Predigt
über 1. Johannes 2,7-12.14c.15-17
gehalten in der evang.-luth. Erlöserkirche in Freiburg
am 27. Oktober 2002 (22. Sonntag nach Trinitatis)


Freude sei mit euch und Freundlichkeit
und die Gewissheit der verwandelnden Nähe Gottes
auch an diesem Morgen.
Amen.


Liebe Gemeinde!

Gott hat uns, wenn’s drauf ankommt, noch kein Wunder erspart. Kein großes. Und nicht einmal ein kleines. Dass ich heute bei ihnen predige, das ist allemal zumindest ein kleines Wunder. Was soll im Ernst denn noch dagegen sprechen, mag der eine oder die andere sich fragen. Wir sind schließlich alle nicht davor gefeit dazuzulernen. Nicht immer konnte man sich so mutig eingestehen, dass wir Fortschritte gemacht haben auf dem Weg des geschwisterlichen Miteinander als Kirchen in dieser Welt und in dieser Stadt. Dass es keine ernsthaften theologischen Hindernisse gibt, dass Christenmenschen der einen weltweiten Kirche Jesu Christi sich gegenseitig einladen; sich gegenseitig auch den Platz auf der Kanzel gewähren – dies ist das Ergebnis eines langen Prozesses gegenseitiger Verständigung. Und es ist dennoch ein kleines Wunder. Und wir dürfen uns alle dankbar darüber freuen. Ich bin jedenfalls von Herzen dankbar für den Vertrauensvorschuss, den sie als Gemeinde – und auch sie lieber Bruder Schorling – mir heute gewähren.

„Und wenn es gar kein Wunder war“, fragte sich ängstlich ein Rabbi, „wenn das Wasser des Roten Meeres sich nicht einfach auf wundersame Weise vor den Israeliten zurückzog und die Verfolger dann unter sich begrub – wenn es einfach eine Folge der Windverhältnisse war?!“ „Dann ist das Wunder nur um so größer“, entgegnet ihm ein anderer Rabbi. „Gott hätte in den Lauf der Natur gar nicht eingreifen müssen, weil das Wunder seiner Schöpfung schon groß genug war, um sein Volk vor dem Untergang zu bewahren.“ Wie auch immer dieses Wunder zustande kam – das große damals und das kleine heute. Freuen wir uns, dass Gott uns das Wunder seiner Gegenwart auch heute nicht ersparen will.

Der Predigttext für diesen 22. Sonntag nach Trinitatis steht im 2. Kapitel des 1. Johannesbriefes. Ich lesen ausgewählte Verse aus dem Abschnitt der Verse 7 bis 17:

Meine Lieben, ich schreibe euch nicht ein neues Gebot, sondern das alte Gebot, das ihr von Anfang an gehabt habt. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört habt. Und doch schreibe ich euch ein neues Gebot, das wahr ist in ihm und in euch; denn die Finsternis vergeht, und das wahre Licht scheint jetzt. Wer sagt, er sei im Licht, und hasst seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis. Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, und durch ihn kommt niemand zu Fall. Wer aber seinen Bruder hasst, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet.

Liebe Kinder, ich schreibe euch, dass euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen. Ich habe euch geschrieben; denn ihr seid stark, und das Wort Gottes bleibt in euch, und ihr habt den Bösen überwunden. Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.

Du legst uns deine Worte und deine Taten vor.
Herr, öffne unsere Herzen und unser Ohr


Liebe Gemeinde!

Es lebt sich ganz gut in dieser Welt. In unseren Breiten schon mehr als ein halbes Jahrhundert Frieden. Eine soziale Absicherung, die auch den Schwächeren zumindest das Überleben sichert. Wohlstand und Komfort für viele. Ehrgeizige Tunnelprojekte, die den Weg von Freiburg zum Hirschsprung auf 15 Minuten verkürzen. Wissenschaftliche Errungenschaften zwischen der elektronisch gesteuerten Operation und sattelitenvermittelter Kommunikation. Technische Möglichkeiten zwischen Wasserstoffmotor und Solarenergie. Längst bestimmt die computergestützte Datenbearbeitung – ob bemerkt oder unbemerkt - unser aller Leben. Energieströme und Datenflut prägen unsere Gegenwart. Längst mag der Fortschritt bedrohliche Formen angenommen haben. Aber dennoch kein Zweifel: Es lebt sich gut in dieser Welt.

