Ansprache zur Verabschiedung von Sonja Rau
als Gemeindediakonin der Evangelischen Kirchengemeinde March-Hochdorf
am Samstag, den 20. Juli 2002
im Katharina-von-Bora-Haus in Freiburg-Hochdorf


Liebe Gemeinde!
Nun gibt es also kein zurück mehr. Der Abschied von Sonja Rau als Gemeindediakonin in der evangelischen Kirchengemeinde March-Hochdorf – der Abschied insbesondere von Hochdorf - nimmt mit diesem Gottesdienst konkrete und offizielle Formen an.

Nun braucht es allerdings den Abschied, damit Neues entstehen kann. Und neu ist auf alle Fälle für mich die Möglichkeit, auch in diesem wunderschönen Katharina-von-Bora-Haus einmal in die Gestaltung eines Gottesdienstes mit einbezogen zu sein. Vielleicht kann ja in absehbarer Zeit auch einmal ein ganzer Gottesdienst daraus werden.

Es braucht den Abschied, damit Neues entstehen kann. Dieser Satz ist heute Abend aber vor allem auf dich hin zu entfalten, liebe Sonja. Jahre hast Du hier gearbeitet. Jahre, in denen Dir hier viele Menschen vertraut geworden - Jahre, in denen Freundschaften gewachsen sind. Jahre des Einwurzelns. Jahre des Verweilens. Heute nun: dein Abschied aus Deiner Tätigkeit als Gemeindediakonin hier in Hochdorf und in der gesamten Kirchengemeinde.

Nicht ohne Grund hast du dir das Thema Zeit als Thema für deinen Abschied gewünscht. In der Predigt und in den Liedern ist dieses Thema schon mehrfach aufgeleuchtet.

Der Begriff der Zeit wird heute inflationär verwendet. Und wahrscheinlich wird zu keinem anderen Wort – das Wort Liebe einmal ausgenommen – soviel und vor allem so viel Nichtssagendes und Unsinniges gesagt. Dabei ist das Thema „Zeit“ eines das so alt ist wie die Menschheit. Die alten Philosophen haben sich mit dieser Frage beschäftigt. Die großen Theologen der Anfangsjahrhunderte der Kirche, vor allen anderen Augustinus. Und die modernen Wissenschaftler. Die Naturwissenschaftler ebenso wie die Humanwissenschaftler und die Historiker.

Und je nachdem fallen die Antworten ganz unterschiedlich aus. Die Zeit zerfällt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sagen die einen. Dabei ist die Gegenwart nur eine Durchlaufstation – eine Momentaufnahme. Und zugleich doch der wichtigste Moment. Hier entscheidet sich, ob die Vergangenheit trägt. Und ob sich die Zukunft lohnt. Fast schon ein Fluch der Gegenwart sind manchmal die Möglichkeiten der Gleichzeitigkeit, die wir heute haben. Jahreszeiten und Stundenlauf. – sie haben fast ausgedient. Tomaten zur Weihnachtszeit. Die Nacht, die anderswo zum Tage wird. Die weltweite Vernetzung – real und virtuell hat uns vieles vom Segen der natürlichen Zeitabläufe längst geraubt.

Die Zeit dient der Messung der Abläufe der Natur, sagen andere. Sie macht Vereinbarungen und Vergleiche möglich. Etwa in Form des pünktlich eingehalten Treffpunktes. Die Zeit - sie macht und unabhängig von subjektiven Empfindungen. Die Zeit macht es möglich, dass wir Dauer fixieren und vergleichen können. Die moderne Physik hat diesen statischen, unveränderlichen Zeitbegriff längst relativiert. In einer Rakete im Weltraum altern wir langsamer – diese Einsicht verdanken wir Albert Einstein und seiner Relativitätstheorie. Das heißt, wenn wir lange genug mit Lichtgeschwindigkeit durch das Weltall surfen, treffen wir unsere Zeitgenossen auf der Erde am Ende viel mehr gealtert an als wir es selber sind.

Im Nachdenken der Theologinnen und Theologen wurde sehr früh erkannt, dass all diese verschiedenen Zugänge nur Annäherungen an ein großes Thema sind. Ein Thema, das wir am Ende nur in der Weisheit Gottes angemessen aufgehoben wissen. Darum bekennen schon die mehr als zweieinhalb Jahrtausende alten Psalmen, unser Zeit sei in Gottes Händen am besten aufgehoben. Neben der Liebe ist es also erneut das Thema der „Zeit“, das uns mit der Gottesfrage in Verbindung bringt.

Die Bedeutung dieses Themas wird durch eine Bebachtung aus den Neunziger Jahren bestätigt. Länger als irgend eine anderes Buch zuvor hielt sich ein kleines Büchlein in den Bestsellerlisten der britischen Sunday Times. Genauer gesagt 237 Wochen. Und dieses Büchlein, geschrieben vom berühmten Physiker Stephen Hawking trägt den lapidaren Titel: „Eine Kleine Geschichte der Zeit“. Ich hab’s inzwischen schon dreimal gelesen. Und immer noch nicht gänzlich verstanden. Vielleicht kann ich von dir, Sonja, dabei etwas Unterstützung bekommen. Ich habe es dir nämlich mitgebracht.

