Andacht
am Beginn der Amtlichen Pfarrkonferenz
am Dienstag, den 25. Juni 2002
im Gemeindesaal der Kreuzgemeinde


Liebe Kolleginnen und Kollegen,

einmal angenommen, es gibt im Himmel einen Stammtisch für Theologinnen und Theologen – ich bin sicher, im Moment wird dort heftig gestritten. Gestritten wird aber nicht über Himmlisches – denn dort sind ja gewissermaßen alle Fragen beantwortet, schließlich lebt man im Schauen. Debattiert, hin und her bewegt, ja, ich bin sicher auch gestritten wird über die Entwicklung der Theologie hier bei uns auf der Erde.

Gibt’s bei uns denn wirklich Neues? Eigentlich ist es doch eher verdächtig ruhig auf dem Feld der Theologie. Nur – diese Ruhe täuscht. Denn wie auch sonst bei uns Weltkindern verfallen wir gerne vom einen Extrem ins andere. Und zur Zeit bahnt sich aus meiner Wahrnehmung theologisch wieder einmal ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel an. Richtiger müsste man sagen: Das Pendel schlägt einfach wieder zurück in Gegenrichtung. Nach einem Dreivierteljahrhundert der Vorherrschaft der Dialektischen Theologie feiert mit einem mal das Denken Friedrich Schleiermachers fröhliche Urständ.

Ein ums andere Mal wird er zitiert. Bezieht man sich auf ihn, wenn man Theologisch Wichtiges sagen will. Plötzlich ist Religion wieder in. Und zugleich laufen unüberhörbar die Proben für das Requiem der Theologie im Gefolge Karl Barths.

Und so liegen sich am himmlischen Theologenstammtisch Rechts- und Linksbarthianer ebenso gegenseitig in den Haaren wie die Theologen der zweiten und dritten Generation nach Barth. Bultmannianer melden sich zu Wort. Einige zitieren wieder einmal Dietrich Bonhoeffers religionsloses Zeitalter. Befreiungsgtheologen versuchen sich Gehör zu verschaffen. Und einige wenige summen gerade noch hörbar Fragmente der Melodien der Gott-ist-tot-Theologie.

Andere sehen mit einem Lächeln auf den Lippen ganz ruhig zu zu, was sich da tut. Sie sprechen von der neuen Zukunft der konkreten individuell auf den einzelnen hin entwickelten Religion. Und sie weisen auf die vielen unübersehbaren Anzeichen hin, die sie bestätigen. Und gelegentlich ist der Meister – ist Friedrich Schleiermachen beim Stammtisch selber anwesend. Und längst ist er dem „Freude, rücke herauf!“ wieder gefolgt und hat seinen vormaligen Platz ganz unten am Tisch mit einem Platz ganz oben vertauscht. Und wenn er da ist, liest er aus seinen Reden an die Gebildeten unter den Verächtern der Religion.

Erstaunlich nur, dass er sich mit Karl dem großen der Theologie des letzten Jahrhunderts, der ebenfalls nur selten den Weg zum Stammtisch findet, stets vortrefflich unterhält, wenn sie sich begegnen. Und das Gerücht macht die Runde, die beiden hätten sich schon mehrfach sehr höflich ihrer Wertschätzung versichert. Und einer glaubt sogar den Satz gehört zu haben, man sei ja ohnedies meist falsch oder nur unvollständig verstanden worden. Und die eigentliche Streitlinie verlaufe doch ganz woanders.

Doch zurück zur Erde. Religion ist tatsächlich im Gespräch. Und keineswegs erledigt. Und kaum irgendwo anders mehr als hier in Freiburg mit seinem überaus bunten Markt empirisch nachweisbarer Religiosität. Doch wenn ich von Religion spreche, ist diese zu unterscheiden von Kirchlichkeit und von Verbundenheit mit Kirche. Nein, religionslos ist die Welt wahrhaftig nicht geworden. Aber der religiöse Kuchen wird anders verteilt. Und die, die sich anderswo niederlassen, kommen wahrhaftig nicht gleich mit verdorbenem Magen und reumütig zurück. Vielmehr scheint nicht wenigen die oft so ganz anders zubereitete religiöse Kost sogar noch zu munden. Ja sie tut ihnen oftmals auch noch sehr gut.

Und nicht wenige halten’s mit der Religion mittlerweile wie mit dem Essen. Man gibt sein Stammlokal auf, vergleicht Angebot und Preis. Kocht manchmal selber nach vielfältigen Rezepten. Und geht ansonsten mal hierhin und mal dorthin, wenn man aus Zeitmangel nicht mit religiösem fast food vorlieb nimmt. Doch zwischendrin haben die großen Kirchen als Marktführer zwar Federn lassen müssen. Aber der Verweis auf die lange Geschichte und die gossen Traditionen bleibt nach wie vor nicht ohne Wirkung.

Denn die Frage, wohin die Reise in die Zukunft denn nun gehen soll, wartet auf eine angemessene Antwort. Und allein schon deswegen ist der Streit am himmlischen Stammtisch alles andere als ein akademischer. Er ist vielmehr einer um den rechten Kurs für das evangelische Kirchenschiff in unruhigem und nicht selten stürmischem Gewässer.

Nein, die Religion sind wir nicht losgeworden. Nur die theologischen Moden ändern sich eben von Zeit zu Zeit. Warum aber wollen wir mitbieten auf diesem immer drängenderen und enger werden Markt. Doch nur, weil wir sicher sind, dass wir Lebensdienliches zu sagen haben. Und weil wir uns gewissermaßen einer Verpflichtung gegenüber sehen, der gegenüber wir nicht mit Gleichgültigkeit oder mit Wahlfreiheit reagieren, sondern mit dem Einsatz des ganzen unserer Existenz. Es geht eben nicht nur um die Zutat zur Speise. Es geht um die Erfahrung des tragenden Grundes und des Horizontes neuer Lebenshoffnung.

Hosea hat, diesen Riss, der mitten durch’s Leben, ja auch mitten durch die Menschen geht, in der Tradition der prophetischen Sprache beschrieben. Ihm geht’s um Lust an der Liebe. Ihm geht’s um Erkennntnis Gottes. Und das sei – so schreibt er – allemal mehr als religiöse Rechtschaffenheit. Mehr auch als ein bürgerlicher Wertekatalog. Mehr als der stimmige Vollzug des ehemals Richtigen aus Angst vor Veränderung.

Und es sind doch keineswegs nur die in religiöser Absicht dargebrachten Opfer, die in Frage gestellt werden. Es geht um den Vorrang der Liebe vor der Korrektheit. Den Vorrang der Wahrheit vor bloßer Richtigkeit. Es geht um den Vorrang Gottes vor dem, was uns oft bis an die Grenzen unser verbliebenen Freiräume in Beschlag nimmt.

Andererseits: Ein Leben ganz ohne Religion, das gibt es eigentlich gar nicht. Aber die Religion ist vielfältig in ihren Inhalten und unterschiedlich dicht und intensiv in ihren Ausdrucksformen. Aber: Religion und in ihrem Gefolge das Ritual machen Leben oft überhaupt erst erträglich.

Dass Leben darüber hinaus auch lohnenswert wird und bleibt – das wirft uns auf den Markt der Konkurrenten. Es lehrt uns Achtung und Respekt vor den Lebensentwürfen der anderen. Vor allem aber nötigt es uns zum Bekenntnis und zur mutigen Kommunikation der Wurzeln, aus denen sich unser Glaube an den Gott der Liebe speist.

Und darum dürfte es in unseren theologischen Debatten keineswegs ruhiger zugehen als an dem eingangs geschilderten himmlischen Stammtisch. Unsere Begabung zur Sprachfähigkeit, auch zur theologischen, sollte uns davor bewahren, auf Dauer zu den Gebildeten unter den Verächtern der Religion zu gehören zu wollen, auch wenn uns das als Erfahrung auf Zeit nicht einmal schaden würde. Aber kein religiöses Bekenntnis sollte uns davor schützen, uns für diejenigen zu interessieren, die im Suchen und im Zweifeln und Fragen den Sinn ihres Daseins ergründen wollen.

Warum nicht an Hosea erinnern: Lust an der Liebe und Lust an der Erkenntnis Gottes – was könnte uns tiefer wurzeln lassen und gewinnbringender in Bewegung halten? Und woran könnte uns mehr gelegen sein, als diese Lust auch bei anderen zu entdecken und uns gemeinsam von dieser Lust ein ums andere Mal überraschen zu lassen ? Amen.
Traugott Schächtele

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