Mag uns der Blick in die Nachrichten zwar immer wieder Schreckensbilder vor Augen führen. Zuletzt gestern mit dem blutigen Ende der Geiselnahme in Moskau. Oder in den Wochen zuvor mit dem schrecklichen Attentat auf Bali. Oder den Todesschüssen von New York. All diesen Schreckensereignissen zum Trotz: Es lebt sich gut in dieser Welt. Zumindest in unseren Breiten.

Eine Freizeitindustrie, die bald mehr von unserem Tag beansprucht als der Arbeitgeber. Urlaubsziele, die keinen weißen Flecken mehr auf dem Globus lassen. Umfassende Versorgungsangebote, die sich in den Einsamkeitsnischen dieser Welt ansiedeln. Nachbarschaftshilfe, die als Serviceangebot auf dem Markt der Dienstleistungen teuer bezahlt werden muss. Nächstenliebe, die nicht mehr geübt wird, sondern käuflich ist. Dennoch unbestritten: Es lebt sich gut in dieser Welt. Wir alle leben gut in dieser Welt. Zumindest die meisten.

Kann uns dann die Aufforderung des Schreibers des 1. Johannesbrief noch ernstlich treffen? „Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist.“ Was soll diese – verzeihen Sie’s mir – was soll diese urchristliche Nörgelei, wenn wir mit dieser Welt zwar nicht in allem zufrieden sind, aber doch längst unseren Frieden mit ihr gemacht haben. Von ihren Vorzüge profitieren. Ihre Schwächen anmahnen und bekämpfen. Aber am Ende eben doch ganz gut in dieser Welt und mit ihr leben. Nein, man muss sie nicht gleich lieb haben. Aber doch ganz gewiss nicht verteufeln und sie als Tempel des persönlichen Lustgewinns klein reden und madig machen.

Weiterhelfen kann hier nur der Versuch zu klären, was der 1. Johannesbrief meint, wenn er von der „Welt“ redet. Der 1. Johannesbrief gehört theologisch in die Nähe des Johannes-Evangeliums. Während sich das Johannes-Evangelium aber um die Profilierung der eigenen Theologie im Umfeld und im Gegegnüber zum Judentum bemüht, ist der 1. Johannesbrief Zeuge einer späteren Entwicklung. Die Theologie des Johannes-Evangeliums, entstanden irgendwo im syrischen Raum, hat sich stabilisiert. Ja, es ist so etwas wie eine johanneisch geprägte Kirche entstanden. Diese Kirche - manche sprechen auch von einer johanneischen Kommunität - setzt sich längst mehr mit den konkurrierenden Anschauungen in den eigenen Reihen auseinander als mit der nichtchristlichen Umgebung. In der Sprache der theologischen Literatur heißt das: Der 1. Johannesbrief bekämpft Irrlehren, die sich breit gemacht haben. Und eines der Kriterien, an denen diese Irrlehren festgemacht werden, dies ist eben nicht zuletzt, das Verhältnis zur Welt.

Zunächst: Im Griechischen Text steht da, wo wir in der Lutherübersetzung das Wort Welt lesen, das Wort „Kosmos“. Kosmos bedeutet allemal mehr als das, was wir mit dem Wort Welt in einem oberflächlichen Sinn verbinden. Der Kosmos meint das ganze des Lebenszusammenhangs. Meint Welt in einem umfassenden Sinn, der alles Wissen, um das, was die Welt zusammenhält, mit einschließt. Und sich dabei nicht einmal nur auf unseren kleinen Planeten Erde beschränkt.