Heute kommt noch einmal ein besonderer Aspekt dieses Themas dazu. Deine Zeit. Deine ganz persönliche Zeit. Kein Wunder, dass du dir dieses Thema gewünscht hast. Der Abschied markiert eine wesentliche Zäsur unserer eigenen Lebenszeit. Der Abschied gibt Anlass zurückzuschauen. Zu bewerten. Bilanz zu ziehen. Und zugleich ist der Abschied das Tor des Aufbruchs zu neuen Ufern. Ohne den Abschied ist der Neuanfang eben nicht zu haben.

Der Blick zurück – und da wird es dir nicht anders gegen – der Blick zurück ist immer ambivalent. Zweideutig. Schillernd. Grund zur Dankbarkeit und zum Staunen gibt es da. Es gibt den erfreulichen Blick auf das, was gelungen ist. Den berechtigten Stolz. Und in manchen Fällen doch auch die Erkenntnis, was das, was wir loslassen, wert war. Der Abschied macht das über Jahre Alltägliche plötzlich einzigartig. Jeder bewusst gegangene letzte Gang lehrt uns, richtig einzuschätzen, was war an dem, was war – an dem, wie wir gelebt haben, hatten. Und darum beinhaltet jeder gelungene Abschied auch Trauerarbeit. Und er setzt Tränee frei. Und seien es auch nur verborgene. Andernfalls verdrängen wir. Und das schadet uns. Und denen, von denen wir uns verabschieden.

Der bilanzierende Blick zurück zeigt uns aber auch anderes. Unsere Grenzen etwa. Unser Unvermögen, eine Sache bis zum Ende durchgefochten zu haben. Verpasste Gelegenheiten. Vertane Chancen. Verletzungen, die immer noch wehtun. Auch dies gehört zum Abschied. Und es eröffnet die Chance, in der gewachsenen Zahl der Jahresringe unseren gestiegenen Wert durch gelungene Reifungen zu erkennen. Die Zeit heilt alle Wunden sagt ein Sprichwort. Und es ist doch zumindest die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte müssen wir beitragen. In dem wir der Zeit die Gelegenheit geben, ihre heilsame Wirkung zu entfalten. Und ihr vor allem nicht im Wege stehen.

Deinen dankbaren und zugleich kritischen Rückblick – das ist der eigentliche Anlass dieses Gottesdienstes, liebe Sonja. Und ich wünsche dir, dass du am Ende vor allem diese Erfahrung teilen kannst, die Menschen tagtäglich machen – da, wo es gilt, einen Abschied zu feiern. Der Wert einer Zeitspanne, auf die wir zurückblicken, ist nicht die Bilanz des Mehrwertes des Guten gegenüber dem Bösen. Auch wenn wir frph sein können, wenn die erfreulichen Erfahrungen die belastenden deutlich übersteigen.

Doch der bleibende Wert – das ist die Summe aller Erfahrungen. Der schönen und der belastenden. Und darum sind deine Hochdorfer Jahre auch so unendlich wertvoll. Es waren Jahre intensiven Lebens – zusammen mit anderen. Im gemeinschaftlichen Lernen. Mit Jungen und alten. Mit Frauen und Männern. Jahre n Versuch und Irrtum. Im immer wieder nötigen Neuanfang. Und in der Faszination der Möglichkeiten, die Gott dir mit deinen Gaben immer wieder neu eröffnet hat.

Dieser bleibende Wert. Er bleibt dir. Und er lässt sich fruchtbar machen, wenn du dich nun auf Neues einlässt. Auch wenn deine Aufgabe als Religionslehrerin nun eine ganz anders strukturierte ist – du wirst mehr an Bleibendem entdecken, mehr an Kontinuität wahrnehmen, als du im Moment vielleicht ahnst. Vor allem, weil deine Lebensaufgabe geblieben ist. Die Aufgabe nämlich, mit Menschen, jetzt mit Schülerinnen und Schülern, ihre Zeit wahrzunehmen, zu begreifen und zu deuten. Damit sie ihr Leben als wertvoll und ihre Zeit als von Gott geschenkt begreifen können.

Nichts anderes möchte ich dir selber auch wünschen. Und viele andere hier mit mir. Deine Zeit in Gottes Händen. Und doch immer wieder auch mit uns, den Zurückbleibenden geteilt.


Gebet
Gott, Hüterin unser Zeit und Liebhaber des Lebens, dankbar sind wir für die Zeichen des Lebens, die Sonja Rau in der Zeit ihrer Tätigkeit hier gesetzt hat. Zeitzeichen und Lebenszeichen, Ideen und Projekte, Wegbegleitung und Freundschaft. In dir bleibt es aufgehoben und wertvoll. Eine neue Zeit liegt nun vor ihr. Aber auch vor den Menschen, mit denen sie hier gearbeitet hat.

Begleite sie, Gott, mit de Gabe der immer neu erfüllenden Hoffnungen und den immer neu beflügelnden Träumen. Was wir Segen nennen, das lass sie auch in der neuen Zeit entdecken und erfahren. Neues Gelingen und neue Freundschaft. Den Atem der Hoffnung und den auch in Zukunft tragenden Sinn. Um deine Nähe, Gott, bitten wir dich, für sie und für uns alle. Unsere Zeit steht in deinen Händen. Dies lässt uns leben, Gott, heute und über den Tag hinaus. Amen.

Segen
Gott, Freundin des Lebens und Bewahrer dessen, was ist, segne dich und geleite dich durch alle Zeiten hindurch. Gott schenke dir Erinnerungen, die tragen und Aussichten, die beflügeln. So segne und behüte dich, Gott, gnädig und barmherzig und uns Menschen zugewandt. Amen.

Traugott Schächtele

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