Predigt
am Sonntag, den 30. Juni 2002 (5. Sonntag nach Trinitatis)
in der Ludwigskirche in Freiburg


Liebe Gemeinde!

Es gibt mindestens drei Arten der Gottesbegegnung. Da ist zum einen die Erfahrung Gottes im Ritual und in der Liturgie. Gott wird angerufen und seine Gegenwart gefeiert. In dieser Art der Begegnung mit Gott setzen wir uns mit der Raum und Zeit übergreifenden Transzendenz Gottes auseinander. Und erfahren aus der Entdeckung des über uns Hinausragenden eine Stärkung unserer Identität, indem wir uns eingebunden erleben in einen größeren Rahmen.

Die zweite Art der Gottesbegegnung ist die der Mystik. Gott ist uns selbst immanent und innewohnend. Je mehr wir zu uns selber kommen, desto näher sind wir Gott. Gott lässt sich in uns selber finden. In der Tiefe unseres eigenen Seins stoßen wir auf jene Wirklichkeit, aus der heraus Leben erst wirklich möglich wird.

Die dritte Art ist die der Reflexion über Gott. Sie ist nötig, wenn wir uns mit anderen über unsere Gotteserfahrungen verständigen und diese gewissermaßen kommunizieren wollen. Dabei bedienen uns der Mittels des Denkens und der Sprache. Wir suchen Analogien und Vergleiche. Und eben auch immer wieder Bilder. Mit diesen versuchen wir zum Ausdruck zu bringen, was wir meinen, wenn wir von Gott sprechen – im Blick auf uns selbst und gegenüber anderen.

Hinter jeder dieser drei Möglichkeiten verbirgt sich eine Weise der Gottessuche. Und um die dritte, insbesondere die der Bilder, soll es heute vor allem gehen.

Dazu eine kleine Geschichte, die uns Martin Buber überliefert hat:

Der Knabe Jechiel spielte einst mit einem anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein Gefährte suche. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck; aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Darüber musste er weinen, kam weinend in die Stube seines Großvaters gelaufen und beklagte sich über den treulosen Spielgefährten. Da musste auch der Großvater weinen, und er sagte: „So spricht Gott auch: Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.“


Gottessuche und Gottesbilder – besser noch: Um Gottesbilder als Weg der Gottessuche – darum soll es gehen in dieser Predigt im Rahmen der kleinen Reihe zum Thema Gottesbilder. Und weder ein vertrautes noch ein neu in die Reihe der vorhandenen Gottesbilder eingefügtes weiteres Gottesbild soll am Anfang stehen, sondern die Erinnerung an jenes Gebot, das die lutherische Tradition gar nicht mitzählt, wenn die zehn Gebote benannt werden. Das aber in der reformierten Tradition die Würde des zweiten in der Reihe der zehn besitzt:

„Du sollst dir kein Bildnis machen in irgendeiner Gestalt. Weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf der Erde, noch von dem, was unter der Erde ist. Du sollst sie nicht anbeten noch sollst du ihnen dienen.“


Ob eigens gezählt oder nicht – dieses Gebot korrespondiert mit dem ersten, jenem, das von uns will, dass neben Gott keine anderen Götter in unserem Leben Platz haben. Missverstanden ist dieses Gebot, wenn es als radikale Infragestellung jeglicher künstlerisch gestalteten Darstellung verstanden wird und zum Bildersturm verführt. Allerdings ist es auch zu leicht genommen, wenn wir es einfach nur außer Kraft setzen, ohne es in seinem zentralen Anliegen zu respektieren.

Seine Wahrheit liegt tiefer als nur in dem Verbot, aus Holz oder aus Metall Darstellungen einer Gottheit anzufertigen, die zum Gegenstand religiöser Verehrung werden. Es weist hin auf die Gefahr, die Bildern allemal eigen ist. Zumindest Bilder, die nicht nur den Augenschein reproduzieren, sondern denen daran gelegen ist, die Wahrheit anschaulich zu machen. Bilder legen fest. Geben der Phantasie Konturen. Bilder engen ein. Sie akzentuieren und pointieren. Aber sie blenden eben zugleich auch aus. Und sind insofern nie mehr als Annäherungen an ihr allemal größeres Thema. Aber das ist nur die eine Seite der Wahrheit.

Denn was zunächst für stehende und unbewegte Bilder ausgesagt ist, gilt aber auch für das Kommunikationsmittel der Gegenwart. Das bewegte Bild. Den Film in seinen vielerlei Spielarten. Im Fernsehen. Im Kino. Im Videoclip. Auch hier werden die Bilder nur scheinbar mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung gebracht. Die Möglichkeiten der Auswahl und der Kameraführung zwischen Nahaufnahme und Totale sind immer Verarbeitung der Vorlage. Nie einfach nur Widergabe.