Die Theologie der johanneischen Tradition legt dabei klare Alternativen offen. Gut und Böse, Licht und Finsternis, Liebe und Hass, Fleisches Lust und Gottes Willen – sie stehen in einem schroffen und unüberbrückbaren Gegensatz. Diese Sicht der Dinge, das verwendete theologische Vokabular, hat man aus der orientalischen Lieblingsreligion der damaligen Zeit übernommen. Aus der sogenannten Gnosis. Gnosis meint dem Wortsinn nach Wissen oder Erkenntnis. Und die Erkenntnis, die gemeint ist, beinhaltete die Schlechtigkeit allen Sein. Alles, was ist, ist böse. Und zugleich das Gefängnis des Guten. Wie einzelne Splitter eines zerbrochenen Glases ist das Gute mitten im Bösen präsent. Und wenn es gelänge, diese Bruchstücke des Guten zu befreien, kann man die böse Welt hinter sich lassen.

Das Gute ist mitten unter euch. Ihr müsst euch nur auf die Suche machen. Das war das Credo der Gnosis, die man vielleicht am besten mit dem Feld der Religiosität vergleichen kann, die heute unter dem Etikett „Esoterik“ firmiert. Eine einfache Weltsicht. Mannigfache, bunte Rituale, dem Bösen zu entfliehen.

Die Theologie der Tradition in der Nachfolge des Evangelisten Johannes setzt sich mit der Weltsicht der Gnosis auseinander. Böse sei die Welt, da stimmt man zu. Aber man nimmt das Böse weitaus ernster als es die Gnosis tut. Nicht irgendwie gefallen sei die Welt, sondern erlösungsbedürftig durch die Gottferne des Menschen. Und nicht irgendwie erlösungsfähig sei die Welt. Sondern einzig durch die Überwindung des Bösen durch den Sohn des Vaters könne man dem Bösen entrinnen. Und nicht irgendetwas geschehe in dieser Erlösung, sondern die Vergebung der Sünden durch Christus.

Diese Sicht hat Folgen. Die Welt als solche kann eigentlich gar nicht mehr als grundsätzlich schlecht gedacht werden. Sie ist Schöpfung Gottes – und sie steht damit wie alles, was Gott geschaffen hat, von vornherein zunächst einmal nicht unter dem Vernichtungsurteil Gottes. Das Böse wird nicht in der Schöpfung an sich festgemacht, sondern in den Menschen, denen es nicht ausreicht, Gottes Ebenbild zu sein. Und die sich darum als Gottes Gegenspieler aufspielen – und übernehmen.

Der Schreiber des 1. Johannesbriefes nimmt nicht ohne Grund die drastischen Gegensätze der Religion der Gnosis auf. Ihm kommt es auf etwas ganz Grundsätzliches an. Und da sind klare Alternativen manchmal besser geeignet, das zu beleuchten, worauf es eigentlich ankommt. Es geht eben um Licht oder Schatten. Um Gottes Willen oder um das Gegenteil.

Wir leben in einer Welt, die geprägt ist von Bildern und Farben. Fernsehen und Video, bunte Magazine und Werbung in grellen Farben. Wer sich heute wieder einmal einen Schwarzweißfilm anschaut oder die Schwarz-weiß-Photographien im alten Photoalbum zu Hause, hat das Gefühl, etwas Veraltetes in Händen zu haben. Eine Art der Bilddarstellung, die den Anforderungen an eine möglichst naturnahe Darstellung der Wirklichkeit nicht genügt.

Dabei sind Schwarz-weiß-Bilder viel ehrlicher. Sie zeigen mit den Möglichkeiten der Abschattung der vielfachen Grautöne das, worauf es am Ende wirklich ankommt. Farbe beschönigen und übertünchen. Ihr bisweilen schreiend grellen Töne lenken die Aufmerksamkeit auf sich, ohne deshalb schon Garant einer besseren Qualität zu sein. So ist das auch mit der in schroffe Gegensätzen formulierten Theologie des Johannesbriefes. Johannes mal schwarz-weiß. Aber auch er weiß, dass die Wirklichkeit der Welt komplexer ist und vielfältiger. Aber erst die richtige Grundentscheidung erlaubt dann die differenzierenden Alternativen.

