Predigt über Johannes 1,1-16
gehalten am 26. Dezember 2002 (2. Weihnachtstag)
in der Ludwigsgemeinde in Freiburg


Liebe Gemeinde!

In diesen weihnachtlichen Tagen sind sie alle wieder zu Ehren gekommen, die Protagonisten der biblischen Weihnachtsberichte. Maria und Josef. Engel und Hirten. Herodes und die sternenkundigen Magier aus dem Osten.

Als Evangelienlesung in den weihnachtlichen Gottesdiensten. In den Aufführungen des Weihnachtsoratoriums oder anderer weihnacht-licher Kantaten. In Krippenspielen oder in Form unzähliger Erzählkränze, die im Lauf der Jahrhunderte um die weihnachtlichen Ereig-nisse gewunden wurden. In mannigfacher Weise und in vielfältiger Bearbeitung wurde das eine Thema weitererzählt und weitergesun-gen: Die Botschaft von der Menschwerdung Gottes in einem Kind.

Wie alle Kinder geboren von einer Frau. Wie viel zu viele Kinder weltweit zur Welt gekommen unter erbärmlichen Bedingungen. Und am Ende seines Lebens eingereiht in die lange Kette der Opfer von Macht und Gewalt. Und trotzdem: Die Lebensgeschichte dieses ei-nen bleibt auf eigentümliche und heilsame Weise eingeflochten in den Gang der Geschichte dieser Welt.

An diesem einen scheiden sich die Geister. Doch unausrottbar bleibt seine Botschaft in der Welt. Aus dem Kind in der Krippe wird der, aus dessen Gesicht uns Gottes Menschenfreundlichkeit entgegenleuchtet. Der, in dessen Nachfolge wir bis heute die Vorläufigkeit und Endlichkeit der Mächte des Bösen und des Todes bekennen. Der, der uns dazu bringt zu glauben, dass Umkehr und Neuanfang möglich sind. Bis heute feiern wir mit dem Fest der Geburt Christi die Hoffnung auf den Frieden auf Erden. Und wir lassen uns trösten von der Botschaft, dass wir ganz anders leben können. Dass wir mit unserem Leben bei Gott wertvoll und bewahrt sind bis ans Ende der Zeit.

Und all diejenigen, die als große oder als ganz kleine Leute beteiligt sind am weihnachtlichen Geschehen - sie tragen die besondere Würde der weihnachtlichen Akteure. In ihrem Leben spiegelt sich die Botschaft von der Menschwerdung Gottes mit dem unverbrauch-ten Charme des weihnachtlichen Ursprungs.

Auch der heutige Predigttext erzählt die Weihnachtsgeschichte. Doch nicht in der vertrauten anmutigen Farben weihnachtlicher Erzähl-kunst. Bringt sie zum Klingen nicht in den zarten Tönen weihnachtlicher Lieder. Bestenfalls die Paukenschläge am Beginn der ersten Kantate des Weihnachtsoratorium lassen etwas von dieser einzigartig gewaltigen weihnachtlichen Wucht des so ganz anders weihnacht-lichen Predigttextes erahnen.

Hören wir, wie der Evangelist Johannes in den Anfangsversen seine Evangeliums Weihnachten noch einmal ganz neu, ganz anders und mit kaum zu zähmender weihnachtlicher Energie in Worte zu fassen sucht:

Predigttext (verlesen von zwei Sprechern/innen

Leser/in 1
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.

Leser/in 2
Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes. Der kam zum Zeugnis, um von dem Licht zu zeugen, damit sie alle durch ihn glaub-ten. Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht. Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.

Leser/in 1
Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Leser/in 2
Johannes gibt Zeugnis von ihm und ruft: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Niemand hat Gott je gesehen; der Einziggeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt.


„Niemand hat Gott je gesehen.“ So endet der große Eingangsprolog des Johannes-Evangeliums. Niemand kennt das große Geheimnis wirklich, das wir Gott nennen. Niemand weiß ernstlich zu erklären, wieso in diesem Kind in der Krippe, vor 2000 Jahren geboren in ei-ner unwirtlichen Absteige, Gott selbst als Mensch in diese Welt kam. Wie Gott geworden ist wie einer von uns.

