Predigt
im Gottesdienst zur Verabschiedung des alten und zur Einführung des neuen Vorsitzenden
des Evangelischen Kirchengemeinderates in Freiburg
am 8. Mai 2002 in der Ludwgskirche


"Die Sache Gottes hat auf eine seltsam dialektische Weise von Anfang an mit der Stadt zu tun." So lesen wir es bei einem der großen Bibelwissenschaftler der letzten Jahrzehnte. Die Sache Gottes und die Stadt. Das ist auch ein gutes Thema für eine Gottesdienst der evangelischen Kirche in der Stadt. Das Thema "Kirche in der Stadt" beschäftigt uns schon geraume Zeit hier in Freiburg. City-Arbeit und Kircheneintrittsstelle sind nur zwei Stichworte in diesem Zusammenhang. Auch die Veränderungsprozesse der Struktur der Kirchengemeinde waren Teil der diesbezüglichen Überlegungen. Es geht darum, unsere evangelische Kirche in der Stadt zukunftsfähig zu machen. Und das geht, wie wir alle wissen, auch nie ganz ohne Konflikte ab.

Die Stadt als Stadt Gottes - dies ist ein biblisches Thema. Von einer der ersten Seite der Bibel an bis zu ihrer letzten. Kain, dessen Ausschließlichkeitsdenken sein Bruder zum Opfer fällt, wird zum Stammvater der Städtebauer - so lesen wir es im 4 Kapitel des ersten Mosebuches. Weitere Städte, die auch weltgeschichtlich von Bedeutung sind, finden wir in den ersten Kapiteln der Bibel. Ur und Babel. Jericho und Ninive. Wenn wir dann weiterblättern im Buch der Bücher dann doch auch bald Jerusalem und später Rom. Und ich frage mich schon immer wieder, mit welch großem Wiedererkennungsvergnügen wohl unser Alt-Vorsitzender und Althistoriker die entsprechenden Passagen der Bibel liest.

Mit einigen wenigen exemplarischen Städten will ich mich näher beschäftigen. Zunächst Babylon.

Lesung: 1. Mose 11,1-9 (in Auswahl)
Und die Menschen sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns hernieder fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.

Auch Freiburg ist - ohne Zweifel - in Anteilen Babel oder Babylon. Babylon - die große Kultur-Stadt am alten Euphratlauf. Die Stadt, deren Bestes die dahin Exilierten suchen sollen. Die Stadt aber auch, die schon viel früher als zur nach ihr benannten babylonischen Gefangenschaft von biblischer Bedeutung ist.

Babylon, das ist die Stadt Hammurapis. Die Hauptstadt des babylonischen Weltreiches. Später auch eine der Hauptstädte des Perserreiches. Marduk-Tempel Ischtartor. Hängende Gärten und Prozessionsstraßen. Babylon - das ist die in Steinen und Ruinen festgehaltene Verkörperung der antiken Stadt überhaupt.

Im biblischen Kontext ist Babel noch etwas anderes. Babel wird beschrieben als das Sinnbild menschlicher Selbstüberschätzung. Menschlichen Größenwahns. Die Einwohner wollen sich einen Namen machen. Wollen die Grenzüberschreitung wagen. Nicht waagrecht in eine der Himmelsrichtungen auf der Erde. Sondern senkrecht nach oben direkt in Richtung des Himmels. Eine Stadt möchte man bauen, wie es sie vorher noch nie gab. In Dimensionen will man sich hinauf erheben, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen.

Die Trümmer des großen Stadtturmes müssen einen gewaltigen Eindruck auf die Menschen gemacht haben. Sonst hätte es den Bericht aus 1. Mose 12 so nie gegeben.

Menschen, die sich einen Namen machen wollen - wir hier in Freiburg sind davon nicht frei. Weil niemand unter uns davon wirklich frei ist. Leben heißt gewissermaßen: sich einen Namen machen. Sich dem Vergessen, dem Übersehen werden entgegen stellen. Sich in Erinnerung bringen und in Erinnerung halten durch Leistung. Durch das Voranschreiten in neuen Dimensionen. Durch das Wagnis der unerhörten Tag.