Nein, wenn der 1. Johannesbrief die Lust des Fleisches geißelt, will er nicht die Schöpfung Gottes schlecht machen. Es geht nicht um Weltflucht oder um die Durchsetzung einer bestimmten Moral. Dazu haben sich diese Anschauungen schon viel zu oft geändert. Dazu gibt es auch unter und Christinnen und Christen viel zu viele Lebensentwürfe, als dass wir nur einen einzigen heilig sprechen dürften. Dazu gibt es auch viel zu viele Kirchen und Konfessionen, die offenkundig nicht ohne Gottes Geist in dieser Welt wirken, als dass wir die Wahrheit nur bei einem einzigen Modell des Kirche-Seins verankert und bewahrt sein dürften.

Und darum meint der Schreiber mit der Schreiber des 1. Johannesbriefes mit dem Ausdruck Kosmos - mit dem, was Luther mit Welt übersetzt auch nicht einfach den Lebensraum, in dem wir uns entfalten. Welt meint: eine bestimmte Denkweise, ein bestimmtes Lebensmuster, eine bestimmtes Programm – heute würde man sagen ein bestimmtes Grundparadigma – sein Leben zu bewerten und zu gestalten. Und hier kann man dann tatsächlich zu klaren Alternativen kommen. Verschiedene Alternativen miteinander in Konkurrenz liegen sehen. Und in den Ohren Jesu Ermahnung erklingen hören, dass wir nicht Gott und dem Mammon dienen können.

Ein Leben nach Gottes Willen und nicht nach den Denkschemata der Welt – das macht uns – in der Sprache des Johannes - frei davon, vom Licht des neuen Lebens zu sprechen und selben in den alten Bezügen verhaftet zu bleiben. Es geht darum, die Welt – und uns selbst! - als Schöpfung Gottes zu begreifen. Nur dann sind wir frei davon, selber als Schöpfer in die Kette des Lebens eingreifen zu wollen. Es geht darum, denn Sinn unseres Dasein nicht an dem festzumachen, was wir geleistet haben und leisten können. Gerade in dieser Erkenntnis liegt ja der Wurzelgrund der Reformation. Die Rechtfertigung allein aus Glauben macht uns frei davon, das Ideal des Lebens in unserer Leistungsfähigkeit und der Freiheit von Schwächen begründet zu sehen. Sie macht uns noch mehr frei davon, auch noch unseren Glauben als religiöse Leistungsschau gestalten zu wollen.

„Die Welt vergeht mit ihrer Lust – aber wer den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.“ Auf diesen Satz läuft der heutige Predigttext zu. Leben, das bleibt. Solches Leben kann sich nicht auf puren Egoismus und auf die kurzfristige Stillung unseres Erlebnishungers gründen. Es geht eben nicht um irgendwelches Madigmachen oder um Nörgelei. Vielmehr um die Tragfähigkeit der Grundlagen unseres Lebens. Um die rechte Grundorientierung, aus der heraus dann die Vielgestaltigkeit unseres Lebens heraus entwickeln kann. Auch in der Vielstimmigkeit der Kirchen.

Das Böse bekämpfen heißt dann den Bösen bekämpfen. Und dankbar feiern, dass dem Bösen die Macht genommen und den Handlangern des Todes das Handwerk gelegt ist. In der alten Welt leben – und mit den Augen des Glaubens längst die neue Welt Gottes aufleuchten sehen – darin liegt das Geheimnis des Glaubens. Und die Quelle unserer Lebenslust. Fröhlich und ohne falsche Scheu dürfen wir in dieser Welt leben und sie mitgestalten. Und dabei nie aus den Augen und den Herzen verlieren, dass wir uns Gott verdanken mit Haut und Haaren. In Versuch und Irrtum. In Gelingen und Misslingen. In Liebe und in der Sehnsucht danach. Und dabei dankbar sagen: Es lebt sich gut in dieser Welt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unser Denken und Fühlen, bewahre unsere Herzen und Sinne und unser Leben und Lieben in dieser Welt in Christus Jesus. Amen.
Traugott Schächtele

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