Ansprache
im Familiengottesdienst mit Krippenspiel
am 24. Dezember 2002 (Heiligabend)
in der Matthias-Claudius-Kapelle in Fr-Günterstal
„Nehmen sie ihren Engel mit!“


Weihnachten lebt wie kein anderes Fest von der Erinnerung, liebe Gemeinde. Von der Erinnerung an glückliche Tage der Kindheit. Von der Erinnerung an Menschen, die zum Weihnachtsfest einfach dazugehört haben oder bis heute dazugehören: Eltern und Großeltern, Onkel und Tanten, Freundinnen und Freunde aus nah und fern. Es lebt von der Erinnerung an die ungeduldige Erwartung vor dem Fest in der eigenen Kindheit und an die Freude oder auch die Enttäuschung nach der Bescherung.

Weihnachten lebt auch von der Erinnerung an Gottesdienste in der Kirche mit Chor und Musik, von der Erinnerung an Weihnachtsspiele und das Singen der vertrauten Weihnachtslieder. Ob wir’s zugeben oder nicht: Auch wir Erwachsenen suchen nirgends mehr als an Weihnachten die verlorengegangene heile Welt wenn nicht der Kindheit, dann doch unserer Sehnsüchte und Träume.

Zumindest an Weihnachten hätten wir gerne, worauf wir an anderen Tagen oft gar nicht mehr zu hoffen wagen: Häusliche Harmonie, Worte der Versöhnung und des Aufeinanderzugehens, das Ende der permanenten Überforderung, und die Chance, mit manchem einfach noch einmal neu anfangen zu können.

Kein Wunder, dass sich gerade in den letzten Tagen und Stunden vor Weihnachten „alle Jahre wieder“ erst einmal die vorweihnachtliche Gereiztheit einstellt. Schließlich sind gewaltige Anstrengungen zu vollbringen, um unserer geballten Weihnachtssehnsucht zumindest in Ansätzen zur Verwirklichung zu verhelfen. Schließlich empfinden wir die Kluft zwischen der Wirklichkeit und unseren Wünschen nie so gewaltig große wie an Weihnachten. Und manchmal habe ich den Eindruck, diese Kluft würde jedes Jahr noch ein bisschen stärker.

Die Entwicklung des Konfliktes zwischen den USA und dem Irak und die Spirale der Gewalt im Nahen Osten zwischen Israel und den Palästinenser hält uns in großer innerer Unruhe. Und von neuem verschafft sich auch in diesem Jahr die Sorge Bahn, wir kämen wieder nicht voran auf unserem Weg der Suche nach dem Frieden auf Erden. Die verblassende Erinnerung an den letzten großen Krieg lässt den nächsten wieder wahrscheinlicher werden.

Weihnachten ist ein Fest der Erinnerung an eine heilere Welt aber auch noch in einem ganz anderen Sinn. Weihnachten wäre nicht Weihnachten ohne die Erinnerung an die Ereignisse in Bethlehem vor 2000 Jahren. Maria und Josef gehören dazu, wie sie ihre Augen glücklich und zufrieden auf das Kind in der Krippe richten. Ochs und Esel sind genauso wenig wegzudenken wie die Könige mit ihren Geschenken und die Hirten.

Völlig entgegen allem Hirtenbrauch lassen sie ihre Schafe allein, um den Stall zu suchen, von dem die Engel zuvor gesprochen hatten. Auch deren „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden“ hat an Aktualität und an Erinnerungswürdigkeit wahrhaftig nichts einge-büßt. Dies gilt nicht nur für die Sorge vor neuen kriegerischen Auseinandersetzungen. Es gilt nach wie vor auch für die abertausendfach gegebene Notwendigkeit der Flucht vor politischer Verfolgung oder wirtschaftlicher Not. Der Geburt des Kindes im heimatfernen Beth-lehem folgt schon bald das jahrelange Exil in Ägypten. Die Flucht ist bis heute für viele Menschen weltweit die einzige Chance geblie-ben, der Verfolgung zu entgehen und zumindest das nackte Leben durchzubringen.

