Verabschiedung von Thomas Weiß
als Leiter der Arbeitsstelle der EEB Freiburg
am Donnerstag, den 18. Juli 2002
in der Ludwigskirche in Freiburg


Lieber Herr Weiß,

Unübersehbar: Wir erleben einen Abschied in Farbe. Und selbst ich will und kann mich der Gestaltung dieses Abschiedstreibens als buntem Treiben nicht entziehen. Die bunte Palette der Farben als Kennzeichen ihres Abschieds – damit haben sie auch am Ende ihrer Freiburger Zeit noch einmal einen Akzent gesetzt. Und einen fröhlichen obendrein. Das tut dem Abschied gut.

Farbe hat Konjunktur. Macht wahrnehmbar. Erkennbar. Unterscheidbar. Die Farbe ist – so scheint es - das Erkennungszeichen der Postmoderne. Nach der Farbphotographie und dem Farbfernsehen und der Fülle der in bunter Farbenpracht schillernden Magazine nun also die Buntheit auch als Charakteristikum des Lebensgefühls am Beginn des 3. Jahrtausends. Anything goes. In der Fülle seiner Möglichkeiten kann das Lebens anders als in Farbe gar nicht daherkommen.

Sie, lieber Herr Weiß, sind ein bekennender Farbenfreund. Nicht nur in diesem Gottesdienst. Auch in dem, wie sie ihre Arbeit hier in Freiburg verstanden und gestaltet haben. Kunst und Kultur, Literatur und Theologie, Lesung und Rede, Akzeptanz des Vorfindlichen und Beratung hin zum Bedenken dessen, was noch keinen Ort hat – zwischen diesen vielfältigen Polen haben sie evangelische Bildungsarbeit hier im Freiburg und in der Region gestaltet.

Evangelische Erwachsenenbildung im Kontext der Ökumene und im offenen Diskurs mit Menschen, die ihren tragenden Lebenssinn außerhalb der traditionellen Kirchlichkeit finden – in dieser Buntheit haben sie ihre Arbeit gewissermaßen als Berufskunst definiert und interpretiert. Und es hat ihr offenkundig nicht geschadet. Im Gegenteil.

Sie haben mitgeholfen, Bildungsarbeit ihren Ort in einem offenen kirchlichen Ganzen sichern zu helfen. Und sie haben nicht zuletzt gegenüber den Zwängen der enger werdenden finanziellen Spielräume das visionär-bunte Gemälde einer kirchlich verantworteten Bildungsarbeit entgegengesetzt, das nicht zur staunend-distanzierten Wahrnehmung verleitet, sondern zur Interaktion verlockt. Damit haben sie Zeichen gesetzt und Farbe bekannt. Mir bleibt, ihnen dafür Danke zu sagen. Seitens der Kirchenbezirke, in denen sie gearbeitet haben. Aber auch ganz persönlich. Weil mir kirchliche Bildungsarbeit sehr wichtig ist. Und das beste Argument für diese Arbeit ist das der guten Qualität, in der sie geschieht. In diesem Sinn haben sie der Arbeit der Evangelischen Erwachsenenbildung überaus gute und bemerkenswerte und gewiss auch nachwirkende und nachhaltige Dienste geleistet.

Bei aller wünschenswerten Kontinuität: Dieser Abschied markiert einen Wechsel. Insbesondere für sie persönlich. Der Bildungsfachmann Thomas Weiß kehrt zurück / in die zukünftige Generalistenrolle des Gemeindepfarrers. Und das - wie viele wissen und wie es gestern auch der Badischen Zeitung zu entnehmen war - durchaus in ambivalenter Gestimmtheit.

Ist nach der Farbenpracht nun also wieder schwarz-weiß angesagt? Gewiss nicht. Dazu ist auch die Welt der Gemeinde viel zu interessant und zu bunt. Die Frage ist so auch falsch und für schwarz-weiß diskriminierend - gestellt. Denn in der Tat will ich anmerken: Zuviel Farbe ist der Annäherung an die Wahrheit längst nicht immer dienlich. Bisweilen blendet das Grelle und verstellt daher den unvoreingenommenen Blick. Schwarz-weiß – so wie wir heute hier auch einander gegenüberstehen – ist keine Kombination, die ihre Zeit hinter sich hat. Und darum will ich es wagen, mitten in aller Farbeuphorie das Loblied des Schwarz-Weißen zu singen.