„Niemand hat Gott je gesehen.“ Wir wissen nur, was uns unseren Glauben an diesen Gott schwer macht. Die Erfahrung des ausbleiben-den Guten. Unsägliches Leiden. Macht und Gewalt als Antwort auf die vielen Ungereimtheiten unserer Zeit. Krieg – drohender und längst alltäglicher – als Eingeständnis unseres Unvermögens, Unterschiedlichkeit und Fremdheit, Konkurrenz und Abgrenzungsbedürf-nis nach vorgegeben Spielregeln auszutarieren.

„Niemand hat Gott je gesehen!“ Gesehen haben wir, dass wir dem Tod nicht wirklich Paroli bieten können. Dass am Ende unser Glaube immer wieder Schiffbruch erleidet spätestens in diesem Meer der für immer versunkenen scheinenden Hoffnungen.

Gegen dieses Nichtsehen Gottes singen wir an mit unseren weihnachtlichen Liedern: „Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd.“ Oder „Er nimmt an sich ein’s Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding.“ Gott mit Hand und Fuß und Haut und Haar – wahrer Gott. Und doch ein Mensch wie wir. Kein Geheimnis unseres theologischen Nachdenkens und unseres glaubenden Redens ist größer.

Mitten in der Jahrtausende alten Geschichte der Menschheit setzt Gott noch einmal neu an. In einem Hinterhof des römischen Reiches. In einem Landstrich scheinbar ohne Zukunft. Unter Menschen, deren große Sehnsucht nach Veränderung allmählich verdunstet unter der Realität ihrer Lebenswidrigkeiten. Menschen allerdings zugleich, deren religiöse Hoffnung sich nach einem ausstreckt, der die Verhält-nisse zum Guten wandelt. Weihnachten – der Neuanfang mitten im Alten. Bewahrt als Ahnung von allem Anfang an.

Das ist die große Weihnachtsgeschichte, die wir alle kennen. Die wir nachlesen können bei Matthäus. Oder in den altvertrauten Worte bei Lukas.

Johannes geht weiter. Aus der konkreten Geschichte in die Tiefen ihrer Botschaft. Aus dem weltgeschichtlichen Panorama der anderen Evangelisten zurück an den Anfang:

    Am Anfang war das Wort.
    Und das Wort war bei Gott.
    Und Gott war das Wort.
    In ihm war das Leben.
    Und das Leben war das Licht der Menschen.
Weihnachten von allem Anfang an. Gott vom Anfang her nicht einfach nur bei sich bleibend. Auf sich bezogen. Gott vom Anfang her Wort. Logos. Auf ein Gegenüber, auf ein Du bezogene Anrede. Liebende Vernunft. Vernünftige Liebe. Gott als liebend pulsierende Ursprünglichkeit, die sich artikuliert. Die sich vernehmbar macht. Die sich ausspricht. Die Gott ist, indem sie sich auf den Weg macht. Indem sie ihre Lebendigkeit überfließen lässt und schöpferisch die Welt ins Leben ruft. Indem sie Licht wird und gesehen werden; die ausstrahlend verwandeln will. Die lebendig und licht wer-den lässt, was ohne sie im Urchaos des Nichtigen verbleibt oder wieder dahin zurück versinkt.
Von allem Anfang her ist Gott redend. Von allem Anfang her darauf aus, aus seiner Schöpfung den Menschen sein Licht entgegenleuch-ten zu lassen. Doch:

    Er war in der Welt.
    Und die Welt erkannt ihn nicht.
    Er kam in sein Eigentum.
    Und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Gottes Licht findet keinen Widerschein. Sein Wort keine Resonanz. Redend erntet Gott Schweigen. Leuchtend versinkt er ins Dunkel. Das Leben selber droht in Leblosigkeit zu erkalten. Trostlose Nacht statt heili-ge Nacht.

Doch Gott wäre nicht Gott, wenn es sich die Spielregeln diktieren ließe. Wenn er die Grenzen der Dunkelheit für sich akzeptierte. Gott setzt ein Zeichen. Macht Johannes zum Boten des Lichts. Zum Mahner gegen alle Gottvergessenheit. Würdigt ihn, gegenüber allen Un-kenrufen der Einwilligung in die Gewohnheiten der Finsternis die Lieder des Lichts zu singen. Johannes, der Täufer und noch viel mehr. Johannes, der Bote des Lichts. Der, der den Blick neu richtet. Der unserer Gott-Suche Orientierung gibt. Und Perspektive schenkt.