Und hier liegt zugleich der mögliche Gewinn der Arbeit mit Bildern. Die andere Seite der Wahrheit der Bilder. Sofern die Bilder nicht als Mittel der Bloßstellung missbraucht werden, können sie heilsam wirken. Durch das Mittel der Begrenzung. Die Begrenzung gibt der Wirklichkeit einen Rahmen geben. Und was noch wichtiger ist: Sie macht die Wirklichkeit überhaupt erst erträglich - macht das Unbeschreibliche wahrnehmbar.

Gottesbilder machen nichts anderes. Unglaubliches wird zum Gegenstand unserer Nachdenkens. Unsagbares lässt sich aussagen. Unbeschreibliches wird wahrnehmbar. Die Wirklichkeit Transzendierendes erhält Heimstatt mitten in dieser Welt. Gottesbilder sind eine eigene Weise, von Gott zu reden. Und sie verstoßen nicht gegen das Bilderverbot des Zehnwortes Gottes an sein Volk, als wir die Grenze zwischen Wirklichkeit und Bild respektieren. Das Bild ist Verstehenshilfe. Aber im eigentlichen Sinn nicht Gegenstand religiöser Verehrung. Auch wenn sich Gott in seinem Bild bisweilen so sehr zu erkennen gibt, dass es schwer wird, diese Grenze aufrecht zu erhalten.

Die hebräische Bibel ist voll von verschiedenen Möglichkeiten, von Gott in Bildern zu reden. Und jeder dieser Grundtypen verfolgt dabei ein ganz bestimmtes Interesse.

Da sind zunächst die Bilder, die menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen auf Gott übertragen. Sehr schön wird etwa im älteren der beiden Schöpfungsberichte erzählt, wie Adam und Eva im Garten Eden mit Gott in Berührung kommen:

„Und sie hörten Gott, den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war.“ Und der Herr rief Adam und sprach zu ihm: „Wo bist du?“


Welche eine ansprechende, ja fast kindlich-naive Weise, Gott mit menschlichen Augen zu sehen. Gott macht einen Abendspaziergang durch seinen Garten, um die Kühle des Abends zu genießen. Aus der Hitze der vergangenen Wochen wird dieses Bild anschaulich. Und im Hintergrund erahnen wir das Vorbild des altorientalischen Großgrundbesitzers, der die Abendstunden nutzt, um in seinem Besitz nach dem Rechten zu sehen.

Wir kennen genügend andere Versuche, menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen auf Gott zu übertragen. Gott tröstet mit der Fürsorglichkeit einer Mutter. Er zürnt und weist zurecht. Noch wichtiger: ein ums andere Mal lässt er es sich gereuen. Gott mit menschlichem Antlitz, das ist der nahe, der umgängliche Gott. Kein Wunder, wenn der jüngere der beiden Schöpfungsberichte dann den Menschen insgesamt als Bild Gottes beschreibt:

„Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Zum Bilder Gottes schuf er ihn. Und er schuf ihn als Mann und Frau.“


Vieles bleibt uns fremd an diesem Gott, der mit Bildern der menschlichen Erfahrung umschrieben wird. Der Kriegsherr und der Rächer. Der Richter. Ja auch der Vernichter. Und von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind es Bilder aus der Welt der Männer, die dazu verwendet werden, eine Aussage über Gott zu machen. Doch die Bibel ist ein nach vorne offene Buch. Und wir können den in ihr festgehaltenen Erfahrungen die unseren anfügen.

Diesem menschlichen, manchmal befremdlichen, aber in seiner Menschenvergleichbarkeit doch nahbaren Gott, steht ein ganz anderer Gegenüber: Gott, der ganz andere und heilige. Auch dazu eine der bekannten biblischen Erzählungen:

„Und der Herr erschien dem Mose in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose. Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von den Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land.“


Gott im Feuer. Eigentlich schon mehr als ein Bild. Eher eine Weise der konzentrierten Anwesenheit. Gott , der in seiner Heiligkeit Unnahbare. Gott, befremdlich. Paradox. Gewaltig. Verzehrend. Und gerade darum nicht der Bedeutungslosigkeit anheimfallend. Dieser Gott trifft die Sehnsucht vieler, die Religion als Ereignis voll Dynamik und Kraftübertragung verstehen. Gott kommt nie mehr vom Feuer los. Nicht in der überkommenen Opferpraxis. Nicht in den Gotteserscheinungen, die im Bericht der Wüstenzeit Israels immer wieder vom Zeichen des Feuers begleitet sind. Und die Israel den Weg durch die Wüste auch in den Stunden der Nacht weisen. Gottes Gegenwart im Zeichen des Feuers – wir feiern sie auch an Pfingsten, wo die kraftvolle Gegenwart des Heiligen Geistes vom diesem Zeichen des Feuers begleitet wird.

