Was macht den Menschen zum Menschen?
Predigt
im Gottesdienst am 9. März 2003 (Invocavit)
in der maria magdalena gemeinde in FR-Rieselfeld



Heute gibt es – wie kann es anders sein – eine Fastenpredigt, liebe Gemeinde. Diese Fastenpredigt hat auch ein Thema: Es lautet: Was macht den Menschen zum Menschen? Und dieser Predigt liegen heute gleich zwei Predigttexte zugrunde. Zum einen der Text des Sonntagsevangeliums, das wir eben schon gehört haben. Dieses Sonntagsevangelium will ich aber in Dialog bringen mit einigen Passagen aus dem Lied „Mensch“ von Herbert Grönemeyer.

Zwischen diesen beiden Texten muss es eine Brücke geben. Diese Brücke lässt sich finden. Und zwar dadurch, dass wir zunächst über das Thema Fasten miteinander nachdenken. Fasten heißt dem Wortsinn nach eigentlich „sich festmachen“. Sich auf den Kern konzentrieren. Fast alle Religionen kennen den Brauch des Fastens. Den Versuch, sich neu zu gründen und zu festigen im Blick auf das, was über das Diesseitige hinausgeht. Fasten ist durchaus etwas, das man als religiöse Übung bezeichnen kann. Der Protestantismus, unsere eigene evangelische Konfession, hat diese Seite der Religion lange eher ausgeblendet. War auf die intellektuelle Seite des Glaubens ausgerichtet. Schließlich war die Reformation ja auch eine Bildungsbewegung.

Die Ökumene tut auch uns Evangelischen gut. Und sie hat uns von neuem den Blick auf Verlorengegangenes eröffnet. Den Blick auf das Sinnliche. Auf religiöse Symbole. Auf religiöse Übung. Seit einigen Jahren hat auch das Fasten wieder in der evangelischen Kirche Einzug gehalten. Mehr als zwei Millionen Menschen beteiligen sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion „Sieben-Wochen-ohne“. Vermutlich sind es sogar noch wesentlich mehr, weil sich längst nicht alle, die mitmachen, auch irgendwo melden oder auf eine Liste setzen lassen.

In der altkirchlichen Tradition bezieht sich das Fasten zunächst vor allem auf den Verzicht bestimmter Speisen. Aber zugleich begann man mit den Augen zu fasten. Aus den Kirchen wurde der Schmuck entfernt. Und die Altarbilder wurden mit einem Hungertuch teilweise oder vollständig verhüllt.

An dieser Art des Fastens, die sich nicht nur auf das Essen bezieht, knüpfen die modernen Fastenaktionen wie „Sieben-Wochen-ohne“ an. Es geht um den zeitlich begrenzten Verzicht auf Liebgewordenes. Alkohol, Süßigkeiten, Zigaretten, Fernsehschauen. Andere achten auf eingespielte persönliche Verhaltensweisen, nehmen sich bewusst Zeit für andere Menschen oder für sich selber, versuchen kleine persönliche Unarten in den Griff zu bekommen.

Es geht dabei also gewissermaßen um ein symbolisches Fasten. Oder ein begrenztes, exemplarisches Fasten. Der kleine Verzicht soll uns dabei von neuem die Augen öffnen für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Fasten heißt daher im Grunde nichts anderes als Konzentration auf das Wesentliche und Lebenswichtige. Ablegen von Schönem, aber oft Überflüssigem. Fasten heißt daher, wieder den Menschen in den Blick zu rücken. Die Verkleidungen und Masken abzulegen. Aber auch die Schutzschilde und Schutzschichten, mit denen wir uns abschotten und in Sicherheit bringen.

Fasten bedeutet, uns als Menschen wieder so in den Blick bekommen wie wir wirklich sind. Oder wie wir zumindest gerne wären. Den Wunsch und Wirklichkeit sind im Blick auf uns Menschen nicht immer so leicht in Einklang zu bringen. Den Blick auf den Menschen, den Blick auf uns selber will die Fastenzeit also von neuem ermöglichen. Wir sollen von neuem eine Ahnung bekommen, wo unsere Abhängigkeiten verborgen liegen, die großen und die kleinen. Wir sollen uns von neuem Rechenschaft geben, wovon wir gerne loskämen und wozu wir gerne aufbrechen würden. Oder anders gesagt: In der Fastenzeit sollen wir uns der Frage stellen: Was macht uns Menschen denn eigentlich aus? Was macht den Menschen zum Menschen?

In den letzten Monaten hat es einen erfolgreichen Antwortversuch auf diese Frage gegeben. Ich meine jetzt das Lied „Mensch von Herbert Grönemeyer.

