Markusgemeinde Freiburg
am Sonntag, den 24. Februar 202 (Reminiscere)


Liebe Gemeinde!

Längst ist es offenkundig und öffentlich. Die Pfarrstelle der Markusgemeinde ist wieder besetzt. Schneller als viele Skeptiker es wahrhaben wollten. Schnelle aber auch, als manche Optimis-ten es sich haben träumen lassen. Mit offenen Armen haben sie ihren neuen Pfarrer mit seiner Frau und mit den Kindern emp-fangen.

Und anstatt sich von Gott und der Welt und der Landeskirche verlassen zu wähnen, sind sie nun auch „pfarrerlich“ wieder in guter Gesellschaft. Und darum begrüße ich Sie, liebe Familie Bayer ganz herzlich in unserer Mitte.

Und für sie, lieber Herr Bayer, ist mit diesem Tag ein langer Weg der Überlegung, des Abwägens und Planens, und auch eine großer Wunsch in Erfüllung gegangene. Freiburg hat sie seit ih-ren ersten Freiburger Tagen nie mehr so ganz losgelassen. Und nun sind sie da – ersehnt und erwartet. Und wahrscheinlich dau-ert es noch eine ganze Zeit, ehe sie sich im Dschungel dieser Hoffnungen und Erwartungen richtig orientieren können, um auch hier wieder ihren eigenen Ort zu finden.

Doch der Anlass dieses heutigen Gottesdienstes ist nicht nur für sie und ihre Familie, sondern auch für diese Markusgemeinde ein Grund zu großer Freude. Mit ihrem Dienstantritt am 16. Ja-nuar und der heutigen gottesdienstlichen Einführung ist die Pfarrstelle der Markusgemeinde wieder besetzt. Das Ritual der Einführung eines neuen Pfarrers besteht dabei aus vielen unter-schiedlichen Bestandteilen. Sie tragen auf je unterschiedliche Weise dazu bei, ihren Dienstantritt nachzuvollziehen und wirk-lich werden zu lassen.

Da gibt es zum einen die dienstrechtliche Ebene. Ältestenkreis, Kirchenbezirk und Landeskirche wirken in einem rechtlich ge-ordneten Verfahren zusammen, dass aus geäußertem Interesse und offizielle Bewerbung, aus persönlicher Begegnung und ei-nem Bündel von Kontakten am Ende rechtlich gültig die Beauf-tragung mit der neuen Stelle Wirklichkeit werden kann. Die eben verlesene Urkunde steht am Ende dieses Weges.

Daneben gibt es bei der Übernahme eines kirchlichen Amtes a-ber auch noch eine zweite Perspektive. Diese ist viel weniger zu fassen und auf Papier festzuhalten. Aber sie ist genauso wichtig. Symbol dieses Aspektes ihrer Einführung ist der Zuspruch des Segens, wie es nachher gleich geschehen soll. Damit bekennen wir vor den Augen der Gemeinde – und das bedeutet zugleich in aller Öffentlichkeit – den gleichsam unverfügbaren Teil dieses Einführungsgeschehens. Wir gestehen uns ein, dass das, was ih-nen heute aufgetragen wird, viel mehr ist, als die Umsetzung un-ternehmerischer Pläne und ein Handeln nach den Gesetzen der Planbarkeit und der Machbarkeit.

Die Tradition der biblischen Sprache bietet dafür viele Bilder an. Wir säen, heißt es da. Aber dass wirklich etwas wachsen kann, das macht ein anderer. Wir handeln mit dem Medium der Spra-che, wir setzten unsere Worte, sensibel, einfühlsam, aufdeckend, ermahnend, tröstend, aber auch fördernd und fordernd – dass a-ber unseren Wörtern die Kraft des Wortes innewohnt, dass Got-tes Wort darin verborgen liegt und Wirklichkeit wird, was
wir sagen, auch dies liegt nicht in unserer Hand.

Wir sprechen in Bildern, Symbolen und Gleichnissen – etwas vom Reich Gottes aus der Sprache des Politischen; vom Reifen und Wachsen in der Sprache der naturkundlichen Beobachtung; von der Auferstehung sprechen wir gar. Und mit dem schlichten Bild eines Bewegungsvorgangs deuten wir eine sprachlich gar nicht in Worte zu fassende zentrale Erfahrung aus der Mitte des Glaubens an.