Doch als Mose Gott zu sehen wünscht, erweist sich dieser Wunsch als unerfüllbar. Denn Gott gibt ihm zur Antwort:

„Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch, der mich sieht, wird leben. Wenn aber meine Herrlichkeit vorüberzieht, will ich dich in eine Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand wieder von dir tun. Und du darfst hinter mir her sehen.“


Auch Elia kann Gott nur im Vorübergehen erahnen. Nicht im Wind. Und nicht im Erdbeben. In diesem Fall auch nicht im Feuer.

„Doch nach dem Feuer kam ein stilles sanftes Sausen. Und als Elia dieses hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel.“ Und er ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm, die sprach: „Was hast du hier zu tun, Elia?“


Gottesbilder zeigen uns Gott bestenfalls immer von hinten. Aus dem schützenden Spalt heraus. Sie lassen uns etwas von Gottes Größe ahnen. Lassen uns Gott nur dann ertragen, wenn wir gleichzeitig den Abstand respektieren und uns gewissermaßen schützen.

Unsere Art der Gottsuche kommt nie ohne Gottesbilder aus. Unsere Möglichkeiten, etwas von Gott zu erahnen oder gar zu begreifen, ist dabei stets gespeist von den begrenzten Möglichkeiten unserer Erfahrung. Darum werden Frauen andere Gotteserfahrungen und auch andere Gottesbilder einbringen und fruchtbar machen als Männer. Haben Junge andere Bilder als Alte. Reiche andere als Arme. Nordeuropäer andere als Südamerikaner.

Aber alle schauen sie nur aus einem Spalt, aus einer begrenzten Perspektive heraus, der Größe Gottes hinterher. Und niemand könnte für sich in Anspruch nehmen, er habe mehr als einen begrenzten Ausschnitt der Grenzenlosigkeit Gottes wahrgenommen. Aber dieser begrenzte Ausschnitt lässt leben. Setzt frei und bringt ans Licht, was in uns schlummert. Lässt uns im Rückblick Gott erahnen, wo wir mit Gott gar nicht gerechnet haben.

Und nicht selten können wir Gottes Größe und Gegenwart sogar nicht anders erahnen oder gar ertragen als in seiner Abwesenheit. Aus der schmerzlichen Wahrnehmung der Lücke, die wir aus eigenen Kräften nicht mehr zu füllen vermögen.

Schlimmer als das Ertragen der Lücke ist die Verweigerung der Suche. Erinnern sie sich, dass auch der Großvater des kleinen Jechiel in Tränen ausbricht. Die Erfahrung des Jungen, den keiner mehr sucht, wird für ihn zum Bild Gottes in dieser Welt. Zum Bild des Gottes, dessen Verborgenheit uns nicht mehr beunruhigt. Uns nicht mehr von neuem zur Gottessuche drängt und verlockt.

Doch Gott hört nicht auf, sein Interesse an uns offenkundig zu machen. Nicht in irgend einem Gottesbild. Sondern in einem Menschen, aus dessen Zügen uns wie bei keinem anderen Gottes Bild entgegenleuchtet. Der, der so Mensch war, dass wir an ihm erkennen können, wie Gott uns Menschen gemeint hat. Und an dem wir erkennen können, wie Gott unter uns wahrgenommen werden will.

Jesus aus Nazareth - Mensch wie wir und Gottes Bild in dieser Welt - ist nicht einfach nur die Zuspitzung unseres Redens und unseres Denkens über Gott. Er ist auch der Platzhalter unserer Möglichkeiten, unsere Gottesebenbildlichkeit zum Leuchten zu bringen. In diesem Gottes-Bild kommt unser Suchen nichts einfach ans Ende. Aber es wird ausgerichtet. Macht Sinn. Macht Mut. Geht nicht mehr ins Ungewisse. Von diesem Gottesbild her können unsere Gottesbilder an Aussagekraft gewinnen. Und für uns und für andere als Ziel ihrer Gottessuche und ihres Lebenssinnes lohnend werden.

Ohne Bilder können wir nicht leben. Und ohne Gottesbilder nicht glauben. Doch es gibt kein Menschenleben, das im Rückblick nicht hilfreiche Erfahrungen der befreienden Gegenwart Gottes offen legt. In dem Gott sich nicht selber als Autor unserer Lebensgeschichte erweist.

Dieser Rückblick macht frei zum mutigen Ausblick. Und er stärkt die Hoffnung, dass wir am Bild lernen können, der Wirklichkeit Gottes in seiner Fülle zu begegnen und zu vertrauen. Ehe wir durch die Kraft der Liebe auf Bilder nicht mehr angewiesen sind. Ehe Gott – wie Paulus sagt – alles in allen sein wird. Amen.

Traugott Schächtele

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