Einspielung 1:

Und der Mensch heißt Mensch,
weil er vergisst,
weil er verdrängt,
und weil er schwärmt und stillt,
weil er wärmt, wenn er erzählt.
Und weil er lacht.
Und weil er lebt.


In diesem Lied verarbeitet Herbert Grönemeyer - wie in einigen anderen auch - den Tod seiner Frau. Mehrfach waren Zeilen aus diesem Lied auch auf Todesanzeigen in der Badischen Zeitung zu lesen. Zuletzt am vergangenen Mittwoch. Aber die Wirkung dieser Zeilen geht weiter. So schleudert etwa in der letzten Ausgabe von Brigitte im Jahr 2002 eine Journalistin der Kirche heftige Anklagen entgegen. Die Kirche, so schreibt sie, bliebe ihr die Antwort auf die wichtigen Fragen des Lebens schuldig. Sie schreibt: „Wie kann der liebe Gott den Mord an dem kleinen Jakob zulassen? Wo war Gott am 11. September? Warum tut er nichts, wenn Menschen Bomben werfen?“ Und sie schließt mit dem Satz: „Eine Antwort kommt vorerst nur von Herbert Grönemeyer: Der Mensch heißt Mensch, weil er mitfühlt und vergibt.“ Und im weiteren Verlauf ihres Artikels heißt es dann: „Von meiner Kirche will ich zumindest den Versuch einer Antwort auf die großen Sinnfragen.“

Man kann über das Lied „Mensch“ denken, was man will. Aber viele Menschen scheinen sich durch die Aussagen zum Menschsein ansprechen zu lassen. Die mehr als eine Million Menschen, die diese CD bislang schon gekauft haben, haben es kaum allein der Musik wegen getan. Für viele scheinen hier zumindest Ansätze einer Antwort auf die Frage nach dem Menschen aufzublitzen.

Gleich viermal versucht Grönemeyer im Refrain des Liedes zu beschreiben, was den Menschen ausmacht. Und er tut dies durchaus nicht beschönigend.

Mensch heißt der Mensch, weil er vergisst,
weil er verdängt.
Mensch heißt er aber auch,
weil er hofft und liebt,
weil er mitfühlt und vergibt.
Mensch heißt er,
weil er erinnert, weil er kämpft.
Weil er schwärmt und glaubt.
Sich anlehnt und vertraut.


Und immer schließt der Refrain mit den Sätzen:

Der Mensch heißt Mensch,
weil er lacht.
Und weil er lebt.


Auf’s erste gesehen: Keine weltbewegenden Antworten. Und schon gar keine wirklich neuen. Was macht aber dann denn Reiz dieser Aussagen aus? Wieso kommen sie so gut an? Vermutlich doch deshalb, weil sie etwas sagen, worauf die Menschen warten. Weil sie konkret vom Menschen sprechen. Und nicht abstrakt über ihn. Weil es – im Sinne des heutigen Sonntags – Fastenworte sind. Worte ohne überflüssige Zutat. Ehrlich. Und ungeschminkt.

Den Menschen macht zum Menschen, dass er ist, wie er ist. Und nicht das Produkt von Ideologien und Ismen. Von gesetzlichen Vorgaben und groß angelegten Erziehungsprogrammen. Der Mensch heißt Mensch, weil er lacht und weil er lebt. Und weil er uns deswegen fehlt, wenn wir ihn nicht mehr haben.

Eine allemal bewerkenswerte Antwort, meine ich. Schlicht und ehrlich. Und gerade darin wahr und schön. Einfach so Mensch zu sein. Als Programm für die Fastenzeit wäre das schon mehr als genug.

Einspielung 2

Die eine Antwort auf die Frage „Was macht den Menschen zum Menschen“ haben wir gehört: Als Programm für die Fastenzeit schon mehr als genug, habe ich eben gesagt. Wenn da nicht noch der andere Text wäre. Die Erzählung aus Matthäus 4. Nicht im Gegensatz zu Herbert Grönemeyer. Sondern in wunderschöner Zuspitzung und Ergänzung.

Auch in diesem Text geht es um’s Fasten. Zunächst im ganz ursprünglichen Sinn. Vierzig Tage und vierzig Nächte hat Jesus gefastet, haben wir gehört. Und danach hat er Hunger. Jesus – wie wir ein Mensch. Jesus – ein Mensch, der Hunger hat. Und Durst. Viel zu schnell überlesen wir solche Bemerkungen. Viel zu schnell bauen wir an unserem eigenen Gottesbild, wenn wir den Menschen aus Nazareth im Blick haben.

