Ansprache anlässlich der Einführung
von Ute Niethammer
als Pfarrerin der Friedensgemeinde Freiburg
am Sonntag, den 16. Juni 2002


Liebe Gemeinde!
In diesem Gottesdienst feiern wir die Einführung von Ute Niethammer als neuer Pfarrerin ihrer Friedensgemeinde. Alle, die dieser Friedensgemeinde nahe stehen – alle, die den Weg zur Neubesetzung dieser Pfarrstelle verfolgt haben, werden froh und zugleich dankbar sein, dass wir diese Einführung heute feiern können. Auch sie, liebe Frau Niethammer. Aus dem Gaststatus der Pfarrvikarin sind sie nahtlos in die Rolle der Pfarrerin dieser Gemeinde gewechselt. Jetzt sind sie also wirklich hier angekommen. Jetzt ist es endgültig Zeit, Zeichen zu setzen und Wurzeln zu schlagen.

Über ihre Einführung als Pfarrerin hat der Evangelische Oberkirchenrat eine Urkunde ausgestellt, die ich ihnen jetzt vorlesen möchte.

    Verlesung der Urkunde

Mit dieser Urkunde ist es gewissermaßen amtlich, liebe Frau Niethammer, sie sind jetzt auch im rechtlichen Sinn die neuen Pfarrerin. Die Übergabe der Pfarramtverwaltung haben wir am Donnerstag auch vollzogen. Der äußeren Voraussetzung sind erfüllt.

Aber dies ist immer nur die eine Seite. Die formalen Voraussetzungen sind nötig, um ihren Freiraum zu sichern und um ihre Verantwortung zu umschreiben. Etwas anderes ist es, ob Segen und Gelingen auf dieser großen Aufgabe liegt. Das Unverfügbare, das, was sich einstellt oder auch nicht, das was uns zufliegt, weil wir es mit allem Einsatz nicht selber machen können – das ist die andere Seite. Und sie bleibt unverzichtbar gerade auch für die Aufgabe einer Pfarrerin.

Wie gut es ihnen gelingt, hier die Pfarrerin zu sein, das hängt nicht nur von ihrer Einsatzbereitschaft ab. Dabei kommt es nicht zuletzt darauf an, ob es ihnen gelingt, den Weg zu den Herzen der Menschen zu finden. Ob es ihnen gelingt, in den Mühen des täglichen Einerlei etwas von der Größe und der Vielfalt Gottes durchschimmern zu lassen.

Und weil wir das nicht machen können und doch zugleich so unendlich darauf angewiesen sind, deshalb feiern wir ihre Einführung in einem Gottesdienst. Deshalb ist die Bitte um den Segen Gottes für ihren Dienst als Pfarrerin der eigentliche Ausgangspunkt all ihres Tuns.

Die Rolle einer Pfarrerin ist heute mehr denn je eine überaus vielfältige. Fachfrau müssen sie sein für vieles. Und Zeit haben für manchmal sogar Unzeitiges. In der Welt sollen sie sich auskennen, um Orientierendes sagen zu können. Und zugleich ist ihnen aufgetragen, in der Welt von Gott zu reden. So von Gott zu reden, dass der Gottesglaube der Zweifelnden und der Fernen neue Nahrung erhält. So sollen sie von Gott reden, dass dieser Gottesglaube auch für die wieder eine Möglichkeit wird, die ihre Sicherheiten längst irgendwo anders gesucht und womöglich gefunden haben.

In diesen Tagen ist in den Medien erstaunlich viel von Gott die Rede. Allerdings von einem Gott mit einem begrenzten Sonderauftrag. Einem Gott, den die einen als gänzlich ungerecht erleben, während ihn die anderen ganz auf ihrer Seite erleben. Ich spreche vom Fußballgott. Schon in den letzten Spieltagen der abgelaufenen Bundesligasaison war immer wieder von ihm zu hören. Vor allem davon, wo er nicht zu Hause sei. Und jetzt, während der Fußballweltmeisterschaft, wird er beinahe täglich in Anspruch genommen, weil er die einen nach Hause schickt und die anderen einfach und ohne Grund bevorzugt und aus dem Status der Zweitklassigkeit in den Fußballhimmel emporhebt.

Gib es ihn denn nun, den Fußballgott? Als Pfarrerin und Pfarrer sollten wir uns vor der Beantwortung dieser Frage nicht scheuen. Und sie schon gar nicht verweigern mit dem Hinweis, sie sei unangemessen oder gar gotteslästerlich.

Denn was nach einem schönen Wortspiel der Journalisten klingt, hat aber einen sehr ernst zu nehmenden Hintergrund. Es geht – und sei’s nur in der Welt des Spiels und der Unterhaltung - um die Frage erlebter Ungerechtigkeit. Es geht um das Faszinosum des unerwarteten Triumphes. Es geht um Aufstieg und Abstieg. Um Gewinn und Verlust. Es geht – und gerade deshalb ist diese Frage eine, die über sich hinausweist – es geht um gewonnenen oder zerronnenen Sinn.

Um was sonst kann es denn gehen, wenn sich Menschen plötzlich der Fragwürdigkeit des Lebens bewusst sind. Und es sind doch immer dieselben Fragen, die in immer neuem Gewand plötzlich wieder auftauchen. Und die dabei doch die alten Fragen der Menschheit geblieben sind.

Diese Fragen zu erspüren. Sie auszuhalten. Sich gemeinsam auf die Suche nach Antworten zu machen – dafür haben sie, liebe Frau Niethammer, sich mit ihrer Berufswahl entschieden. Und weil diese Berufswahl immer zugleich Berufung ist, begehen und feiern wir dies bei jeder Pfarrstellen auf’s neue.

Um Gottes Willen und den Menschen zugut haben sie sich zu dieser Aufgabe verlocken lassen. Einige wenige Anmerkungen können ihnen dabei sehr hilfreich sein.

Hüten sie sich davor, vorschnelle Antworten zu geben. Aber haben sie den Mut, jede Frage radikal zur Wahrheit hin zuzuspitzen.

Gehen sie denen, die die Macht besitzen, auch die Macht über scheinbare sichere Antworten, nicht aus dem Weg. Aber ohne ihren Einsatz für die Machtlosen dabei in Frage stellen zu lassen.

Machen sie die große theologische Tradition des Protestantismus fruchtbar. Aber nie, ohne den noch größeren ökumenischen Horizont im Auge zu haben.

Lassen sie sich niemals lähmen von der Angst, einen Fehler zu machen. Aber überprüfen sie alles, was sie tun oder was sie lassen daran, ob es dem Ziel der größeren Gerechtigkeit dient.

Und das letzte: Lassen sie sich auf die kleine Welt der Menschen und die scheinbar kleinen Sorgen des Alltags ein – und sie werden unzählige Wege entdecken, die große Weltzugewandtheit Gottes ins Gespräch zu bringen.

Für mich gibt es einen Bibelvers, der all dies schön zusammenbindet und zusammenfasst. Und ich werde nicht müde, ihn immer wieder in Erinnerung zu rufen. Nicht nur ihnen, der neuen Pfarrerin, sondern ganz ausdrücklich uns allen. Dieser Vers, diese Aufforderung steht im 3. Kapitel des 1. Petrusbriefes und lautet:

„Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedem Menschen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“

Zu dieser Rechenschaft möchte ich sie, liebe Frau Niethammer ermutigen. Auf vielerlei Wegen. In vielen neuen Versuchen und in neuen Irrtümern. Aber immer mit der Freude des täglichen neuen Anfangs. Amen.
Traugott Schächtele

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