Grußwort
anlässlich des Empfangs zum 120. jährigen Jubiläum
der evangelischen Stadtmission Freiburg
im Foyer des Paulussaales


Liebe Freundinnen und Freunde der Evangelischen Stadtmission in Freiburg,
sehr geehrte Damen und Herren!

Die Evangelische Stadtmission Freiburg feiert heute ihren 120. Geburtstag. Dazu möchte auch ich mich in den Reigen der Gratulanten einordnen und ihnen von Herzen zu diesem freudigen Ereignis gratulieren. Ich tue dies als Dekan für den evangelischen Kirchenbezirk, aber auch für das Diakonische Werk und den Diakonieverein in Freiburg. Ich möchte ihnen aber auch ganz persönlich meinen Dank für ihre Arbeit und meine Glückwünsche überbrin-gen.

Ich habe sie in den vergangenen Jahren immer als verlässlichen Partner erlebt, der auf seine landeskirchliche Anbindung Wert legt und diese auch öffentlich betont. Dies ist bemerkens-wert und eine gute Grundlage für die weitere Zusammenarbeit in der Zukunft.

Das Alter von 120 Jahren lässt sich biblisch verschieden deuten. In 1. Mose 6 begrenzt Gott das Alter der Gottessöhne auf eben 120 Jahre. Dies soll bei ihnen nicht so sein. Wir alle wün-schen der Stadtmission eine vitale Zukunft zugunsten der Menschen, denen ihre Arbeit gilt.

Man kann die Zahl 120 auch anders deuten. 120 ist dreimal vierzig. Und die vierzig ist in bib-lischer Deutung die Zahl der Läuterung, ehe Großes auf sich warten lässt. Man muss nur an die 40 jährige Wanderschaft der Israeliten durch die Wüste denken. Oder an die 40tägigen Fastenzeiten in der Wüste, die Jesus in der Wüste zugebracht hat und die wir bis heute als Passionszeit dem Osterfest vorschalten. Diese Zahl vierzig nun mit der biblischen Zahl drei multipliziert – man denke etwas nur an die Dreieinigkeit, drei steht für die Vollkommenheit – dies ergibt 120. Und das lässt uns für die Stadtmission noch einiges wünschen und erhoffen.

120 ist aber auch zwölf mal die zehn. Zwölf Apostel, Zwölf Stämme Israels, zwölf gesam-melte Körbe nach dem Speisungswunder – auch dies ist ein Hinweis auf die Zahl der Fülle – und dann zugleich mal zehn genommen mag auch dies ein Hinweis auf Gelingen und Zukunft sein.



Lassen sie mich neben dem Nachdenken auf die Botschaft der Zahl 120 noch drei kurze An-merkungen machen, die mir wichig sind als Ertrag auf den Rückblick auf die Geschichte der Stadtmission.

1. Die Gründung der Evangelischen Stadtmission vor 120 Jahren war das Ergebnis engagier-ten Handelns einer kleinen Gruppe von Ehrenamtlichen. Heute würde man sagen: Es war bürgerschaftliches Engagement engagierter Christenmenschen, die ihrem Glauben Hände und Füße verleihen wollten. Und die nicht darauf warten wollten, bis die Großinstitutionen – in diesem Fall die verfasste Kirche – sich endlich der schwierigen Aufgaben annehmen würden, die eigentlich doch offensichtlich vor aller Augen lagen. Nachahmenswert ist ein solches Bei-spiel doch allemal.
2. Es gibt bis heute einen alten Streit nicht nur in der evangelischen Kirche. Vielleicht sollte ich statt Streit besser sagen eine geschürte Konkurrenz zwischen Verkündigung und diakoni-schem Engagement. Die Stadtmission ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass diese Konkur-renz im Grunde eine falsche ist und wir uns gar nicht für eine Seite entscheiden können. Ver-kündigung und diakonisches Handeln – beides gehört untrennbar zusammen. Und es geht ü-berhaupt nicht um Konkurrenz, sondern um sinnvolle Zuordnung.

Nebenbei bemerkt: Der Ausdruck Konkurrenz ist auch unangebracht, um das Verhältnis ver-schiedener diakonischer Träger zu umschreiben. Es gibt bestenfalls den Wettbewerb um den besten Weg. Engagement aus Glauben konkurriert nicht, es motiviert. Und es soltte sich bes-tenfalls addieren.


Hier unterscheidet sich dann Diakonie tatsächlich von Verkündigung im engeren Sinn. Dort stehen wir als Kirche, als Kirchen tatsächlich und gemeinsam in Konkurrenz zwischen ande-ren Anbietern von Lebenssinn. Aber auch diese Konkurrenz kann dazu dienen, uns unseres je eigenen zu vergewissern und dies dann auch in der Welt unüberhörbar zur Sprache zu brin-gen. Und sie ist nicht zu verteufeln, sondern wahrzunehmen und offensiv zu gestalten. Manchmal finden wir Bündnisgenossen gerade da, wo wir sie gar nicht vermutet haben.

3. Die Evangelische Stadtmission – und das gilt jetzt nicht nur für die in Freiburg – sie hat früh erkannt, was wir heute mühsam wieder lernen: die Bedeutung kirchlichen Engagements gerade im Zentrum der Großstädte. Die Stadtmissionen - auch die Freiburger – sind Pioniere auf dem Feld, das wir heute Neudeutsch als City-Arbeit umschreiben. Und ich bin froh, dass sie auch in Freiburg unübersehbar und unüberhörbar die evangelische Stimme in der City – in der Innenstadt – vernehmbar machen.

Wir kennen die Wege nicht, die vor uns liegen. Aber wir dürfen uns darauf verlassen, dass Gott unsere Wege mit ihnen – mit uns - geht. Weit über die Dauer von 120 Jahren hinaus. Und darum kann ich der Stadtmission Freiburg ohne Sorge von Herzen gratulieren und für die Zukunft alles Gute und Gottes Segen wünschen.
Traugott Schächtele

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