Ansprache zur Ordination ins Ehrenamt von Dr. Helmut Schempp
am Sonntag, den 26. Januar 2003
in der Markuskirche in Freiburg


Lieber Herr Dr. Schempp,

mit dem heutigen Fest Ihrer Ordination schließt sich ein Lebenskreis. Zugleich eröffnen sich ihnen ganz neue Perspektiven. Werden sie in neue Horizonte gestellt. Heute wird eine Hauptlinie ihrer Lebensgeschichte in ein ganz neues Licht getaucht und bekommt ein noch ausgeprägteres Gewicht - eine Linie, die mehr als drei Jahrzehnte gegenüber einer anderen immer wieder im Hintergrund geblieben ist.

Mit dem heutigen Tag ihrer Ordination ins Ehrenamt wird noch einmal etwas wahr und wirklich in ihrem Leben, das sie über Jahrzehnte als Berufung und Hoffnung zugleich in sich und mit sich getragen haben.

Ich erinnere mich gut an unseren ersten Kontakt in den ersten Monaten meiner Zeit als Dekan. Auch damals schon ging es darum, die Möglichkeiten dieser Ordination ins Ehrenamt auszuloten. Sie haben den Evangelische Oberkirchenrat angeschrieben, und den Wunsch nach Ordination unter anderem damit begründet, dass sie das, was mit der Ordination verbunden ist, im Grunde schon über viele Jahre ausüben.

Die Reaktion aus Karlsruhe ließ nicht lange auf sich warten. Blankes Entsetzen und heftige Ermahnung zugleich. Sie hätten das alles gar nicht tun dürfen. Niemand darf in der Kirche öffentlich lehren oder die Sakramente austeilen "nisi rite vocatus" - wenn er - und bei und gottseidank auch sie - nicht ordentlich dazu berufen ist. So steht's im Augsburger Bekenntnis, auf das sie bei dieser Ordination auf's neue verpflichtet werden.

Das also ist der Mangel, der heute gewissermaßen geheilt wird, ein aber Mangel jedoch, unter dem sie nicht allzu sehr gelitten haben. Die Ordination ist ein Berufungs- und eine Verpflichtungsakt zugleich. Sie ist Lust und zugleich Last. Sie markiert die Eröffnung neuer Möglichkeiten und zugleich eine heilsame Begrenzung. Der Einsatz persönlicher Begabung wird gewissermaßen reguliert durch die Form der Einbindung und der Indienstnahme durch das größere Ganze der ökumenischen Christenheit. Dass ihre Ordination immer wieder auch andere Menschen mit in die Pflicht nimmt, nicht selten auch mitbelastet, das muss ich im Grunde gar nicht eigens erwähnen. Insofern dürfen sie Gott dankbar sein für ihre Frau, die sie auf diesem Weg bis heute begleitet und unterstützt hat.

Ein theologisches Wort haben sie sich von mir gewünscht und die biographische Ausleuchtung ihres Weges sich selber vorbehalten. Aber Theologie kommt, wenn sie dem Menschen dienen soll, nie um die Person herum. Das ist im Blick auf sie nicht anders. Als Leib- und Seelenarzt im besten Sinne des Wortes haben sie in diesem Stadtteil und darüber hinaus gewirkt. Dass es ein segensreiches Wirken war, habe ich mehr als nur einmal von ihren Patientinnen und Patienten gehört. Sie hatten Zeit für die Menschen und haben über das lokale Symptom heraus immer den ganzen Menschen im Blick gehabt. Und mehr als der sicherlich oft hilfreichen Wirkung der pharmazeutischen Produkte haben sie mit dem Medium Wort gearbeitet.

Die heilende Wirkung nachfragender, tröstender und zusprechender Worte ist oft das wirksamste Möglichkeit der Hilfe für den praktizierenden Arzt Helmut Schempp gewesen. Und ich bin sicher: sie wird es für den nun bald ordinierten Helmut Schempp bleiben. Sie sind zeitlebens ein Grenzgänger zwischen Medizin und Theologie gewesen. Mit ihrer Ordination wechseln sie bestenfalls den Zugang, nicht aber den Zielpunkt ihres Tun. Der bleibt allemal der bedürftige Mensch, auf's Zusammenleben und auf Gottes Zuspruch angewiesene Mensch, wie immer sich das im einzelnen äußert.

