Predigt über Jesaja 52,11. 53,2b-6.11
gehalten am 29. März 2002 (Karfreitag)
inm Gottesdienst der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
in der St. Andreas-Kirche in Freiburg-Weingarten
- unter Einbeziehung der Plastik von Steffen Marten


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Karfreitagsgemeinde hier in Weingarten!

Karfreitag, der Tag an dem sich alles entscheidet! Der Tag auf den es ankommt. Mit dem heutigen Karfreitag kommt die Karwoche zu ihrem Höhepunkt.

Was macht das Besondere dieses Tages aus. Was zeichnet ihn aus vor allen andern? Der Predigttext für den diesjährigen Karfreitag kann eine Antwort auf diese Frage geben. Denn kaum ein biblischer Text ist enger mit diesem Tag verbunden als die heutigen Verse aus Jesaja 52 und Jesaja 53.

Wir wissen, dass ab dem 40. Kapitel des Jesajabuches nicht mehr der Prophet Jesaja spricht. Vielmehr finden wir ab Kapitel 40 Worte eines Propheten festgehalten, dessen Namen wir nicht kennen. Dieser Prophet wirkt in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts vor Christi Geburt. Die israelitische Oberschicht war damals nach Babylon verschleppt. Gegen Ende des babylonischen Exils hat dieser Prophet nun die großartige Aufgabe, seinem Volk die Heimkehr aus dem Exil und eine neue Zukunft in der Heimat anzukündigen.

Jesaja war ein Gerichtsprophet. Dieser Prophet, dem wir die Worte des heutigen Predigttextes verdanken, ist – mehr als alle anderen! - ein Heilsprophet. Mitten in die Heilszusage, mitten in die Ansage einer neuen Zukunft einsgepflanzt, finden wir vier Texte, in denen von Knecht Gottes die Rede ist. Um das bekannteste dieser sogenannten Gottesknechtslieder, das vierte, soll es heute gehen.

Hören wir, mit welchen Worten der unbekannte Prophet die großen Hoffnungen seines Volkes in Worte fasst:

Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.

Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden.


Kein Zweifel: Hier wird eine Sehnsucht ausgedrückt. Ein offengehaltener Ort beschrieben, den man so gerne besetzt sehen wollte. Eine Handlungsanweisung wird gegeben, von der doch endlich einer Gebrauch machen möge.

Einen sollte es doch geben, der für uns eintritt. Einen, der das mit uns und für uns trägt, was uns selber einfach zu schwer wird. Einen, der dafür sorgt, dass wir endlich glücklich leben können. Der unbekannte Prophet aus dem sechsten Jahrhundert, von dem dieses Lied vom leidenden Gottesknecht stammt, nennt keinen Namen. Er lässt offen, wer diese Rolle übernehmen könnte.

Die Kirche hat diesen Text schon sehr früh auf Jesus bezogen. Sein Eintreten für die Menschen, denen das Leben viel, ja oft zuviel zumutet; sein Tod – so bekannte man – hat die Lasten getauscht. Ein anderer trägt nun, was uns klein machen und klein halten will. Stellvertretend. Und uns zugut.

Was theologisch richtig und legitim sein mag, liebe Gemeinde, ist aber noch lange nicht selbstverständlich. Dieses Lied vom Gottesknecht ist zuallererst ein Lied der Menschen, die der Prophet vor Augen hatte. Ein jüdisches Lied allemal und keines, dessen wir uns vorschnell bemächtigen sollten. Wir müssen dies im Bewusstsein haben, wenn unser Bekennen ehrlich bleiben soll.

Wenn wir Jesus mit dieser Sehnsucht in Verbindung bringen, einer möge doch für uns eintreten. Einer möge unsere Sache zu der seinen machen, dass ist das Ausdruck unseres Glaubens. Aber eine Vereinnahmung dieses Textes darf es nicht werden.

Gerade an Karfreitag sprechen wir gerne davon, dass Jesus sich für uns geopfert habe. Was ist denn ein Opfer? Mit ihren Opfern wollten die Menschen sich die Götter gnädig stimmen. Das ist so, solange es auf dieser Erde Religion gibt.

Wir reden heute oft vorschnell von einem Opfer. Etwa wenn einer oder eine sich einsetzt über das gewohnte Maß hinaus. Wenn einer sich aufopfert – für seine Firma, für einen Verein, für seine Angehörigen, so sehr, dass ihm womöglich alles über den Kopf wächst. Wer seine Zeit opfert, will Anerkennung haben. Wer in der Kirche opfert, gibt, auch wenn er gut gibt, etwas ab von dem, was er hat. Ein Opfer, ein wirkliches Opfer ist es noch lange nicht.

Unsinnige Opfer fordert Straßenverkehr. Verkehrsopfer sind sinnlos. Uns zugut geschehen diese Opfer wahrhaftig nicht. Eher werden sie dem Götzen Geschwindigkeit und scheinbare Freiheit gebracht werden.