Dies ist nicht von vornherein zu verurteilen. Kultur und Wissenschaft - sie verdanken sich diesem menschlichen Streben nach Neuem. Auch die Religion ist nicht frei vom Versuch, sich einen Namen zu machen. Sogar bei Gott.

Dagegen steht die befreiende Erkenntnis der Rechtfertigung. Kein Turm ist hoch genug, um uns dem Himmel wirklich nahe zu bringen. Kein Produkt menschlichen Planens so festgegründet, als dass es auf Dauer den Kräften der Zerstörung widerstehen könnte.

In den Anschlägen vom 11. September ist auch etwas mitgeschwungen von der Anfälligkeit der zu Stein gewordenen Sinnbilder menschlicher Phantasie und Schaffenskraft. Ist auch ein Stück des Irr-Glaubens an die Grenzenlosigkeit unserer Möglichkeiten zu Bruch gegangen.

Nach Babel bleibt die Katastrophe. Das in lauter Bruchstücke Auseinanderdividierte lässt sich nicht mehr zusammensetzen. In der Geschichte vom Turmbau wird dies zum Ausdruck gebracht im Verlust der einheitlichen Sprache.

Und auch da ist Freiburg - ist unsere Welt Babel. Der hörbare Klang verschiedener Sprachen bedarf schon gar keiner Erwähnung mehr. Doch auch eine einheitliche Sprache schützt weder davor, missverstanden zu werden noch bewahrt sie vor der Erfahrung der Sprachlosigkeit.

Verschiedene Milieus statt althergebrachter Einheitlichkeit finden sich auch in unserer Stadt. Verschiedene Kulturen nebeneinander. Verschiedene Lebensentwürfe. Verschiedene Antworten auf die Sehnsüchte und die Sinnfragen unseres Lebens. Und dennoch: Dies alles ist nicht von vornherein schlecht. Ja, es ist gerade diese Verschiedenheit, diese auszuhaltende Spannung, die unserem Leben Energie zuführt.

Wir dürfen uns nicht nur einen Namen machen. Wir sind - in biblischer Sprache - geradezu bei unserem Namen gerufen. Aber unser Name muss Zeichen bleiben für unsere Geschöpflichkeit. Darf nicht zum Synonym werden dafür, dass wir uns selber zum Maß aller Dinge machen. Der Verzicht darauf, Gott einzuordnen in das begrenzte Koordinatensystem unseres Denkens und unseres Handelns bewahrt uns am Ende vor der babylonischen Katastrophe. Die Einsicht in das uns zugemessene und uns zugestandene Maß ermöglicht uns gelingende Kommunikation und einen erfolgreichen Einsatz der in uns wohnenden Möglichkeiten.

- kurzes interpretierendes Zwischenspiel der Orgel -

Lesung: 1. Mose 11,31 - 12,3
Da nahm Terach seinen Sohn Abram und Lot, den Sohn seines Sohnes Haran, und seine Schwiegertochter Sarai, die Frau seines Sohnes Abram, und führte sie aus der Stadt Ur in Chaldäa, um ins Land Kanaan zu ziehen. Und sie kamen nach Haran und wohnten dort. Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.

Es ist keine Weltreise, sich von Babylon nach Ur zu wenden. Die sumerische Stadt Ur ist eine gute Alternative zu Babylon. Nicht nur als eine der Metropolen im babyblonischen Großreich. Auch biblisch. Etwas weiter südlich in Chaldäa gelegen ist Ur der Anfang der neuen Möglichkeiten unseres Lebens.

Ur ist die Heimatstadt Abrahams. Die Stadt, wo Abraham die Botschaft Gottes trifft: Geh aus deinem Vaterland und aus deiner Verwandtschaft. Mach dich auf in Neues. Geh ins unbekannte Land. Abram macht sich auf. Schließlich begleitet ihn die Zusage seines Gottes: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.