Die Erinnerung an die heile Welt früherer Tage und die Erinnerung an die weihnachtliche Welt von Bethlehem gehören dabei eng zu-sammen. Seit den Ereignissen von Bethlehem ist unausrottbar die Hoffnung in der Welt, alles könnte eine Wendung zum Besseren neh-men. Die Hoffnung, unsere Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Geborgenheit, nach Frieden und wohltuenden Worten sei doch nicht ganz vergeblich. Die Gewissheit, dass wir mit unserer Erwartung einer friedlicheren und gerechteren Welt Gott auf unserer Seite haben.

Unsere weihnachtlichen Bräuche erinnern uns an unsere großen Weihnachtshoffnungen: Der grüne Tannebaum, den wir uns ins Zimmer holen, wenn die meisten Bäume draußen kahl sind. Der Barbarazweig, der Blüten treibt noch lange ehe es für ihn an der Zeit ist. Das flackernde Licht der Kerzen, dem wir mit einem Mal den Vorzug geben vor unseren ausgeklügelten Beleuchtungssystemen. Unsere kunstvoll verpackten Geschenke für andere, wo wir sonst lieber an den eigenen Vorteil denken.

Weihnachten ist nicht die Fülle, aber es macht uns der Fülle gewiss als Fest des ersten Schrittes auf dem Weg dorthin. Weihnachten ist das Fest einer Erinnerung an Vergangenes, das Kräfte freisetzt für eine von der Hoffnung auf Frieden auf Erden geprägte Gestaltung der Zukunft.

Die weihnachtliche Erinnerung ist nicht nur voller Sehsucht im Blick zurück, sondern heilsam und von verändernder Kraft im Blick auf die Zukunft. „Ihr werdet finden ein Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen“, sagte der Engel. Ein Kind genügt schon, um unsere Hoffnung wach zu halten. Eine kleiner Schritt nach vorn reicht aus, um Kräfte freizusetzen für viele weitere Schritte. Ein gemeinsames Essen nach einer langen und angespannten Funkstille kann eine Beziehung von Neuem zum Leben erwecken. Der kleine wiedergefundene Frieden spornt uns an, uns einzusetzen für den großen Frieden auf Erden. Ein Gottesdienstbesuch an Weihnach-ten vermag vielleicht von neuem die Gewissheit in uns zu nähren, dass Gott es gut meint mit uns Menschen. Die Botschaft vom „Frieden auf Erden“ ist nicht zu trennen von der Aufforderung zum „Ehre sei Gott in der Höhe“. Jede Weihnacht hält diese Erinnerung in uns wach.

Die Kraft der Erinnerung kann eine unglaubliche Wirkung haben. Und diejenigen, in denen die heilsame Kraft der Erinnerung Gestalt gewinnt, sind die Engel. Die Engel sind aus dem Weihnachtsgeschehen nicht wegzudenken. Und ganz zurecht wurde ihnen im heutigen Krippenspiel eine so zentrale Rolle zugewiesen. Engel sind es, die Josef daran erinnern und ihn ermahnen, bei Maria zu bleiben. Und sie erinnern die Hirten daran, dass Gott auf der Erde Wege des Friedens bahnen will. Hoffnungen und Träume. Warnungen und Richtungs-angaben – sie bekommen in Gestalt der Engel nicht nur hand und Fuß. Ihnen wachsen sogar Flügel.

Engel sind nie einfach nur irgendwie da. Sie existieren immer im Blick auf diejenigen, denen sie etwas in Erinnerung zu rufen haben. Für jede und jeden gibt es Engel genug.

Darum macht es Sinn, sich jedes Jahr neu an die Geburt im Stall von Bethlehem zu erinnern. Und die Engel der Erinnerungen und der neuen Hoffnungen wahrzunehmen. Entdecken sie den Engel, der mit ihnen geht. Der ihnen sagt, dass Gott sein Interesse an ihnen nicht verloren hat. Dass Gott sich einmischt in die verworrenen Verwirrungen dieser Welt. Gottes Weihnachtsengel geben unserm Feiern ih-ren Glanz. Nehmen sie ihren Engel mit. Damit es Weihnachten wird. Amen.

Traugott Schächtele

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