Unsinnige Opfer fordern Gewalt und Krieg. Bis auf den heutigen Tag. In Israel Palästina, wo wir’s zumindest noch wahrnehmen. Allerdings eher mit gebundenen Händen. Und in längst nicht mehr erträglicher Passivität Europas. Opfer fordern Krieg und Gewalt aber doch auch an den verschiedensten namenlosen Orten, von denen die Medien wenig oder häufig gar nichts berichten. Und ihre Zahl nimmt nicht ab.

Auch Christus haben wir heute vielfach immer wieder neu geopfert. Geopfert, indem wir das, was wir von ihm hören und von ihm lernen könnten, zurückstellen zugunsten anderer Ziele Ja, eigentlich müssen wir uns eingestehen: Allzu oft dienen wir anderen Göttern. Dem Gott Erfolg etwa. Oder dem Gott Leistung. Dem Gott Konsum. Dem Gott Freizeit oder auch Urlaub. Manchmal auch dem Gott: „Das ist eben mein Recht!“

Ja, auch unsere Arbeit, unsere vielen Pläne und Vorhaben, unsere terminlichen Verpflichtungen können für uns zu Göttern werden. Sie können der Erkenntnis Gottes und seiner Menschenfreundlichkeit in Christus sehr wohl im Wege stehen.

Ein zeitgenössischer Künstler hat sich des Verhältnisses zwischen Christus und unseren vielen Verpflichtungen und Sachzwängen angenommen. Eine Photographie seiner Plastik habe ich ihnen austeilen lassen. Schauen sie das Bild noch einmal ganz in Ruhe an:

Bildbetrachtung

„Soll das der Gekreuzigte sein?“ So fragen sie sich vielleicht, wenn sie das Bildblatt in ihrer Hand etwas näher ansehen. Und ich kann sehr gut verstehen, dass dieser Christus ihnen zunächst fremd und fragwürdig vorkommt. Ihnen sogar ohne erläuternde Hilfe fremd und fragwürdig bleiben muss.

In unseren Köpfen hat sich ein ganz anderes Bild des Gekreuzigten schon seit unserer Kindheit meist ganz tief eingeprägt. Der am Kreuzesstamm hängende Körper. Die ausgestreckten Arme am Querbalken festgenagelt. Manchmal auch gebunden. Aber der auf dem Bildblatt: soll das derjenige sein, dessen Tod wir am heutigen Karfreitag gedenken?!

Ganz ohne Zweifel ist auf diesem Bild auch der Gekreuzigte dargestellt, nur eben ganz anders. Steffen Martens heißt der Künstler, der diese Plastik geschaffen hat. Sie stamm aus dem Jahr 1986 und ist aus gebranntem, unglassiertem Ton - also aus Terrakotta – gemacht. Im Original ist die Plastik 50 mal 65 cm groß.

Wenn sie genauer hinsehen, erkennen sie auf dem Bild die Umrisse eines Aktenordners – ein Hinweis auf den Arbeitsalltag – irgendwo in einem Büro, wo Rechnungen oder Belege gesammelt werden. Vielleicht auch Briefe.

Die Arbeit ist noch lange nicht zu Ende. Höchstens unterbrochen. Auf dem offenen Aktendeckel steht eine Tasse – eine Kaffeetasse oder eine Teetasse. Ein Hinweis auf eine kleine Verschnaufpause; vielleicht auch für den kleinen Genuss nebenher, damit das Opfer der Arbeit nicht allzu schwer wird.

Die Tasse ist leer. Wohl geht die Arbeit gleich weiter – oder es steht der Feierabend vor der Tür. Vielleicht auch das Wochenende. Wenn nicht gerade Karfreitag ist, warten die meisten am Freitag nicht auf den Sonntag, sondern auf das Wochenende.

Wenden wir uns noch einmal dem Aktenordner zu. Die Klammer hält dieses Mal keine Blätter oder Dokumente fest. Statt dessen sind die Hände eines jungen Mannes eingeklemmt. Sein Oberkörper ist entblößt. Er ist nur mit einer langen Hose und mit Turnschuhen bekleidet. Der Kopf des jungen Mannes ist leicht zur Seite geneigt. In dieser ganz besonderen Haltung erinnert diese Figur an andere Darstellungen des Gekreuzigten – so wie sie uns vertraut sind.

Nun hängt der Gekreuzigte, der ans Kreuz Geheftete, aber hier: mitten in einem Aktenordner. Ich höre ihre Einwände. „Das ist doch der falsche Ort. Der Künstler will ja nur provozieren!“ Der Gekreuzigte mitten in der Welt von Akten. Unsichtbar umgeben von Terminplanern und Prospekten. Nur eine Wurfweite vom Papierkorb entfernt. Beliebig und vervielfältigbar. Alltäglich unter Alltäglichem.

Steffen Martins, der Künstler, hat seiner Plastik den Namen „Der Angeheftete“ gegeben. In unseren Ohren schwingt dazu gleich auch „Der Abgeheftete“, der zu den Akten gelegte mit. Der, mit dem wir fertig sind. Der abgelegt wird, wenn er nicht gleich im Reißwolf landet.

