Ansprache zur Einführung von Dr. Eschenburg
als neuem Direktor des Evang. Stiftes
am Sonntag, den 2. Februar 2003


Lieber Herr Dr. Eschenburg,

mit diesem Gottesdienst wird in gottesdienstlichem Rahmen und damit zugleich auch öffentlich gefeiert, was schon begonnen hat, Stiftsalltag zu werden. Der Tag ihrer Einführung ist gut gewählt. Unsere römisch-katholischen Mitchristinnen und Mitchristen feiern heute das Fest Mariä Lichtmess. Erst mit diesem Fest geht die Weihnachtszeit zu Ende. Noch einmal soll das Licht üppig erstrahlen, damit es noch lange und hell genug in die Normalität der Zeit danach hinüberleuchtet.

Genau darum geht es auch bei ihrer heutigen Einführung. Gottes Licht soll ihnen aufleuchten, damit sie sich nähren und erleuchten lassen für das, was sie schon morgen wieder mit der Wucht und der Intensität der tagtäglichen Anforderungen erwartet.

Dabei haben sie ja durchaus gewusst, was auf sie zukommt. Über die Arbeit im Verwaltungsrat waren sie schon über längere Zeit in die Leitungsverantwortung eingebunden. Seit Anfang November haben sie in der konkreten Übernahme der Aufgabe des Direktors gleichsam ganz offiziell die verantwortliche operative und konzeptionelle Leitung des Evang. Stifts übernommen.

Es ist oft und auch öffentlich über ihren mutigen Schritt von einer Leitungsverantwortung in eine andere spekuliert worden. Daran möchte ich mich nicht beteiligen. Wer Gott ernsthaft zutraut, dass er Herzen bewegen kann, wird ihren Weg hierher einfach dankbar stauend zur Kenntnis nehmen. Auf der anderen Seite ist es doch gar keine Frage: Die spezifische Kompetenzen, die sie mitbringen, sind in der Leitungsfunktion des Evang. Stiftes gefragt und nötig. Diakonisches Handeln ist nach wie vor das, was man in der Sprache des 19. Jahrhunderts als Liebestat der Kirche bezeichnet hat. Aber sie wird vielfach realisiert in der Form eines Dienstleistungsunternehmens von beachtlichem Ausmaß. Da sind Führungskraft und betriebswirtschaftliche Kompetenz gefragt. Aber eben unter dem Vorzeichen, dass sich dieses Handeln im Rahmen der Diakonie immer an den Kriterien der Botschaft von der Menschenfreundlichkeit und der Weltzugewandtheit Gottes messen lassen muss.

Dass diese beiden Pole von ihnen in ihrer gegenseitigen Zuordnung und ihrem aufeinander Angewiesensein von ihnen zusammengesehen werden, war schon ihrem Engagement im Rahmen der Veranstaltungen der Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Unternehmer abzuspüren, wo wir uns zuerst begegnet sind. Nun haben sie also ihren Einsatzort auf den Stuhl des Direktors des evang. Stiftes verlagert.

Dass einschlägige Brückenschläge so überraschend gar nicht sind, war schon in der Gründungsinitiative des Stifters spürbar. Diakonie, wo sie im größeren Rahmen auf einen immer größer werdenden Bedarf reagiert, kann sich aus den Gegebenheiten der Welt nicht ausklinken. Im Gegenteil. Sie muss sie nutzen zugunsten der Menschen und der Botschaft von Gottes Reich, das Gestalt gewinnt mitten in dieser Welt.

Als biblischen Zuspruch für diesen heutigen Tag habe ich einen Vers ausgewählt, der gewissermaßen diese angesprochene Brücke zwischen ihrer bisherigen und ihrer neuen Aufgabe schlägt. In diesem Wort werden wir Christenmenschen als Ökonomen angesprochen. Ja, das Wort oikonomos steht sogar wörtlich in diesem Bibelvers. Im 1. Petrusbrief heißt es im 4. Kapitel:

Weil ihr alle mit Gnadengaben beschenkt seid,
dient einander als gute Haushalter
der vielfältigen Gnade Gottes.


Ökonomen Gottes sollen wir sein. Verantwortlich für den Haushalt der vielfältigen Begabungen, die Gott in uns Menschen gelegt hat. Vermögensverwalter menschlicher Phantasie und Schaffenskraft ebenso wie der materiellen Ressourcen - ohne das eine gegen das andere auszuspielen. Auf die Perspektive kommt es am Ende an, nicht auf vordergründige Unterscheidungen.

Haushalter der vielfachen Gaben Gottes zu sein, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Aber - gottseidank! - keine, in der wir alleingelassen sind. Von Menschen nicht. Und schon gar nicht von Gott.

Zu den Menschen, die sie tragen, gehört gewiss ihre Frau; gehören ihre Kinder. Aber, wenn auch in anderer Weise, ebenso die hier mitarbeitenden und sie unterstützenden Menschen. Hier in den Einrichtungen des Evang. Stifts. Aber doch auch weit darüber hinaus.

Sie werden spüren, lieber Herr Eschenburg, in was für ein tragfähiges Netz sie in ihrer neuen Aufgabe eingebunden sind. Und sie werden spüren, welch hohen Stellenwert ihre Einrichtung für die evangelische Kirche und für den diakonischen Verbund - schöner noch: die diakonische Familie - in dieser Stadt hat. Und so sind sie mir in meiner Mitverantwortung für das Diakonische Werk ebenso willkommen wie in meiner Aufgabe als Dekan des Kirchenbezirks. Haushalter der vielfältigen Gaben - der vielfältigen Begabungen - der vielfältigen Gnadengaben Gottes sind wir alle; auch wenn wir unterschiedliche Orte der Entfaltung und der Verantwortung haben.

Dienet einander als Haushalter der vielfachen Gnade Gottes. Als Ökonomen Gottes sind wir gemeinsam in die Verantwortung gestellt. Als Haushalter. Aber eben auch als Dienstleister. Als Menschen, die um Gottes Willen und mit seiner Hilfe den Mensche zugewandt sind.

In der Fülle der Anforderungen an den Haushalter dieser Einrichtung die Aufgabe zu entdecken, Haushalter Gottes zu sein - darauf wird es für sie immer wieder entscheidend ankommen. Und darin wird auch die Quelle ihrer Kraft und die Quelle der Freude an ihrer Arbeit liegen. Beides werden sie nötig haben. Und beides ist ihnen zugesagt von Gott, den wir um seinen Segen für die besondere Haushalterschaft in dieser Einrichtung für sie bitten wollen. Von eben dem Gott, der uns mit seinen Begabungen und Gaben beschenkt und reich macht. Amen.


Traugott Schächtele

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