Der Weg mit Gottes Segen - er war kein leichter Weg. Der heftige Konflikt mit seinem Neffen Lot und die erste Scheidung lassen nicht lange auf sich warten. "Gehst du zur Rechten, geh ich zur Linken." Der Normalfall des Lebens ist das. Konstruktives Konfliktmanagement. Ein Unglück ist das nicht. Eher das Ei ngeständnis menschlicher Fehlbarkeit. Anderes ist uns erst zukünftig verheißen.

Ein frommer Wunsch, wenn diese Stadt namens Ur zum UrSprung des Anfangs des neuen Vorsitzenden werden. Wenn er sich wie Abraham auf den Segen Gottes verlässt. Konflikte nicht scheut. Wichtiger noch: einander Widersprechendes zusammenführt. Und sein Gottvertrauen bewahrt.

- kurzes interpretierendes Zwischenspiel der Orgel -

Lesung: Offenbarung 21,2-5a
Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!

Nicht zu vergessen: Jerusalem. Freiburg ist nicht Jerusalem. Gottseidank möchte man sagen, wenn man an die gegenwärtigen Konfliktlage dort denkt. Was sind schon die Schlachtfelder rund um den Schlossberg im Vergleich mit denen um Jerusalem! Militärisch erobert von der Militärmacht Davids vor 3000 Jahren. Und bis heute nie zur Ruhe gekommen. Die Herren der Stadt haben sich abgewechselt. Die Babylonier und die Römer; die Kreuzfahrer und die Türken. Die Kolonialmächte des 19. und des 20. Jahrhunderts. Die Israelis und die Palästinenser. Juden, Christen und Moslems. Wie in einem Brennpunkt werden in dieser Stadt die Konfliktstränge der Menschheit gebündelt. Oder sie gelangen zur fortwährenden Explosion.

Wie weit ist diese Stadt von einem dauerhaften Frieden entfernt! Dabei trägt die Stadt Jeruschalayim das Wort Frieden - Schalom oder Salam - wie eine Verheißung in ihrem Namen.

Kein Wunder, wenn das letzte Buch der Bibel die alte prophetische Tradition wieder aufgreift. Von der Wallfahrt der Völker zum Zion, dem Berg Jerusalems, haben schon Jesaja und Micha berichtet. Johannes, der Seher von der Insel Patmos, erneuert diese Tradition. Jerusalem wird - wie Jahrhunderte zuvor in den Schauungen des Propheten Hesekiel zur Stadt Gottes mitten in dieser Welt. Was für eine Kühnheit der Hoffnung - auch aus der Perspektive dieser geschundenen Stadt am Beginn dieses dritten Jahrtausends!

Gottes Geschichte mit den Menschen ist eine große Bewegung hin zu dieser Stadt, die noch einmal so ganz anders ist als die Städte dieser Welt. So wird die Stadt Gottes zum Sinnbild der neu gestifteten Lebensgemeinschaft unter der Perspektive dessen, was Gott an Lebensmöglichkeiten in diese Welt gelegt hat. Und sie fordert uns zugleich heraus zur Kritik, da, wo unsere Lebensgemeinschaften Lebendigkeit und Gerechtigkeit unmöglich machen.

Gott lässt die Städte dieser Welt nicht los. Aber er entlässt sie in die Selbständigkeit der Verantwortung derer, die das Leben gestalten. Keinen Ort gibt es, der ausgenommen ist von der Zuwendung und Freundlichkeit, mit der Gott seine Schöpfung bewahrt. "Die Erde ist des Herrn!" Diese Botschaft gilt es in die Strukturen und Prozesse dieser Welt zu übersetzen. Es ist eine große Aufgabe, an der wir teilhaben. Es ist die große Aufgabe dessen, der uns zusagt: "Siehe, ich mache alles neu!" Warum dahinter zurückbleiben?

Amen.
Traugott Schächtele

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