Auch die Kirche hat ihre Heilmittel, ihre media salutis. Und dazu gehören neben den aufdeckenden und zusprechenden Worten auch die Zeichen, durch die man die Menschenfreundlichkeit Gottes schmecken und sehen kann: Das belebende Wasser der Taufe, Brot und Wein im nährenden Mal der Freude, die aufgelegte Hand als Geste des Zuspruchs des Segens Gottes. Dass wir Protestanten unseren Koffer der Heilmittel eher sehr sparsam gefüllt haben, ist ihnen, lieber Herr Schempp, bewusst. Vielleicht werden sie auch noch anderes brauchen können und mitnehmen wie etwa Salb-Öl und Osterkerze.

Nichts von dem, was sie ab heute unter dem Segenszuspruch der Ordination tun, ist ihnen wirklich neu. Aber sie tun es doch noch einmal unter einem anderen Vorzeichen. Sie tun es nicht nur mit Öffentlichkeitswirkung. Sie tun es ganz ausdrücklich im öffentlichen Raum. Und sie tun es jetzt noch einmal völlig neu im Auftrag ihrer Kirche.

Dass ihnen gelingt, was sie tun, liegt nicht in ihrer Hand, genauso wenig wie es in ihrer Hand lag, ob sie einem Patienten wirklich helfen konnten. Die Ordination stattet sie nach evangelischem Verständnis auch nicht mit hören Weihen aus. Sie tut nichts anderes, als sie an ihre Taufe zu erinnern, und den Zuspruch, der sie damals erreichte, wird heute ganz auf die Aufgabe der öffentlichen Verkündigung ausgeweitet und konkretisiert.

Dies soll auch in dem biblischen Wort zum Ausdruck kommen, das ich ihnen an diesem Tag ganz bewusst zusprechen möchte:

Gleichwie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar ... so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein. Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

Dieses Wort, lieber Herr Schempp, ist ihnen anvertraut. Ein Wort, das tut, was Gott gefällt. Ein Wort, dem gelingt, wozu es gesprochen und gesendet wird. Mut soll ihnen aus diesem Vers zuwachsen. Mut, die Rolle anzunehmen, die jetzt an diesem Punkt ihrer Lebensgeschichte noch einmal mit ganz neuer Wucht auf sie zukommt. Eine Rolle, die sie zugleich aber keineswegs aus der Reihe der vielen Schwestern und Brüdern ausgrenzt. Sie sind als einer, der ins Ehrenamt ordiniert wird, auch ein Grenzgänger in einem anderen Sinn. Die Ordination ist für sie nicht der Startpunkt einer Berufsgeschichte im Amt eines Pfarrers. Sie ist der Startpunkt in einer Geschichte der Indienstnahme, die die alte Trennung von Haupt- und Ehrenamtlichkeit im Blick auf die Ordination überwindet.

Mehr noch als bei uns Pfarrerinnen und Pfarrer steht ihre Kanzel in der Welt. Auf dem Podium bei den Landfrauen, bei Menschen auf der Suche nach Entspannung weit weg von hier im Süden oder wo auch immer ihr Wort gesucht wird. Aber die weltliche wie die kirchliche Kanzel stehen unter der Verheißung, dass Gottes Wort bewirkt, wozu es gesprochen und gesandt wird.

Heilung und Heil - das sind die beiden nicht voneinander zu trennenden Brennpunkte der Elipse ihres Lebens.

Worte des Heils zu sagen,
Worte des neu begründeten Lebenszusammenhanges,
Worte des Schalom,
Worte des Friedens - zumal in Tagen wie diesen.

Solche Worte zu sagen, das ist ihnen aufgetragen. Und keines dieser Worte wird vergeblich sein. Das will Gott ihnen heute in Besonderheit zusprechen. Ihnen - und doch im Grunde uns allen. Amen.
Traugott Schächtele

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