Ansprache zur Ordination
von Pfarrvikar Oliver Koch
am Sonntag, den 17. März 2002 (Judika)
in der Christuskirche in Freiburg


Lieber Herr Koch,

wir feiern heute den Sonntag Judika. Dieser Sonntag war über viele Jahrzehnte der Konfirmationssonntag unserer Landeskirche. In vielen Gemeinden ist das bis heute so. Andere Gemeinden, wie etwa die hiesige Christusgemeinde machen von der Möglichkeit Gebrauch, den Konfirmationstermin nach hinten zu schieben, damit die Passionszeit und das Osterfest noch mit in die Konfirmandenzeit hineinfallen.

Der Konfirmationstermin zwei Wochen vor Ostern hing natürlich mit dem lange Zeit üblichen Schulentlasstermin zusammen. Vielleicht auch noch etwas mit einer protestantisch-subtilen Form des Protestes. Schaut mal her: Wir können auch in der Passionszeit feiern.

Nicht ohne Grund erwähne ich das an Judika immer noch häufig gefeierte Fest der Konfirmation. Konfirmation und Ordination gehören ganz eng zusammen. Beide gründen in der Taufe und dem dort gegebenen Zuspruch Gottes: Ich bin mit dir. Beide entfalten das, was in der Taufe gewissermaßen universal und in der größtmöglichen Weite zugesprochen wurde, auf eine konkrete Inanspruchnahme im Leben hin. Bei der Konfirmation lässt sich diese Entfaltung der Taufzusage als Zuspruch auf dem Weg in die Phase größerer Lebens-Verantwortung deuten. Die Kindheit wird von der Phase der Jugend abgelöst. Man spricht hier ja auch gerne von einem Passageritus.

Auch die Ordination ist in gewisser, wenn auch gänzlich anderer Weise eine Konkretisierung des Zuspruchs der Taufe. Und sie ist biographisch nicht minder wirksam und einschneidend als die Konfirmation. Ihre Ordination, lieber Herr Koch, hebt sie sich nicht heraus. Verleiht ihnen keinen höheren Weihegrad. Lässt sie nicht abheben von der Fülle der Anforderungen des alltäglichen Lebens. Die Ordination nimmt sie in die Pflicht. Und sie tut dies, indem sie ihnen besondere Aufgaben zuweist und zumutet. Aber - und das ist das schöne! – sie entlastet sie zugleich auch. Sie müssen’s nicht selber machen. Sie müssen’s nicht garantieren. Sie sind nicht haftbar zu machen. Dafür steht ein anderer ein.

Obwohl – ich will es nicht verschweigen – obwohl gerade an ihnen viel festgemacht wird. Weil man sie zum Gewährsmann macht. Weil man ihnen die Enttäuschung entgegenschleudert, wenn alles nicht so kommt, wie man es von Gott und seinen Mitmenschen erwartet. Weil man sie die Wut spüren lässt, deren Ursache irgendwo ganz anders liegt.

Denn das bringt die Ordination auch mit sich: Dass sie mit dieser Kirche und dem, was ihr wichtig ist, identifiziert werden. Dass man ihnen abspüren will, ob es ihnen tatsächlich Ernst ist mit dem, was sie sagen – auch öffentlich sagen - und wofür sie eintreten. Die Ordination mutet ihnen nicht selten den Platz zwischen den Stühlen zu. Und dennoch und gerade dann werden sie merken: Sie sind gehalten!
Und gerade in diesem Spagat zwischen Anspruch, fremdem und selbstproduzierten, und der Begrenztheit der eigenen Möglichkeiten sind alle Zuspruchshandlungen der Kirche verortet. Und zu den vertrauten und üblichen müsste man noch viele neue erfinden. Gottesdienst bei Gelegenheit nennt man dieses Konzept. Sicher haben sie in ihrer Ausbildung darüber gesprochen.

Eine ganz besondere Gelegenheit – ein ganz besonderer Knotenpunkt der Biographie mancher Menschen ist eben auch die Ordination. Ja, eigentlich müsste man sagen: Die Ordination ist im Grunde nichts anderes als eine Konfirmation der besonderen Art – ein Akt der inneren und äußeren Festigung durch den Zuspruch der Möglichkeiten, die Gott in uns gelegt hat.

In der Sprache der Bekenntnisse und der Tradition der evangelischen Kirche werden sie beauftragt, zu predigen und die Sakramente zu verwalten – wobei mir in diesem Zusammenhang der Ausdruck des Verwaltens schon Mühe macht. Denn Gott will seine Lebensgaben weniger verwaltet als verschenkt sehen. Weniger in mancherlei Weise formal reglementiert als fröhlich gefeiert.

