Ansprache
anlässlich der Einweihung des Hauses Demant
am Freitag, den 21. Juni 2002 in Kirchzarten


Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
sehr geehrter Herr Dangl,
sehr geehrte Damen und Herren – vor allem diejenigen, die hier arbeiten und diejenigen, denen dieses Haus zugute kommt!

Die große Spannung um den Fußball hat sich für’s erste wieder einmal gelegt hat. Und wir haben den Kopf wieder frei für die wesentlichen Dinge des Lebens. Und der Anlass, der uns heute hierher geführt hat – die Einweihung dieses Hauses Demant gehört zweifellos in die Kategorie des Wesentlichen.

Ich bin sehr froh, dass wir uns aus einem Anlass wie dem heutigen hier zusammengefunden haben. Er ist in mehrfacher Hinsicht keine Selbstverständlichkeit. Sie, Herr Bürgermeister von Oppeln, haben dazu eben ja schon einiges gesagt.

Ich will weder wiederholen, was gesagt wurde, noch vorwegnehmen, was andere sagen möchten. Über die Möglichkeiten, den Einsatz und die Erwartungen der Kommune hat der Bürgermeister gesprochen. Zum Bau zu sprechen, ist Sache des Architekten und der beteiligten Firmen. Zur Fachkompetenz der Arbeit mit behinderten Menschen und den Voraussetzungen, die gegeben sein müssen für die Arbeit hier, sind besser die Verantwortlichen für diese Arbeit zu hören.

Natürlich will ich Freude und Anerkennung keineswegs verhehlen. Ich bin vor knapp zwei Wochen mit ihnen, Herr Dangl, schon einmal hier gewesen. Und ich staune einmal mehr, was der Termindruck alles möglich macht. Das, was in diesen zwei Wochen hier noch einmal im Endspurt geleistet wurde, ist aller Achtung und Würdigung wert.

Ich will es auch nicht einfach beim Dank und bei Worten der Anerkennung belassen. Obwohl solche Worte an diesem Tagsehr wohl angebracht sind. Auch gegenüber der hiesigen Kommune, die auf die große Kompetenz unserer Diakonie gesetzt hat und usn einen großen Vertrauensvorschuss und zugleich eine Würdigung des bisher Geleisteten entgegengebracht hat. Über diesen Dank hinaus möchte ich die Gelegenheit hier nutzen, etwas zum grundsätzlichen Selbstverständnis diakonischer Arbeit zu sagen und ihnen ungeachtet der hochsommerlichen Temperaturen einiges an Denkanstrengung zumuten.

Was hier- in diesem Haus – künftig geschieht, geschieht unter dem Zeichen der Diakonie, des diakonischen Werkes. Die Diakonie ist in ihrer Vielgestaltigkeit auf vielen Ebenen von außen kaum zu durchschauen. Gott ist in seiner Dreieinigkeit geradezu bescheiden angesichts der Vieleinigkeit, in der Diakonie sich darstellt. Ich will aber beim Grundsätzlichen bleiben und in drei Thesen etwas sagen zum Thema der Diakonie im Spannungsfeld zwischen Barmherzigkeit und Wirtschaftlichkeit.

1. Das Wort, der Begriff Diakonie bekanntermaßen vom griechischen Wort „diakonia“, was auf deutsch nichts anderes heißt als eben Dienst. Dieses Wort steht in einer modernen westlichen Gesellschaft am Beginn des dritten Jahrtausends bekanntermaßen in der Konkurrenz zur Dienstleistung. Dienst im biblisch-theologischen Sinn meint ursprünglich einen durch den christlichen Glauben motivierten Beitrag zur Heilung der „beschädigten“ Schöpfung. Dieser Dienst, diese diakonia gilt den Schwächeren – den Mühseligen und Beladenen - und orientiert sich an den Gesetzmäßigkeiten der Nächstenliebe. Eine Dienstleistung ist dagegen der Versuch, den Ausfall einer vorfindlichen Dienst-Struktur aus Nächstenliebe durch Angebote einer institutionalisierten und an den Gesetzen des Marktes orientierten Dienst-Leistungen zu ersetzen.

Darum der erste These Die als Institution organisierte Diakonie muss sich unter ökonomischen Zwängen und zur Gewährleistung eines fachlichen Standards zunehmend als Dienstleister organisieren. Dabei steht sie vor dem Problem sicherzustellen, dass Diakonie eben nicht nur Dienstleistung ist, sondern immer auch Dienst im biblisch-theologischen Sinn bleibt. Gerade dieser Aufgabe weiß sich die kirchliche Diakonie in hohem Maße verpflichtet.