Die Fortsetzung des Berichtes wirkt hier heilsam korrigierend. Der Versuchung, sein Menschsein vorschnell aufzugeben, um sich in höhere göttliche Sphären zurückzuziehen, unterliegt Jesus selber. In der Sprache der Bibel heißt das: Jesus wird vom Teufel auf die Probe gestellt. Und das gleich in dreifacher Weise.

Und Jesus fastet in dreifacher eigentümlicher Weise weiter. Indem er der Versuchung standhält, Wesentliches zugunsten von Unwesentlichem dran zugeben.

Die drei Weisen sind durchaus symbolträchtig. Zunächst: Er soll aus Steinen Brot machen. Soll zum Brotkönig werden. Zum Magier und Wundermacher. Soll die Probleme der Welt auf wundersame Weise aus der Welt schaffen. Soll die Geheimformel, die Weltformel zur Anwendung bringen, nach der so viele schon gesucht haben.

Jesus weist dieses Wunderprogramm zurück. Gottes-Wort statt Wunder-Wort ist seine lapidare Antwort. Bleibend Wichtiges statt kurzfristig Mirakelhaftes. Wohlgemerkt: Es geht keineswegs darum, den Hunger zu leugnen. Bus heute haben wir dieses große Weltproblem nicht im Griff. Aber einmal aus Steinen Brot zu machen, löst die Probleme nicht. Es rückt den Wundertäter in den Vordergrund. Und schafft den Hunger von morgen nicht aus der Welt. Jesus, der Mensch, verzichtet auf dieses Schauspiel. Gottseidank!

Die zweite Verlockung ist die Unsterblichkeit. „Spring doch hinunter. Und es wird dir nichts geschehen!“ Es geht nicht um die Unsterblichkeit aller. Die wäre unsinnig, wenn wir nicht einmal die sterblichen Menschen satt bekommen. Der Versucher meint die Unsterblichkeit des einen. Und nähme der Menschwerdung Gottes in diesem Jesus seine Spitze. Der Sprung vom Tempel dient keinem. Bringt keinem mehr an Gerechtigkeit. Lässt keinen länger leben. Jesus, der Mensch, verzichtet auf dieses Schauspiel. Gottseidank!

Was das erste Angebot, mit der Wunderformel die Natur außer Kraft zu setzen, und das zweite, die Unsterblichkeit nicht vermögen, soll das dritte schaffen. Das, wovon alle angeblich träumen: Alle Macht auf Erden. Und allen Reichtum dazu. Wer könnte hier widerstehen. Auch der Teufel sucht hier den Superstar. Aber nicht ohne einen gehörigen Preis.

All dies, was er anzubieten hat, korrumpiert. Macht und Rum machen anfällig. Lassen statt des Menschlichen das Allzumenschliche hervorblitzen. Das Tun und Lassen des Welt-Meisters des Bälle-Fangens, das in den Medien der letzten Tage ausgebreitet wurde, ist dafür nur eines unter vielen Beispielen. Irgendwo sind wir für diese Anfälligkeit am Ende alle selber die besten Belege. Grenzenlose Möglichkeiten, Macht und Reichtum, bekommt man nicht in den Schoß gelegt, ohne dafür einen Preis zu zahlen.

Jesus, der Mensch, verzichtet auch auf dieses Schauspiel. Noch einmal Gottseidank! Und der Bericht schließt mit dem Satz: Und die Engel kamen und versorgten ihn. Wer loslässt und verzichtet, steht nicht mit leeren Händen da. Und Jesus, der Mensch, der mehr gar nicht sein will, wird für uns eben deshalb zum Platzhalter Gottes in dieser Welt.

Und er wird dies nicht, indem er seine menschlichen Möglichkeiten übersteigt. Aus seinem Angesicht leuchtet uns Gottes Angesicht entgegen, weil er es wagt, einfach Mensch zu sein. Mitmensch. Weil er uns den Weg offen hält, ihm als Schwester und Bruder begegnen zu können.

Wer los lässt gewinnt. Wer der Versuchung widersteht, begegnet den Engeln des Lebens. Ihnen und euch wünsche ich den Mut zu einem frohen Fasten. Den Mut einfach Mensch zu sein. Zu leben und zu lachen. Die Phantasie, uns neugierig auf jeden Tag des Lebens einzulassen und offen zu bleiben, wenn alles noch einmal ganz anders verläuft, als wir es erwarten. Und die Erfahrung der schützenden und bereichernden Gegenwart der Engel, die den Mangel und die Lücken unseres Lebens aushalten helfen und füllen. Damit wir bleiben und werden, was wir sein sollen: einfach ein Mensch. Amen.
Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn