Gottesdienst
mit Einführung von Stefanie Hasenbrink
am Sonntag, den 8. Dezember 2002 (2. Advent)
Im Zachäus-Gemeindezenmtrum
in Freiburg-Landwasser


Liebe Frau Hasenbrink!

Es ist schon ein gehöriges Stück Weg das hinter ihnen liegt bis zum heutigen Tag ihrer Einführung als Pfarrerin. Sie übernehmen die Stelle rechtlich zwar in Stellenteilung mit ihrem Mann. Sie sind im Moment zugleich aber auch seine Vertreterin und im Moment zunächst allein mit allen pfarramtlichen Rechten und Pflichten betraut. Sie wissen, es war ein hartes Stück Arbeit, auch Überzeugungsarbeit, bis alles so geklärt war, dass sie auf diese Stelle berufen werden konnten. Umso mehr freue ich mich, dass sie mit dem heutigen Tag dieses wichtige Ziel erreicht haben.

Sie übernehmen ihr Amt in wahrhaft schwierigen und turbulenten Tagen. Politisch ist vieles ungeklärt und im Fluss. Die Welt scheint aus den Fugen. Global und Lokal. Irak, Nah-Ost und kein Ende der Gewalt in Sicht. Nicht einmal deutliches Bemühen, der Spirale ein Ende zu setzen. Auch in Berlin kein Ende der Turbulenzen und Eskapaden. Und vor der spanischen Atlantikküste läuft auch zur Stunde noch Öl ins das lebenswichtige Ökosystem Wasser.

Der Blick in die gestrige Zeitung verheißt auch innerkirchlich Hiobsbotschaften. „Kirchen zum Verkauf!“ stand da zu lesen. Wie weit ist es eigentlich schon gekommen, wenn wir als Kirche nur noch mit solch katastrophalen und zersetzenden Schlagzeilen in die Presse kommen!

Die kirchlichen Nachrichten des Tages in Freiburg sind - Gott sei Dank! – anderer Natur. Neue Pfarrerin in der Zachäusgemeinde eingeführt. Mein Schuldekanskollege Manfred Jeub führt in der Christuskirche eine neue hauptamtliche Religionslehrerin ein. In der Melanchthongemeinde stellt sich heute eine neue Bewerberin für die ausgeschriebene Pfarrstelle vor. So dramatisch die Zahlen auch sein mögen – von Ausverkauf soll und darf nicht die Rede sein. Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verheißen neue Kontinuität!

Wir haben als Kirche eben kein Produkt anzubieten, das den Gesetzen des Marktes unterliegt. Vielmehr haben wir mit aller Kraft und Phantasie daran mitzuwirken, dass die Gute Nachricht von Gottes Menschenfreundlichkeit unüberhörbar bleibt in dieser Welt. Wir sind eingeladen und aufgefordert, mitzuwirken, dass wir das Beste von der Zukunft erhoffen können. Darauf warten wir im Advent. Dies feiern wir auch, wenn wir ihre Einführung als Pfarrerin feiern.

Hilfestellung kann uns dabei der Wochenspruch für die heute beginnende Woche geben:

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Und ich will dem Wochenspruch die bekannte Aufforderung aus Hebräer 12 zur Seite stellen:

Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.

Diesen beiden Versen ist ein ganzes Programm des pfarramtlichen Dienstes zu entnehmen. Eigentlich sogar noch weit über Pfarrerinnen und Hauptamtliche hinaus. Denn zuletzt sind diese Verse an uns alle gerichtet. Und damit zugleich auch ein Programm unseres Kircheseins und unseres Christseins: „Seht auf!“ heißt der Kernsatz im einen Fall. „Lasst uns aufsehen“ im anderen.

Darauf also käme es entscheidend an: Aufgefordert sind wir aufzusehen. Aufgefordert sind wir auch, so Kirche zu sein, dass wir Aufsehen erregen. Aufsehen erregend Kirche sein – darauf also käme es an. Ja, darauf kommt es entscheidend an. Gerade in so schwierigen Zeiten wie den jetzigen. Aufsehen im Sinne dieser beiden Sätze erregen wir weniger durch Ausverkauf. Solches Aufsehen erregen wir durch die Wendung der Blickrichtung weg von uns und unseren Problemen; hin zu dem, auf den wir warten und dessen Kommen wir feiern in diesem letzten Monat des Kalenderjahres.

Advent ist im Dezember – so lautet die Aktion verschiedener Bischöfe und Landeskirchen in diesem Jahr. Auch der unseren. Das Ziel dieser Aktion ist eben genau jener Perspektivenwechsel. Wegschauen vom Nebensächlichen. Keine Ablenkmanöver. Keine irreführenden Schlagzeilen. Stattdessen: Aufsehenerregend Kirche sein. Aufsehenerregend Pfarrerin sein durch die Aufgabe, Gottes Lebensworte für uns und für diese Welt im Schwange zu halten. Diesen Worten – diesem Wort - immer wieder neu einen Ort des sich Niederlassens; einen Ort der Fleischwerdung und der Menschwerdung zu ermöglichen. Aufsehen erregend Pfarrerin sein durch kreative Wege hin zu dem, auf dessen Kommen wir uns einstellen auch in diesem Advent.

Diese große Aufgabe, Aufsehen erregend Pfarrerin zu sein, wird ihnen zugemutet. Und sie wird ihnen zugetraut. Das bringt sie nicht selten aus der Fassung. Aber womöglich in neue Geleise. Und zu immer neuen Aufbrüchen.

Gut ist dabei allemal, dass sie sich dieser großen Aufgabe nicht alleine stellen müssen. Hinter ihnen steht ihre Gemeinde. Hinter ihnen steht ihr Ältestenkreis. Hinter ihnen und neben ihnen steht ihr Mann. Dies mag manchmal nicht immer leicht sein, wenn sie die beruflichen Themen, nicht selten die beruflichen Sorgen bis an den Esstisch und ins Schlafzimmer verfolgen. Auf der anderen Seite haben sie eine Ebene der Gemeinsamkeit, sie in der Arbeit in der Gemeinde allemal vor Vereinsamung schützt. Und vor allzu frühem Abgleiten in berufliche Routinen bewahrt.

Hinter ihnen, neben ihnen und vor allem auch vor ihnen dürfen sie aber vor allem anderen mit Gottes hilfreicher Gegenwart rechnen. Durch Gottes guten und mittragenden Geist. Und durch den, dessen Geburt wir in wenigen Wochen wieder miteinander feiern. Weihnachten ist das wahrhaft aufsehenerregende Fest der Christenheit. Weit durch die Jahrhunderte hindurch. Und über alle Kontinente hinweg. Sogar über die Grenzen unserer Denk- und Verstehensmöglichkeiten hinaus.

Ich bin froh, dass sie sich auf diesen wunderschönen Beruf der Pfarrerin eingelassen haben. Und ich bin dankbar, dass sie mithelfen, unserem Aufsehen die rechte Richtung zu geben. Kein Grund für Krisenstimmung: Seht auf uns erhebt eure Häupter. Weil sich eure Erlösung naht. Amen.
Traugott Schächtele

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