2. Diakonie ist Kirche. Genauso wie auch Caritas Kirche ist. Ohne Diakonie ist Kirche nicht Kirche im Vollsinn des Wortes. Aber Diakonie ist Kirche in einer ganz besonderen Zuspitzung, nämlich in der Entfaltung der Gaben der tatkräftigen Zuwendung zu den Menschen, die auf andere angewiesen sind. Und weil wir das alle sind, sind wir alle zur grundsätzlich auf die Diakonie angewiesen. Was wir aber als Diakonie tun, tun andere unter anderen Vorzeichen auch. Und sie tun es keineswegs von vornherein schlechter.

Wenn wir die Frage nach dem Selbstverständnis der Diakonie stellen, stellen wir somit zugleich immer auch die Frage nach der protestantischen Identität des diakonischen Handelns. Dazu meine zweite These: Das praktische und fachbezogene Handeln der Diakonie ist zunehmend weniger eine Frage der Konfession, sondern aus vielen Gründen immer mehr ehe eine der konfessionellen und auch überkonfessionellen Kooperation sowie der inhaltlichen Konzeption. Man kann weder evangelisch oder katholisch pflegen oder eine Arbeit mit behinderten Menschen gestalten. Aber man kann es dennoch ganz bewusst als Christ oder evangelische Christin tun. Oder ohne eigenes kirchliches Bekenntnis im Rahmen des entsprechenden Angebotes der Kirchen. Gute fachliche Qualität ist dabei allemal besser als aufwendige Werbekampagnen.

Darum ist es wichtig, dass es auch künftig kirchlich und konfessionell getragenes diakonisches Handeln gibt. Vielen einschlägigen Untersuchungen, etwa auch der Münchener McKinsey-Studie – ist zu entnehmen – dass das diakonische Handeln ein beinahe durch nichts zu ersetzender und durch nichts zu überbietender Werbeträger kirchlichen Handelns in der Gesellschaft und in der Öffentlichkeit überhaupt ist. Gerade durch die Identifikation mit der jeweiligen Konfession, wird nach wie vor konfessionelle Identität gestiftet. Diese kommt den Menschen in den diakonischen Einrichtung genauso zu gut wie der Gesellschaft insgesamt.

3. Diakonie ist so alt wie die Kirche selber. Die verfasste Diakonie, so wie wir sie heute kennen, ist das Ergebnis von Entwicklungen des 19. Jahrhunderts. Diese Einsicht gibt den Anstoß zu meiner dritten These: Die institutionalisierte Diakonie braucht für einen optimalen Einsatz ihrer Kräfte immer auch eine optimale Organisationsstruktur und in zunehmendem Maß potente und qualifizierte Partner. Diese Einsicht führt im Gründungsjahrhundert der Kirche zur Berufung von sieben Diakonen im Sinne von Apostelgeschichte 6. Diese Einsicht veranlasst im Laufe der Kirchengeschichte die Gründung von diakonisch bzw. karitativ wirkenden Orden. Diese Einsicht greift im 19. Jahrhundert das Organisationsmodell der Vereine oder der Stiftungen auf.

Diese Einsicht fordert heute von uns die Bereitschaft mit neuen Organisationsstrukturen unsere diakonsichen Arbeit zukunftsfähig zu machen. Ein Beispiel dafür sind etwa die gemeinnützigen GmbHs oder es etwa die Neuinitiierung von Stiftungen.

Auch das hier in Kirchzarten realisierte Beispiel eines Zusammenwirkens von Stiftern, Kommune und Diakonie lässt sich sehr gut in diese Geschichte der diakonischen Phantasie bei der langfristigen Sicherung hochwertiger diakonischer Arbeit einordnen. Grundsätzlich gilt: Erlaubt ist, was der Arbeit angemessen ist und sie ermöglicht und fördert. Für Angst vor der Erprobung neuer Modelle und der Zusammenarbeit mit neuen Partnern im kirchlich-diakonischen Handelns gibt es keinen Anlass, allerdings ohne die grundsätzliche Anbindung an die Kirche als solche dabei aus dem Blick zu verlieren.

Auf alle Fälle ist auch die gegenwärtige Form unserer Diakonischen Werke zeitgebunden und vor dem Druck zur Anpassung an die sich permanent veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen keineswegs gefeit. Gerade das macht die Schwierigkeit der Arbeit in diesem Bereich aus. Und ich habe gerade in dieser Hinsicht vor ihnen, Herr Dangl, und vor denen, die mit ihnen Verantwortung für die Gewährleistung diakonischer Arbeit wahrnehmen, großen Respekt.

Zu diese heute in neuen Räumen beheimaten Einrichtung unter ihrer Leitung, Herr Blank, gratuliere ich ihnen von Herzen. Allen die hier mitarbeiten und allen, die hier Zuwendung und Begleitung finden, wünsche ich ebenso von Herzen alles Gute und Gottes Segen.
Traugott Schächtele

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