Natürlich ist die Botschaft des Künstlers provozierend. Er will sagen: Ihr habt euch an den Anblick des Gekreuzigten gewöhnt. Ihr könnt über ihn hinweg zu Tagesordnung übergehen. Seine Schmerzen, seine Qualen, sein Opfer regen euch schon gar nicht mehr auf. Höchstens noch am Karfreitag. Für euch ist es wichtiger, euren Alltag zu bestehen. Auch wenn wir den Aktendeckel zuschlagen, geht das Leben weiter. Ja, es muss doch weitergehen. Wir haben doch gar keine Wahl.

Natürlich: Vor dem Anblick von Leiden bleiben wir nicht verschont. Tagtäglich werden sie uns vom Fernsehen ins Haus geliefert. Vom Hunger ausgezehrte und ausgemerkelte Menschen irgendwo in Afrika. Zerfetzte Leiber. Vom Leid überwältigte Angehörige an den täglich neuen Gräbern der Opfer im Nahen Osten. Auch das ist Karfreitag. Golgatha – mitten unter uns. Und wir gewöhnen uns daran. Die gräßlichen Bilder und die schrecklichen Nachrichten werden zu einem Teil unserer Welt. Die nächste Katastrophenmeldung lässt nur noch für einen Moment aufhorchen. Dann legen wir sie zu den Akten – ein für allemal!

Eine unübersehbare Spur von Kreuz und Passion zieht sich durch die Geschichte der Menschheit bis hin zu jenen drei Kreuzen vor den Stadttoren von Jerusalem. Wir haben uns an ihren Anblick gewöhnt. Sind abgestumpft. Regen uns nicht mehr auf. Nicht einmal mehr darüber, dass da einer geopfert wird.

Das Unfassbare wird eingeordnet. Eingefasst. Manchmal sogar in Silber – wie ein Edelstein. Das Kreuz, der Galgen des römischen Weltreiches, als Talisman an einer Kette um den Hals. Oder am Revers in Gestalt des Logos unserer Landeskirche. Es hat mich vor vielen Jahren einmal sehr betroffen gemacht, als ich von einem asiatischen Christen zu hören bekam: „Ihr Christen in Europa tragt das Kreuz so, wie die Geschäftsleute bei uns in Hogkong ihre schwarzem Aktenkoffer.“ Ganz Unrecht hat er damit nicht.

Jesus hat etwas anderes gemeint und gelebt. „Wer unter euch der erste sein will, der sei euer aller Diener.“ Das hat Jesus einmal zu seinen Jüngern gesagt, als sie dabei waren, sich um Ehrenpositionen im Himmel zu reißen. Vielleicht müssten wir die Schürze als Zeichen des Dienens wieder neu empfehlen, wie damals, als Jesus seinen Freunden die Füße wusch.

Den anstößigen, den provozierenden Jesus müssen wir festhalten – gerade am Karfreitag. Hier – auf dem Bild – hat einer den Gekreuzigten festzuhalten versucht – auf seine Weise. Nicht als Schmuckstück, das man tragen und dann wieder ablegen kann.

Der Künstler möchte uns daran erinnern, dass wir diesen Jesus – den, der für uns eingetreten ist – festhalten. Ihn nicht ablegen und damit verlieren. Auch nicht über unsere vielfältigen alltäglichen Geschäftigkeiten. Er möchte sich ihn nicht aufsparen für Sonntag und Karfreitag.

Es ist gerade diese Gestalt, dieser Jesus, der alles zusammenhält wie eine Klammer. So wie die Arme des Gekreuzigten auch den Riss überspannen, der mitten durch die Tontafel geht.

Kein Leben gibt es, durch das sich nicht solche Risse ziehen. Versagen. Misserfolg. Vergebliche Träume. Ja auch der gewaltige Riss, der alles durchtrennt: der Tod. Doch wir wissen – auch am heutigen Karfreitag – dass der Tod nicht der endgültige Riss durch unser Leben ist. Mitten im Angesicht des Todes haben wir schon eine Ahnung von Ostern.

Wer immer die Jesus-Aktes auf dem Bild zu schließen versucht – er wird nicht verhindern, dass die Beine des Angehefteten immer noch ein Stück weit herausschauen. – als ein Merkzeichen, als ein Stück, das immer übrig bleibt, um sich daran festzuhalten. Ein für allemal und uns zugut!

Jesus, der Christus Gottes – das ist die Möglichkeit, uns an Gott und am Leben festzuhalten – mitten in unserem Alltag – sogar mitten im Tod.

Am Angehefteten können wir uns selber anheften. Können wir uns festmachen und Halt gewinnen. Christus – er ist das allgegenwärtige Merkzeichen und der unverrückbare Haftpunkt des Lebens. Der, der uns immer wieder neu ans Leben bindet. Der die verbindende Brücke ist zwischen Himmel und Erde. Zwischen Gott und Mensch. Zwischen mir und dir.

Längst hat der Angeheftete den Tod als Lügner überführt. Wenn man die Plastik umdreht, wenn man also auf die Rückseite dieser Todesakte des Angehefteten schaut, steht da zu lesen: ER LEBT! Und weil er lebt, geht er mit uns. An unserer Seite! Und uns zugut. Amen.
Traugott Schächtele

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