Einführung von Rüdiger Schulze
als Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Bötzingen
am Sonntag, den 22. September 2002 (17.S.n.Trinitatis)
in der evangelischen Kirche in Bötzingen


Lieber Herr Schulze,

manchmal haben Sie vielleicht selber nicht mehr damit gerechnet, dass dieser Tag ihrer Einführung als Pfarrer hier in Bötzingen noch Wirklichkeit wird. Viele Stationen, viele Überlegungen und Gespräche, viele Hürden, viele Wegkreuzungen - und jetzt am Ziel. Und damit doch auch immer wieder am Anfang.

Denn jetzt beginnt für sie und ihre Familie eine neue Zeit. Ein Neuanfang in einer Gegend, die ihnen schon lange ans Herz gewachsen ist. Ein Neuanfang in einer Landeskirche, in der sie erst wieder heimisch werden müssen. Ein Neuanfang in einer Gemeinde, die es ihnen von allem Anfang an angetan hat - und in der man ihnen doch auch einen schönen Neuanfang ermöglicht hat. Ein Neuanfang mit vielen Aufgaben, die auf sie warten. Und die sie auf keinen Fall auf einen Schlag angehen können.

Natürlich warten viele auf sie. Leicht wird man zum Hoffnungsträger, wenn man die Chance des Neuanfangs hat. Und kann doch nie alle Hoffnungen erfüllen. Schon gar nicht auf einmal. Doch keine Situation bietet größere Chancen als der Anfang. Die Zeit der offenen Arme und der ausgestreckten Hände.

Es gibt kaum einen Beruf, in dem man die großen Erwartungen der Menschen so sehr spüren kann. In dem man Nöte und ihre Hoffnungen gleichermaßen in Berührung kommt. In dem man die Sehnsucht der Menschen nach wegweisenden Worten, nach Orientierung und ihr Bedürfnis nach dem lebendigmachenden Wort so unmittelbar erlebt. Und dadurch herausgefordert ist.

Der Wochenspruch für diese Woche könnte daher durchaus zum Programm werden für ihre Bötzinger Zeit. Er steht im 1. Johannesbrief im 5. Kapitel im 4. Vers:

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Von diesem Glauben zu reden, ist ihnen als Pfarrer aufgetragen Zu reden von einem Glauben, der in den Worten des 1. Johannesbriefes sehr viel selbstsicherer daher kommt, als es uns oft zumut ist. Und der Schreiber dieses Briefes sieht auch keinen Grund, mit seinem Glauben hinter dem Berg zu halten. Für ihn geht es um alles oder nichts. Um Sieg oder Niederlage. Ja um Leben oder Tod.

Genau damit werden sie es als Pfarrer immer wieder zu tun bekommen. Mit den Fragen nach der Gerechtigkeit Gottes und der erlebten Ungerechtigkeit in der Welt. Mit den Fragen der Entscheidung zwischen Gut und Böse. Zwischen Tun und Lassen. Zwischen Glauben und Unglauben. Zwischen Krieg und Frieden. Nicht nur im großen. Auch in den kleinen Lebenseinheiten vor Ort.

Es gilt, Lebensalternativen offen zulegen. Um dann auch wieder Lebensmöglichkeiten eröffnen zu können. „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

Von diesem Glauben zu reden, ist ihnen als Pfarrer aufgetragen. Ihnen, aber eigentlich uns allen. Keine leichte Aufgabe ist das. Aber keine, vor der sie sich in Sicherheit bringen müssten wie Jona. Denn der Sieg, von dem dieser Vers aus dem 1. Johannesbrief spricht, liegt eben nicht in unserer Leistung begründet; nicht in unseren Werken, sondern in unserem Glauben. Im Glauben an den Gott, der auch aus dem Bösesten noch Gutes wachsen lassen kann. Im Glauben an den, den auch der Tod nicht bei den Toten halten konnte.