Es gibt Künstler, die haben der Schwarz-Weiß-Photographie nie den Abschied gegeben. Licht und Schatten kommen voneinander nie los. Und gerade die Erfahrung der Ambivalenz – auch der Ambivalenz der biographiewirksamen Entscheidung – lehrt uns die Wertschätzung der Kontur und der Graustufe. Wirft uns zurück auf die Bescheidenheit der heilsamen Konzentration.

Der Tag gewinnt in der frühen Dämmerung seine Grundausrichtung und er wird nicht in der bunten Gluthitze des Mittags gewogen, sondern im dunkelnden Grau der hereinbrechenden Nacht. Profile – im doppelten Sinn - sind ihnen wichtig gewesen. Wie können sie besser ihre Wirkung entfalten als in der Abschattung der Graustufen im breiten Spektrum zwischen schwarz und weiß.

Und wie kann der Charme des Neuen schöner zur Geltung kommen als in der Wahrnehmung der hellen Anteile, die dem Dunklen ihr Recht lassen, ohne darin schon die ganze Tönung zu entdecken. Die dem Liebhaber der Farbe Mut machen, das Lied der konstruktiven Abschattung zu singen.

Von der morgendlich-grauen Dämmerung wird in einer bekannten biblischen Erzählung in Gen 32 berichtet. Auch dort bricht für einen Menschen biographisch bahnbrechend Neues an. Es ist eine Rückkehr in eine offene Zukunft. Jakob kehrt zurück über das Wasser des Jabbok. Doch in die vertraute Welt tritt er ein als ein vom Leben Verwandelter. Die Zäsur – versinnbildlicht im Unternehmen der Überquerung des Flusses mit dem Namen Jabbock – ist nur vordergründig eine geographische. Von Jakob wird Biographiearbeit verlangt. Einander Widersprechendes muss zu einem neuen Ganzen integriert werden. Zwei Lebensphasen müssen zusammenwachsen, die wahrhaftig nicht von vornherein als zusammengehörig erlebt werden können.

Jakob erlebt diese Grenzüberschreitung als hartes Ringen im Sinne des Wortes. Er ringt mit einem Unbekannten. Und er bleibt nicht unverändert zurück. Er spürt seine Verletzung und bleibt an seiner Hüfte körperlich gezeichnet. Er erhält darüber hinaus einen neuen Namen zugesprochen. Aber er verlässt den Ort nicht als Verlierer. „Du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und du hast gewonnen.“ Das war das Fazit des Unbekannten, dunklen Ringpartners.

Ganz so schlimm mag es in Freiburg für sie hoffentlich nicht gewesen sein. Aber im Wechsel von der Dreisam an den Neckar einen am Ende heilsamen Übergang sehen zu können – das wünsche ich ihnen von Herzen, lieber Herr Weiß. Wenn mit dem Ortswechsel auch der Perspektivenwechsel gelingt – dann sind sie in Heidelberg dem gelobten Land der Farbenvielfalt genauso nah wie hier in Freiburg. Und Licht und Schatten, schwarz und weiß liegen dort nicht weiter auseinander als hier.

Ungern lassen wir sie ziehen. Und wünschen ihnen doch von Herzen das Glück des gelungenen Aufbruchs. Und des Genusses der abgeklärten Wiederkehr. Denn wir alle sind sicher: Man kann von Freiburg weggehen. Aber man kommt niemals mehr wirklich von hier los.

Der ringende Jakob sagt zu seinem dunklen Widersacher in der klaren Sprache Martin Luthers: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.

Segen heißt, in den Grautönen zwischen schwarz und weiß, im sogenannten grauen Lebensalltag immer auch die Farben mitsehen. Segen heißt auch, sich inmitten der Farbenpracht auf die wesentlichen Konturen konzentrieren zu können. In Freiburg ist ihnen das gelungen, lieber Herr Weiß. Dass es ihnen auch am neuen Ort gelingt, dafür möchte ich Gott um eben diesen Segen bitten.
Traugott Schächtele

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