Ehe Gott sich ganz neu vernehmbar macht. Noch einmal ganz anders spricht. Ehe Gott sich ausspricht in seiner Gänze. In einem gewal-tigen Wort. Einem kleinen, unscheinbaren Bündel Mensch. Geboren wie alle Kinder von einer Frau. Wie viel zu viele Kinder weltweit zur Welt gekommen unter erbärmlichen Bedingungen. Anstößig für die Mächtigen. Anziehend für die Machtlosen und die Habenichtse.

Gott spricht dieses eine Wort, das Wirkung zeigt bis heute. Gesprochen im Letzten von allem Anfang. Und mit einem Nachhall bis an Ende der Zeiten. Alles andere ist Spekulation. Alle andere ist uneigentliche Gottesrede. Ist Verstehen erst von hinten her.

Gottes einziges Wort: Ein Mensch! Dieses eine, dieses erste Wort, das das Schweigen bricht. Auf Dauer. Das Leben ermöglicht jenseits unserer Prioritäten. Jenseits unserer Lebensregeln. Gottes einziges Wort: Ein Kind. Ursprung neuer Möglichkeit der Gotteskindschaft für alle.

    Wieviele ihn aber aufnahmen,
    denen gab er Macht,
    Gottes Kinder zu werden.
Denen, die von neuem das Licht der Welt erahnen und erblicken. Die nicht in ihrer Abstammung, nicht in einem Schöpfungsakt menschlicher Vernunft, nicht in männlichem Verfügungswahn ihren Wert begründen – sondern dar-in, dass sie sich jenem einen Wort aussetzen, das Gott gesprochen hat. Denen, denen die Augen geöffnet werden. Denn:

    Das Wort ward Fleisch
    und wohnte unter uns.
    Und wir sahen seine Herrlichkeit.
Doch was wir jetzt sehen – und an jeder Weihnacht feiern – ist gesprochen vor allem An-fang. War eher als Johannes - dem Vorläufer des Wortes, das lange vor ihm schon längst gesprochen war. Das Wort, von dem Jo-hannes bekennt:

    Nach mir wird kommen,
    was vor mir gewesen ist.
Gott kommt, wenn er spricht, in sein Eigenes. Gott lebt, wenn er uns leben lässt, in seinem eige-nen Gott-Sein. Und Gott spricht, wenn es sich vernehmen lässt, sich selber aus. Bleibt, was er immer war. Und wird, was auch wir werden sollen: Mensch! Einfach ein Mensch. Und wie anders als als Kind.

Gott spricht sich aus in sein Eigenes, wenn er ins Dunkel kommt. Im Irak und in Bethlehem. Und gerade dort noch mehr – und noch nö-tiger – als je zuvor. Gott kommt – als erstes Wort, das eine schmale Brücke über das Schweigen baut. In die von verletzenden Worten geprägte Beziehung. Oder in die, in der gar keine Worte mehr gewechselt werden. Gott kommt allemal in Gestalt des ersten Wortes. Wird Mensch. Und gibt uns Menschen derart die Würde der Einzigartigkeit und Einmaligkeit zurück.

Gott spricht und wird vernehmbar. Und nicht anders können wir ihn sehen als im Widerschein des Lichtes. Im Spiegel des Antlitzes des Kindes der Weihnacht. Und im Antlitz jedes Kindes, aus dem uns die menschliche Sehnsucht nach menschenfreundlichen Worten ent-gegenleuchtet. Gott kommt. Und Gott spricht. Damit der Finsternis der Garaus gemacht wird.

In seiner „Allgemeinen Neurosenlehre“ schildert Sigmund Freud eine kleine Begebenheit:

Ein Kind, das sich in der Dunkelheit ängstigte, hörte ich ins Nebenzimmer rufen: „Tante, sprich doch zu mir. Ich fürchte mich.“ „Aber was hast du davon Du siehst mich ja nicht“; darauf das Kind: „Wenn jemand spricht, wird es heller.“

Wenn auch niemand Gott je gesehen hat: Gott spricht. Und indem er spricht, erstrahlt die Welt in neuem Licht. Darum feiern wir Weih-nachten. Als Fest des ersten Wortes, das das Schweigen bricht und uns Menschen ins Licht setzt. Ein für alle Mal. Wie anders als mit Paukenschlägen könnten wir unser weihnachtliches Erzählen und Singen beginnen. Amen.

Traugott Schächtele

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