Zeitansage
anlässlich des Festveranstaltung zum 100jährigen Jubiläum
des Erzbischöflichen Stadtdekanates
am 10. Oktober 2002 im Historischen Kaufhaus


Nach Gewerkschaft und Wirtschaft, Kommunalpolitik und Kultur nun auch noch eine Zeitansage aus der befreundeten Ökumene, gewissermaßen aus der Kirche in der Nachbarschaft.

Kaum einer und eine, der oder die nicht wüsste, was im Kontext der Kirchen längst dringlich angesagt ist: mehr ökumenische Nähe. Bündelung der Kräfte. Anzustrebende Synergieeffekte. Mehr noch: Ziel kirchlicher Aktivitäten sei in wachsendem Maße die Verwirklichung der Einheit auch im organisatorischen Sinn. Dies alles getreu dem Wunsch Jesu: „... dass sie alle eins seien“. Wer mich kennt und wer eben wieder gehört hat, dass ich mich auch in wissenschaftlicher Hinsicht viel mit der Theologie unserer katholischen Schwesterkirche befasst habe, wird mir antiökumenisches Gedankengut wahrlich kaum unterstellen. Schließlich habe ich auch die hiesige Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen zwei Jahre als Vorsitzender geleitet und engagiere mich dort nach wie vor.

Nach dieser Vorab-Absicherung wage ich es einfach einmal, die Ökumene keck etwas gegen den Strich zu bürsten - womöglich in deren eigenem Interesse. Wenn im Bereich der Wirtschaft Mega-Fusionen geplant und umgesetzt werden, steht ein hoher ökonomischer Druck dahinter. Keine Fusion geschieht freiwillig. In den Kirchen ist das irgendwie umgekehrt. Wir reden dauern von der Einheit. Und leben ganz gut in unserer Unterschiedlichkeit. Ja, ich glaube sogar: Mit der Vision einer großen zentralistischen Struktur machen wir uns nicht attraktiver.

Daher meine erste Zeitansage: Was in den Kirchen ökumenisch dran ist, ist meines Erachtens ein neuer theologischer Einheitsbegriff, der die Vielfalt und die Unterschiedlichkeit als Schatz und als Chance begreift und sie nicht andauernd in Frage stellt. In ökumenischer Perspektive brauchen wir eine Vision, die nicht permanent ein schlechtes Gewissen erzeugt, weil wir auf Dauer hinter unerreichbaren Zielvorgaben herlaufen. Ökumene ist meines Erachtens gänzlich missverstanden, wenn wir sie als ein binnenkirchliches - noch genauer: als ein strukturell nach innen gerichtetes - Programm behandeln. Was wir brauchen ist ein hohes Maß an Kommunikation miteinander, das Energien freisetzt. Was uns in den Kirchen nicht gut tut, ist die ständige Reduktion unserer Qualitäten auf die Schnittmengen von Formelkompromissen. Nötig ist alternative Ergänzung, nicht lähmender Minimalismus. Die ACK ist hierbei ein unverzichtbares Lernfeld.

Ökumenische Einheit verwirklichen wir am besten nach außen - theologisch gesprochen im Dienst an der Welt, in der missio in die Welt. Hier heißt Kräfte bündeln nichts anderes als die Ziele bündeln; in den Aktivitäten aber der Vielfalt Raum geben. In der Zielrichtung hin auf die Welt die Einheit zu gewinnen und zu bewähren, macht ökumenisch Sinn. Und es ist zugleich meine zweite Zeitansage. Dabei sehe ich drei Bereiche, drei Gravitationszentren kirchlichen Engagements in der Welt.

Zum einen der Bereich der Spiritualität, des gottesdienstlichen Feierns - und Gottesdienste dürfen mitnichten als kirchliche Binnenveranstaltungen missverstanden werden - , auf dem Feld der Meditation und der Mystik - man könnet auch vom Bereich des „Geistlichen“ sprechen. In klarer Profilierung des je eigenen darf Einheit - und die Feier des Unbedingten - allerdings die Würde der Andersdenkenden und derjenigen, die in anderen Religionen beheimatetet sind, nicht verletzen.

Der zweite Bereich ist der des Einsatzes für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Hier wissen wir als Kirche nicht alles besser. Wir sind aber beileibe nicht ohne Kompetenzen auf diesem Gebiet. Als prophetische Mahner, manchmal als Öl im Feuer, manchmal als Sand im Getriebe könnten wir hier in noch weit größerem Maß gemeinsam unsere Stimme erheben.

Das dritte und am stärksten noch ausbaufähige Feld ist das der Bildung und der Kultur. In der Pflege überliefernswerter Traditionen, in Zeitgenossenschaft mit den auf diesem Feld Engagierten, in kritischem Augenmaß für eine hilfreiche Orientierung, im Mündigmachen für die je eigene Entscheidung. Die erste - spirituelle - Dimension könnte dabei die Klammer sein, die die politisch- und bildungsdiakonischen Felder vernetzt und der Dimension des Gottesglaubens aussetzt.

Am gemeinsamen gottesdienstlichen Feiern - und nicht an den vereinheitlichten Strukturen würde die Glaubwürdigkeit unserer Rede von der Einheit am deutlichsten sichtbar. Noch mutiger gemeinsam zu feiern, gemeinsam von diesem Gottesglauben zu reden - und das wäre meine dritte und letzte Zeitansage - braucht uns um die Kirche und um die Welt nicht bange zu sein. Und die Nach-uns-Kommenden haben in 100 Jahren auch in Freiburg wieder Grund zum Feiern - ob in einem oder in zwei Stadtdekanaten - darüber brauchen wir uns heute keine Gedanken zu machen.
Traugott Schächtele

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