Was sich aber so lapidar anhört, ist im Grunde ein lebenslanges Lernfeld. Predigt ist immer mehr als eine besondere Gattung kirchlicher Rede. Predigt ist Zuspruch der guten Lebensworte Gottes in allen Möglichkeiten der Kommunikation. In der über Jahrhunderte vertrauten Form der Kanzelrede, aber etwa auch der Erlebnispredigt oder weiter auch schon praktizierter Alternativen. Der Zuspruch der helfenden und heilenden Gegenwart Gottes bricht sich in vielerlei Formen Bahn.

Auch in der Weise, Gottes Gegenwart zu schmecken und sehen. Zu erleben mit allen Sinnen, die uns zur Verfügung stehen. Darin liegt die besondere Gabe der Sakramente. Sakramente sind eine sichtbare Vergegenwärtigung und Verstetigung dessen, was wir in der Predigt mit der Gabe der Sprache weitersagen. Zwischen dem puren Wort und dem auf Gott hin offenen und deutbaren Zeichen liegt die Palette der ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Davon Gebrauch zu machen, gerade auch öffentlich, ist die besondere Verantwortung, die ihnen die Ordination auferlegt.

In der vergangenen Woche hatte ich ein Gespräch mit einem Dozenten, der Studierende im Bereich Kommunikation und Präsentation unterrichtet. Unter anderem sagte er zu mir: „Zu meinen Studenten sage ich immer wieder: Wenn Sie einmal eine Präsentation sehen wollen, die alle Sinne gleichermaßen anspricht, dann besuchen sie doch einmal einen katholischen Gottesdienst.“ Warum soll man dies über evangelische Gottesdienste nicht sagen können?! , habe ich mir gedacht. Möglichkeiten, dies zu versuchen, gibt es genug. Sie sind eingeladen, von der Fülle zu kosten, die uns zur Verfügung steht. Ihre heutige Ordination will Ihnen dazu Mut machen. Und sie tut dies, indem ihnen versichert, dass Gott ihre Wege mitgeht. Ihnen seinen Segen zusagt und immer wieder neu zuspricht.

Wie schon zur Taufe und zur Konfirmation sollen Sie heute auch einen Gedenkspruch erhalten. Ein biblisches Motto, dass sie begleitet, solange sie unter dem Anspruch ihrer Ordination stehen. Ich habe den Spruch aus dem Predigttext für den heutigen Sonntag Judika ausgewählt. Sie werden heute nicht über diesen Text predigen. Ich will’s auch nicht tun, aber diesen einen Satz will ich ihnen nicht ersparen, weil er eben nicht nur für Beerdigungen passt, wo er häufig zitiert wird. Es ist der bekannte Vers aus Hebräer 13. Er lautet: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Ich will die Botschaft dieses Verses im Blick auf ihre Ordination über die Theologie des Hebräerbriefes hinaus in Anspruch nehmen. Keine bleibende Stadt zu haben, ist nicht nur eine Aussage im Blick auf die Zukunft. Es geht auch um die Art und Weise, wie wir unser Leben auf dieser Erde gestalten. Ob wir uns einrichten. Unbeweglich werden. Uns hinter festen Mauern in Sicherheit bringen. Den Auszug ins Ungewisse scheuen.

Ich will ihnen mit diesem Vers Mut machen, sich einzulassen auf auch auf neue Wege. Sie ermutigen, die alten, uralten Lebensworte Gottes noch einmal ganz neu zu buchstabieren. Nach neuen Zeichen Ausschau zu halten, um die Liebe Gottes zu seiner Welt und seiner Schöpfung schmecken und sehen zu lernen.

Ich wünsche ihnen von Herzen, dass Gott ihnen zu langem Atem verhilft, damit sie sich aufmachen, die zukünftige Stadt zu suchen. Mutig zuzugehen auf das, was vor uns liegt. Oder um es in leicht variierter Form mit jenen schönen Worte von Klaus Peter Hertzsch zu sagen (die wir nachher auch noch singen werden):

    Vertrau den neuen Wegen
    auf die dich Gott gesandt.
    Er selbst kommt dir entgegen,
    die Zukunft ist sein Land.
    Wer aufbricht, der kann hoffen
    in Zeit und Ewigkeit.
    Die Tore stehen offen,
    das Land ist hell und weit.

Die Weite und die Helligkeit Gottes mögen ihnen jeden Tag von neuem die Lust nähren, ihre Ordination ins Leben zu ziehen - den Menschen zu gut und Gott zur Freude. Amen.
Traugott Schächtele

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