Wir sprechen vom Segen. Und meinen viel mehr als Glück und Erfolg. Allerdings ohne beides in Misskredit zu bringen. Denn auf beides sind wir zugleich sehr wohl angewiesen. Nur: Segen meint eben mehr. Beinhaltet ein sprachlich kaum zu fassendes, mit unseren denkerischen Möglichkeiten kaum nachvollziehba-res Wissen darum, dass all dies noch einen Mehrwehrt hat. Dass es jenseits dessen, was wir sehen, messen und festhalten können, noch eine ebenso wirkliche, aber eben nur unserem inneren Au-gen zugängliche Wirklichkeit gibt.

Insbesondere der Zuspruch des Segens öffnet uns hin zur Wirk-lichkeit und zur Gegenwart Gottes. An der Schnittstelle dieser beiden so unterschiedlichen Sichtweisen dessen, was ist und was sein kann, stehen nicht nur sie. Da stehen wir alle. Christ sein, Christin sein, heißt nicht zuletzt auch, das Leben nicht nur ein-dimensional sehen, sondern es eben auch aus dem Blickwinkel Gottes wahrnehmen lernen.

Was allen aufgetragen ist, die infiziert sind vom Glauben an die-se Wirklichkeit Gottes, das ist bei ihnen, lieber Herr Bayer, Be-ruf. Und da sie es sicher so sehen: auch Berufung! Profession. Und da es öffentlich geschieht, im übrigen zugleich auch Kon-fession. Bekenntnis.

Wir reden heute gerne davon, dass etwas, das gut geschehen soll, professionell geschehen muss. Professionell meint aber mehr als nur gut und kompetent. Professionell meint aber auch mehr, als dass sie davon leben. Denn sie leben als Pfarrer wie andere hauptamtlich Mitarbeitende in der Kirche nicht von dem, was sie erwirtschaften. Sondern von dem, was andere von dem von ih-nen erwirtschafteten, der Kirche in Form von Kirchensteuer und in Form freiwilliger Abgaben, überlassen und abgeben.

Daran zu erinnern ist mir wichtig. Vor allem auch darum, weil wir immer mehr Menschen im Blick haben müssen als diejeni-gen, die wir in unseren gemeindlichen Angeboten immer wieder sehen. Professionell arbeiten heißt für sie als Pfarrer immer auch, auf Denkschablonen und auf selbst- oder fremdauferlegte Be-schränkungen und Rollenzuweisungen zu verzichten.

Pfarrer sind sie immer im Dialog und in der Auseinandersetzung mit anderen. Und das ist der dritte Aspekt ihrer Einführung. Da ist eben nicht nur an die sogenannte Kerngemeinde zu denken. Nicht nur an diejenigen, die kraft Zugehörigkeit evangelisch sind. Und nicht einmal nur an diejenigen, die sich selber, in wel-cher Weise auch immer verstanden, Christin und Christ nennen. Es gibt keinen sicheren Ort jenseits der Verantwortung für die ganze Schöpfung. Und darum ist Religion auch nie nur eine Pri-vatangelegenheit. Sie sind eingebunden in ein kirchliches und gesellschaftliches Netz, in das viele mögliche Bündnispartner eingeknüpft sind. Kommune, Stadtteilverein, Initiativen, Partei-en. Gleichgesinnte, Ähnlichdenkende und Andersdenkende.

Und weil dies so ist, will ich ihnen als Motto ihrer Amtszeit als Pfarrer der Markusgemeinde Freiburg jenen Bibelvers zuspre-chen, der schon bei ihrer Vorstellung und bei meiner Predigt im Wahlgottesdienst eins so große Rolle gespielt hat. Es ist jene biblische Aufforderung aus dem 1. Petrusbrief:

Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.

Diese Aufgabe ist – da bin ich sicher – bei ihnen, lieber Herr Bayer in guten Händen. Ich für meinen Teil bin allemal froh, dass sie da sind. Und ich weiß: viele andere sind es mit mir. Und dass ihnen neben der Theologie auch die Welt des Öffentlichkeit und der Geschichte am Herzen liegt, ist aus meiner Perspektive geradezu ein Glücksfall. Meine kleine Buchgabe, die ich mitge-bracht habe, liegt auf der Schnittstelle dieser Interessen.

Und so wünsche ich ihnen, dass alles zusammenkommt. Profes-sionalität und Leidenschaft. Interesse und Nachfrage. Suche und Erfüllung. Hoffnung und Gewissheit. Erfolg auf dem Weg der vielen kleinen Schritte in und durch die Gemeinde. Dazu aber auch die Erfahrung der Nähe und des Segens Gottes in allem, was ihnen vor die Augen und vor die Hände kommt. Zusammen mit ihrer Familie. Und mit allen Menschen, denen sie hier be-gegnen.

Gott gebe der Hoffnung, die in ihnen ist, Flügel. Amen.
Traugott Schächtele

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