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Von diesem Glauben zu reden, ist ihnen als Pfarrer aufgetragen. Von der Überwindung der Welt sollen sie reden - mitten in einer Zeit, in der die Welt mehr denn ja aus den Fugen zu geraten scheint. Und in der ihre Wort um so nötiger sind. Und das Wort von der Überwindung durch den Glauben. Überwinden heißt dabei nicht aus der Welt schaffen. Da spräche der Augenschein viel zu sehr dagegen. Leid, Schmerz, Not und Geschrei, ja auch der Tod selber bestimmen nach wie vor die Tagesordnung dieser Welt.

Überwinden heißt: Alles noch einmal neu - und mit den Augen des Glaubens sehen lernen. Überwinden heißt: Im Vorletzten das Letzte nicht aus den Augen zu verlieren. Überwinden heißt, damit rechnen, dass Gott nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt. Sie wissen, von wem dieser Satz stammt. Von Dietrich Bonhoeffer - und damit von einem Menschen, der mit dem Einsatz seines Lebens hat lernen müssen, dass das Überwinden aus Glauben wahrhaftig nicht einfach damit gleichzusetzen ist, dass alles Schwierigkeiten und Widrigkeiten aus der Welt geschafft werden.

Eine große Aufgabe liegt vor ihnen, lieber Herr Schulze, aber sie müssen nie mehr als einen kleinen Schritt auf einmal gehen. Als Pfarrer werden viele Talente in ihnen vermutet: Seelsorger und Unterrichtender sollen sie sein. Prediger und Grußredner. Bauherr und Repräsentant ihrer Gemeinde. Und in allem natürlich Gewährsmann und Zeuge der großen Menschenfreundlichkeit Gottes.

Wenn man ein Bild für das finden müsste, was ihnen aufgetragen ist, dann ließe sich auch das aus dem biblischen Motto der Woche herausfiltern. „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Wenn sie als Pfarrer reden sollen vom Überwinden, dann heißt dieses Überwinden keinesfalls „niedermachen“. Im Gegenteil: Im Blick auf die Welt heißt es vor allem überbücken. Gegensätze verbinden. Risse heilen. Darum werden sie in den nächsten Jahren zuallererst als Brückenbauer gefragt sein. Dabei ist die unsichtbare Brücke von ihrem schönen neuen Wohndomizil hierher zu Kirche und Pfarramt die leichteste. Sie führt sie allemal mitten durch den Ort und durch die Menschen.

Brücken, die die Welt verbinden, gilt es auch zu schlagen zwischen den Generationen. Zwischen unterschiedlichen Lebenssituationen und Einstellungen. Auch - und das wissen sie hier in Bötzingen - zwischen unterschiedlichen Weisen, den je eigenen Glauben zu leben. Diese Brücke ist womöglich die schwerste. Aber ich bin sicher, dass Gott unsere Bitten gerade auch nach einem solchen Brückenbauer mit ihrer Berufung auf diese Pfarrstelle gehört und erfüllt hat.

Mögen sie und die ihren hier Heimat und Freundschaft finden. Und die Gewissheit, am rechten Ort zu sein. Ich bin mir sicher: Gott wird sie segnen, damit sie zu einem Segen werden können. Amen.
Menschen in Beschlag, damit der Glauben an den Sieg, der die Gegensätze dieser Welt überbrückt, unüberhörbar bleibt und deine GUTE NACHRICHT Raum gewinnt in unserer Welt.

Heute bitten wir dich besonders für Pfarrer Rüdiger Schulze, den du eingeknüpft hast in das Netz der Menschen, die in Weise beauftragt sind, dein Wort vor aller Welt weiterzusagen. Steh’ ihm bei im Hören und im Reden, damit sein Dienst zu einem Segen werden kann für die Menschen und die Gemeinde in Bötzingen, in Gottenheim und wo immer er das Amt der Weitergabe deines Wortes ausübt - im Vertrauen auf deine Zuneigung, die gemeinsam trägt. Amen
Traugott Schächtele

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